Papst Benedikt verteidigt in seiner Weihnachtsansprache entschieden die Würde und Bedeutung von Ehe und Familie

Der Papst in brennender Sorge:Die Familie ist bis auf den Grund bedroht

Vollständiger Wortlaut seiner Rede vor der vatikanischen Kurie vom 21.12.2012:

Mit großer Freude begegne ich ihnen heute, liebe Mitglieder des Kardinalskollegiums sowie Vertreter der Römischen Kurie und des Governatoratos an diesem traditionellen Moment vor dem Weihnachtsfest.

Herzlich begrüße ich jeden einzelnen, angefangen bei Kardinal Angelo Sodano, dem ich für seine schönen Worte und die herzlichen Glückwünsche danke, die er auch in Ihrem Namen an mich gerichtet hat. RadioVatikan

Der Kardinal-Dekan hat uns an einen Satz erinnert, der in der lateinischen Liturgie in diesen Tagen häufig wiederkehrt: Prope est iam Dominus, venite, adoremus!  – Der Herr ist nahe, kommt, wir beten ihn an!

Auch wir machen uns bereit, in der Grotte von Bethlehem das Kind anzubeten, das Gott selber ist  –  der Gott, der uns so nahe gekommen ist, daß er ein Mensch wurde wie wir.

Gerne erwidere ich die Glückwünsche und danke allen von Herzen, einschließlich der Päpstlichen Vertreter in aller Welt, für ihre großherzige und qualifizierte Mitarbeit, mit der jeder von Ihnen zu meinem Dienst beisteuert.

Wir stehen am Ende eines Jahres, das wieder in Kirche und Welt von vielerlei Bedrängnissen, von großen Fragen und Herausforderungen, aber auch von Zeichen der Hoffnung geprägt war.

Ich nenne nur einige Einschnitte im Bereich des Lebens der Kirche und meines Petrusdienstes. Da waren zunächst die Reisen nach Mexiko und Kuba  –  unvergeßliche Begegnungen mit der tief im Herzen der Menschen verwurzelten Kraft des Glaubens und mit der Freude am Leben, die aus dem Glauben kommt.

Ich denke daran, wie nach der Ankunft in Mexiko auf dem langen Weg, der zu durchfahren war, endlose Scharen von Menschen grüßten und winkten. Ich denke daran, wie auf der Fahrt nach Guanajuato, der malerischen Hauptstadt des gleichnamigen Staates, junge Menschen ehrfürchtig an der Seite der Straße knieten, um den Segen des Petrusnachfolgers zu empfangen; wie der große Gottesdienst in der Nähe der Christkönigs-Statue zu einer Vergegenwärtigung von Christi Königtum wurde  –  seines Friedens, seiner Gerechtigkeit, seiner Wahrheit.  1_0_649565

Dies alles geschah auf dem Hintergrund der Probleme eines Landes, das unter vielfältigen Formen der Gewalt und unter den Nöten wirtschaftlicher Abhängigkeit leidet. Es sind Probleme, die gewiß nicht einfach durch Frömmigkeit gelöst werden können, aber erst recht nicht ohne jene innere Reinigung der Herzen, die aus der Kraft des Glaubens, aus der Begegnung mit Jesus Christus kommt.

Und da war das Erlebnis Kuba  –  auch hier die großen Gottesdienste, in deren Singen, Beten und Schweigen die Gegenwart dessen spürbar wurde, dem man den Platz im Land lange hatte verweigern wollen. Die Suche nach einem rechten Ansatz für das Verhältnis von Bindung und Freiheit in diesem Land kann gewiß nicht gelingen ohne einen Anhalt an jene Maßstäbe, die der Menschheit in der Begegnung mit dem Gott Jesu Christi aufgegangen sind.

Als weitere Haltepunkte des vergangenen Jahres möchte ich nennen: das große Fest der Familie in Mailand sowie den Besuch im Libanon mit der Übergabe des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens, das nun im Leben der Kirchen und der Gesellschaft des Nahen Ostens Wegweisung werden soll auf den schwierigen Wegen der Einheit und des Friedens.

Das letzte wichtige Ereignis dieses abgelaufenen Jahres war dann die Synode über die Neuevangelisierung, die zugleich ein gemeinsamer Beginn für das Glaubensjahr gewesen ist, mit dem wir der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren gedenken, um es in der veränderten Situation neu zu verstehen und neu anzueignen.

