Die Familien-Synode in Rom ist mit den Folgen der “Sexuellen Revolution” konfrontiert

Mathias von Gersdorff

Vom 5. bis zum 19. Oktober 2014 wird im Vatikan eine Bischofssynode unter dem Thema „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“ stattfinden. Solche Synoden sind nicht ganz außergewöhnlich, und so nimmt die große Öffentlichkeit meist wenig Notiz von ihnen. Bildungsplan-Demo-1.2.1448b

Diesmal ist es anders: Der deutsche Kardinal Walter Kasper hielt vor der Versammlung der Kardinäle (Konsistorium) am 20. und 21. Februar 2014 in Rom eine Ansprache, die den Diskussionsrahmen abstecken sollte.

Er regte an, darüber nachzudenken, ob man wiederverheiratete Geschiedene zum Empfang der Kommunion zulassen sollte. Seitdem ist eine hitzige Diskussion im Gange. Es haben sich mehrere Meinungsströmungen gebildet, die völlig konträre Ansichten vertreten.

Für einen Nicht-Katholiken mag diese Debatte schwer verständlich sein, doch für Katholiken geht es um einen essentiellen und seit vielen Jahrhunderten und in vielen gewichtigen kirchlichen Dokumenten eigentlich geklärten Punkt der katholischen Lehre.

Wiederverheiratete Geschiedene leben nämlich entsprechend der katholischen Morallehre in fortlaufendem Ehebruch und somit in einem öffentlichen Zustand der schweren Sünde. Dieser Umstand schließt sie vom Empfang der Kommunion aus. Eine Änderung dieser Praxis würde einen schwerwiegenden Bruch mit der traditionellen Lehre bedeuten.

Nicht Kirche, sondern Popkultur ist bestimmend

In der Synode geht es aber nicht nur um die Frage der Kommunion. In diesem Aspekt verdichtet sich im Grunde eine viel umfassendere Problemstellung: Wie soll die katholische Kirche mit der Tatsache umgehen, daß eine große Zahl der Gläubigen die Ehe- und Familienlehre der Kirche nicht kennt oder zumindest nicht verinnerlicht hat? DSC05485

In kaum einem anderen Bereich läßt sich so deutlich feststellen, wie stark der Einfluß, die moralische Autorität und die Gestaltungskraft der katholischen Kirche abgenommen haben.

Selbst viele Katholiken lassen sich nicht mehr von der Lehre der Kirche zu Ehe und Familie orientieren, sondern vom Ehebild, das Spielfilme, Fernsehserien, Pop-Stars usw. vermitteln. Kurz: Sie lassen sich von einem Zeitgeist orientieren, der stark von der „Sexuellen Revolution“ der 1960er Jahre geprägt ist.

Mit der Folge, daß immer weniger Ehen überhaupt zustande kommen und viele der geschlossenen nicht mehr christlich geführt werden und zerbrechen. Die Synode soll sich nun Gedanken machen, wie man mit diesem Riesenproblem fertig wird.

Prophetische Sorge der Päpste des 20. Jahrhunderts

Im Oktober dieses Jahres wird sich die Kirche natürlich nicht zum ersten Mal mit diesem so wichtigen Thema beschäftigen. Die Krise der Familie, wie wir sie heute sehen, begann allerspätestens nach dem 1. Weltkrieg mit dem definitiven Ende der Agrargesellschaft und dem Anbruch einer säkularen Kultur, die die christlichen Werte immer mehr in Frage stellte.

Auf diese Situation machte Papst Pius XI. im Jahr 1930 in seiner Enzyklika „Casti connubi“ aufmerksam und schilderte die vielen Angriffe auf die moralischen Grundlagen für die Existenz stabiler Ehen: Pornographie, sittenlose Schauspiele und Spielfilme, unzüchtige literarische Werke, aber auch Abtreibung und Euthanasie.

Im Jahr 1968 erschien die Enzyklika „Humanae Vitae“ von Papst Paul VI. Diese ist insbesondere für die Verurteilung der künstlichen Empfängnisregelung bekannt, doch ihr inhaltlicher Gegenstand sind Ehe und Familie und die Angriffe auf sie.

Angriffe auf Ehe und Familie

Papst Johannes Paul II. befaßte sich mehrmals mit den Schwierigkeiten der Familie in der modernen Welt. Sein wichtigstes Dokument ist „Familiaris Consortio“ aus dem Jahr 1981. Auch das Oberhaupt aus Polen schilderte die Gefahren, die von der modernen Kultur auf die Familie ausgehen:

Gemälde: Evita Gründler

Gemälde: E.Gründler

„Es gibt Anzeichen einer besorgniserregenden Verkümmerung fundamentaler Werte: eine irrige theoretische und praktische Auffassung von der gegenseitigen Unabhängigkeit der Eheleute; die schwerwiegenden Mißverständnisse hinsichtlich der Autoritätsbeziehung zwischen Eltern und Kindern; die häufigen konkreten Schwierigkeiten der Familie in der Vermittlung der Werte; die steigende Zahl der Ehescheidungen; das weit verbreitete Übel der Abtreibung; die immer häufigere Sterilisierung; das Aufkommen einer regelrechten empfängnisfeindlichen Mentalität.“

Die päpstlichen Texte stießen nicht auf ungeteilte Zustimmung. Insbesondere in Deutschland versuchte man immer, einen „Sonderweg“ zu finden, der im Grunde daraus bestand, zu resignieren und vor der „Sexuellen Revolution“ einzuknicken.

