Die „Deutschland-Weihe“ der katholischen Bischöfe von 1954

Eine feierliche Weihe und Fürbitte für Kirche, Volk und Land an der Hand Marias

In konservativen und vor allem in traditionellen Kreisen hört man oft von einer „Deutschlandweihe an Maria“, allerdings kennen die meisten Gläubigen weder den Wortlaut dieser Weihe noch ihre Hintergründe und Besonderheiten.

Deshalb wollen wir uns hier mit diesem Ereignis befassen, das nicht nur für die fünfziger Jahre von Bedeutung ist, sondern uns auch heute viel zu sagen hat  – und zwar auch hinsichtlich einer wahrhaft katholischen, bodenständigen und kirchlich-bewährten Andacht zu Maria jenseits eines allzu vorsichtigen Minimalismus, aber auch frei von einem überbordendem „Marianismus“.

Gemälde: Evita Gründler

Gemälde: Evita Gründler

Zur Vorgeschichte sei angemerkt, daß  Papst Pius XII. im Jahre 1942 die friedlose, vom Krieg zerrissene Welt dem makellosen Herzen der Gottesmutter geweiht hat. Im Laufe der Zeit folgten einzelne Diözesen, Gruppen und Pfarrgemeinden diesem Beispiel und weihten sich der seligsten Jungfrau Maria, vertrauten sich ihrer Fürsprache an und wollten ihren Tugenden gemäß das Leben wahrhaft christlich gestalten.

Während des 76. Deutschen Katholikentages, der 1954 in Fulda stattfand, folgte auf dem Domplatz in Fulda eine bereits länger geplante „Weihe Deutschlands“ vor dem altbekannten Gnadenbild „Unserer Lieben Frau vom Frauenberg“. Es handelt sich um das vielverehrte Bild der „freudenreichen Jungfrau“ mit dem Christuskind auf dem Arm, das sich im Franziskanerkloster auf dem Frauenberg hoch über Fulda befindet.

Vor diesem Bild der Mutter unseres HERRN vollzog also Josef Kardinal Frings, der Erzbischof von Köln, am Samstagabend, den 4. September 1954, diese Weihe Deutschlands in Vertretung aller deutschen Bischöfe und Bistümer, aber auch namens des katholischen Kirchenvolks in Deutschland, von dem in Fulda ca. 100.000 Gläubige versammelt waren.

Das Jahr 1954 war nicht zufällig gewählt: damals wurde zugleich die Erinnerung an das 1200. Todesjahr des hl. Bonifatius begangen, des Apostels Deutschland  – zudem das Jahrhundert-Gedächtnis der Dogmatisierung der makellose Empfängnis Mariens (ihr Freisein von der Erbsünde durch Gottes Gnade und im Hinblick auf das Erlösungswerk Jesu Christi).

Hier folgt nun der Wortlaut dieser feierlichen Weihehandlung durch Kardinal Frings:

Die WEIHE DEUTSCHLANDS vom 4. September 1954:

Einleitendes Gebet:

Allmächtiger Gott, himmlischer Vater, Du berufst die Völker in freier Wahl und verwirfst, die Dein Wort mißachten. Sieh an das Volk, das sich vor Dir versammelt hat, um sich dem makellosen Herzen Mariens, der allerseligsten Jungfrau, zu weihen.

Inständig bitten wir Dich: Segne unser Tun in dieser abendlichen Stunde! Reinige uns von allem Makel der Schuld! Mach uns würdig, der unbefleckt Empfangenen zu eigen zu werden, die Du zur Mutter Deines Sohnes berufen und auch uns zur Mutter bestellt hat: Der Du lebst und herrschest, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Der WEIHE-VOLLZUG:

Wahrhaft würdig ist es und recht, Dich, heiliger Vater, ewiger Gott, Herr des Himmels und der Welt, in der hohen Freude unseres Herzens zu preisen:

Denn Du hast uns, die durch Adams Schuld verlorenen Evaskinder, nicht verstoßen, sondern Deinen vielgeliebten Sohn, unseren HERRN Jesus Christus, vom Himmel herabgesandt in den Schoß Mariens, der reinsten Jungfrau. 

