“Zartbitter” beklagt: Die Politik läßt aktuelle Mißbrauchs-Betroffene “restlos” im Stich – “Medien schweigen darüber”

Pressemitteilung von “Zartbitter”, der bekannten Kölner Beratungsstelle für Mißbrauchsopfer:

Während in der Öffentlichkeit berechtigterweise diskutiert wird, dass sich die katholische Kirche bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen keineswegs immer mit Ruhm bekleckert hat, schweigen die Medien darüber, dass die Politik die aktuell von sexuellem Missbrauch betroffenen Mädchen und Jungen restlos im Stich lässt. 

KÖLN  -  Foto: Dr. Bernd F. Pelz

KÖLN - Foto: Dr. Bernd F. Pelz

Besonders enttäuscht ist Ursula Enders, Leiterin und Mitbegründerin von “Zartbitter” Köln, von der Bundeskanzlerin:

„Während ihrer Zeit als Familienministerin Anfang der 1990er Jahre entwickelte Frau Merkel ein überzeugendes Engagement für kindliche und jugendliche Opfer sexueller Gewalt. Sie führte eine Kampagne durch und veranstaltete z. B. eine große Konferenz auf der sie sogar „heiße Eisen“ anpackte wie die Thematik der organisierten sexuellen Ausbeutung von Mädchen und Jungen im Rahmen von Pornoproduktionen und rituellem Missbrauch.“

Nach der Aufdeckungswelle zahlreicher Missbrauchsfälle im Jahre 2010 erklärte die Bundeskanzlerin auf Anfrage, dass sie erst einmal die Ergebnisse des „Runden Tisches sexueller Missbrauch“ abwarten wolle ehe sie sich in die politische Diskussion einschalte.

Nun schlummern die fachlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen differenziert begründeten Empfehlungen des Runden Tisches schon ein Jahr auf den Schreibtischen der Politik, ohne dass Bund und Länder entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung der Hilfen für aktuell betroffene Kinder und Jugendliche umgesetzt hätten  –  und die Bundeskanzlerin schweigt immer noch.

Bis heute gibt es einen eklatanten Mangel an Beratungsangeboten für betroffene Jungen, das Angebot für Mädchen ist unzureichend. Die bestehenden Fachberatungsstellen gegen sexuellen Missbrauch sind z. T. chronisch unterfinanziert. Insbesondere in ländlichen Gebieten und in den neuen Bundesländern bleiben kindliche und jugendliche Opfer sexuellen Missbrauchs auch heute noch fast gänzlich ohne fachlich qualifizierte Hilfen.

Es fehlt durchgängig an Beratungsangeboten für Mädchen und Jungen mit Beeinträchtigungen und Migrationshintergrund. Dringend notwendige gesetzliche Verbesserungen für eine opfer- und zeugenschonende Praxis im Strafprozess wurden zwar vom Bundestag verabschiedet, werden jedoch vom Bundesrat seit Monaten auf Kosten der Opfer verschleppt.

Was ist die Ursache für die gesamtgesellschaftliche Ignoranz gegenüber dem Leid kindlicher und jugendlicher Opfer?  – Zum einen liegt dies sicherlich daran, dass die Medien im Rahmen ihrer ständigen Suche nach O-Tönen von Opfern, zahlreiche Berichte über die Situation von heute erwachsenen Betroffenen veröffentlicht haben.

Da man Kinder nicht vor die Kamera zerren kann, wurde die Situation der heutigen Opfer in der medialen Berichterstattung grob vernachlässigt. Dabei scheint die öffentlich bekundete Anteilnahme der Politik an den Langzeitfolgen von heute erwachsenen Betroffenen noch nicht einmal glaubwürdig: Bis heute warten die erwachsenen Betroffenen z. B. auf Entschädigungszahlungen und eine Verbesserung therapeutischer Unterstützungsangebote. (…)