So gab der deutsche Episkopat als Reaktion auf „Humane Vitae“ am 30. August 1968 die „Königsteiner Erklärung“ heraus, in der man den Gläubigen die Entscheidung überließ, ob sie künstliche Verhütungsmittel verwenden wollen oder nicht. Das österreichische Pendant zur „Königsteiner Erklärung“ ist die „Maria Troster Erklärung“.

Um liberale Positionen nicht verlegen

Am 10. Juli 1993 erschien ein vielbeachteter Hirtenbrief der Bischöfe von Freiburg (Oskar Saier), Stuttgart-Rottenburg (Walter Kasper) und Mainz (Karl Lehmann), in welchem ein geänderter Umgang mit den geschiedenen Wiederverheirateten gefordert wurde, auch hinsichtlich des Empfangs der Kommunion.

Der Präfekt der Glaubenskongregation und spätere Papst Benedikt XVI., Joseph Kardinal Ratzinger, lehnte jeden Kompromiß in dieser Hinsicht ab.

Auch bei der laufenden, von Kardinal Kasper angestoßenen Diskussion sind die Deutschen nicht um liberale Positionen verlegen. Herder, immerhin der größte katholische Verlag hierzulande, veröffentlichte das Buch „Keine Christen zweiter Klasse“ des Theologen Hermann Häring.

Dieser hält die katholische Lehre über die Ehe schlicht für mittelalterlich und überholt. Die katholische Kirche solle sich endlich an die geänderten Ansichten des Kirchenvolkes anpassen und den heutigen Wissenstand über Natur, Mensch und zwischenmenschliche Beziehungen zur Kenntnis nehmen. 120505184_B_July und Mike draussen

Nicht viel anders denkt die reformkatholische Initiative „Wir sind Kirche“, die eine „katastrophale Weltferne und Unbeweglichkeit der kirchlichen Lehre“ bedauert.

Eines der wichtigsten Presseorgane des liberalen Lagers  –  sie selber nennen sich Reformkatholiken  –  ist erstaunlicherweise die FAZ. Vor allem Daniel Deckers ergreift offen Position und weiß schon jetzt, wie Papst Franziskus zum Thema „Kommunion für geschiedene Wiederverheiratete“ steht. Am 4. September 2014 schrieb er: „Der Kampf um Rom hat begonnen: Wie Papst Franziskus und einige Gleichgesinnte die Irrwege der kirchlichen Lehre von Ehe und Familie nach dem II. Vatikanischen Konzil korrigieren wollen.“

Kardinäle veröffentlichen Buch über die Ehe

Die Verteidiger der traditionellen Lehre über Ehe und Familie sind unterdessen nicht untätig geblieben. So wird unmittelbar vor der Synode das Buch „Remaining in the Truth of Christ“ (Verbleiben in der Wahrheit Christi) der Kardinäle Walter Brandmüller, Raymond Leo Burke, Carlo Caffarra, Velasio De Paolis und Gerhard L. Müller auf englisch und italienisch erscheinen.

Auf deutsch wird am 3. Oktober „Das wahre Evangelium der Familie: Die Unauflöslichkeit der Ehe: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“ des Professors für Pastoraltheologie in Rom, Juan José Pérez-Soba, herauskommen. Das Buch mit einem Vorwort von George Kardinal Pell wurde aus dem Spanischen übersetzt und wird im Verlag Media Maria erscheinen. Es zeigt akribisch die Unhaltbarkeit von Kaspers Vorschlag.

Das Thema wird uns noch länger begleiten, denn die außerordentliche Synode, die nächste Woche beginnt, ist nur eine Vorbereitung für eine größere Synode, die im Oktober 2015 stattfinden soll.

Jedoch ist schon jetzt abzusehen, daß die „Reformkatholiken“ alles in ihrer Macht stehende nutzen werden, um die katholische Ehe- und Sexualmoral zu demolieren.

Unser Autor Mathias von Gersdorff leitet die Frankfurter Aktion “Kinder in Gefahr” und betreibt das Webmagazin “Kultur und Medien online”

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der Wochenzeitung “Junge Freiheit”


Verhängnisvolle Auswirkungen des Genderismus in der Kindererziehung

Von Christa Meves

Unverdrossen schreitet der Genderismus nun auch in den Unterrichtsplänen der Schule hierzulande voran. Zwar ist mittlerweile in der Bevölkerung ein ratloses Staunen darüber aufgekeimt; aber bei meinen Fachvorträgen in der letzten Zeit lässt sich immer wieder der Eindruck feststellen, dass die Gefahr für unsere Kinder und Jugendlichen unterschätzt wird. Christa Meves

Das ist verständlich, ist es doch eine absurde Idee, in die Gehirne bereits der Kleinen im Vor- und Grundschulalter einpflanzen zu wollen, dass sie es aufgeben mögen, ein Junge oder ein Mädchen zu sein und zu einem Mann bzw. einer Frau heranzuwachsen.

„So eine blöde Mode wird sich schon bald wieder verflüchtigen”, schallt es mir dann entgegen. „So eine verrückte Idee ist doch einfach viel zu unnatürlich.”  –  Das ist zwar richtig, wird aber der Gefahr zu seiner Realisierung als „Mainstream”   –  dieses zur Hauptsache gemachten Umerziehungsplans  – nicht gerecht.

Es ist für den Laien in der Tat auch nicht einfach, die Raffinesse dieses Eingriffs in die Elternrechte sogleich zu erkennen. Hier ist mit diesem internationalen Großprogramm mehr beabsichtigt als ein ideologisches Spielchen; denn warum soll nun ausgerechnet schon bei den Kleinen eine „Offenheit in der geschlechtlichen Identität” erwirkt werden?

