Leserbeitrag zu Mel Gibsons „Die Passion Christi“

„Christi Leiden  -  ein gutes Geschäft?“

In unserer Film-Rezension vom 10. Juli 2011 befaßten wir uns kritisch mit Mel Gibsons Kinostreifen „Die Passion Christi“: http://charismatismus.wordpress.com/2011/07/10/mel-gibsons-film-%E2%80%9Edie-passion-christi%E2%80%9C-im-zwielicht/

Hierzu erreichte uns folgende Stellungnahme von Christel Koppehele:

“Eben las ich Ihre Bedenken bezüglich des Films “Die Passion Christi” von Mel Gibson. Immer, wenn ich bei Christen ähnliche Bedenken anführte, wurde mir sogleich wortreich widersprochen und dieser Film sehr gelobt.

Gibson verdiente damit 38 Millionen Dollar, wie ich mal in der Presse las. Also: Christi Leiden ein gutes Geschäft!  Dieser  Erfolg war im voraus sehr wohl kalkuliert…Ein schauerlicher Gedanke.

Außerdem ist Gibson von Gewalt geradezu fasziniert in seinen Filmen (“Brave Heart” etc.) und zwar von breit ausgewalzten Brutalszenarios, was ihn mir schon sehr verdächtig machte. Dann die blutigen Kreuzbilder in der weltlichen Springer-Presse: zum Begaffen der heutigen Medienkretins freigegeben. Schauerlich.

Bei der Vorstellung, dass popkornkauende Jugendliche auf der Leinwand die Geißelungs-”Action” über sich ergehen lassen “wie Harry Potter”… schrecklich !

Wenn ich schon beim Lesen der Emmerich-Visionen über das Leiden Christi immer wieder an den  Punkt kam,  vor Erschütterung das Buch zu schließen, weil ich nicht alles auf einmal  “so weglesen konnte”, also aufhören mußte, um nachzudenken bzw. betend zu betrachten, wäre für mich die Situation im Kinosessel, im Dunkeln den blutigen Bildern sozusagen “hilflos ausgesetzt” zu sein, eine gänzlich unerträgliche Vorstellung.

Mein Mann war der gleichen Meinung. Wir waren aber erstaunt, daß man diesen “heiligen Film” überhaupt nicht kritisieren durfte: Ja, man  m u s s t e  ihn geradezu gesehen haben, wenn man zu den “Frommen” zählen wollte.

So freue ich  mich, Ihre Bedenken auf der Seite “Charismatismus heute” zu lesen. Sie sind sehr berechtigt, wie ich meine.

Mel Gibson wurde von seiner Lebensgefährtin wegen Körperverletzung verklagt.  Auch erwischte man ihn mit Alkohol am Steuer. Ich dachte mir: “Von der intensiven Beschäftigung mit dem Leiden Christi ist bei ihm “nicht viel hängen geblieben”  –  außer den 38 Millionen natürlich.”

Christel Koppehele

Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“ im Zwielicht

Mel Gibsons Kassenschlager „Die Passion Christi“,der nach seinem Kinoerfolg vor 6 Jahren auch in einigen TV-Sendern ausgestrahlt wurde, erntete im frommen Spektrum (ob katholisch oder evangelisch) größtenteils Zustimmung. Der evangelikale Hänssler-Verlag brachte sogar einen großformativen Bildband mit farbigen Film-Szenen heraus, außerdem Videos, DVDs, Buchbroschüren etc.

Vielleicht war der Wunsch hier Vater des Gedankens, durch diesen Film möglichst an jene „Massen“ heranzukommen, die zwar gerne in die Kinos strömen, aber selten in die Kirchen.  Der große Erfolg gab dieser Erwartung durchaus recht  – doch die Frage bleibt: Erfüllte der Film als solcher jene theologischen Maßstäbe, die aus christlicher Sicht unabdingbar sind?

Zunächst könnte man positiv festhalten, daß es gerade im Zeitalter eines allzu weich gezeichneten Jesus-Bildes, in dem unser Erlöser vorwiegend als Softy, Feminist, Schmusefigur und Sozialromantiker vorgestellt wird, nur gut sein kann, wenn die weniger „weichen“ Seiten der biblischen Botschaft zur Sprache kommen, vor allem der Opfertod Christi, seine Verurteilung und sein Leiden bis zum Tod am Kreuz.

Gerade dieser Opfergedanke  -  und allgemein die  Kreuzes- oder Sühne-Theologie  -   wird in Katechese, Predigt und Liturgie leider immer mehr verdrängt, so daß hier tatsächlich erheblicher Nachholbedarf besteht.

Insofern ist die Konzeption des Films, sich auf die Passion des HERRN zu konzentrieren, keineswegs von vornherein fehl am Platze sein. Gleichwohl enthält dieser An-satz eine Reihe von „system-immanenten“ Gefahren und Schieflagen, denen der Film aus meiner Sicht auch tatsächlich zum Teil erlag.

So wird der Gibson-Streifen vor allem dem inhaltlichen Anspruch des christlichen Glaubens nicht ausreichend gerecht. Mit einer kurzen Einblendung der messianischen Jesajastelle („Er starb für unsere Sünden“) zu Beginn des Films ist es nicht getan. Insgesamt wird durch Ablauf und Gestaltung viel zu wenig verdeutlicht,  w a r u m  Christus so grausam leiden mußte. Das „Wie“ des Leidens steht im Vordergrund, nicht das „Warum“.

