Dienerin des Ewigen

MARIA ist die „Tochter Zion“ und zugleich die erste Christin

Woran denken Katholiken zuerst, wenn von Marienverehrung die Rede ist?  –  Vermutlich an Wallfahrtsorte und Pilgerfahrten, an Madonnenstatuen und den Rosenkranz, vielleicht noch an die Lauretanische Litanei, den Angelus („Engel des Herrn“) oder die schönen Maiandachten von früher.

Das ist alles richtig und gut. Doch wir sollten zugleich nicht vergessen, daß Maria uns besonders eng mit dem Alten Bund und Israel verbindet, ist sie doch die „Tochter Zion“, eine von Gott auserwählte Frau aus dem Volk der Juden.

Als ihr der Engel Gabriel erschien und die Geburt des Heilands ankündigte, war die Madonna ein jüdisches Mädchen aus dem Dorf Nazareth, das den Namen Miriam trug; so hieß auch die Schwester des Moses, die alttestamentliche Prophetin Miriam, die nach dem Auszug aus Ägypten, nach der wunderbaren Überquerung des Schilfmeeres einen Lobgesang auf den großen Rettergott Israels verkündete.  Der Name der neutestamentlichen Miriam lautet griechisch übersetzt „Mariam“ und wurde später auf den Namen „Maria“ lateinisiert.

Zion ist ein biblischer Ausdruck für Jerusalem, wobei vor allem der Tempelberg bzw der Tempel Gottes selbst gemeint ist. Jerusalem heißt übersetzt „Stadt des Friedens“ (Salem  = Schalom  = Frieden). In dieser Stadt wurde einst der Tempel des HERRN erbaut, das Haus des Ewigen.

Die Israeliten waren in ihrer ganzen Existenz stets ein „Volk der Erwartung“, eine Nation, das die Verwirklichung der Verheißungen Gottes ersehnte. In Jerusalem und seinem Tempel sahen die Hebräer einen großen Teil  ihrer Hoffnungen wahrgemacht, ihre Sehnsucht nach „Gott in ihrer Mitte“ fand eine vorläufige Erfüllung.

Besonders in der Verbannung, im Exil von Babylon, wurde die Sehnsucht nach Zion lebendig, wie Psalm 137 bezeugt: „An den Strömen von Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten…. Wie könnten wir die Lieder des Herrn singen auf fremder Erde?… Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, soll mir die rechte Hand verdorren… Wenn ich an dich nicht mehr denke, wenn ich Jerusalem nicht zu meiner größten Freude erhebe.“

Auch der Prophet Jesaja brach in Jubel aus über Jerusalem: „Steig auf einen hohen Berg, Zion, Du Botin der Freude… Erhebe Deine Stimme und fürchte Dich nicht! Sag den Städten in Juda: Seht, hier ist euer Gott.“ (Jes 40,9 f)

Im Buch Zefanja wird die Tochter Zion ebenfalls zur Freude aufgerufen: „Juble, Tochter Zion, jauchze Israel! Freu Dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!“ (Zef 3,14 f.)

Inwiefern ist nun die Gottesmutter nicht allein ihrer Herkunft nach, sondern vor allem in theologischer Hinsicht eine „Tochter Zion“?  – Was verbindet sie mit dem Volk und dem Glauben des Alten Bundes? Welche Ähnlichkeiten gibt es zwischen Maria und dem Tempel Jerusalems?

Tochter Zion freue Dich, denn ich wohne in Deiner Mitte!

Die Antwort hierauf gibt uns der alttestamentliche Prophet Sacharja (Zacharias): „Juble und freue dich, Tochter Zion, denn siehe, ich komme und wohne in Deiner Mitte.“ (Sach 2,14)

Mit diesen Worten kündigte der Prophet seinem Volk den Bau des Tempels in Jerusalem an, dieser Heimstätte des Ewigen mit dem Opferaltar des Alten Bundes, der im Neuen Bund seine Vollendung findet im vollkommenen Opfer Christi, das in der hl. Messe auf sakramentale Weise zur Gegenwart wird.