Hier liegt eine Strategie vor, die auf entwicklungspsychologisches Fachwissen der Initiatoren schließen lässt; denn in der 4 bis 7-Jährigkeit vollzieht das seelisch gesunde Kind einen bedeutsamen Entfaltungsschritt: die Bejahung der geschlechtlichen Identität. IMG_4228

In diesem Zeitfenster keimt, erst noch halb bewusst, die Frage auf (z. B. bei den Jungen): „Okay, ich bin ein Junge – und wie geht das nun weiter? Na klar, ich werde ein Mann wie Papa!” (Vice versa bei den Mädchen).

Aber wenn dieser Papa nun kein nachahmenswertes Mannsbild ist, weil er seinen kleinen Sohn lieblos behandelt, weil er säuft und Mama schlägt, weil er so oft weg ist, oder so viel rumschreit; einer, von dem Mama sagt, dass Papa ein „Waschlappen” oder ein „Schlappschwanz” sei, dann kann leicht mal die Vorstellung auftauchen, dass man so nicht werden will  –  und das ist bei unserer hohen Scheidungsrate gar nicht so selten.

Dann kann etwa folgende Stimmung in dem Kind einsetzen, wie ich mir das als Kinderpsychotherapeutin manchmal sogar von einem Buben habe direkt erzählen lassen: „Wie Papa werden? Bäh, dann lieber wie Mama!

Kleine Jungen grübeln nicht. Sie fassen handelnd Entschlüsse, jedenfalls solange sie klein sind. Später, im Jugendalter, wenn sie sich noch einmal sehr bewusst –  in den Spiegel schauend  –  fragen „Wer bin ich eigentlich?”, meinen einige dann oft, lieber eine Frau werden zu wollen, sei immer schon angeboren in ihnen vorhanden gewesen.

Aber objektiv stimmt das nicht (von seltenen pathologischen Fällen abgesehen). Erst im Kleinkindalter hat sich diese Wendung vollzogen!

So also kann  –  durch Enttäuschung hervorgerufen – der Entfaltungsschritt in dieser frühen Prägungsphase für geschlechtliche Identität in eine andere Richtung gehen. Und deshalb gibt es an der Schwelle zum Erwachsensein bei einigen Kindern die Vorstellung, „andersrum zu sein”.

Genderismus als Unterrichtsprogramm in der Schule kann deshalb die neue Vielfalt (LSBTTIQ) bei manchen Jugendlichen mit einer solchen oder ähnlichen Vorgeschichte schmackhaft machen. Und zwar als etwas Besonderes, in unserer Gesellschaft Hervorgehobenes, ja sogar als etwas Super-Anerkanntes. Und manchmal keimt dann sogar eine innere Hoffnung auf: dadurch eine bedrückende Unsicherheit im eigenen Selbstwertgefühl durch Outen zu beseitigen.  BILD0222

Warum dann also auch nicht? Schließlich sind wir doch alle zu Toleranz erzogen und auch dazu, jeden Menschen in seinem Eigenwert anzunehmen.

Dennoch sollten Eltern sich fragen: Gehört dergleichen wirklich zu ihrem Erziehungsziel? Das muss im Hinblick auf die Erziehung heute sehr allgemein und vorab gefragt werden; denn mit der Hoffnung auf das Entstehen von Familien in der jungen Generation kann es dann immer öfter vorbei sein. Wenn die „Vielfalt” erst einmal zur praktizierten Realität geworden ist, gibt es kaum einmal einen Weg zurück….

Aber 80 % der Menschen hierzulande wünschen sich, in Familien zu leben, und ein Großteil der Älteren wünscht sich Enkel und Großelternschaft.

Es muss vermutet werden – und die hohe Scheidungsrate kann hier als Gradmesser dienen, dass einer nicht geringen Zahl von Kindern schon im Kleinkindalter solche Änderungswünsche anfliegen können, so dass sie damit für Gender Mainstreaming in der Tat aufgeschlossen gemacht werden können.

Wenn man diese Zusammenhänge für unsere brüchige Gesellschaft heute durchschaut, wird es dringlich, in später Stunde den Anfängen zu wehren!

Jetzt ist es geboten, dass verantwortungsbewusste, gut informierte Väter den Entschluss fassen, sich um ihre kleinen Buben so zu kümmern, dass sie ihnen durch liebevolle männliche Zuwendung als erstrebenswerte Vorbilder erscheinen.

Spätestens im Vor-und Grundschulalter muss in der einzelnen Familie heute Vorbeugung beginnen; denn die Wissenschaft kann nun eindeutig die Aussage machen:

Das Geschlecht, als Mann oder als Frau durchs Leben zu gehen, wird bereits im Fötus installiert. Im Kleinkindalter wird diese Gewissheit dann durch das positive Erleben des Kindes mit erwachsenen Vorbildern in seinem Gehirn noch einmal verfestigt, es sei denn, eine dekadente, den Mann ins Out gesetzte Umwelt treibt das Kind auf einen erschwerten Lebensweg.


EAK der CSU kritisiert Deutschen Ethikrat in puncto Inzest-Liberalisierung

Der Evangelische Arbeitskreis (EAK) der CSU teilt die Kritik an der Forderung des Deutschen Ethikrates, das Inzestverbot in bestimmten Fällen aufzuheben. DSC00254

Der Ethikrat will den einvernehmlichen Geschlechtsverkehr erwachsener Geschwister sowie von Personen über 14 Jahren mit erwachsenen Geschwistern erlauben  –  vorausgesetzt, dass diese nicht mehr in der gleichen Familie leben.