Mit all diesen Anlässen sind grundlegende Themen unseres geschichtlichen Augenblicks angesprochen: Familie (Mailand) – Dienst am Frieden in der Welt und Dialog der Religionen (Libanon) sowie die Verkündigung der Botschaft Jesu Christi in unserer Zeit an jene, die ihm noch nicht begegnet sind und an die vielen, die ihn nur von außen kennen und so gerade nicht er-kennen.

Foto: L. Börger

Von diesen großen Themenkreisen möchte ich vor allem das Thema Familie und das Wesen des Dialogs etwas näher beleuchten, um dann noch eine kurze Anmerkung über das Thema der Neu-Evangelisierung anzufügen.

In der Familie werden Grundformen des Menschseins weitergegeben

Die große Freude, mit der in Mailand Familien aus aller Welt einander begegnet sind, zeigt, daß die Familie trotz aller gegenteiligen Eindrücke auch heute stark und lebendig ist. Aber unbestreitbar ist doch auch die Krise, die sie  –  besonders in der westlichen Welt  –  bis auf den Grund bedroht.

Es war beeindruckend, daß in der Synode immer wieder die Bedeutung der Familie als der genuine Ort herausgestellt wurde, in dem die Grundformen des Menschseins weitergegeben werden. Sie werden erlernt, indem sie miteinander gelebt und auch erlitten werden.

So wurde deutlich, daß es bei der Frage nach der Familie nicht nur um eine bestimmte Sozialform geht, sondern um die Frage nach dem Menschen selbst  –  um die Frage, was der Mensch ist und wie man es macht, auf rechte Weise ein Mensch zu sein.

Die Herausforderungen, um die es dabei geht, sind vielschichtig.

Da ist zunächst die Frage nach der Bindungsfähigkeit oder nach der Bindungslosigkeit des Menschen. Kann er lebenslang sich binden? Ist das seinem Wesen gemäß? Widerspricht es nicht seiner Freiheit und der Weite seiner Selbstverwirklichung? Wird der Mensch er selber, indem er für sich bleibt und zum anderen nur Beziehungen eingeht, die er jederzeit wieder abbrechen kann? Ist Bindung für ein Leben lang ein Gegensatz zur Freiheit? Ist die Bindung auch des Leidens wert?

Flucht vor der Geduld des Leidens

Die Absage an die menschliche Bindung, die sich von einem falschen Verständnis der Freiheit und der Selbstverwirklichung her wie in der Flucht vor der Geduld des Leidens immer mehr ausbreitet, bedeutet, daß der Mensch in sich bleibt und sein Ich letztlich für sich selbst behält, es nicht wirklich überschreitet.

Aber nur im Geben seiner Selbst kommt der Mensch zu sich selbst  –  und nur indem er sich dem anderen, den anderen, den Kindern, der Familie öffnet, nur indem er im Leiden sich selbst verändern läßt, entdeckt er die Weite des Menschseins.

Mit der Absage an diese Bindung verschwinden auch die Grundfiguren menschlicher Existenz: Vater, Mutter, Kind; es fallen wesentliche Weisen der Erfahrung des Menschseins weg. Leben.usa

Der Großrabbiner von Frankreich, Gilles Bernheim, hat in einem sorgfältig dokumentierten und tief bewegenden Traktat gezeigt, daß der Angriff auf die wahre Gestalt der Familie aus Vater, Mutter, Kind, dem wir uns heute ausgesetzt sehen, noch eine Dimension tiefer reicht.

Hatten wir bisher ein Mißverständnis des Wesens menschlicher Freiheit als einen Grund für die Krise der Familie gesehen, so zeigt sich nun, daß dabei die Vision des Seins selbst, dessen, was Menschsein in Wirklichkeit bedeutet, im Spiel ist. Er zitiert das berühmt gewordene Wort von Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Frau geboren, sondern man wird dazu gemacht“. („On ne naît pas femme, on le devient“).

In diesen Worten ist die Grundlegung dessen gegeben, was man heute unter dem Stichwort „gender“ als neue Philosophie der Geschlechtlichkeit darstellt. Das Geschlecht ist nach dieser Philosophie nicht mehr eine Vorgabe der Natur, die der Mensch annehmen und persönlich mit Sinn erfüllen muß, sondern es ist eine soziale Rolle, über die man selbst entscheidet, während bisher die Gesellschaft darüber entschieden habe.