Der Film „ertrinkt“ geradezu in ausgewalzten Szenen voller Grausamkeiten, nicht allein beim Kreuzestod, vor allem bei der Geißelung Christi, die kein Ende zu nehmen scheint.

Man braucht kein „Sensibelchen“ sein, um die Frage zu stellen: Ist das „Zuglotzen“ bei dieser Zurschaustellung des Leidens mit der Ehrfurcht vor Gott noch vereinbar? Nicht ohne Grund hält sich die Heilige Schrift bei der „Berichterstattung“ über die Passion des Gottmenschen sehr zurück, sie verzichtet auf jede detaillierte Schilderung.

Konnte Regisseur Mel Gibson, der zahlreiche Actionfilme gedreht hat, hier seinem Hang nach gewalttätigen Szenen nicht widerstehen?

Kein Wunder, daß sich Gibson in seinem Passionsfilm nicht in erster Linie auf die Evangelien stützt, sondern auf Visionen der Dülmener Ordensfrau Anna Katharina Emmerich sowie  auf  eigenen Einfälle und Einblendungen , die zum Teil magisch-düster anmuten (zB. eine merkwürdige Mann-Weib-Teufelsgestalt als Versucher am Ölberg oder  Christi „Beobachtung“ des sich versteckenden Verräters Judas).

Der Regisseur wäre gut beraten gewesen, sich an die biblischen Vorgaben zu halten und eine Evangelienharmonie vorzunehmen   – also alles darzustellen, was sich aus den vier Evangelien ergibt).

Die Zeit, die durch den Verzicht auf ausgewalzte Grausamkeiten eingespart worden wäre, hätte Gibson sinnvoll einsetzen können, indem er die Auferstehung am Schluß nicht auf wenige Sekunden beschränkt, wie dies im Passionsfilm leider geschah. Nicht durch seinen Kreuzestod hat Christus sich als Gott erwiesen, sondern durch seine Auferstehung. An einem Kreuz gestorben sind damals viele, auferstanden ist nur einer!

Was die Kritik betrifft, die von jüdischer Seite gegen den Gibson-Film laut wurde, so ist diese teils berechtigt, teils überzogen. „Die Passion Christi“ ist durchaus nicht anti-semitisch, zumal ein differenziertes Bild der damaligen Juden    -  auch des Hohen Rates -  gezeigt wird.

Gleichwohl könnten Juden, aber gerade auch Christen mit Recht daran Anstoß nehmen, daß der Film die Person des römischen Statthalters viel zu freundlich zeichnet. Bei Licht betrachtet ist nicht so sehr Christus, sondern Pilatus der heimliche und eigentliche Held des Films. Christus wird als das bedauernswerte Opfer, als „Leidensknecht“ dargestellt,  Pilatus hingegen als der edle Philosoph, der sich tiefsinnig mit der „Wahrheitsfrage“ befaßt. In Wirklichkeit war er ein eiskalter Machtpolitiker  -  und seine Frage „Was ist Wahrheit?“ nicht philosophisch, sondern sarkastisch motiviert.

Auch die Gestalt der Gottesmutter erscheint in Gibsons Film wenig gelungen; Maria wird als verhärmte Frau mit wenig Herzenswärme und natürlicher Mütterlichkeit gezeigt. Die Persönlichkeit des Apostels Johannes wirkt ebenfalls wenig überzeugend,  er erscheint als bleicher Jüngling ohne Profil.

Abschließend stellt sich die Frage, ob der Film geeignet ist, im Zuschauer die Liebe zu Christus zu wecken. Dies darf bezweifelt werden. Bestenfalls mag eine Mischung aus Mitleid und „Betroffenheit“ hervorgerufen werden. Die göttliche Erhabenheit und Würde Christi kommt in dem blutgetränkten Streifen nicht genügend zum Vorschein.

Gefühlsbedingte Schnell-„Bekehrungen“ mögen  durchaus vorgekommen sein, dies besagt jedoch wenig. Unser christlicher Glaube beruht jedenfalls nicht auf Angst und Schrecken, auch nicht auf Schwärmerei und Gefühlsüberschwang, sondern auf den Heilslehren, die uns Bibel und Kirche verkünden  – dazu gehört zweifellos auch die klare  und nüchterne Warnung vor der Hölle, aber eben  keine emotionale Panikmache.

Es mutet auf den ersten Blick überdies  merkwürdig an, daß Gibsons Film auch in muslimischen Staaten erlaubt war, dort sogar Massen anzog. Was mag die rabiaten Christenhasser, die dort das Sagen haben, dazu bewogen haben, ihren Untertanen ausgerechnet „Die Passion Christi“ vorzuführen?  Schließlich bestreitet der Koran schlichtweg, daß Christus überhaupt am Kreuz gestorben ist.

Hat man dort vielleicht diesen Film in seiner „Ambivalenz“, in seiner Zwiespältigkeit und Problematik besser erkannt als so mancher schnell zu begeisternde Christ?

Felizitas Küble leitet das Christoferuswerk in  Münster
Kontakt: felizitas.kueble@web.de

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 246 Followern an