Dies sei ein „individualistischer und Lust orientierter Gesellschaftsentwurf“, kritisierte der bayerische EAK-Landesvorsitzende, Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt.

Es werde übersehen, „dass wir auch für die nach uns lebenden Generationen Verantwortung tragen“. Bei Beischlaf unter Geschwistern ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass daraus behinderte Kinder hervorgehen.

Schmidt zufolge diskriminiert das Inzestverbot niemanden, „sondern es begrenzt begründet“.  

Quelle: http://www.idea.de

Bild: Evita Gründler


Unionsfraktion gegen jede Aufweichung des Inzest-Verbots – Kritik am Dt. Ethikrat

Kinder brauchen Schutz für eine ungestörte Entwicklung

Der Deutsche Ethikrat hat sich heute mehrheitlich für eine weitgehende Straflosigkeit von inzestuösen Handlungen zwischen Geschwistern ausgesprochen, deren strafrechtliche Verfolgung in § 173 StGB geregelt ist.

Hierzu erklärt die rechtspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Elisabeth Winkelmeier-Becker:

Die Abschaffung des § 173 StGB, der den Beischlaf unter Verwandten als strafrechtliches Vergehen einordnet, bzw. die Abschaffung der Strafbarkeit des Inzests unter Geschwistern wäre ein falsches Signal.  42252-3x2-teaser190x127

Der Wegfall der Strafandrohung gegenüber inzestuösen Handlungen innerhalb von Familien würde dem Schutz der unbeeinträchtigten Entwicklung von Kindern in ihren Familien zuwider laufen. 

Die Diskussion darf nicht nur die Fälle erwachsener Verwandter in den Blick nehmen, die außerhalb familiärer Strukturen beiderseits freiwillig und selbstbestimmt zueinander gefunden haben; hier bieten die Ausgestaltung als bloßes Vergehen und die Praxis der Strafverfolgung hinreichende Möglichkeiten zu einem angemessenem Vorgehen.

Es geht zu allererst um den Schutz heranwachsender Kinder und Jugendlicher, die in ihrem familiären Umfeld möglichen Übergriffen anderer, in ihrer Persönlichkeit bzw. ihrem Status innerhalb des familiären Gefüges überlegenen Familienmitgliedern nicht mit dem notwendigen Selbstbewusstsein entgegentreten können.

Fast immer geht Inzest mit der Abhängigkeit eines Partners und äußerst schwierigen Familienverhältnissen einher.

Wir begrüßen deshalb besonders, dass sich mehrere Mitglied des Deutschen Ethikrates in einem Sondervotum u.a. auch aus den genannten Gründen gegen eine die Strafbarkeit einschränkende Änderung des § 173 StGB ausgesprochen hat.”

Hintergrund:
Anlass für die Befassung des Deutschen Ethikrates ist eine Entscheidung des  Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vom 12.4.2012, mit der die Beschwerde eines Mannes aus Leipzig, der mit seiner Schwester vier Kinder gezeugt hatte, gegen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26.2.2008 zur Strafbarkeit des Geschwisterinzests zurückgewiesen wurde.


Glaubenskongregation: Gerhard Kardinal Müller erläutert biblische und kirchliche Gründe für das unauflösliche Eheband

Zur Unauflöslichkeit der Ehe AL-0015

und zur Debatte um die zivil Wiederverheirateten und die Sakramente

von

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller

Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre

Die Diskussion über die Problematik der Gläubigen, die nach einer Scheidung eine neue zivile Verbindung eingegangen sind, ist nicht neu. Von der Kirche wurde sie immer mit großem Ernst und in helfender Absicht für die betroffenen Menschen geführt. Denn die Ehe ist ein besonders tief in die persönlichen, sozialen und geschichtlichen Gegebenheiten eines Menschen hinabreichendes Sakrament.

Aufgrund der zunehmenden Zahl der Betroffenen in Ländern alter christlicher Tradition handelt es sich um ein pastorales Problem von großer Tragweite. Heute fragen sich durchaus gläubige Menschen ernsthaft: Kann die Kirche die wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen nicht unter bestimmten Bedingungen zu den Sakramenten zulassen? BILD0222

Sind ihr in dieser Angelegenheit für immer die Hände gebunden? Haben die Theologen wirklich schon alle diesbezügliche Implikationen und Konsequenzen frei gelegt?

Diese Fragen müssen im Einklang mit der katholischen Lehre über die Ehe erörtert werden. Eine verantwortungsvolle Pastoral setzt eine Theologie voraus, die sich „dem sich offenbarenden Gott mit Verstand und Willen voll unterwirft und seiner Offenbarung willig zustimmt“ (II. Vatikanisches Konzil, Konstitution Dei verbum, Nr. 5).

Um die authentische Lehre der Kirche verständlich zu machen, müssen wir vom Wort Gottes ausgehen, das in der Heiligen Schrift enthalten, in der kirchlichen Tradition ausgelegt und vom Lehramt verbindlich interpretiert wird.

Das Zeugnis der Heiligen Schrift

Es ist nicht unproblematisch, unsere Frage unvermittelt in das Alte Testament hineinzutragen, weil damals die Ehe noch nicht als Sakrament betrachtet wurde. Das Wort Gottes im Alten Bund ist aber insofern für uns von Bedeutung, als Jesus in dieser Tradition steht und von ihr her argumentiert. ???????