Interessanterweise verwendet der Engel Gabriel bei der Begrüßung Miriams genau diesen Ausdruck des Propheten Sacharja: „Freue Dich!“ (volkstümlich übersetzt mit „Gegrüßet seist Du, Maria“).

Er verkündet dem jüdischen Mädchen, daß  Gott selbst in seiner Mitte wohnt, daß ER in ihrem Leib sein „Zelt“ aufschlägt, daß sie die Heimstätte des Messias werden wird, gewissermaßen die Bundeslade Gottes selbst, das Heiligtum des Allheiligen, der Tabernakel des Ewigen.

Das Motiv von Maria als der „Tochter Zion“ ist in der christlichen Tradition und Kirchenmusik durchaus geläufig. Das deutsche Weihnachtslied „Tochter Zion, freue Dich!“ erklingt leicht verändert als Melodie auch im heutigen Israel, freilich auf jüdische Inhalte umgetextet: es wird gesungen sowohl beim jüdischen Chanukka (Lichterfest) im Dezember wie auch bei Weihnachtsfeiern deutsch-stämmiger Juden am 24. Dezember, die ebenfalls einen „Christbaum“ aufstellen, der vom Staat Israel sogar kostenlos verteilt wird.

Der Evangelist Lukas sieht also in Maria das Wort des Propheten von der „Tochter Zion, freue Dich“ erfüllt, sie ist die wahre Tochter Zion,  denn nun wohnt wirklich „der Herr in eurer Mitte“ und die Zusagen Gottes im Alten Bund finden ihre staunenswerte Verwirklichung: GOTT wird Mensch im Leib der Madonna, in der Kraft des Heiligen Geistes nimmt ER aus ihrem Fleisch und Blut seine menschliche Natur an: „Empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau“, wie das Credo der Kirche seit Jahrtausenden verkündet.

Auch für die wunderbare Geburt des Gottessohnes aus der Jungfrau Maria gibt es bei Sacharja kurz nach dem Jubel auf die „Tochter Zion“ eine analoge Verheißung: „Alle Welt schweige in der Gegenwart des HERRN, denn ER tritt hervor aus seiner heiligen Wohnung.“ (Sach 2,17)

Maria steht in exemplarischer Weise für das gläubige Israel, das Volk der Erwartung, das Bundesvolk der Verheißung. Dieses messiasgläubige Mädchen aus Nazareth ist die erste Christin, die demütige Magd des HERRN, die größte Dienerin des Ewigen!

Auch die Hirten auf dem Felde sind typische Vertreter dieses gerechten und gottesfürchtigen Teils der Israeliten, denn sie machen sich nach der Botschaft des Engels eilends auf den Weg zur Krippe, um den König der Herrlichkeit anzubeten: Christus, den Messias der Juden und das Heil der ganzen Welt.

MARIA ist die lebendige Brücke zwischen AT und NT

Die Gottesmutter ist in vollendeter Weise das Bindeglied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, die lebendige Brücke für das Gottesvolk des Alten und des Neuen Bundes.

Ihre enge Verbindung mit ihrem Volke Israel wird auch in der Lauretanischen Litanei aufgezeigt, etwa wenn sie dort als „Turm Davids“, als „Arche des Bundes“, als „Königin der Patriarchen und Propheten“ gewürdigt wird.

Interessanterweise gründete der Jude Alphons Ratisbonne nach seiner Bekehrung zum katholischen Glauben im 19. Jahrhundert eine marianisch geprägte Ordens-kongregation mit dem Titel „Unsere liebe Frau vom Zion“.

Dieser  katholische Geistliche jüdischer Herkunft war sich dessen bewußt, daß Maria die Hoffnung Israels in ihrer ganzen Fülle darstellt   –  sie ist auch das Vorbild wahrer Jüngerschaft in der Nachfolge Christi.