“Gender-Theorie ist zutiefst unwahr”

Die tiefe Unwahrheit dieser Theorie und der in ihr liegenden anthropologischen Revolution ist offenkundig. Der Mensch bestreitet, daß er eine von seiner Leibhaftigkeit vorgegebene Natur hat, die für das Wesen Mensch kennzeichnend ist.

Er leugnet seine Natur und entscheidet, daß sie ihm nicht vorgegeben ist, sondern daß er selber sie macht.

Nach dem biblischen Schöpfungsbericht gehört es zum Wesen des Geschöpfes Mensch, daß er von Gott als Mann und als Frau geschaffen ist. Diese Dualität ist wesentlich für das Menschsein, wie Gott es ihm gegeben hat.

Gemälde: Evita Gründler

Gemälde: Evita Gründler

Gerade diese Dualität als Vorgegebenheit wird bestritten. Es gilt nicht mehr, was im Schöpfungsbericht steht: „Als Mann und Frau schuf ER sie“ (Gen 1, 27).

Nein, nun gilt, nicht ER schuf sie als Mann und Frau; die Gesellschaft hat es bisher getan  –  und nun entscheiden wir selbst darüber. Mann und Frau als Schöpfungswirklichkeiten, als Natur des Menschen gibt es nicht mehr. Der Mensch bestreitet seine Natur. Er ist nur noch Geist und Wille.

Die Manipulation der Natur, die wir heute für unsere Umwelt beklagen, wird hier zum Grundentscheid des Menschen im Umgang mit sich selber. Es gibt nur noch den abstrakten Menschen, der sich dann so etwas wie seine Natur selber wählt.

Mann und Frau sind in ihrem Schöpfungsanspruch als einander ergänzende Gestalten des Menschseins bestritten. Wenn es aber die von der Schöpfung kommende Dualität von Mann und Frau nicht gibt, dann gibt es auch Familie als von der Schöpfung vorgegebene Wirklichkeit nicht mehr.

“Auch das Kind verliert seine ihm eigene Würde”

Dann hat aber auch das Kind seinen bisherigen Ort und seine ihm eigene Würde verloren. Bernheim zeigt, daß es nun notwendig aus einem eigenen Rechtssubjekt zu einem Objekt wird, auf das man ein Recht hat und das man sich als sein Recht beschaffen kann.

Wo die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens wird, dort wird notwendigerweise der Schöpfer selbst geleugnet und damit am Ende auch der Mensch als göttliche Schöpfung, als Ebenbild Gottes im Eigentlichen seines Seins entwürdigt.

Im Kampf um die Familie geht es um den Menschen selbst. Und es wird sichtbar, daß dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des Menschen sich auflöst.

Wer Gott verteidigt, verteidigt den Menschen.

Damit möchte ich zum zweiten großen Thema kommen, das sich von Assisi bis zur Synode über die Neuevangelisierung durch das vergangene Jahr hindurchzieht  –  zur Frage über Dialog und Verkündigung. Sprechen wir zunächst vom Dialog.

Ich sehe für die Kirche in unserer Zeit vor allem drei Dialogfelder, in denen sie im Ringen um den Menschen und sein Menschsein präsent sein muß: den Dialog mit den Staaten; den Dialog mit der Gesellschaft  –  und darin enthalten der Dialog mit den Kulturen und mit der Wissenschaft sowie schließlich den Dialog mit den Religionen.

Foto: KOMM-MiT-Verlag

Foto: KOMM-MiT-Verlag

“Die Kirche lebt vom Licht, das der Glaube schenkt”

In allen diesen Dialogen spricht die Kirche von dem Licht her, das ihr der Glaube schenkt. Sie verkörpert aber zugleich das Gedächtnis der Menschheit, das von den Anfängen her über die Zeiten hin Gedächtnis der Erfahrungen und der Erleidnisse der Menschheit ist, in denen sie das Menschsein gelernt, seine Grenzen und seine Größe, seine Möglichkeiten und seine Begrenzungen erfahren hat.

Die Kultur des Humanen, für die sie einsteht, ist aus der Begegnung zwischen Gottes Offenbarung und menschlicher Existenz gewachsen.

Die Kirche vertritt das Gedächtnis des Menschseins gegenüber einer Zivilisation des Vergessens, die nur noch sich selbst und ihre eigenen Maßstäbe kennt.