Im Dekalog steht das Gebot „Du sollst nicht die Ehe brechen!“ (Ex 20,14), an anderer Stelle wird eine Ehescheidung aber als möglich angesehen. Mose bestimmt nach Dtn 24,1-4, dass ein Mann seiner Frau eine Scheidungsurkunde ausstellen und sie aus seinem Haus entlassen kann, wenn sie nicht mehr sein Wohlgefallen findet. Im Anschluss daran können Mann und Frau eine neue Ehe eingehen.

Neben dem Zugeständnis der Scheidung findet sich im Alten Testament aber auch ein gewisses Unbehagen gegenüber dieser Praxis. Wie das Ideal der Monogamie, so ist auch das Ideal der Unauflöslichkeit in dem Vergleich enthalten, den die Propheten zwischen dem Bund Jahwes mit Israel und dem Ehebund anstellen.

Der Prophet Maleachi bringt dies deutlich zum Ausdruck: „Handle nicht treulos an der Frau deiner Jugend…, mit der du einen Bund geschlossen hast“ (Mal 2,14-15).

Vor allem Kontroversen mit den Pharisäern waren für Jesus Anlass, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Er distanzierte sich ausdrücklich von der alttestamentlichen Scheidungspraxis, die Mose gestattet hatte, weil die Menschen „so hartherzig“ waren, und verwies auf den ursprünglichen Willen Gottes:

„Am Anfang der Schöpfung… hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mk 10,5-9; vgl. Mt 19,4-9; Lk 16,18). 1511

Die katholische Kirche hat sich in Lehre und Praxis stets auf diese Worte Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe bezogen. Das Band, das die beiden Ehepartner innerlich miteinander verbindet, ist von Gott selbst gestiftet. Es bezeichnet eine Wirklichkeit, die von Gott kommt und deshalb nicht mehr in der Verfügung der Menschen steht.

Heute meinen einige Exegeten, diese Herrenworte seien schon in apostolischer Zeit mit einer gewissen Flexibilität angewandt worden: und zwar bei porneia/Unzucht (vgl. Mt 5,32; 19,9) und im Fall der Trennung zwischen einem christlichen und einem nicht christlichen Partner (vgl. 1 Kor 7,12-15).

Die Unzuchtsklauseln wurden freilich in der Exegese von Anfang an kontrovers diskutiert. Viele sind der Überzeugung, dass es sich dabei nicht um Ausnahmen von der Unauflöslichkeit der Ehe, sondern um ungültige eheliche Verbindungen handle. Jedenfalls kann die Kirche ihre Lehre und Praxis nicht auf umstrittene exegetische Hypothesen aufbauen. Sie muss sich an die klare Lehre Christi halten.

Paulus verkündet das Verbot der Scheidung als ausdrücklichen Willen Christi:

„Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann –, und der Mann darf die Frau nicht verstoßen“ (1 Kor 7,10-11).

Zugleich lässt er auf Grund eigener Autorität zu, dass sich ein Nichtchrist von seinem christlich gewordenen Partner trennen kann. In diesem Fall ist der Christ „nicht gebunden“, unverheiratet zu bleiben (1 Kor 7,12-16).

Ausgehend von dieser Stelle erkannte die Kirche, dass nur die Ehe zwischen einem getauften Mann und einer getauften Frau  Sakrament im eigentlichen Sinn ist und nur für diese die unbedingte Unauflöslichkeit gilt. Die Ehe von Ungetauften ist zwar auf die Unauflöslichkeit hingeordnet, kann aber unter Umständen – eines höheren Gutes wegen – aufgelöst werden (Privilegium Paulinum). BILD0230

Es handelt sich hier also nicht um eine Ausnahme vom Herrenwort. Die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe, der Ehe im Raum des Christusmysteriums, bleibt gewahrt.

Von großer Bedeutung für die biblische Grundlegung des sakramentalen Eheverständnisses ist der Epheserbrief, in dem es heißt: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat“ (Eph 5,25).

Und etwas weiter schreibt der Apostel: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche“ (Eph 5,31-32).

Die christliche Ehe ist ein wirksames Zeichen des Bundes zwischen Christus und der Kirche. Weil sie die Gnade dieses Bundes bezeichnet und mitteilt, ist die Ehe zwischen Getauften ein Sakrament.

Das Zeugnis der kirchlichen Tradition

Für die Herausbildung der kirchlichen Position bilden sodann die Kirchenväter und die Konzilien wichtige Zeugnisse. Für die Väter sind die biblischen Weisungen bindend. Sie lehnen die staatlichen Ehescheidungsgesetze als mit der Forderung Jesu unvereinbar ab. Die Kirche der Väter hat Ehescheidung und Wiederheirat zurückgewiesen, und zwar aus Gehorsam gegenüber dem Evangelium. In dieser Frage ist das Zeugnis der Väter eindeutig. IMG_1468 (2)

In der Väterzeit wurden geschiedene Gläubige, die zivil wieder geheiratet haben, auch nicht nach einer Bußzeit zu den Sakramenten zugelassen. Einige Vätertexte lassen wohl erkennen, dass Missbräuche nicht immer rigoros zurückgewiesen wurden und hin und wieder für sehr seltene Grenzfälle pastorale Lösungen gesucht wurden.

In manchen Gegenden kam es später, vor allem aufgrund der zunehmenden Verflechtung von Staat und Kirche, zu größeren Kompromissen. Im Osten setzte sich diese Entwicklung weiter fort und führte, besonders nach der Trennung von der Cathedra Petri, zu einer immer liberaleren Praxis.

