Italien: Schwarze Messen, “Sonnenwunder” und “Marienerscheinungen” in Montesilvano bei Pescara

20.000 wunderbewegte Gläubige und Neugierige warteten auf ein “Himmelszeichen”

Im Jahre 1987 und danach ging es rund bei Erscheinungsgläubigen in Italien und den damit gerne verbundenen Massensuggestionen, denn Zehntausende von mehr oder weniger frommen Neugierigen pilgerten damals nach Montesilvano an der Adria, einer mittelgroßen Stadt unweit von Pescara, der Provinzhauptstadt in der mittel-italienischen Region der Abruzzen.  

Dort wollte eine 32-jährige Frau von der Madonna selbst “auserwählt” sein, um mal eben die Menschheit zu retten.

Dergleichen Wahnvorstellungen kommen im wundersüchtigen Lager öfter vor, doch in diesem Fall war es besonders tragisch, daß der damalige junge Kaplan namens Vincenzo Diodati  – ein früherer Fußballspieler  -  voll auf die “Visionen” der jungen Frau hereingefallen war  – und dies, obwohl der dortige Bischof  Antonio Iannucci ihn und die Gläubigen ausdrücklich davor warnte und zu striktester Zurückhaltung ermahnte. Der ältere Pfarrer von Montesilvano war hingegen bodenständiger als der junge Priester -  er blieb dem irrgeistigen Treiben ferne.

Der visionsbewegte Vikar Don Vincenzo und die junge “Seherin” Fioritti

Der kritische Bischof hatte mittlerweile Jesuitenpater Carlo Colonna beauftragt, die mirakulösen Vorgänge gründlich zu untersuchen.

Nach seinen Beobachtungen und Kontrollgängen, darunter einem vierstündigen Gespräch mit der “Seherin” Maria Antonietta Fioritti, war dem Jesuiten klar, daß alles nur ein (un)fromme Schwindel war:

Die Visionärin sei keine Botin des Himmels, erklärte er  -  eher eine Abgesandte des Gegenteils, denn sie habe bereits an Schwarzen Messen teilgenommen.  

Entweder hat sie also alles erfunden oder der Erzfeind erschien ihr als “Engel des Lichts”  – vor diesen teuflischen Täuschungsmanövern warnt die Heilige Schrift in 2 Kor 11,14 ausdrücklich, außerdem vor falschen Propheten, “die in Schafskleidern zu euch kommen” (Mt 7,15).

Mitte Februar 1988 verkündete der erscheinungsbewegte Vikar von Montesilvano sogar felsenfest, daß am Sonntag, den 28. Februar in der nahegelegenen Stadt Pescara am Himmel ein leuchtender Schriftzug, eine Art “letzter Bußruf “erscheinen werde, wodurch die Madonna die Menschheit vor dem Verderben und dem kommenden  Strafgericht warnen wolle.

Er berief sich hierbei auf seine Hausvisionärin Fioritti, außerdem will er selber göttliche Einsprechungen erhalten haben.

Wie die italienische Zeitung La Notte am 1. März 1988 berichtete, wurde der schwärmerische Geistliche im Auftrag des Bischofs von Pescara durch Jesuitenpater Colonna ebenfalls näher in Augenschein genommen. Dieser erklärte, der Vikar sei ein “Fanatiker im religiösen Delirium”, er habe also Wahnvorstellungen entwickelt.

Gleichwohl konnten die beiden “Seher” zehntausende Wundergläubige in ihren Bann ziehen und sogar Medien in Bewegung setzen:

Kein “Lichtzeichen” am Firmament, aber “Sonnenwunder” in Hülle und Fülle

Wie zu erwarten war und wie die Giornale d’Italia am 1. März 1988 berichtete, ist das von Kaplan angekündigte Lichtwunder am Firmament keineswegs eingetroffen, obwohl Sensationslustige noch bis Sonntag-Nacht bzw Montag-Früh 2 Uhr gewartet hatten. Der Vikar und die Seherin hatten die Menschenmengen, die sich abends in Decken und Schlafsäcken hüllten, auf einem Hügel versammelt.

