Alfons Sarrachs Buch über Antonie Rädler und die Visionen von Wigratzbad

Pressemeldung des Christoferuswerks vom 24.3.2011

Sieg der Vernunft über den “Sieg der Sühne”?

Ordinariat Augsburg verbietet Alfons Sarrachs Buch über Wigratzbad

Ein Dekret des bischöflichen Ordinariats Augsburg vom März 2011 schlug hohe Wellen im Blätterwald und in “marianischen” Kreisen, hatte die kirchliche Amtsstube doch ein weiteres Erscheinen des Buches „Sieg der Sühne“ von Alfons Sarrach im Verlag „Kirche heute“ untersagt.

Darin geht es um die südbayerische Gebetsstätte „Maria vom Sieg“ in Wigratzbad (Allgäu), um ihre Entstehung und um „mystische“ Ereignisse, die mit der Gründerin Antonie Rädler und ihren Visionen verknüpft sind.

Ein solch amtliches „Bücherverbot“ fällt in der nachkonziliaren Kirche, die keinen „Index“ mehr kennt, stark aus dem Rahmen des Üblichen. Insofern erstaunt es wenig, wenn Sarrach-Anhänger in erscheinungsmarianisch geprägten Web-Portalen wie etwa „kath.net“ darauf verweisen, daß das Augsburger Ordinariat durchaus keine Verbote gegenüber fragwürdigen Werken modernistischer Theologen ausspreche; dadurch sieht man den Gleichheitsgrundsatz verletzt.

Freilich wundern sich auch weltliche Zeitungen über das Augsburger Dekret; so schreibt etwa die „Schwäbische Zeitung“ hierzu: „Das ist ein einzigartiger Vorgang. Üblicherweise beschränkt sich die Kirche auf die Warnung vor bedenklichen Schriften.“ – Wobei genau genommen auch dies eher selten geschieht.

Das bischöfliche Ordinariat begründet seine Verbotsverfügung damit, daß Sarrachs Deutung der Entstehungsgeschichte von Wigratzbad eine ungesunde Legendenbildung und Wundersucht fördere – und daß die Schrift überdies den Kritikern dieser Privatoffenbarung mit Unheil und Tod drohe: “Aus pastoraler Sicht ist äußerst bedenklich, dass Gegnern von Wigratzbad ein schlimmer Tod verheißen wird.”

„Viele Gläubige“ würden durch Sarrachs Schrift „verunsichert und in die Irre geführt“, erläuterte Pressesprecher Markus Kremser, zumal der Autor die Gründerin Antonie Rädler als Seherin vorstelle, „durch die der Himmel in die Weltgeschichte eingegriffen hat“. – In der schriftlichen Erklärung des Bistums wird darauf hingewiesen, daß Privatoffenbarungen – selbst dann, wenn sie kirchlich anerkannt sind – niemals verpflichtender Inhalt des Glaubens sind.

Die Erscheinungen und Visionen der Antonie Rädler, von Autor Alfons Sarrach als „begnadete Charismatikerin“ bezeichnet, wurden nie kirchlich anerkannt. Daher wurde Wigratzbad zwar als „Gebetsstätte“ errichtet, aber nicht als Erscheinungsort bestätigt – im Unterschied etwa zu Lourdes, Fatima oder anderen anerkannten Privatoffenbarungen, die jedoch für katholische Gläubige ebenfalls nicht verbindlich sind, da eine kirchliche Anerkennung kein Gebot, sondern lediglich eine Erlaubnis darstellt, die es Katholiken freistellt, daran zu glauben (oder nicht).

Alfons Sarrach, ein laisierter Priester und Witwer (seine Frau verstarb 2009), verfaßte eine Reihe von Schriften, die sich begeistert für einige „Marienerscheinungen“ aussprechen, die von der Kirchenleitung strikt abgelehnt wurden (Heroldsbach) bzw. denen ausdrücklich die Anerkennung versagt wurde (Marpingen, Marienfried, Medjugorje). Im Falle von Wigratzbad bleibt die Frage der „Echtheit“ offen, da nie eine kirchliche Untersuchungskommission eingerichtet wurde und somit kein amtliches Urteil vorliegt.

Bekannt ist freilich, daß die zuständigen Augsburger Bischöfe den Visionen der Antonie Rädler zunächst jahrzehntelang distanziert gegenüberstanden. Dies änderte sich erst mit Bischof Josef Stimpfle, der persönlich von der Glaubwürdigkeit der „Seherin“ und der von ihr berichteten „mystischen“ Ereignisse überzeugt war.