Heute gibt es in den orthodoxen Kirchen eine Vielzahl von Scheidungsgründen, die zumeist mit dem Verweis auf die Oikonomia, die pastorale Nachsicht in schwierigen Einzelfällen, gerechtfertigt werden, und den Weg zu einer Zweit- und Drittehe mit Bußcharakter öffnen.

Mit dem Willen Gottes, wie er in den Worten Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe eindeutig zum Ausdruck kommt, ist diese Praxis nicht zu vereinbaren. Sie stellt jedoch ein nicht zu unterschätzendes ökumenisches Problem dar.

Im Westen wirkte die Gregorianische Reform den Liberalisierungstendenzen entgegen und stellte die ursprüngliche Auffassung der Schrift und der Väter wieder her. Die katholische Kirche hat die absolute Unauflöslichkeit der Ehe selbst um den Preis großer Opfer und Leiden verteidigt.

Das Schisma einer vom Nachfolger Petri abgelösten „Kirche von England“ erfolgte nicht aufgrund von Lehrdifferenzen, sondern weil der Papst dem Drängen von König Heinrich VIII. nach Auflösung seiner Ehe aus Gehorsam gegenüber dem Wort Jesu nicht nachkommen konnte.

Das Konzil von Trient hat die Lehre von der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe bestätigt und erklärt, dass diese der Lehre des Evangeliums entspricht (vgl. DH 1807).  

Manchmal wird behauptet, dass die Kirche die orientalische Praxis faktisch toleriert habe. Das trifft aber nicht zu. Die Kanonisten sprachen immer wieder von einer missbräuchlichen Praxis. Und es gibt Zeugnisse, dass Gruppen orthodoxer Christen, die katholisch wurden, ein Glaubensbekenntnis mit einem ausdrücklichen Verweis auf die Unmöglichkeit von Zweit- und Drittehen zu unterzeichnen hatten.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes über die „Kirche in der Welt von heute“ eine theologisch und spirituell tiefe Lehre über die Ehe vorgelegt.

Es hält klar und deutlich an der Unauflöslichkeit der Ehe fest. Die Ehe wird verstanden als umfassende leib-geistige Lebens- und Liebesgemeinschaft von Mann und Frau, die sich gegenseitig als Personen schenken und annehmen.

Durch den personal freien Akt des wechselseitigen Ja-Wortes wird eine nach göttlicher Ordnung feste Institution begründet, die auf das Wohl der Gatten und der Nachkommenschaft hingeordnet ist und nicht mehr menschlicher Willkür unterliegt:

„Diese innige Vereinigung als gegenseitiges Sich-Schenken zweier Personen wie auch das Wohl der Kinder verlangen die unbedingte Treue der Gatten und fordern ihre unauflösliche Einheit“ (Nr. 48).

Durch das Sakrament schenkt Gott den Gatten eine besondere Gnade: 120505288_BV_July und Mike

„Wie nämlich Gott einst durch den Bund der Liebe und Treue seinem Volk entgegenkam, so begegnet nun der Erlöser der Menschen und der Bräutigam der Kirche durch das Sakrament der Ehe den christlichen Gatten. Er bleibt fernerhin bei ihnen, damit die Gatten sich in gegenseitiger Hingabe und ständiger Treue lieben, so wie er selbst die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat“ (ebd.).

Durch das Sakrament enthält die Unauflöslichkeit der Ehe einen neuen, tieferen Sinn: Sie wird zum Bild der beständigen Liebe Gottes zu seinem Volk und der unwiderruflichen Treue Christi zu seiner Kirche.

Man kann die Ehe nur im Kontext des Christusmysteriums als Sakrament verstehen und leben. Wenn man die Ehe säkularisiert oder als bloß natürliche Wirklichkeit betrachtet, bleibt  der Zugang zur Sakramentalität verborgen.

Die sakramentale Ehe gehört der Ordnung der Gnade an, sie ist hinein genommen in die endgültige Liebesgemeinschaft Christi mit seiner Kirche. Christen sind gerufen, ihre Ehe im eschatologischen Horizont der Ankunft des Reiches Gottes in Jesus Christus, dem Fleisch gewordenen Wort Gottes, zu leben.

Das Zeugnis des Lehramts in der Gegenwart

Das bis heute grundlegende Apostolische Schreiben Familiaris consortio, das Johannes Paul II. am 22. November 1981 im Anschluss an die Bischofssynode über die christliche Familie in der Welt von heute veröffentlichte, bestätigt nachdrücklich die dogmatische Ehelehre der Kirche.

Es bemüht sich aber pastoral auch in der Sorge um die  zivil wiederverheirateten Gläubigen, die in einer kirchlich gültigen Ehe noch gebunden sind.   Der Papst zeigt ein hohes Maß an Sorge und Zuwendung.