Aber wie ein Mensch ohne Gedächtnis seine Identität verloren hat, so verlöre auch eine Menschheit ohne Gedächtnis ihre Identität. Was der Kirche in der Begegnung von göttlicher Offenbarung und menschlicher Erfahrung gezeigt wurde, reicht zwar über den Bereich der eigenen Vernunft hinaus, ist aber nicht eine Sonderwelt, die den Nichtglaubenden nichts anginge.

Im Mitdenken und Mitverstehen des Menschen weitet es den Horizont der Vernunft und geht so auch diejenigen an, die den Glauben der Kirche nicht teilen können.

Im Dialog mit dem Staat und mit der Gesellschaft hält die Kirche für die einzelnen Fragen gewiß keine fertigen Lösungen bereit. Sie wird mit den anderen gesellschaftlichen Kräften um die Antworten ringen, die am meisten dem rechten Maß des Menschseins entsprechen.

“Grundwerte des Menschseins mit aller Klarheit vertreten”

Was sie als konstitutive und nicht verhandelbare Grundwerte des Menschseins erkannt hat, dafür muß sie mit aller Klarheit eintreten. Sie muß alles tun, um Überzeugung zu schaffen, die dann zu politischem Handeln werden kann.

In der heutigen Situation der Menschheit ist der Dialog der Religionen eine notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt und darum eine Pflicht für die Christen wie für die anderen Religionsgemeinschaften. Dieser Dialog der Religionen hat verschiedene Dimensionen.

Er wird zuallererst einfach ein Dialog des Lebens, ein Dialog des Miteinanders sein. Dabei wird man nicht von den großen Themen des Glaubens sprechen  –  ob Gott trinitarisch ist oder wie Inspiration der Heiligen Schriften zu verstehen sei usw.

Es geht um die konkreten Probleme des Miteinander und um die gemeinsame Verantwortung für die Gesellschaft, für den Staat, für die Menschheit. Dabei muß man lernen, den anderen in seinem Anderssein und Andersdenken anzunehmen. Dafür ist es nötig, die gemeinsame Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden zum Maßstab des Gesprächs zu machen. Ein Dialog, in dem es um Friede und Gerechtigkeit geht, wird von selbst über das bloß Pragmatische hinaus zu einem ethischen Ringen um die Wertungen, die allem vorangehen.

Foto: Konrad Ruprecht

Foto: K. Ruprecht

So wird der zunächst rein praktische Dialog doch auch zu einem Ringen um das rechte Menschsein. Auch wenn die Grundentscheide als solche nicht zur Debatte stehen, wird das Mühen um eine konkrete Frage zu einem Prozeß, in dem durch das Hören auf den anderen beide Seiten Reinigung und Bereicherung empfangen können.

So kann dieses Mühen auch gemeinsame Schritte auf die eine Wahrheit hin bedeuten, ohne daß die Grundentscheide geändert werden. Wenn beide Seiten von einer Hermeneutik der Gerechtigkeit und des Friedens ausgehen, so wird die Grunddifferenz nicht verschwinden, aber es wächst doch auch eine tiefere Nähe zueinander.

Für das Wesen des interreligiösen Dialogs werden heute im allgemeinen zwei Regeln als grundlegend angesehen:

1) Der Dialog zielt nicht auf Bekehrung, sondern auf Verstehen. Dadurch unterscheidet er sich von der Evangelisierung, von der Mission.

2) Demgemäß verbleiben bei diesem Dialog beide Seiten bewußt in ihrer Identität, die sie im Dialog für sich und für den anderen nicht in Frage stellen.

Diese Regeln sind richtig, aber ich finde sie doch in dieser Form zu vordergründig formuliert. Ja, der Dialog zielt nicht auf Bekehrung, sondern auf gegenseitiges besseres Verstehen  –  das ist richtig.

Aber die Suche nach Erkennen und Verstehen will doch immer auch Annäherung an die Wahrheit sein. Beide Seiten sind so im stückweisen Zugehen auf Wahrheit auf dem Weg nach vorn und zu größerer Gemeinsamkeit, die von der Einheit der Wahrheit gestiftet wird.

Was das Festhalten an der eigenen Identität betrifft: Es wäre zu wenig, wenn der Christ mit seinem Identitätsentscheid sozusagen vom Willen her den Weg zur Wahrheit abbrechen würde. Dann wird sein Christsein etwas Willkürliches, bloß Positives. Er rechnet dann offenbar gar nicht damit, daß man es in der Religion mit Wahrheit zu tun bekommt.