Ihr, der unbefleckt Empfangenen, hast Du durch den Mund des Engels die Botschaft verkündet; Du hast sie bereitgefunden als Deine allergetreueste Magd.

Preis und Dank sei Dir, daß Du sie auch uns zur Mutter gegeben durch Deinen Sohn und nach Vollendung ihrer Pilgerschaft glorreich mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen hast.

Zu ihr, der Zuflucht des Menschengeschlechtes, erheben wir, die Abgesandten aus allen Stämmen unseres deutschen Volkes, am Grabe unseres heiligen Schutzpatrons, Deines Bischofs und Blutzeugen Bonifatius, unsere Seele voll Vertrauen.

Wir weihen uns ihrem makellosen Herzen, auf daß wir Dich, unseren Herrn und Gott, lieben, wie sie Dich geliebt hat: aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus all unseren Kräften. 

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

Ihr weihen wir unsere Familien, ihrem mütterlichen Schutz empfehlen wir unser Volk; dieses Volk mit seinen Sünden und Nöten, mit seiner Hoffnung und Bereitschaft.

Also bitten wir Dich, heiliger Vater: Erfülle uns mit Deinem Heiligen Geiste, mit dessen Kraft Du ihre Seele überschattet hast, auf daß wir alle Tage unseres Lebens mit ihr sprechen: Siehe, ich bin die Magd des Herrn.

Durch ihre mächtige Fürsprache empfehlen wir Dir das Schicksal unseres deutschen Volkes: Nimm es in Gnaden auf, mach aus uns einen Stamm Deines heiligen Volkes!

Wende, o Gott des Erbarmens, unsere Not! Laß enden die Spaltung unseres Vaterlandes! Laß heimkehren unsere Schwestern und Brüder, die noch in der Fremde sind. Schenk uns die Einheit im Glauben!  Laß umkehren alle, die nicht mehr wissen, daß sie Deine Kinder sind! Gib uns und der ganzen Welt Eintracht und Frieden!

Durch unseren HERRN Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir lebt und herrscht in der Einheit des Heiligen Geistes, GOTT von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Dieses  SCHLUSSGEBET folgte nach dem Marienlied “Wunderschön prächtige”:

Kardinal: Bitte für uns, heilige Gottesgebärerin
Kirchenvolk:   Auf daß wir würdig werden der Verheißungen Christi.
Kardinal: Lasset uns beten: O Gott, vor Deinem heiligen Angesicht hat sich dieses Dein Volk der aller-seligsten Jungfrau und Mutter Maria geweiht und ist ihr zu eigen geworden. Wir bitten Dich, Gott unserer Väter: Bewahre diesen Willen; laß diese Weihe Frucht tragen in unserem Leben. Mache uns zu lebendigen Zeugen Deines Sohnes.  Durch Christus, unsern Herrn.

Nach dieser feierlichen Deutschlandweihe formierten sich auf dem  Domplatz viele Männer der Stadt Fulda und die versammelten männlichen Jugendlichen aus Ost und West zu einer Lichterprozession zum Festplatz des Katholikentages. Betend und singend begleiteten sie die Reliquien des hl. Bonifatius und seiner Gefährten. Die ganze Nacht hindurch versammelten sich Tausende zu Betstunden vor den Altären der Fuldaer Kirchen.

In stark erscheinungsorientierten Kreisen machte sich damals eine gewisse Enttäuschung breit, weil sich dieser Weiheakt nicht direkt an die Gottesmutter gewandt hatte und weil sie nicht vor einer Fatima-Statue vollzogen wurde.

Dieser Kritik schloß sich zB. der Theologe Dr. Rudolf Graber an (der spätere Bischof von Regensburg). Dem Fatima-Buchautor Johannes Maria Höcht war die Weihefeier zu “erbaulich”; auch schien sie “nicht über den Rahmen einer gewöhnlichen Marienfeier hinauszugehen”, wie er damals in der Zeitschrift “Maria Königin in Christi Reich” bemängelte.