Die Nr. 84 „Wiederverheiratet Geschiedene“ enthält folgende Grundaussagen:

  1. Die Seelsorger sind aus Liebe zur Wahrheit verpflichtet, „die verschiedenen Situationen gut zu unterscheiden“. Man darf nicht alles und alle gleich bewerten. media-444757-2
  2. Die Seelsorger und die Gemeinden sind gehalten, den betroffenen Gläubigen in „fürsorgender Liebe“ beizustehen. Auch sie gehören zur Kirche, haben Anspruch auf Seelsorge und sollen am Leben der Kirche teilnehmen.
  3. Die Zulassung zur Eucharistie kann ihnen allerdings nicht gewährt werden. Dafür wird ein doppelter Grund genannt:
  4. a) „ihr Lebensstand und ihre Lebensverhältnisse stehen in objektivem Widerspruch zu jenem Bund der Liebe zwischen Christus und der Kirche, den die Eucharistie sichtbar und gegenwärtig macht“;
  5. b) „ließe man solche Menschen zur Eucharistie zu, bewirkte dies bei den Gläubigen hinsichtlich der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe Irrtum und Verwirrung“. Eine Versöhnung im Bußsakrament, die den Weg zum Eucharistieempfang öffnet, kann es nur geben bei Reue über das Geschehene und „Bereitschaft zu einem Leben, das nicht mehr im Widerspruch zur Unauflöslichkeit der Ehe steht“. Das heißt konkret: Wenn die neue Verbindung aus ernsthaften Gründen, etwa wegen der Erziehung der Kinder, nicht gelöst werden kann, müssen sich die beiden Partner „verpflichten, völlig enthaltsam zu leben“.
  6. Den Geistlichen wird aus inner sakramententheologischen und nicht  aus legalistischen Zwang ausdrücklich verboten, für Geschiedene, die zivil wieder heiraten, „irgendwelche liturgische Handlungen vorzunehmen“, solange eben die erste sakramental gültige Ehe noch besteht..

Das Schreiben der Glaubenskongregation über den Kommunionempfang von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen vom 14. September 1994 bekräftigt, dass die Praxis der Kirche in dieser Frage „nicht aufgrund der verschiedenen Situationen modifiziert werden kann“ (Nr. 5).

Zudem stellt es klar, dass die betroffenen Gläubigen nicht auf der Basis ihrer eigenen Gewissensüberzeugung zur heiligen Kommunion hinzutreten dürfen: „Im Falle, dass sie dies für möglich hielten, haben die Hirten und Beichtväter… die ernste Pflicht, sie zu ermahnen, dass ein solches Gewissensurteil in offenem Gegensatz zur Lehre der Kirche steht“ (Nr. 6).

Falls Zweifel über die Gültigkeit einer zerbrochenen Ehe bestehen, müssen diese durch die dafür kompetenten Ehegerichte überprüft werden (vgl. Nr. 9). Von fundamentaler Bedeutung bleibt, „in fürsorgender Liebe alles zu tun, was die Gläubigen, die sich in einer irregulären ehelichen Situation befinden, in der Liebe zu Christus und zur Kirche bestärken kann.

Nur so wird es ihnen möglich sein, die Botschaft von der christlichen Ehe uneingeschränkt anzuerkennen und die Not ihrer Situation aus dem Glauben zu bestehen. Die Pastoral wird alle Kräfte einsetzen müssen, um glaubhaft zu machen, dass es nicht um Diskriminierung geht, sondern einzig um uneingeschränkte Treue zum Willen Christi, der uns die Unauflöslichkeit der Ehe als Gabe des Schöpfers zurückgegeben und neu anvertraut hat“ (Nr. 10).

FORTSETZUNG dieses Beitrags von Glaubenspräfekt Müller siehe hier: http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/muller/rc_con_cfaith_20131023_divorziati-risposati-sacramenti_ge.html#top

Erstveröffentlichung im Osservatore Romano (Vatikanzeitung) vom 23.10.2013

1. Foto: Bistum Regensburg / Gemälde: Evita Gründler


Die EHE gründet auf Treue und Versöhnung

Neues Poster aus dem ECCLESIA-Plakatdienst in Münster:

1559


Nach der Sachsenwahl: Wird eine schwarz-grüne Republik vorbereitet?

Mathias von Gersdorff

Die beiden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, haben in den letzten Wochen vorsichtig Kursänderungen angedeutet, durch welche die Bildung einer schwarz-grünen Koalition auf Bundesebene erleichtern würde.

Hofreiter lobte in einem Interview mit dem SWR die regierende Koalition in Hessen: „Jetzt gibt es da eine Koalition, die arbeitet sogar recht gut, relativ geräuschlos, was ja immer ein gutes Zeichen ist für Koalitionen.“ stuttgart 009a

Das Beispiel Hessens ist besonders aussagekräftig, denn dort galt eine Koalition zwischen der CDU und den Grünen als ausgesprochen schwierig. Sie kam vor allem deshalb zustande, weil die Grünen keine speziellen Forderungen in der Schulpolitik gestellt haben. Schulpolitik ist in Hessen ein besonders polemisches Thema.

FOTO: M. von Gersdorff als Redner bei der Elternrechts-Demonstration in Stuttgart

Bedeutsamer waren Aussagen von Katrin Göring-Eckardt zur Familienpolitik ihrer Partei. Im Berliner Tagespiegel sagte sie: „Wenn ich mir das Ehegattensplitting angucke, halte ich es zwar nach wie vor für den falschen Ansatz, weil es nicht die Kinder fördert. Trotzdem hätte die Abschmelzung auch viele Familien mit Kindern getroffen. Dafür braucht es einen Ausgleich. Unser Vorschlag einer Kindergrundsicherung war dafür noch nicht konkret genug.“

Göring-Eckardt mit Regenbogenfahne am Revers

Besonders große Aufmerksamkeit erhielt ein Zitat Göring-Eckardts in der gedruckten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 24. August 2014 (im Internet erscheint nur eine Zusammenfassung):  „Ich freue mich, wenn Menschen heiraten und damit sagen, wir treten füreinander ein.“ frage

Der FAS-Artikel berichtete auch über einen Gesinnungswandel hinsichtlich des Ehegattensplittings: „Der größte Sündenfall der jüngsten Vergangenheit ist für Göring-Eckardt, daß die Grünen das Ehegattensplitting streichen wollten“ und zitiert sie: „Das Ehegattensplitting einfach abzuschaffen würde am Ende viele treffen, die Kinder haben“.