Die erste Christin ist zugleich das Urbild des Glaubens: so wie Abraham dem Alten Bund voranleuchtet als treuer Zeuge des Ewigen, so ist Maria ein vollkommenes Vorbild des Glaubens, der Treue, des Mutes und der Demut: sie hat in ihrer Persönlichkeit auf einzigartige Weise den Mut mit der Demut vereinigt; genauer: aus ihrer Demut erwuchs ihr Mut, ihre Tapferkeit, ihre unbeirrbare Treue zu Christus bis unter das Kreuz.

Weil Maria sich in aufrichtiger Demut, in ihrer Bescheidenheit vor Gott als „Magd des Herrn“, als Dienerin des Ewigen verstand, eignete sie sich hervorragend als Mutter des HERRN, als Tempel des Allmächtigen. Hätte der Heiland etwa in einer hochmütigen, selbstgefälligen Frau sein Zelt aufschlagen wollen?  – Gewiß nicht!

In der gläubigen, gottesfürchtigen Denkweise des Alten Bundes ist die Bezeichnung „Magd des Herrn“ freilich ein Ehrentitel, der jeden gläubigen Juden zur Dankbarkeit anspornte.

Im Gegensatz zu heutigen Vorstellungen von „Selbstverwirklichung“, „Selbstfindung“ oder sog. „mündigem Christsein“ wußten die Hebräer, daß die einzig wahre Verwirklichung unseres Lebens darin besteht, uns dem Ewigen zu weihen und ihm zu dienen, indem wir seine Gebote halten.

Daher ist der Titel „Magd“ oder „Knecht“ des HERRN im AT ein Würdename herausragender Vorbilder wie Abraham (Ps 104,42), Moses (Jos 14,7), David (2 Kön 7,5) und großer Propheten wie Jeremias und Amos (Jer 7,25  –  Am 3,7).

Maria reiht sich nicht nur ein in diese Schar der Gerechten des Alten Bundes, sondern sie ist der Gipfelpunkt dieser wahrhaft Gottesfürchtigen, sie überbietet sie alle an gottgeschenkter Würde und persönlicher Heiligkeit.

Die Magd des HERRN ist zugleich die Mutter des HERRN, sie ist gewissermaßen das Bundeszelt des neuen Gottesvolkes, die Wohnstätte des Erlösers, die geistliche Mutter aller wahrhaft Christgläubigen.

Felizitas Küble leitet den  KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster

Kontakt: felizitas.kueble@web.de

 


Die irrgeistigen „Haupt-Christi“-Visionen der Teresa Higginson

Typisches Kennzeichen der Falschmystik: Strategie der Verdrängung

Die Christenheit ist heute wohl weniger durch Gefahren von außen bedroht als durch Verführungen von innen. Der Wurm sitzt schon längst im Gebälk des eigenen Hauses, das immer wurmstichiger wird, wenn wir weiter schlafen und nicht endlich beginnen, wachsamer zu werden, wie uns das Apostelwort auffordert: „So laßt uns nicht schlafen wie die anderen, sondern nüchtern und wachsam sein!“ (1 Thess 5,6)

Diese Wachsamkeit gilt vor allem für jene Gefahren, die man am wenigsten für solche hält, weil sie so „fromm“ erscheinen und viele Menschen in ihren Bann ziehen, vor allem Falschmystik und Charismatik, also übertriebener Wunderglaube, Fixierung auf „Erscheinungen“ und eine enthusiastische Gefühlsfrömmigkeit, die den Glauben auf eigene „Erfahrungen“ oder persönliche „Erleuchtungen“ gründet, nicht auf die zeitlose Botschaft des Ewigen, auf Gottes unveränderliche Offenbarung. header_buch

Bereits das Neue Testament warnt uns vor jener enormen Bedrohung, die im Gewand der „Gottseligkeit“ daherkommt, vor jenen falschen Propheten, die wohl den „Schein der Frömmigkeit“ besitzen, nicht jedoch die Kraft des Glaubens (vgl. 2 Tim 3,5).