Bundesweit haben sich Fachberatungsstellen gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen zusammengetan und eine Petition zur Verbesserung der Hilfen für kindliche und jugendliche Opfer sexuellen Missbrauchs gestartet. Sie finden die Petition auf den Webseiten von Fachstellen wie Zartbitter Köln, Wildwasser-Berlin oder Taúwetter Berlin oder direkt über den Link:

https://www.openpetition.de/petition/online/hilfen-fuer-sexuell-missbrauchte-maedchen-und-jungen-verbessern

 


“Zartbitter”-Chefin: “Sexueller Mißbrauch betrifft beide Kirchen gleich stark”

Ursula Enders: “Zölibatsdebatte ist im Sinne des Kinderschutzes kontraproduktiv”

Das Problem von Mißbrauchstätern in eigenen Reihen betrifft nach Meinung der Kölner Expertin Ursula Enders beide großen Kirchen in Deutschland in gleich starker Weise:

„Die evangelische Kirche hat sich lange Zeit in Sicherheit gewiegt und geglaubt, ‚bei uns doch nicht, das liegt ja am Zölibat`“, sagte Enders am gestrigen Donnerstag in Hamburg.

Das sei jedoch ein Mythos: „Missbrauch hat mit Zölibat wenig zu tun“, so die Vorsitzende der seit Jahrzehnten aktiven Beratungsstelle „Zartbitter“, einer bekannten Einrichtung in Köln, die sich gegen Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen einsetzt.

Ursula Enders betonte, ihren Beobachtungen zufolge komme das Problem in der evangelischen Kirche nicht seltener vor. Nachdem diese aber lange die Augen vor dem Thema verschlossen habe, würden jetzt verstärkt Fälle in protestantischen Einrichtungen bekannt.

Die Therapeutin äußerte sich bei der Fachtagung „Missbrauch in Institutionen“ der evangelisch-lutherischen Kirche in Hamburg.

Quelle: Radio Vatikan

Ergänzend hierzu folgen Äußerungen von Ursula Enders
aus ihrer Stellungnahme (veröffentlicht am 15. März 2010)
speziell zum Dauerbrenner Zölibat:

“So kritisch man dem Zölibat gegenüberstehen mag, die breite Erfahrung von Zartbitter entlarvt die Reduzierung der Täterschaft auf zölibatäre katholische Priester als Mythos, der zu einer grundlegenden Vernachlässigung eines ausreichenden Schutzes von Mädchen und Jungen vor sexuellen Grenzverletzungen führen kann.

  • Eine allzu einseitige Diskussion über das Zölibat lenkt ab von dem großen Ausmaß der sexuellen Ausbeutung von Kindern in Schulen, Einrichtungen der Jugendhilfe, Sportvereinen, kommerziellen Angeboten für Kinder und Jugendliche (Ballett, Ferienreisen, Musikunterricht).
  • Folglich ist die mit großer Heftigkeit geführte aktuelle Diskussion über das Zölibat im Sinne des Kinderschutzes kontraproduktiv.
  • Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften (zum Beispiel der evangelischen Kirche, den Zeugen Jehovas, dem Islam) verkünden häufig mit einem trügerischen Seufzer der Erleichterung: „Bei uns sind die Geistlichen verheiratet und unsere Kinder somit vor Missbrauch durch Geistliche sicher“.  – Derart „naive“ Gläubige werden nicht selten mit der bitteren Realität konfrontiert, dass ein vermeintlich ungefährlicher, heterosexuell lebender Geistlicher oder Laienhelfer Mädchen und/oder Jungen missbraucht hat!
  • Die Beratungsarbeit von Zartbitter Köln in den letzten 25 Jahren hat deutlich gemacht, dass auch der Missbrauch innerhalb kirchlicher Institutionen vorrangig von heterosexuell lebenden Tätern und Täterinnen verübt wird, die sich in kirchlichen Institutionen als Gemeindereferenten, Diakone, Gruppenleiterinnen, Jugendbetreuer, jugendlichen Messdienerführer, Koch auf Ferienfreizeiten etc. engagieren.”

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 271 Followern an