Im Gewand der “Rechtgläubigkeit“ täuschen

Charismatisches im Licht der biblischen Versuchungsgeschichte

Der Satan hat viele Gesichter   –  nicht nur ein „weltliches“ oder „fleischliches“ Gesicht, auch ein „geistliches“. Wenn der Widersacher es nicht mit Ungläubigen oder Abständigen zu tun hat, sondern mit der frommen Schar, zieht er sich ein entsprechend „rechtgläubiges“ Gewand an.

Würde er seine höllische „Visitenkarte“ vorzeigen, könnte er gleich einpacken. Wenn der Versucher sich als „Engel des Lichtes“ verkleidet, besonders „geistlich“ und überfromm gebärdet, ist besondere Vorsicht angesagt. Mit anderen Worten: der Dia-bolus ist nomen est omen ein Durcheinanderbringer, er kann auch mit der „Wahrheit“ lügen und siegen!

Jesus Christus und damit Gott selbst ist gegen solch raffinierte Lügengespinste natürlich gefeit. Gleichwohl hat der Allmächtige es „zugelassen“, daß der Erlöser in der Wüste vom Teufel versucht wurde, war es doch zugleich eine Demonstration des göttlichen Sieges über die Hölle.

Es ist allerdings aufschlußreich, auf welche Weise sich der Widersacher in der Wüste präsentierte, um Christus von seinem messianischen Auftrag als „Leidensknecht“ abzubringen und ihm eine Art „Siegermentalität“ einzureden, die von Triumph zu Triumph schreitet, begleitet von sensationellen Großtaten und Schauwundern.

Der natürliche, erbsündenbelastete Mensch schreckt vor dem Leiden zurück, er schleicht sich am Kreuz vorbei und wünscht eine „Halleluja“-Religion, die ohne Opfer zur Herrlichkeit führt. Die Annahme des Kreuzes ist dem Men-schen nicht möglich ohne die Gnade Gottes, ohne übernatürliche Kraft von oben.

Interessanterweise wird Christus vom Teufel ausgerechnet in der Wüste versucht, wo er sich zum strengen Fasten zurückzog – und zwar am Ende dieser Fastentage, als Christus unter Hunger litt. Glaubt man dem Denken so mancher frommer Kreise, dann ist man nach langer Askese besonders gefeit vor dem Satan, befindet man sich doch angeblich in einem überle-genen geistlichen Zustand. Aber kann nicht gerade diese „Überlegenheit“ in Verbindung mit (un)geistlichem Hochmut zum Sturz führen?  –  Ist nicht die scheinbar „geisterfüllte“, die charismatische Versuchung eine besonders raffinierte Trickkiste des Diabolus?

Freilich nicht bei Christus selbst, ist ER doch Gott und Mensch in einer Person, weshalb er diese besonders „religiöse“ Anfechtung aus eigener göttlicher Kraft siegreich besteht. Wenn Christen solche listigen Versuchungen überwinden, dann allein durch die Gnadenhilfe des Erlösers, niemals aus eigener Kraft.

Das Lukas-Evangelium berichtet von der Versuchung Jesu in der Wüste, auch von der ersten Provokation des Satans: „Wenn Du Gottes Sohn bist, so spricht zu diesem Stein, daß er Brot werde.“ – Christus wird hier von der Hölle herausgefordert, seine Gottheit durch ein schnelles und sichtbares Wunder zu „beweisen“, das sich zudem angesichts seines menschlichen Hungers als nützlich erweisen würde.

Doch unser Erlöser läßt sich auf diese „wundersüchtige“ Herausforderung nicht ein. ER kann „Zeichen und Wunder“ wirken, keine Frage  –  aber ER will dies nicht im falschen Gehorsam gegenüber dem Versucher. Christus kontert mit dem Wort Gottes aus dem Alten Testament: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch“ (Dtn 8,3).

Der Teufel startet einen zweiten Versuch, der sich auf allzu menschliche und triumphalistische Wunschvorstellungen bezieht, wie sie auch im Judentum der damaligen Zeit weitverbreitet waren: Der Messias nicht als „Leidens-knecht“, sondern als König der Herrlichkeit, der auch auf Erden ein triumphales Reich errichtet. Deshalb zeigt ihm der Widersacher alle Königreiche der Erde und verspricht dem Heiland, daß ihm all diese Macht und Herrlich-keit zufällt, wenn er vor ihm niederfällt und ihn anbetet.