Jedes uneinsichtige Festhalten an irrgeistiger Falschmystik ist   – vom objektiven Sachverhalt her gesehen  –   ein ernster Verstoß gegen das 1. Gebot Gottes: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“

Daß dies den Betroffenen subjektiv oft nicht bewußt ist, steht auf einem anderen Blatt. So oder so müssen sie sich die Gewissensfrage stellen, warum sie ihren Glauben nicht auf das felsenfeste Fundament von Bibel und Dogma gründen statt auf die schwankenden Wellen angeblicher, noch dazu kirchlich nicht anerkannter „Privatoffenbarungen“.

Schließlich haben wir es bei der neuzeitlichen Gnosis (Esoterik und Pseudomystik) nicht nur mit unsinnigen Phantasieprodukten, nicht allein mit allzu menschlichem Irrtum zu tun, also „nicht mit Fleisch und Blut“ allein, sondern letztlich auch mit den „Mächten und Gewalten aus der Finsternis“, weshalb uns der Apostel mahnt, das „Schild des Glaubens“ zu ergreifen, ergänzt mit dem „Panzer der Gerechtigkeit“, all dies aber „unter ständigem Beten und Flehen“, mit „Wachsamkeit“ und „Beharrlichkeit“ (vgl. Eph 6,12 ff).

Wer dies grundsätzlich einsieht, stellt sich gleichwohl die Frage, aufgrund welcher Kennzeichen  irrgeistige Phänomene durchschaut werden können. Mit allgemeiner Wachsamkeit ist es nicht getan, zumal in der Diskussion mit „erscheinungsgläubigen“ Leuten handfeste Argumente erforderlich sind.

Da die „mystische Welle“ leider immer mehr zunimmt, wächst auch die Notwendigkeit, sich über typische Merkmale der Falschmystik im klaren zu sein.

Warum Higginsons Visionen nicht von „oben“ stammen

Am anschaulichsten ist es, wenn man subtile Anzeichen falscher „Privatoffenbarungen“ anhand einer bestimmten Visionärin und ihren „Botschaften“ analysiert.  Geeignet ist hierfür beispielsweise die englische „Seherin“ Teresa Higginson, die eine neue Andacht zum „Haupt Christi als Sitz der göttlichen Weisheit“ begründete, die kirchlich freilich nicht anerkannt ist.

Die Lehrerin Higginson gilt in erscheinungsbeflissenen Kreisen als „große Mystikerin Englands“, nicht zuletzt wegen ihrer angeblichen „Stigmatisierung“ vom Karfreitag 1874. Auch eine „mystische Vermählung“ des „Heilands“ mit seiner „treuen Leidensbraut“ soll ein Jahr später erfolgt sein, indem der göttliche „Bräutigam“ ihr ein „Dornenringlein“ an die Hand steckte.

Überdies verkündete die angebliche Jesus-Vision der Lehrerin am 16.6.1881, die von ihm dringend geforderte Verehrung seines Heiligen Hauptes sei „die größte Andacht der Kirche in der Zukunft“. Davon ist freilich auch nach über 130 Jahren noch nichts zu sehen.

Die öffentliche Heilig-Haupt-Verehrung wurde durch ein Dekret des Hl. Offiziums von 1938  verboten, weil die damaligen Glaubenshüter vermutlich in den „Botschaften“ gewisse Inhalte entdeckt haben, die mit dem katholischen Glauben unvereinbar sind.

Anlaß für diese Überprüfung war ein Seligsprechungsprozeß für die 1905 verstorbene Teresa Higginson, der 1932 von ihrem zuständigen britischen Bischof eingeleitet, aber dann in Rom abschlägig entschieden wurde.

Gleichwohl vertreiben mehrere Verlage (darunter der Ruhland-Verlag und der Immaculata-Verlag) Bücher und Werbeschriften für diese Spezialandacht nach Higginson. Im Jahre 2004 wurden diese Visionen in der traditionellen Zeitschrift „Ursprung und Ziel“ seitenlang wohlwollend zitiert.

Etwas Wichtiges durch etwas weniger Wichtiges bzw. Fragwürdiges verdrängen

Hier seien einige typische Merkmale der Falschmystik aufgezeigt, wobei die Zitate aus den Higginson-Visionen der Werbebroschüre des Ruhland-Verlages über die Haupt-Christi-Verehrung entnommen sind.