Die FAS schrieb auch: „Zudem hätten die Grünen (vor der Bundestagswahl 2013, Anm. des Verf.) den Eindruck erweckt, daß sie eigentlich die Ehe abschaffen wollten. Das sei nicht der Fall. Heute wollen viele schwule und lesbische Paare nichts lieber, als eine Ehe einzugehen.“

Im FAS-Artikel wird recht deutlich, daß Göring-Eckardt keineswegs das Ehegattensplitting befürwortet. Doch eine Abschaffung sollte ihrer Meinung nach nicht ohne Kompensation einhergehen, beispielsweise in Form einer Kindergrundsicherung. Das Foto des Artikels zeigt die grüne Spitzenpolitikerin mit einem Abzeichen mit der Regenbogenfahne auf dem Revers.

Neue Töne, um Weichen stellen zu können?

Liest man also beide Texte genauer, hat sich in der Haltung Göring-Eckardts nichts Grundlegendes geändert. Birgit Kelle konstatierte in einem Kommentar für „The European“ richtig: „Die Worte Göring-Eckardts reichen nicht einmal für eine Kehrtwende aus“.

Dennoch schlug Göring-Eckardt einen ganz neuen Ton an. Das reichte, um teils sehr heftige und gegensätzliche Reaktionen zu provozieren. Die christlich-konservative Presseagentur IDEA erkennt in den Aussagen Göring-Eckardts eine „Wende in der Familienpolitik ihrer Partei“ und betitelt eine Meldung mit „Familienpolitik der Grünen war falsch“.

Lob erhielt die grüne Politikerin auch von der ehem. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU): „Endlich mal ein echtes Plädoyer für Wahlfreiheit für Familien aus dem Mund einer grünen Spitzenpolitikerin. Respekt!“

Die linke Presse und etliche Parteikollegen waren hellauf entsetzt. „Kniefall vor den Beharrungskräften des Patriarchats“ tönte über Twitter der Chef der Grünen Jugend, Felix Banaszak. BILD0235

„Überraschend rüttelt Fraktionschefin Göring-Eckardt an einem Grundpfeiler grüner Familien- und Steuerpolitik: der Abschaffung des Ehegattensplittings“, urteilte die Süddeutsche Zeitung.

Es fragt sich nun, was Katrin Göring-Eckardt mit ihren Aussagen zur Familienpolitik bewirken wollte. Völlig überraschend dürften die Reaktionen für sie nicht gewesen sein.

Die zeitliche Nähe zu den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen waren möglicherweise der Anlaß. Doch vielleicht versuchen Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter die Weichen für eine schwarz-grüne Koalition im Bund zu stellen. Vor der Bundestagswahl im letzten Jahr lehnte Göring-Eckardt eine solche Konstellation strikt ab.

Verdecktes Zerstören schädlicher als offenes Agieren

Göring-Eckarts Aussagen klingen nämlich wie ein Entgegenkommen auf die Avancen mehrerer Politiker in der Union, die offen für eine solche Koalitionsoption sind und auch schon innerhalb ihrer Partei nicht risikolose Positionen eingenommen haben, vor allem hinsichtlich der Homosexuellenpolitik.

Zu dieser Gruppe gehören der neue CDU-Generalsekretär Peter Tauber, der Frankfurter MdB Matthias Zimmer und der Hamburger MdB Marcus Weinberg. Die beiden letzten verfaßten im Jahr 2012 das Thesenpapier „Die CDU in der Großstadt: Probleme, Potentiale und Perspektiven“, in welchem über eine schwarz-grüne Zusammenarbeit reflektiert wird.

C-Politiker dieser Art werden sich mit den letzten Aussagen Göring-Eckardts besonders angesprochen gefühlt haben. Sie wären gerne bereit, eine Gender-Ideologie „light“ sowie eine Schulpolitik im Stile eines abgemilderten baden-württembergischen „Bildungsplans 2015“ zu akzeptieren, wenn sich die Grünen nur ein Stück weit auf sie zu bewegen.

Diese Politik unterscheidet sich von der der SPD, der Grünen und der Linken eigentlich nur in der Geschwindigkeit, mit der man die Zerstörung der traditionellen Ehe und Familie und der christlichen Moral vorantreiben will.

Eine solche Strategie wäre noch schädlicher für die traditionelle Familie und generell für die Reste christlicher Strukturen in Deutschland als die brutale Vorgehensweise à la Manuela Schwesig oder Andreas Stoch.

Eine schwarz-grüne Allianz wäre eher in der Lage, die Öffentlichkeit einzulullen. Zudem würde man ihr einen pseudo-christlichen Anstrich verpassen.

Reaktionen, wie wir sie beispielsweise dieses Jahr gegen den „Bildungsplan 2015“ erleben konnten, hätten es schwerer, sich zu bilden.

Unser Autor Mathias von Gersdorff leitet die Frankfurter Aktion “Kinder in Gefahr” und betreibt das Internetmagazin “Kultur und Medien online”

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der Wochenzeitung “Junge Freiheit”

Letztes Gemälde: Evita Gründler


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 264 Followern an