Demgegenüber würde ich sagen, der Christ habe das große Grundvertrauen, ja, die große Grundgewißheit, daß er ruhig ins offene Meer der Wahrheit hinausfahren könne, ohne um seine Identität als Christ fürchten zu müssen.

“Wir haben die Wahrheit nicht, aber die Wahrheit hat uns: Christus, der die Wahrheit ist”

Gewiß, wir haben die Wahrheit nicht, aber sie hat uns: Christus, der die Wahrheit ist, hat uns bei der Hand genommen  –  und wir wissen auf dem Weg unseres Ringens um Erkenntnis, daß seine Hand uns festhält.

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

Das innere Gehaltensein des Menschen von der Hand Christi macht uns frei und zugleich sicher.

Frei  –  wenn wir von ihm gehalten sind, können wir offen und angstlos in jeden Dialog eintreten. Sicher sind wir, weil er uns nicht losläßt, wenn wir nicht selbst uns von ihm lösen. Mit ihm eins stehen wir im Licht der Wahrheit.

Am Schluß soll wenigstens noch ein kurzes Wort über die Verkündigung, die Evangelisierung stehen, über die ja das Postsynodale Dokument im Anschluß an die Vorschläge der Väter ausführlich sprechen wird.

Ich finde, daß die wesentlichen Elemente der Evangelisierung sehr sprechend in der Schilderung des hl. Johannes von der Berufung zweier Täufer-Jünger zum Vorschein kommen, die zu Jüngern Christi werden (Joh 1, 35 – 39):

“Wir haben den Messias gefunden!”

Da ist zunächst der einfache Akt der Verkündigung. Johannes der Täufer zeigt auf Jesus hin und sagt: „Seht, das Lamm Gottes!“

Der Evangelist erzählt wenig später ein ähnliches Geschehen. Diesmal ist es Andreas, der zu seinem Bruder Simon sagt:

Das erste und grundlegende Element ist die schlichte Verkündigung, das Kerygma, das seine Kraft aus der inneren Überzeugung des Verkündigers schöpft. In der Erzählung von den zwei Jüngern folgt dann das Hören und das hinter Jesus Hergehen, das noch nicht Nachfolge, sondern eher eine heilige Neugier, eine Suchbewegung ist.

Beide sind ja Menschen, die Suchende sind, Menschen, die über den Alltag hinaus in der Erwartung Gottes leben  –  in der Erwartung, daß er da ist und daß er sich zeigen wird. Von der Verkündigung angerührt, wird ihr Suchen konkret. Sie wollen den näher kennenlernen, den der Täufer als Lamm Gottes bezeichnet hatte.

Der dritte Akt kommt dadurch in Gang, daß Jesus sich umwendet, sich ihnen zukehrt und sie fragt: „Was sucht ihr?“

Die Antwort der beiden ist wiederum eine Frage, die die Offenheit ihres Wartens anzeigt, die Bereitschaft zu neuen Schritten. Sie fragen: „Rabbi, wo wohnst du?

Jesu Antwort: „Kommt und seht!“ ist eine Aufforderung mitzugehen und im Mitgehen mit ihm sehend zu werden.

Von der heiligen Neugier, Christus näher kennenzulernen

Das Wort der Verkündigung wird da wirksam, wo im Menschen die hörende Bereitschaft für die Nähe Gottes da ist; wo der Mensch innerlich auf der Suche und so unterwegs zum HERRN hin ist. Dann trifft ihn die Zuwendung Jesu ins Herz hinein –  und dann wird die Begegnung mit der Verkündigung zur heiligen Neugier, Jesus näher kennenzulernen.

Dieses Mitgehen führt dorthin, wo Jesus wohnt, in die Gemeinschaft der Kirche, die sein Leib ist. Es bedeutet Eintreten in die Weggemeinschaft der Katechumenen, die zugleich Lern- und Lebensgemeinschaft ist, in der wir im Mitgehen Sehende werden.

„Kommt und seht!“  –  Dieses Wort, das Jesus zu den beiden suchenden Jüngern sagt, sagt er auch zu den suchenden Menschen von heute.

Am Ende des Jahres wollen wir den HERRN darum bitten, daß die Kirche trotz all ihrer Armseligkeiten immer mehr als seine Wohnstatt erkennbar wird.

Wir bitten ihn, daß er auch uns im Hingehen zu seinem Haus immer mehr sehend macht; daß wir immer besser, immer überzeugender sagen können: Wir haben den gefunden, auf den alle Welt wartet, Jesus Christus, wahrer Sohn Gottes und wahrer Mensch.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen von Herzen gesegnete Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr.