Ein typisches, häufig anzutreffendes Merkmal falscher Visionen besteht darin, daß etwas religiös Wichtiges (ein Sakrament oder ein Dogma) durch etwas weniger Wichtiges oder Fragwürdiges (eine neue Andacht oder ein neuformulierter Rosenkranz) verdrängt wird.

Dieser Mechanismus wird meist nicht sofort durchschaut, weil er nicht direkt erkennbar ist, sonst würde die Vision sich  selbst widerlegen bzw. „entlarven“. Der „Vater der Lüge“ zeigt aber keineswegs seine Visitenkarte vor!

Hierzu schrieb Papst Benedikt XIV., als er noch Kardinal Prosper Lambertini war, Folgendes in seinem berühmten Buch „De Servorum Dei…“:

„Böse Geister empfehlen oftmals das Gute, um das Bessere zu verhindern und Menschen zu bestimmten Handlungen zu ermutigen, die angeblich einen besonderen Akt der Tugend darstellen, nur um die Unvorsichtigen später um so leichter täuschen zu können.“

Zurück zu den „Visionen“ der Teresa Higginson:

1.  Auf S. 22 der Werbebroschüre heißt es, die Haupt-Christi-Andacht sei die „Rettung für unsere Zeit des großen Abfalls“.  Aus den „Botschaften Christi“ an Higginson:  „Ich biete euch mein Heiligstes Haupt an, um euch von den Übeln dieser Zeit zu erlösen.“

Erlöst werden wir aber durch Kreuz und Blut Christi, denn „ohne Blut gibt es keine Vergebung“ (Hebr 9,22).  Das gilt für die noch unzulänglichen Opfer des Alten Bundes, das gilt auch für das vollkommene Opfer des Neuen Bundes.  Es findet also bei Higginson eine merkwürdige Akzentverschiebung auf das „Haupt Christi“ statt, die stutzig macht, denn dadurch wird das Kreuz Christi indirekt verdrängt.

2. Dazu kommt eine gewisse Überbetonung des Menschseins Christi. Typisch folgende Passage aus einer „Vision“ Higginsons:  „Als ich mich niederkniete, um die Hl. Dreifaltigkeit anzubeten wegen der Herrlichkeit der Heiligsten Menschheit…“  (S.25)   –  Eine Seite zuvor heißt es, bei der Andacht gehe es um „Sühne für alle Schmach“, die der  „Heiligsten Menschheit Jesu“ zugefügt werde.

S. 52: Diese Andacht fasse „sämtliche Ehrerbietungen zusammen, die Seiner Menschheit gebühren“.   – Auch hier findet  eine Gewichtsverlagerung statt: das Haupt Christi ist Teil seiner Menschheit, also konzentriert man sich auf das Menschsein Jesu.  Gerät die Gottheit Christi dadurch nicht bedenklich in den Hintergrund?

3.  Die Broschüre erwähnt mehrfach, daß die „Seherin“ aus der Hand des  „Heilands“ selbst die hl. Kommunion empfängt, manchmal sogar „drei- oder viermal am Tag“ (S. 34).

Der Gottmensch selbst als Kommunionausteiler wie damals bei den Aposteln   –  statt der Austeilung durch einen Priester?

Ist dies nicht seltsam und exaltiert, zumal das damalige Kirchenrecht den mehrfachen täglichen Kommunionempfang für Laien untersagte.  Warum sollte sich Christus ohne ersichtlichen Grund darüber hinwegsetzen?!

4.  Nach einer „Himmelsvision“ war Higginson „derart außer mir, daß ich mehrere Stunden unfähig war, mich auch nur zu bewegen“ (S. 37).  Entspricht dies dem Wirken des Heiligen Geistes? Macht der Geist Gottes ohnmächtig und starr?

