Schwärmerbewegungen in der Kirchengeschichte

Die Kirche mußte sich von Anfang an  – auch in ihrer Frühzeit  –  gegenüber selbsternannten  „Propheten“ und enthusiastischen Gruppen abgrenzen:

Bereits Mitte des 2. Jahrhundert ging es los mit der (erstaunlich erfolgreichen!) Sekte der „Montanisten“ aus Kleinasien, gegründet von einem Wanderprediger namens Montanus, der sich für besonders „geisterfüllt“ hielt und zudem zwei „Seherinnen“  –  Priscilla und Maximilla   – mit sich führte.

Diese angeblich „begnadeten“  Damen verkündeten in Gottesdiensten und auf Wandeschaft ihre „Visionen“, darunter auch den „Anbruch“ eines Heilig-Geist-Reiches“, das mit dem gesegneten Wirken ihres „Propheten“ Montanus begonnen habe und nun die „endgültige Offenbarung des Heiligen Geistes“ biete. Damit gingen sie über die Heilige Schrift und die Lehre der Apostel hinaus.

Diese Bewegung erhielt erheblichen Zulauf innerhalb der frühen Christenheit, so daß die Kirche sich deutlich distanzierte, um diesen Unfug zu stoppen, was aber nur von begrenzter Wirksamkeit war, denn diese erste charismatische Sekte wirkte noch jahrhundertelang weiter. Gegen Schwarmgeisterei ist bekanntlich kaum ein Kraut gewachsen, wie man heute ebenfalls erleben kann.

Etwa ein Jahrtausend später gab es wieder eine Neuauflage der Endzeitschwärmerei in einer etwas anderen Variante:

Der italienische Ordensgründer und Abt Joachim von Fiore legte seine eigene Sicht der „Heilsgeschichte“ vor, gegliedert in drei Zeitalter:
Das Reich des Vaters im Alten Bund
Das Reich des Sohnes im Neuen Bund
Das beginnende Reich des Heiligen Geistes (auch „Drittes Reich“ genannt).

Abt Fiore  – und noch mehr seine enthusiastischen Anhänger  – erklärten, dieses glückselige irdische Friedensreich werde vom Geist Gottes derart erleuchtet sein, daß sich die „Institution Kirche“ dann mehr oder weniger erübrigen werde.

Daß das kirchliche Lehramt diesen „höheren Unsinn“ nicht billigen konnte, war klar:
zum einen wegen des indirekten Angriffs auf die Kirche im mißbrauchten „Namen des Hl. Geistes“, vor allem aber wegen des Widerspruchs zur Heiligen Schrift hinsichtlich eines endzeitlichen, universalen Friedensreiches.

Die Nationalsozialisten (übrigens auch die Kommunisten mit ihrem „Arbeiterparadies“), die eine politische Variante der Endzeitschwärmerei vertraten und sich für die Urheber eines „tausendjährigen Reiches“ hielten, haben den Ausdruck Fiores vom „Dritten Reich“ übernommen und für sich vereinnahmt.

Diese alten Vorstellungen von einer weltweiten Erweckung, einem irdischen Friedensreich vor der Wiederkunft Christi, einem „zweiten Pfingsten“ und dergl. sind in der Pfingstbewegung und „Charismatischen Erneuerung“ wieder lebendig geworden, beginnend mit der Entstehung des protestantischen Pfingstlertums Anfang des 20. Jahrhunderts in Los Angeles.

Zurück zu Joachim von Fiore: einige seiner Lehren wurden von seinen Anhängern noch schwarmgeistig verstärkt und fanden vor allem in enthusiastischen („spiritualen“) Strömungen des Franziskanerordens starken Nachhall. Diese Bewegung der „Joachimiten“ wurde von Papst Alexander IV. im Jahr 1256 offiziell abgelehnt.

Das Schwärmertum zieht sich also durch die ganze Kirchengeschichte  – auch bei der gnostischen Sekte der Katharer in Südfrankreich (die sich auch für besonders „geistbegnadet “ hielten) gab es entsprechende Tendenzen.

Enthusiastische Endzeitvisionen kommen wie Wellenbewegungen immer wieder von neuem  – zwar in abgewandelter Form, aber im Grunde: semper idem  = immer dasselbe!

Paulus mahnt uns in 2 Tim 4,3:  „Denn es wird eine Zeit kommen, da man die gesunde Lehre nicht mehr erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen Lehrer aussucht, die den Ohren schmeicheln; sie werden sich von der Wahrheit abwenden und den Fabeln zuwenden.“

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MiT-Verlags und des Christoferuswerks in Münster



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