Sogar nach Mitternacht hatte der abergläubische Kaplan die mittlerweile erschöpften Leute zum weiteren Ausharren ermutigt und ihnen dies als eine Art “Glaubensprüfung” erläutert nach der Devise:  Der Himmel habe schließlich das Recht, sich etwas zu verspäten und vielleicht wolle Gott ja damit die vertrauensvolle Ausdauer der Seinen testen…

Sogar Fernsehkameras harrten an Ort und Stelle der Ereignisse, die nicht eintrafen – es wurde live aus der Menschenmenge berichtet, immerhin hatten sich nach Polizeiangaben sage und schreibe 20.000 Leute eingefunden. Solch ein Spektakel lohnt sich durchaus für Funk und Fernsehen sowie die Regenbogenpresse.

Obwohl das Ganze bei Licht betrachtet eine große Pleite fürs abergläubische Völkchen war, behaupteten damals gleichwohl hunderte von Leuten hartnäckig   – auch gegenüber den Medien  -  sie hätten am besagten Sonntag, den 28. Februar, sehr wohl ein großartiges “Sonnenwunder” zur Mittagszeit erlebt.  Ein junger Mann hatte sie animiert: “Schaut in die Sonne, wie sie sich entwickelt.” 

Zu ihnen gehörte auch Luigi Serafini, ein Freund des erscheinungsbewegten Vikars. Serafini erklärte einer Zeitung, er habe in Medjugorje ein Sonnenphänomen erlebt, aber nicht nur dort: “Auch heute sah ich die Sonne, wie sie ihre Farben veränderte.”

Andere Pilger erzählten ebenfalls, die Sonne habe ständig rotiert und pulsiert und geradezu getanzt, sie habe grünes Licht abgestrahlt und ein grandiosen Farbenspiel geliefert und dergleichen mehr, wobei es von diesen Phänomenen auch allerlei “Wunderbilder” geben soll.

Geschicht(ch)en also über “Himmelszeichen”, wie man diese bereits aus Medjugorje und andernorts zuhauf kennt, z.B. auch aus Heroldsbach und Montichiari, typische “Schauwunder” eben, die nicht den theologischen Glauben, sondern vielmehr die menschlichen Sinnenfreude und die Phantasie ansprechen.

Das einzige Faktum, das bei derlei “Sonnenguckerei” aber als sicher gelten kann, ist ein deutlicher Anstieg der Patienten bei den Augenärzten, denn das anhaltende Stieren in die Sonne ist durchaus schädlich bis gefährlich für die Augen.

Der Bischof von Pescara warnt vor Wundersucht und Erscheinungslust

Nach dem massenhysterischen Treiben am “schicksalhaften” 28. Februar 1988 verschärfte der zuständige Bischof von Pescara seine Gangart:

Diese “sensationelle Schlappe”  sei ein erneuter Beweis dafür, so verkündete die Bistumsleitung in einem amtlichen Schreiben, daß die “Marienerscheinungen” von Montesilvano “keinerlei Kennzeichen eines übernatürlichen Geschehens enthalten und nicht von der Kirche anerkannt sind”.

Der Bischof untersagte sowohl den Priestern wie dem Kirchenvolk jede Versammlung mit den beiden “Sehern” (der jungen Frau und dem visionsbewegten Kaplan)  – und er ermahnte die Pfarrgemeinde von Montesilvano, den Zustrom von Wundergläubigen nunmehr strikt zu unterbinden.

Der wahre Glaube habe sich stets durch Apostolat, Gottesdienst und Werke der Liebe ausgezeichnet, nicht durch derlei mirakulöse Phänomene, die nichts zum geistlichen Wachstum der Kirche beitragen, sondern vielmehr den Fanatismus nähren und die Einheit der Gläubigen gefährden würden.

Vikar Don Vincenzo wurde nach seiner Bauchlandung als erfolgloser “Prophet” sodann für einige Zeit zwecks Nachdenkens und zur geistlichen Ernüchterung in eine Klosterzelle geschickt, damit er das Kirchenvolk nicht weiter in Verwirrung stürzt und sich von seinen Schwärmereien erholt und abkehrt.

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks und des KOMM-MIT-Verlags in Münster


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