Quelle (Text/Papst-Fotos): Radio Vatikan


Predigt von Papst Benedikt am 28. Oktober 2012 zum Abschluß der Weltbischofssynode

Vollständiger Wortlaut der bibelexegetischen Predigt im Petersdom über die Heilung des Bartimäus

Verehrte Mitbrüder,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Brüder und Schwestern!

Das Wunder der Heilung des blinden Bartimäus hat im Aufbau des Markusevangeliums einen besonderen Platz. Es steht nämlich am Ende des Abschnittes, der als der „Weg nach Jerusalem” bezeichnet wird, das heißt die letzte Pilgerreise Jesu in die Heilige Stadt zum Paschafest beschreibt, wo ihn, wie er weiß, Leiden, Tod und Auferstehung erwarten. 

Um vom Jordantal aus nach Jerusalem hinaufzugehen, kommt Jesus durch Jericho  –  und die Begegnung mit Bartimäus ereignet sich am Ausgang der Stadt, „als er”, wie der Evangelist anmerkt, „mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ” (10,46). Es ist jene Menschenmenge, die bald darauf Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem als Messias bejubelte.

Am Straßenrand saß also der Bettler Bartimäus, der „Sohn des Timäus”  –  so erklärt der Evangelist den Namen. Das gesamte Markusevangelium ist ein Weg des Glaubens, der sich schrittweise unter der Anleitung Jesu entfaltet. Die Jünger sind die ersten Protagonisten dieser Entdeckungsreise, doch es gibt auch andere Personen, die dabei eine wichtige Rolle spielen  –  und einer von ihnen ist Bartimäus.

Seine Heilung ist die letzte Wunderheilung, die Jesus vor seinem Leiden vollzieht, und nicht zufällig ist es die eines Blinden, eines Menschen also, dessen Augen das Licht verloren haben. Auch aus anderen Texten wissen wir, dass der Zustand der Blindheit in den Evangelien reich an Bedeutung ist. Er steht für den Menschen, der das Licht Gottes, das Licht des Glaubens braucht, um die Realität wirklich zu erkennen und auf dem Weg des Lebens zu gehen.

Wenn Menschen sich die eigene Blindheit nicht eingestehen, bleiben sie für immer blind

Es ist wesentlich, sich die eigene Blindheit, den Bedarf an diesem Licht einzugestehen, sonst bleibt man für immer blind (vgl. Joh 9,39-41).

Bartimäus wird also an diesem strategischen Punkt der Erzählung als Modell vorgestellt. Er ist nicht von Geburt an blind, sondern hat das Sehvermögen verloren: Er ist der Mensch, der das Licht verloren hat und sich dessen bewusst ist, der aber nicht die Hoffnung verloren hat, sondern die Gelegenheit einer Begegnung mit Jesus zu ergreifen weiß und sich ihm anvertraut, um geheilt zu werden.

Als er nämlich hört, dass der Meister auf seinem Weg vorbeikommt, ruft er: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!” (Mk 10,47) und wiederholt dies mit Nachdruck (v. 48). Und als Jesus ihn ruft und ihn fragt, was er von ihm erbitte, antwortet er: „Rabbuni, ich möchte wieder sehen können!” (v. 51).

Bartimäus steht für den Menschen, der das eigene Übel erkennt und im Vertrauen, geheilt zu werden, den Herrn anruft. Seine einfache und ehrliche Bitte ist beispielhaft und in der Tat  –  wie jene des Zöllners im Tempel: „Gott, sei mir Sünder gnädig!” (Lk 18,13)  – in die Tradition des christlichen Betens eingegangen.

In der gläubigen Begegnung mit Christus gewinnt Bartimäus das verlorene Licht zurück und mit ihm seine volle Würde: Er erhebt sich und nimmt seinen Weg wieder auf; von jenem Moment an hat er einen, der ihn führt, Jesus, und einen klaren Kurs, denselben, den Jesus beschreitet.

Foto: KOMM-MIT-Verlag

Der Evangelist sagt uns dann nichts mehr über Bartimäus, doch in ihm stellt er uns vor Augen, wer der wahre Jünger ist: derjenige, der mit dem Licht des Glaubens Jesus „auf seinem Weg” folgt (v. 52).

Der heilige Augustinus macht in einer seiner Schriften eine ganz eigene Beobachtung zur Gestalt des Bartimäus, eine Beobachtung, die auch für uns heute interessant und bedeutungsvoll sein kann.