Bischof Stimpfle, der am 12. September 1963 sein Amt als Oberhirte von Augsburg antrat, sorgte dafür, daß die Wigratzbader Kapelle „Maria vom Sieg“ noch im selben Jahr für den öffentlichen Gottesdienst geöffnet wurde. Vorher waren in dem Kirchlein lediglich private Gebete und Andachten gestattet. Diese bischöfliche Erlaubnis war ein Entgegenkommen für die Anhänger von Wigratz, bedeutete aber keine amtliche Anerkennung der „Privatoffenbarungen“ von Antonie Rädler.

Alfons Sarrach beruft sich in seinem Buch „Sieg der Sühne“ auf den Wunsch des 1996 verstorbenen Bischofs Stimpfle, der ihn eindringlich darum gebeten habe, die Entstehungsgeschichte von Wigratzbad zu veröffentlichen. 2009 erschien sein Buch im Verlag „Kirche heute“, der von Wallfahrtsdirektor Dr. Thomas Maria Rimmel geleitet wird.

Wenn das bischöfliche Ordinariat sich nun gegen die Schrift „Sieg der Sühne“ wendet, beinhaltet dies nicht zwingend eine Ablehnung der Privatoffenbarungen von Antonie Rädler, da unklar ist, ob der zur Euphorie neigende Autor die bereits 1991 verstorbene „Seherin“ in allen Punkten richtig verstand und korrekt auslegte, zumal das Buch erst 18 Jahre nach ihrem Tod erschien.

Da Sarrachs Schrift weder Fußnoten enthält noch über eine Liste der verwendeten Literatur verfügt, fehlt auch die Möglichkeit, die Aussagen des Autors wissenschaftlich mit den Quellen zu vergleichen. Insofern berührt eine kritische Analyse des Sarrach-Buches nicht unbedingt die eigentlichen Vorgänge in und um Wigratzbad.

FRAGWÜRDIGE RACHE-MADONNA

Das Ordinariat Augsburg wirft dem Sarrach-Buch vor, daß es Kritikern der Wigratzbader Privatoffenbarung mit Unheil und Tod drohe.

Tatsächlich äußert sich der Verfasser teilweise auf eher makabre Weise, die einer solchen Auslegung durchaus Anhaltspunkte liefert – vor allem ab Seite 107:

Dort wird ausführlich geschildert, wie es dem Bürgermeister von Hergatz ergangen sei (der als Widersacher von Antonie Rädler vorgestellt wird): Dieser NS-hörige Bürgermeister sei – politisch bedingt – durch Befehl eines SS-Kommandanten aufgehängt und dann “verscharrt” worden.

Danach heißt es auf S. 108 weiter:
“Übrigens haben die größten Feinde Antonies einen tragischen Tod gefunden. Zu ihnen gehörte auch der Kreisleiter der Partei aus Lindenberg. Er wurde von befreiten Polen aus dem Auto geholt, zu Tode getrampelt und unter die Erde gebracht.”

Auf S.67 wird von einer Marienvision berichtet, die eine Bekannte von Antonie Rädler erlebt haben will. Dabei soll die “Erscheinung” gesagt haben: “Ich kann die zerschmettern, die gegen diese Sache sind.” (Gemeint ist der Kapellenbau in Wigratz.)

Ähnlich heißt es auf S. 89 aus dem Munde der “Seherin” Antonie selbst: “Maria kann alle zerschmettern, die ihr widerstehen.” – Ob das Geist und Ausdrucksweise der wirklichen Gottesmutter ist? – Gewiß nicht, denn die Mutter des HERRN ist keine “Rache-Madonna”.

Derartige Ausführungen erwecken den Eindruck einer irrgeistigen “Frömmigkeit”, die sich mit dem christlichem Glauben und einer bodenständigen, biblisch orientieren Marienverehrung nicht vereinbaren läßt. Dabei kann die Ablehnung von Erscheinungen ohnehin kein Anlaß für eine „Strafe Gottes“ sein, zumal Privatoffenbarungen nicht verbindlich sind – noch dazu, wo es sich hier nicht einmal um kirchlich anerkannte Visionen handelt.

Als auffällig erweisen sich in Sarrachs Buch „Sieg der Sühne“ auch die zahlreiche Seitenhiebe gegen die „vorkonziliare“ Kirche. Selbstverständlich gab es auch vor dem 2. Vatikanischen Konzil eine Reihe Mißstände und Fehlentwicklungen in der Kirche – wie zu allen Zeiten.

Daß der Verfasser mit seinem „Miesreden“ der vorkonziliaren Kirche allerdings gehörig übertreibt, zeigt sich deutlich auf den Seiten 119 bis 124: Hier behauptet Sarrach, es habe für Antonie Rädler vor allem drei Hürden gegeben, weshalb ihren „Privatoffenbarungen“ von den Bischöfen in Augsburg jahrzehntelang die Anerkennung versagt geblieben sei:
1. weil sie eine Frau ist
2. weil sie dem Laienstand angehört
3. weil sie ein Charisma empfing.