Vermutlich bevorzugten die deutschen Bischöfe bewußt ein Marienbild, auf dem die Gottesmutter das Christuskind trägt  –  und das zudem seit langem altbewährt ist, wie dies beim über 400 Jahre alten Frauenberger Gnadenbild der Fall ist. Bei der Fatima-Statue ist hingegen allein die Madonna zu sehen   –  und auch ihr “künstlerischer” Wert liegt weit unter dem einer “klassischen” Mariendarstellung.

Überdies mißfiel es manchen Marienverehrern, daß die Weiheformel keine “Sühne gegenüber dem Unbefleckten Herzen Mariens” ausgedrückt habe, wie dies von Sr. Lucia  (Fatima) ausdrücklich gewünscht worden sei.

Dies beanstandet die traditionsorientierte Priesterbruderschaft St. Pius auch heute noch; dabei sollte sie wenigstens konsequent sein und erwähnen, daß dieser speziell-marianische “Sühne”-Aspekt auch bei der “Weltweihe” von Papst Pius XII. fehlte   –  also durchaus nicht allein bei der Deutschlandweihe der deutschen Bischöfe. (Abgesehen davon, daß eine “Sühne” gegenüber dem “Unbefleckten Herzen Mariens” weder in den Texten des 2000-jährigen kirchl. Lehramts noch in der klassischen Theologie zu finden ist, folglich zunächst einmal der theologischen Klärung bedürfte.)

Doch es liegt nahe, daß die deutschen Bischöfe ihr Weihegebet nicht allzu direkt an eine  –  wenngleich kirchlich genehmigte  –   “Privatoffenbarung” anlehnen wollten, da auch anerkannte Erscheinungen nicht verpflichtend für die katholischen Gläubigen sind. Warum sollten spezielle Inhalte aus einer Privatoffenbarung  in eine “amtliche”  Weiheformel integriert werden, die doch das ganze Kirchenvolk erreichen und “vertreten” möchte?!

Zum Einwand, die Gottesmutter sei nicht direkt angeredet worden:  Tatsächlich sprach der Kardinal  in seinem Weihegebet von der hl. Maria stets in der dritten Person („Wir weihen uns ihrem makellosen Herzen…“)  –  und wandte sich im Gebet  allein an den allmächtigen Gott „durch Christus, unseren HERRN“.

Dieses Vorgehen entspricht freilich einer sog. „liturgische Haltung“, denn dasselbe geschah und geschieht auch in der hl. Messe, sei es die „alte“ oder „neue“ Liturgie: auch hier findet im eucharistischen  Hochgebet keine direkte Ansprache an Maria statt; vielmehr richten sich die priesterlichen Gebete  stets an Gott (meist Gott-Vater, mitunter auch Gott-Sohn); die Gottesmutter wird darin gepriesen und gewürdigt, aber nicht unmittelbar angesprochen. Von dieser „liturgischen Haltung“ ist eben auch die Deutschlandweihe der Bischöfe geprägt.

Klar ist natürlich: Selbstverständlich darf man die Gottesmutter direkt im Gebet ansprechen; das hat bereits der Engel Gottes getan, als er die seligste Jungfrau begrüßte: „Sei gegrüßt, Du Gnadenvolle, der HERR ist mit Dir!“  – Diesem Beispiel des Engels Gabriel dürfen und sollen wir jederzeit nacheifern  – dies geschieht auch beispielsweise bei Maiandachten, kirchenlichen Marienfeiern usw.

Doch eine „Deutschlandweihe“ ist kein privates Gebet, sondern eine feierliche kirchliche Handlung. Den Bischöfen kam es bei ihrer Deutschlandweihe offenbar darauf an, zu verdeutlichen, daß man sich gewiß bei jeder marianischen „Weihehandlung“ gläubig der Fürsprache unserer Madonna anvertraut, daß aber der „eigentliche“ Adressat einer Weihe letztlich einzig und allein GOTT selber ist.

Felizitas Küble, Leiterin des kath. KOMM-MiT-Verlags und des Christoferuswerks in Münster


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