Welchen theologischen oder sonstigen Sinn beinhaltet zudem die „Bilokation“ der Higginson, die angeblich in England und zur selben Zeit bei „Negerstämmen in Südafrika“ oder „Indianern in Amerika“ als „Missionarin“ leiblich zugegen war? (Vgl. S. 41)

Erscheinen derartige  Phänomene nicht eher magisch als christlich, nicht eher spiritistisch als göttlich?   Wo finden sich solche Vorgänge in der Hl. Schrift?  Auch von den Aposteln wird dergleichen nicht berichtet!

5.  Higginson: „ER wünscht, daß Sein Allerheiligstes Haupt öffentlich angebetet und verehrt werde als Tempel der Weisheit.“ (S.63)   – Auf S. 64 heißt es: Christus wünsche, daß ihm am (noch einzuführenden) „Haupt-Christi-Fest“ eine „öffentliche Anbetung dargeboten werde“  – und zwar zur „Wiedergutmachung aller Schmach und aller Sünden“.

Offenbar geschieht hier eine indirekte Leugnung des blutigen Sühnetodes Christi am Kreuz und zugleich eine Verdrängung der Hl. Messe als sakramentales Sühneopfer  sowie eine Verdrängung des Altarsakramentes (als Anbetungskult), wobei von beidem (der hl. Messe und der Anbetung des Allerheiligsten)  in den ganzen “Botschaften“ interessanterweise nie die Rede ist!

Der „Schmuse-Jesus“ turtelt mit seinem Täubchen

6. Man sollte auch skeptisch werden, wenn bei „Visionen“ nicht die Demut, sondern die Eitelkeit der „Seher“ gefördert wird.  So legte angeblich die Gottesmutter der „Begnadeten“ das göttliche Kind in ihre Arme (S. 84). Welchen Sinn hat dieser Vorgang? Christus ist überdies kein Baby mehr, sondern der verklärte Auferstandene.

Während Higginson „es“ anschaute, „unser liebes kleines Jesuskind“, vernahm sie aus der „Herzmitte“ folgende Worte:  „Habe Mut, meine Vielgeliebte… ich werde meinen Namen in dir verherrlichen“.  –  „Siehe, o meine vielgeliebte Tochter…“ (S.63)

7. Ständig werden die Higginson-Visionen als „rettende Botschaft“ (zB. S. 52) hochstilisiert, als ob uns nicht seit 2000 Jahren die göttliche Offenbarung als rettende Botschaft bekannt sei.

Es entsteht der Eindruck, als beginne mit dieser „Seherin“ ein neuer Abschnitt der Heilsgeschichte, wenn nicht gar der eigentliche und beste:  „Unser Herr sagt, daß die Zeit nahe ist, in der die Weisheit des Vaters angebetet werde und die Liebe Gottes zum Menschen offenbart werde.“  –  Warum sollte die Zeit dieser „Gottesoffenbarung“ noch vor uns stehen?  Die Liebe Gottes wurde am Kreuz von Golgotha endgültig offenbar.  Auch dieser Grundgedanke der Erlösung soll durch die Higginson-Visionen wohl verdrängt werden.

8. Die Broschüre berichtet, daß „Christus“ der Seherin erklärte, in der Johannes-Offenbarung (NT) sei sein Haupt als Sitz der göttlichen Weisheit erwähnt. Higginson möchte das genauer wissen, damit sie die exakte Bibelstelle als Unterpfand der Heilig-Haupt-Verehrung angeben kann. Doch das  Erscheinungsphantom druckst ergebnislos herum, obwohl die Visionärin mehrfach nachfragt.

Hier ein Beispiel (S. 62):  „Diesen Morgen… habe ich Unseren Herrn gefragt, in welchem Kapitel der hl. Johannes auf Sein Heiligstes Haupt als Tempel der Göttlichen Weisheit hinweise; ohne mir weder die Verse noch die Worte anzugeben, hat er mir zu verstehen gegeben, daß darüber geschrieben sei in den zwei letzten Kapiteln der Apokalypse.“

9. Das Konzil von Trient lehrte in dogmatischer Klarheit („…der sei ausgeschlossen!“), daß keiner behaupten dürfe, er sei seines Heiles gewiß. Damit wandte sich das Konzil gegen die Heilssicherheits-Thesen der „Reformation“, denn Luther lehrte, da der Glaube allein selig mache, könne sich der Gläubige logischerweise seines Heiles gewiß sein.