Der heilige Bischof von Hippo denkt über die Tatsache nach, dass Markus in diesem Fall nicht nur den Namen des Geheilten nennt, sondern auch den seines Vaters, und kommt zu dem Schluß, daß „Bartimäus, der Sohn des Timäus, eine Persönlichkeit war, die aus sehr großem Wohlstand herausgefallen war. Seine Notlage musste allgemein bekannt sein, da er nicht nur blind war, sondern am Straßenrand saß und bettelte.

Darum wollte Markus [im Unterschied zu Matthäus] nur ihn erwähnen: Daß er es war, der das Augenlicht wiedererlangt hatte, verlieh dem Wunder eine Resonanz, die ebenso groß war wie das Gerede über das Unglück, das dem Blinden zugestoßen war” (De consensu evangelistarum, 2, 65, 125: PL 34, 1138). Soweit Augustinus.

Diese Interpretation, daß Bartimäus ein Mensch sei, der aus einer Situation „großen Wohlstands” herausgefallen ist, gibt uns zu denken; sie will uns bewusst machen, dass es kostbare Schätze für unser Leben gibt, die wir verlieren können und die nicht materieller Art sind.

Wenn das Licht des Glaubens schwach wird, verlieren Menschen einen großen Schatz

Aus dieser Sicht könnte Bartimäus für diejenigen stehen, welche in Gebieten alter christlicher Tradition leben, wo das Licht des Glaubens schwach geworden ist, und die sich von Gott entfernt haben, ihn nicht mehr als für das Leben wichtig ansehen:

Menschen, die daher einen großen Schatz verloren haben, aus einer hohen Würde  –  nicht der wirtschaftlichen Situation oder der irdischen Macht, sondern des Christentums  –  „herausgefallen” sind; Menschen, welche die sichere und feste Lebensorientierung verloren haben und – oft unbewusst – zu Bettlern um den Sinn des Lebens geworden sind.

Es sind die vielen, die einer neuen Evangelisierung bedürfen, d. h. einer neuen Begegnung mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes (vgl. Mk 1,1), der ihnen wieder die Augen öffnen und den Weg weisen kann.

Es ist bedeutsam, daß die Liturgie uns zum Abschluss der Synodenversammlung das Evangelium von Bartimäus vorlegt. Dieses Wort Gottes hat besonders uns etwas zu sagen, die wir uns in diesen Tagen mit der Dringlichkeit auseinandergesetzt haben, Christus dort neu zu verkünden, wo das Licht des Glaubens schwach geworden ist, wo das Feuer Gottes einer Glut gleicht, die angefacht werden muss, damit sie zu einer lebendigen Flamme wird, die dem ganzen Haus Licht und Wärme spendet.

Foto: Dr. Bernd F. Pelz

Die neue Evangelisierung betrifft das gesamte Leben der Kirche. Sie geht in erster Linie die gewöhnliche Seelsorge an, die mehr vom Feuer des Heiligen Geistes belebt sein muss, um die Herzen der Gläubigen zu entzünden, die sich regelmäßig in der Gemeinde zusammenfinden und sich am Tag des Herrn versammeln, um sich vom Wort Gottes und vom Brot ewigen Lebens zu ernähren.

Die Sakramente des HERRN rufen uns zur Heiligkeit

Ich möchte hier drei pastorale Linien hervorheben, die sich aus der Synode ergeben haben. Die erste betrifft die Sakramente der christlichen Initiation. Es wurde erneut auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Vorbereitung auf die Taufe, die Firmung und die Eucharistie mit einer geeigneten Katechese zu begleiten.

Ebenso wurde die Bedeutung der Beichte, des Sakraments der Barmherzigkeit Gottes, bekräftigt. Über diesen sakramentalen Weg ergeht der an alle Christen gerichtete Ruf des Herrn zur Heiligkeit. Tatsächlich ist mehrmals betont worden, daß die wahren Protagonisten der neuen Evangelisierung die Heiligen sind: Sie sprechen mit dem Beispiel ihres Lebens und den Werken der Nächstenliebe eine Sprache, die allen verständlich ist.

An zweiter Stelle ist die neue Evangelisierung im Wesentlichen verknüpft mit der missio ad gentes. Die Kirche hat die Aufgabe zu evangelisieren, die Heilsbotschaft den Menschen zu verkünden, die Jesus Christus noch nicht kennen.