Erst durch das 2. Vatikanum seien Frauen, Laien und Träger von Charismen ins wahre Licht gerückt worden etc. – Dies trifft freilich gerade hinsichtlich „Privatoffenbarungen“ durchaus nicht zu, wie kirchlich längst anerkannte Erscheinungen (z.B. Lourdes, Fatima, Banneux) zeigen, wobei die Betreffenden stets Laien, Empfänger von Charismen und in der Regel weiblichen Geschlechts waren – für die Kirchenleitungen stellte das nie ein Problem dar.

SAH SICH DIE “SEHERIN” ALS “HIMMELSKÖNIGIN”…?

Manche der von Sarrach geschilderten „mystischen Erlebnisse“ der „Charismatikerin“ Antonie Rädler hinterlassen sehr wohl theologische Fragezeichen, wobei offen bleiben mag, ob der Autor ihre Visionen immer vollständig richtig wiedergibt.

So berichtet Sarrach auf S. 26 über Antonie Rädler, die eine relig. Traumvision erlebt hatte: „Das bewegte sie zu solch tiefer Reue, daß sie bereit war, viele Male ihr Leben hinzugeben, um die Sünden der Welt zu sühnen.“

Dies ist theologisch falsch: Wir Menschen könnten tausend Tode sterben, aber damit gewiß nicht „die Sünden der Welt sühnen“. – Um dies zu erlangen, genügte ein einziges Opfer, ein vollkommenes nämlich: das des Gottmenschen selbst, der am Kreuz ein immer gültiges, vollendetes Erlösungsopfer darbrachte für das Heil der Welt.

Freilich können Gläubige sich als „Mitarbeiter der Wahrheit“ erweisen (so lautete einst der bischöfliche Wahlspruch Ratzingers) – und sie sollen sich am Heilswirken Christi und der Kirche beteiligen. Doch das eigentliche Erlösungs- und Sühnewerk bleibt dem Gottmenschen Jesus Christus vorbehalten, denn „in seinem Namen ist das Heil – und es ist den Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den sie selig werden.“ (Apg. 4,12)

Auf S. 27 schildert Sarrach folgende Vision von Antonie Rädler:
„In der Nacht stand plötzlich die Gottesmutter vor ihr, legte ihr in überströmender Liebe die Hände aufs Haupt und sagte: „Nimm Deine Zuflucht allein zu mir. Komm und diene mir!“

Sollen wir unsere Zuflucht tatsächlich „allein“ zur Gottesmutter nehmen – und nicht auch und vor allem zum göttlichen Erlöser?

Sarrach betrachtet folgendes Ereignis als eine „mystische Vermählung“ der Seherin Antonie mit Christus (S. 29): er berichtet über ein visionäres „Christuserlebnis“ während einer hl. Messe in der Stadtpfarrkirche von Wangen:

„Ich sah mich auf einem Weg vorwärts schreiten. Plötzlich stand ein König vor mir in wunderbarem Licht und großer Majestät. Er legte mir die Hand aufs Haupt mit den Worten: „Sei mein! Ich will dich mir vermählen!“ und küßte mich auf die Stirn. – Erst dachte ich, ein irdischer König werbe um meine Hand. Plötzlich aber erkannte ich in ihm Jesus, den König der Könige.“

Die Vision setzt sich sodann folgendermaßen fort (S.30):
„Plötzlich stand der Heiland in unbeschreiblicher Schönheit vor mir, küßte mich mit den Worten auf die Stirn „Sei mein und bleibe mein!“. Dann führte er mich an seiner Seite in himmlische Regionen mit unzähligen mannshohen Lilien, wie ich sie auf Erden noch nie gesehen hatte. Eine unübersehbare Menschenmenge schloß sich uns an und sang in tausend Chören, von herrlicher Musik begleitet „Heil dem König und der Königin!“ – Wir nahten uns einem Schloß, dessen Tore sich uns öffneten. Der himmlische Vater winkte uns in überströmender Freude zu und hieß uns willkommen.“

Diese merkwürdige „Schauung“ wirft eine Menge theologischer Fragezeichen auf, sieht sich die „Seherin“ doch als eine Art Gemahlin Christi, gar als himmlische Königin, der die Heiligen zujubeln – und die der göttliche Erlöser selbst „an seiner Seite“ (!) durch himmlische Regionen geleitet – wobei „König und Königin“ von Gott-Vater empfangen werden, der sie in „überströmender Freude“ herbeiwinkt und willkommen heißt.

Zeigt sich hier nicht ein irrgeistiger Hochmut, eine verstiegene Anmaßung, die der wahren Demut und dem christlichem Realismus widerspricht?

Felizitas Küble, Vorsitzende des Christoferuswerks in Münster


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