Das Konzil berief sich bei diesem Dogma contra Heilsgewißheit auf mehrere Stellen der Heiligen Schrift, darunter Pauli Aussage, wir sollten unser Heil mit Furcht und Zittern wirken (vgl. Phil. 2,12).

Häretische Botschaft: Diese Andacht allein macht selig!

Gegen dieses Dogma verstoßen die Higginson-Botschaften  mehrfach.  Den Anhängern ihrer Spezial-Andacht wird unentwegt das Blaue vom Himmel versprochen:  „Gnaden ohne Zahl“ (S. 29)   –  „…daß jeder, der Sein Hl. Haupt in dieser Weise verehre, auf sich selbst die auserlesensten  Gaben des Himmels herabziehe.“ (S. 36 und 60))   – „…große Segnungen und überreichliche Gnaden, die Er all jenen vorbehält…“(S. 62)   –  „…werde ich von Meiner Macht mitteilen… Ich werde Mein Zeichen auf ihre Stirnen prägen und Mein Siegel auf ihre Lippen“ (S. 64)  –  „Er hat mir zu verstehen gegeben, daß Er alle jene mit einer besonderen Herrlichkeit krönen werde, welche daran gearbeitet haben, diese Andacht zu fördern. Er wird vor den Engeln und den Menschen im himmlischen Hofe jene mit Glorie bekleiden, die Ihn auf Erden verherrlicht haben und Er wird sie krönen in der ewigen Seligkeit.“ (S. 68)

Während Luther lehrte „Der Glaube allein macht selig!“ (und so die  Heilsnotwendigkeit der guten Werke leugnete) , läuft diese „Botschaft“  auf etwas Ähnliches hinaus:  „Diese Andacht allein macht selig!“  –  Damit wird Luther noch links überholt, denn er meinte mit „Glaube“ immerhin mehr als eine Spezialandacht aus einer „Privatoffenbarung“.

10.  Wir können zB. auch nicht allen Getauften unterschiedslos das Heil zusprechen. Hierzu gibt es aber eine Vision der „Seherin“, womit klar wird, daß die Irrlehre von der persönlichen Heilsgewißheit (für Andachts-Fans) sogar ausgeweitet wird in eine tendenzielle Allerlösungslehre für die Getauften:

Die „Seherin“ erhält eine merkwürdig-düstere Vision (Feuerkugeln fallen auf die Erde, Trauergestöhn usw.), über die sie sehr „erschrocken“ war. Dann hörte sie zu ihrer Freude „eine Stimme, die ich vollkommen als diejenige unseres lieben Herrn und Heilandes Jesus Christus erkannte, die ausrief: „Sage, daß nicht ein einziger von denen, die mir gegeben werden, verlorengehen wird.“

Wann wird ein Mensch „Christus gegeben“?  Doch wohl bei der Taufe: sie schenkt uns die Kindschaft Gottes, wir ziehen Christus an, werden sein Eigentum, wie Paulus sagt.  – Der obige Visions-Ausspruch „Christi“  hat nur dann einen inhaltlichen Sinn, wenn man ihn auf die Taufe bezieht. Dann jedoch ist es eine AllerlösungsIrrlehre, die nicht von Christus stammen kann!

Zuckerbrot für Anhänger   –   Peitsche für Kritiker

11. Zum Zuckerbrot der Heilsgewißheit für Fans der Spezialandacht gehört auch die Peitsche der Verwünschungen für „Übeltäter“, die diese offenbar heilsnotwendige Superandacht nicht pflegen und fördern oder sie gar  „behindern“, was wie eine Freveltat bewertet wird.

Man kennt dieses typische Kennzeichen aus der Falschmystik zur Genüge, aber diese  „Seherin“  treibt es auf die Spitze.   Derart blutrünstige Bannflüche gegen Skeptiker liest man recht selten in irrgeistigen „Botschaften“.

