Die Visionärin Gloria Polo und ihre Erlebnisse im „Jenseits“

Anfangs galt sie als „Geheimtip“, danach war sie recht schnell in frommen Gruppen und Gebetskreisen bekannt und fuhr vortragsreisend durch die Lande, auch durch die deutschsprachigen:

Gloria Polo, eine hübsche Zahnärztin aus Kolumbien, die 1995 einen Blitzschlag überlebte, dies als Wunder betrachtet und sich dadurch bekehrte. Zugleich berichtet sie im Zusammenhang mit diesem Unfall von Nahtod-Erfahrungen, die sie freilich als Jenseits-Visionen deutet.

Sie ist davon überzeugt, der Himmel habe sie beauftragt, ihre visionären Erlebnisse durch Wort und Schrift zu verbreiten. Die Wertschätzung, die Gloria Polos Berichte in glaubenskonservativen Kreisen erfahren, hängen vor allem damit zusammen, daß sie in moraltheologischer Hinsicht von A – Z (von Abtreibung bis Zölibat) die Lehre der kath. Kirche vertritt.

Das ist zweifellos zunächst erfreulich  –  aber erhalten dadurch ihre Ausführungen  über Himmel, Hölle, Fegefeuer etc. automatisch das Siegel der Echtheit?   – Doch wohl kaum, weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

Auch rechtgläubige Menschen können sich in visionärer Hinsicht leicht irren, erst recht nach einem solch traumatischen  Unfall, der durchaus mentale oder psychologische Beeinträchtigungen zur Folge haben kann.

Was ist  also „dran“ an diesen  – wie manche glauben  –  Botschaften aus dem Jenseits?

Um dies herauszufinden, müssen wir Gloria Polos Aussagen näher unter die Lupe nehmen, ausgehend zB.  von ihrem Lebensbericht „Von der Täuschung zur Wahrheit“, einem Vortrag, den sie am 5. Mai 2005 in einer Kirche in Caracas (Venezuela) hielt und der schriftlich verbreitet wurde.

Über ihre Eindrücke aus der „Hölle“ (und wen sie dort „antraf“) schreibt Polo beispielsweise:

„Es waren Selbstmörder, die sich in einem Augenblick der Verzweiflung umgebracht haben und nun waren sie in diesen Qualen, in dieser Not, in dieser Folter. Umgeben von diesen fürchterlichen Dingen, eingekreist von Dämonen, die sie quälten. Aber das schrecklichste an der ganzen Tortur war die völlige Abwesenheit Gottes. Und ich verstand, daß jene, die sich das Leben nehmen, dort so lange bleiben müssen, so viele Jahre, als sie auf Erden noch zu leben gehabt hätten.“

In dieser Darstellung finden sich folgende Irrtümer:

  1. Wenn sich jemand nicht aus voller Erkenntnis und freiem Willen umbringt, sondern (wie von Polo beschrieben)  per Kurzschlußhandlung „in einem Augenblick der Verzweiflung“, so kommt er allein deshalb nicht ohne weiteres in die Hölle  – es sei denn, der Betreffende befindet sich beim Selbstmord sowieso nicht im Zustand der Gnade, sondern der unbereuten schweren Sünde.  Die Kirche hat immer schon gelehrt, daß eine objektive Todsünde (wie sie der Selbstmord zweifellos darstellt) erst durch volle Erkenntnis und  uneingeschränkte Zustimmung des Willens zu einer subjektiven, persönlichen Todsünde wird. Gott allein weiß also, wie sich hier die jeweilige Situation eines Selbstmörders darstellt.
  2. Polo behauptet, daß menschliche Seelen in der Hölle durch Dämonen gequält werden. Hierfür gibt es weder in der Heiligen Schrift noch in der amtlichen Lehre der Kirche einen Beleg. Es stellt sich überdies grundsätzlich die Frage: Warum sollten die Dämonen als „Strafende“ agieren, wo sie doch selber „Bestrafte“ sind.
  3. Völlig unsinnig ist Polos Ansicht, daß Selbstmörder so lange in der Hölle (!) bleiben müßten, wie sie ihr Leben verkürzt haben. Selbst wenn sie das hinsichtlich des Fegefeuers behaupten würde, wäre es lediglich eine Spekulation. Betreffs der Hölle ist es kompletter Unfug, da diese ewig ist  – und überdies nicht unserer „Zeitrechnung“ angepaßt („Jahre“…), denn die Dimensionen der Ewigkeit befinden sich außerhalb von Raum und Zeit nach irdischem Verständnis.

Theologisch absurd ist auch Polos folgendes Höllen-Erlebnis:

„Als ich wieder schrie, ich sei katholisch, hörte ich eine Stimme, so süß, so mild, so unvorstellbar gut und schön, daß alles in mir voll Freude und Liebe war und meine Seele erbebte. Diese furchtbaren Geschöpfe, die sich an mich angeklebt hatten, als sie diese Stimme hörten, fielen sie augenblicklich in Anbetung nieder…Als ich das sah, wie sich diese fürchterlichen Dämonen flach hinwarfen, nachdem sie nur die Stimme des HERRN hörten  –  ich war erstaunt.“

Erstaunt darf man hier wahrlich sein, denn Satan und die Dämonen befinden sich eben deshalb in der völligen Gottesferne, weil sie den Allmächtigen  eben  n i c h t  dienen, weil sie IHN  n i c h t  anbeten wollen. In dieser Verweigerungshaltung besteht gerade deren selbstgewählte Verdammnis.  –   Diese Vision kann also auch nicht stimmen.

Frau Polo wiederholt diesen Unsinn noch öfter, auch im Zusammenhang mit der hl. Messe: „Wenn der Priester die Hostie hebt, fühlt man die Gegenwart des HERRN und alle fallen auf die Knie, selbst die Dämonen.“  – Erstens soll man an die Gegenwart Christi glauben, ob man sie „fühlt“ oder nicht  –  und zweitens knien die Dämonen gewiß nicht während der hl. Messe, wo sie ohnehin nichts zu suchen haben.

Abschließend berichtet die „Visionärin“, daß sie vom Jenseits ins Diesseits zurückkehrte und Christus ihr ein besonders Apostolat aufgetragen habe:

„Der Herr sandte mich zu meiner Mission auf Erden: „Du wirst zurückkehren, um Zeugnis abzulegen  – und Du wirst es immer wiederholen, nicht tausend, sondern 1000 mal 1000 mal.“

Das wäre dann eine millionenfache Wiederholung ihres „Zeugnisses“  – also schlicht unmöglich, es sei denn, sie wird mindestens so alt wie Methusalem…

Zudem soll Christus zu ihr Folgendes gesagt haben:

„Wehe dem, der dies hört und sich nicht ändert. Er wird mit größerer Strenge gerichtet werden…Meine Gesalbten, die meine Priester sind, oder sonst jemand, der Dir nicht Gehör schenkt, der sein Leben nicht ändert, wird ein strenges Gericht erfahren.“

Derlei „Drohbotschaften“ sind aus dem Bereich der irrgeistigen „Mystik“ zur Genüge bekannt. Damit soll der jeweiligen „Privatoffenbarung“ ein besonders hohes Gewicht beigemessen werden, als sei sie quasi das „fünfte Evangelium“. Daher die Drohung: „Wehe dem, der Dir nicht Gehör schenkt…“

Solche unseriösen und emotionalen Einschüchterungen sind ein typisches Merkmal der Falschmystik.

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Verlags und des Christoferuswerks in Münster

Kontakt: felizitas.kueble@web.de

Foto: Dr. Bernd F. Pelz


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