Erneut reagiert Christus mit der Heiligen Schrift: „Es steht geschrieben: „Den HERRN, Deinen Gott, sollst Du anbeten und IHM allein dienen“ (Dtn 6,13).

Der DIABOLUS mißbraucht die HEILIGE SCHRIFT

Der Teufel ist durchaus lernfähig, er ändert jetzt seine Strategie, er will Christus mit dessen eigenen Waffen schlagen: mit Bibelworten also. Er schlüpft gewissermaßen ins Gewand der „Rechtgläubigkeit“ und verwendet das Wort Gottes als listige Taktik. Diesmal will er IHN zu einem Schauwun-der animieren: Christus solle sich von der Zinne des Tempels zu Jerusalem herunterstürzen. Er gibt IHM zu verstehen, daß dies ein durchaus „gottgefälliges“ Verhalten sei und zitiert wörtlich zwei Schriftstellen über den himm-lischen Schutz der Engel für die Gerechten.

Christus geht auch dieser hinterlistigen Variante nicht auf den Leim, sondern hält dem „Vater der Lüge“ ein anderes Bibelwort entgegen: „Du sollst den HERRN, Deinen Gott, nicht versuchen.“ (Dtn 6,16)

Was können wir aus diesem Ereignis lernen?  –  Doch wohl vor allem Folgendes:

1. Die „geistlichen“ Versuchungen sind besonders raffiniert, weil weniger leicht erkennbar als die „weltlichen“ Versuchungen der Hölle. Der Teufel will die Gotteskinder mit „charismatischer“ Raffinesse vom Weg des nüchternen Glaubens abbringen, er versuchte dies sogar bei Christus und damit bei GOTT selbst – eine Dreistigkeit sondergleichen!

2. Dauerhaftes bzw strenges Fasten und ähnliche asketische „Übungen“, die den Rahmen des normal-kirchlichen Bereichs überschreiten, bergen sowohl Chancen wie Gefahren in sich. Die größte innere Bedrohung ist die des selbstgefälligen Hochmuts, der für das ewige Heil weitaus gefährlicher ist als allzu „weltliche“ Wunschbefriedigung oder Versacken in der Oberflächlichkeit des Alltags. – Anders gesagt: Die Sünden des Geistes sind oft schlimmer als die Sünden des Fleisches, eben weil sie nicht „auffallen“, weil sie nicht „ans Licht kommen“, im Fall der Verblendung nicht einmal ans Licht des eigenen Gewissens.

3. Der Teufel ist der „Affe Gottes“, er kann übersinnliche Schauwunder bewirken, soweit der Allmächtige dies zuläßt. Daher wollte der Wider-sacher auch Christus auf diese Schiene zerren, zumal dies der Sensationslust des Volkes entgegenkäme. Die Wundersucht ist des Aberglaubens liebstes Kind!

Demgegenüber kommt der wahre Glaube nicht aus der Sehnsucht nach „Zeichen und Wundern“, sondern aus dem Hören des Gottes-wortes (vgl. Röm 10,17) – und die Vollmacht von oben ist eine Kraft des Geistes, nicht der Sinnlichkeit. Wir leben auf Erden im Glauben und nicht im Schauen (2 Kor 5,7).

Die charismatische Versuchung besteht darin, den Himmel quasi vorwegzunehmen, ihn auf die Erde zu zerren, wobei aber nicht der Himmel, sondern die Hölle in Aktion tritt.

4. Der Teufel kann auch mit der „Wahrheit“ lügen und siegen, indem er sich beispielsweise der Heiligen Schrift „bedient“. Bei Christus konnte ihm dieser raffinierte Trick nicht gelingen, doch im irrgläubigen, schwarmgeistigen, charismatischen und sektiererischen Spektrum feiert er damit fröhliche Urständ, ebenso in „erscheinungsmariani-schen“ Kreisen, wenn man dort an falschen Visionen festhält, weil der Inhalt der „Botschaften“ gar so fromm in den Ohren klingt.

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Verlags und des Christoferuswerk in Münster.
Mailkontakt: felizitas.kueble@web.de