Hier folgen ein paar handfeste Drohungen gegen Kritiker:

S. 60: „Was jene anbelangt, die durch Wort oder Werk versuchen, diese Andacht zu verhindern oder zu verwerfen, werden sie wie zu Boden geworfenes Glas sein oder wie ein gegen eine Mauer geschleudertes Ei, d.h. sie werden in Stücke geschlagen und vernichtet; sie werden verdorren und verwelken wie das Gras auf den Dächern.“  –

S. 62: „Andererseits läßt Er mich erschaudern vor Schrecken angesichts der furchtbaren Strafgerichte, die das Los jener sein werden, die den Fortschritt dieser himmlischen Andacht hindern oder zu verhindern suchen werden… Sie werden gebrochen und vernichtet  werden.“

Auf S. 65 folgt ein „Gebet“, das der „Herr“ seiner „Leidensbraut“ offenbart habe:  „O Heiligstes Haupt, möge Deine Weisheit uns immer lenken… Mögen wir niemals die Verwünschungen vernehmen, die gegen jene ausgesprochen wurden, welche diese Andacht behindern oder verachten werden.“  – 

Sogar im Gebet hat der „Andächtige“ also die Angst im Nacken. Soll so etwa die freiwillige Gottesliebe geweckt werden?  Stattdessen ein System von Fluch und Angst, wie man es sonst nur aus dem finstersten Heidentum, dem Voodoo-Kult und allgemein in der Schwarzen Magie kennt.

12.  Nachdem klar sein dürfte, daß die Visionen nur aus der Higginson-Phantasie oder gar von „unten“ kommen können, sei hier der letzte Punkt angeführt, der die Zielrichtung des ganzen Visionsunternehmens verdeutlicht:

Auf S. 89 wird jene bereits erwähnte, düstere Vision berichtet, worin es mit der Erde drunter und drüber geht (wohl eine Art Strafgericht). Hierauf reagiert die „Seherin“ durchaus vernünftig, soviel Hausverstand blieb ihr trotz Visionswirrwarr noch erhalten: „Da erflehte ich, indem ich mich demütig niederwarf, Barmherzigkeit durch das Blut und die bittere Passion Christi…“

Bitter genug: die drei Pünktchen stehen wirklich in der Broschüre, also wird vielleicht etwas Wichtiges unterschlagen?  –  Durch Nachforschungen konnte das Pünktchen-Rätsel geklärt werden: Der Flehruf Higginsons wird durch eine „mächtige Stimme“ wie folgt beantwortet: „Ich will dieses Volk nicht retten, denn sie sind Fleisch. Bitte mich nicht in seinem Blute, denn sein Blut ist über ihnen.“

Diese Vision ist in mehrfacher Hinsicht theologisch abwegig: Sie widerspricht dem Dogma vom allgemeinen Heilswillen Gottes („Ich will dieses Volk nicht retten…“). Die Aussage ist unsinnig wegen der Begründung, Gott wolle den Menschen nicht retten, weil er „Fleisch“ ist.  Gott selbst hat den Menschen als Leibwesen erschaffen. Zudem ist das „Fleisch“ zur Auferstehung berufen und der Leib der Christen ein Tempel des Hl. Geistes.

Am schlimmsten ist jedoch der Satz: „Bitte mich nicht in seinem Blute…“ – Wie können wir anders als mit dem Verweis auf Christi Blut um Erbarmen flehen?  –  Der indirekte Hinweis (Sein Blut komme über uns und unsere Kinder) ergibt hier keinen Sinn und ist als Schein-Begründung angehängt, um diese unverfrorene, gegen das Blut Christi gerichtete These zu verschleiern.

Erinnern wir uns an die Worte des ersten Papstes: „Nicht um einen vergänglichen Preis sind wir erkauft, nicht für Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi.“ (1 Petr.1,19)

Felizitas Küble leitet den KOMM-MiT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster

Kontakt: Telefon 0251-616768 oder Felizitas.kueble@web.de