Auch im Laufe der Überlegungen der Synode wurde unterstrichen, daß es in Afrika, Asien und Ozeanien viele Gegenden gibt, deren Bewohner die Erstverkündigung des Evangeliums sehnlich erwarten, manchmal ohne sich dessen voll bewußt zu sein. Darum muß man zum Heiligen Geist beten, daß er in der Kirche einen neuen Missionseifer entfache, dessen Protagonisten in besonderer Weise die Seelsorgehelfer und die gläubigen Laien sein sollen.

Alle Christen haben die Pflicht, das Evangelium zu verkünden

Die Globalisierung hat eine beachtliche Bevölkerungsverschiebung verursacht; so wird die Erstverkündigung auch in den Ländern alter christlicher Tradition notwendig. Alle Menschen haben das Recht, Jesus Christus und sein Evangelium kennenzulernen; dem entsprechend haben die Christen, alle Christen  –  Priester, Ordensleute und Laien  –  die Pflicht, die Frohe Botschaft zu verkünden.

Ein dritter Aspekt betrifft die Getauften, die jedoch in ihrer Lebensweise den Ansprüchen der Taufe nicht gerecht werden. Im Laufe der Synodenarbeit wurde deutlich, dass es solche Menschen in allen Kontinenten gibt, besonders in den am stärksten säkularisierten Ländern. Die Kirche widmet ihnen besondere Aufmerksamkeit, damit sie Jesus Christus erneut begegnen, die Freude des Glaubens wiederentdecken und zur Ausübung der Religion in der Gemeinschaft der Gläubigen zurückkehren. 

Foto: KOMM-MIT-Verlag

Außer den nach wie vor wertvollen traditionellen pastoralen Methoden versucht die Kirche ebenso neue Methoden anzuwenden, indem sie sich auch neuer Ausdrucksweisen bedient, die den verschiedenen Kulturen der Welt angepasst sind, und die Wahrheit Christi im Dialog und in einer Atmosphäre der Freundschaft anbietet, die in Gott, der die Liebe ist, ihr Fundament hat. In verschiedenen Teilen der Welt hat die Kirche diesen Weg der kreativen Pastoral bereits eingeschlagen, um die Menschen zu erreichen, die sich entfernt haben oder auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, nach Glück und letztlich nach Gott sind.

Wir erinnern an einige wichtige Stadtmissionen, an den „Vorhof der Völker”, an die Kontinentalmission usw. Es besteht kein Zweifel, dass der Herr, der Gute Hirt, diese Bemühungen, die aus dem Eifer für seine Person und sein Evangelium hervorgehen, reichlich segnen wird.

Die Freude an Gott ist unsere Stärke

Liebe Brüder und Schwestern, nachdem Bartimäus von Jesus das Augenlicht zurückerhalten hatte, schloss er sich der Jüngerschar an, unter denen es sicher noch andere gab, die wie er vom Meister geheilt worden waren.

Ebenso sind die neuen Glaubensboten: Es sind Menschen, die die Erfahrung gemacht haben, durch Jesus Christus von Gott geheilt worden zu sein. Und ihr charakteristisches Merkmal ist eine Herzensfreude, die mit dem Psalmisten sagt: „Großes hat der Herr an uns getan. Da waren wir fröhlich” (Ps 126,3).

Auch wir wenden uns heute in froher Dankbarkeit an Jesus, den HERRN, der Redemptor hominis (Erlöser der Menschen) und Lumen gentium  (Licht der Völker) ist  –  und wir machen uns ein Gebet des heiligen Klemens von Alexandrien zu eigen:

„Bis jetzt bin ich umhergeirrt in der Hoffnung, Gott zu finden, doch da Du mich erleuchtest, o Herr, finde ich Gott durch dich und empfange den Vater von dir, werde dein Miterbe, denn du hast dich nicht geschämt, mich zum Bruder zu haben.

Vertreiben wir also die Vergessenheit der Wahrheit, die Unwissenheit: Indem wir die Finsternis, die wie Nebel vor den Augen die Sicht behindert, beiseiteschieben, betrachten wir den wahren Gott (…), denn ein Licht vom Himmel erstrahlte über uns, die wir in der Finsternis begraben und im Schatten des Todes gefangen waren, ein Licht, reiner als die Sonne und süßer als das Leben hier auf Erden” (Protreptikòs113,2 – 114,1).

Quelle: Libreria Editrice Vaticana / kath. Nachrichtenagentur Zenit


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