Dienerin des Ewigen

MARIA ist die „Tochter Zion“ und zugleich die erste Christin

Woran denken Katholiken zuerst, wenn von Marienverehrung die Rede ist?  –  Vermutlich an Wallfahrtsorte und Pilgerfahrten, an Madonnenstatuen und den Rosenkranz, vielleicht noch an die Lauretanische Litanei, den Angelus („Engel des Herrn“) oder die schönen Maiandachten von früher.

Das ist alles richtig und gut. Doch wir sollten zugleich nicht vergessen, daß Maria uns besonders eng mit dem Alten Bund und Israel verbindet, ist sie doch die „Tochter Zion“, eine von Gott auserwählte Frau aus dem Volk der Juden.

Als ihr der Engel Gabriel erschien und die Geburt des Heilands ankündigte, war die Madonna ein jüdisches Mädchen aus dem Dorf Nazareth, das den Namen Miriam trug; so hieß auch die Schwester des Moses, die alttestamentliche Prophetin Miriam, die nach dem Auszug aus Ägypten, nach der wunderbaren Überquerung des Schilfmeeres einen Lobgesang auf den großen Rettergott Israels verkündete.  Der Name der neutestamentlichen Miriam lautet griechisch übersetzt „Mariam“ und wurde später auf den Namen „Maria“ lateinisiert.

Zion ist ein biblischer Ausdruck für Jerusalem, wobei vor allem der Tempelberg bzw der Tempel Gottes selbst gemeint ist. Jerusalem heißt übersetzt „Stadt des Friedens“ (Salem  = Schalom  = Frieden). In dieser Stadt wurde einst der Tempel des HERRN erbaut, das Haus des Ewigen.

Die Israeliten waren in ihrer ganzen Existenz stets ein „Volk der Erwartung“, eine Nation, das die Verwirklichung der Verheißungen Gottes ersehnte. In Jerusalem und seinem Tempel sahen die Hebräer einen großen Teil  ihrer Hoffnungen wahrgemacht, ihre Sehnsucht nach „Gott in ihrer Mitte“ fand eine vorläufige Erfüllung.

Besonders in der Verbannung, im Exil von Babylon, wurde die Sehnsucht nach Zion lebendig, wie Psalm 137 bezeugt: „An den Strömen von Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten…. Wie könnten wir die Lieder des Herrn singen auf fremder Erde?… Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, soll mir die rechte Hand verdorren… Wenn ich an dich nicht mehr denke, wenn ich Jerusalem nicht zu meiner größten Freude erhebe.“

Auch der Prophet Jesaja brach in Jubel aus über Jerusalem: „Steig auf einen hohen Berg, Zion, Du Botin der Freude… Erhebe Deine Stimme und fürchte Dich nicht! Sag den Städten in Juda: Seht, hier ist euer Gott.“ (Jes 40,9 f)

Im Buch Zefanja wird die Tochter Zion ebenfalls zur Freude aufgerufen: „Juble, Tochter Zion, jauchze Israel! Freu Dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!“ (Zef 3,14 f.)

Inwiefern ist nun die Gottesmutter nicht allein ihrer Herkunft nach, sondern vor allem in theologischer Hinsicht eine „Tochter Zion“?  – Was verbindet sie mit dem Volk und dem Glauben des Alten Bundes? Welche Ähnlichkeiten gibt es zwischen Maria und dem Tempel Jerusalems?

Tochter Zion freue Dich, denn ich wohne in Deiner Mitte!

Die Antwort hierauf gibt uns der alttestamentliche Prophet Sacharja (Zacharias): „Juble und freue dich, Tochter Zion, denn siehe, ich komme und wohne in Deiner Mitte.“ (Sach 2,14)

Mit diesen Worten kündigte der Prophet seinem Volk den Bau des Tempels in Jerusalem an, dieser Heimstätte des Ewigen mit dem Opferaltar des Alten Bundes, der im Neuen Bund seine Vollendung findet im vollkommenen Opfer Christi, das in der hl. Messe auf sakramentale Weise zur Gegenwart wird.

Interessanterweise verwendet der Engel Gabriel bei der Begrüßung Miriams genau diesen Ausdruck des Propheten Sacharja: „Freue Dich!“ (volkstümlich übersetzt mit „Gegrüßet seist Du, Maria“).

Er verkündet dem jüdischen Mädchen, daß  Gott selbst in seiner Mitte wohnt, daß ER in ihrem Leib sein „Zelt“ aufschlägt, daß sie die Heimstätte des Messias werden wird, gewissermaßen die Bundeslade Gottes selbst, das Heiligtum des Allheiligen, der Tabernakel des Ewigen.

Das Motiv von Maria als der „Tochter Zion“ ist in der christlichen Tradition und Kirchenmusik durchaus geläufig. Das deutsche Weihnachtslied „Tochter Zion, freue Dich!“ erklingt leicht verändert als Melodie auch im heutigen Israel, freilich auf jüdische Inhalte umgetextet: es wird gesungen sowohl beim jüdischen Chanukka (Lichterfest) im Dezember wie auch bei Weihnachtsfeiern deutsch-stämmiger Juden am 24. Dezember, die ebenfalls einen „Christbaum“ aufstellen, der vom Staat Israel sogar kostenlos verteilt wird.

Der Evangelist Lukas sieht also in Maria das Wort des Propheten von der „Tochter Zion, freue Dich“ erfüllt, sie ist die wahre Tochter Zion,  denn nun wohnt wirklich „der Herr in eurer Mitte“ und die Zusagen Gottes im Alten Bund finden ihre staunenswerte Verwirklichung: GOTT wird Mensch im Leib der Madonna, in der Kraft des Heiligen Geistes nimmt ER aus ihrem Fleisch und Blut seine menschliche Natur an: „Empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau“, wie das Credo der Kirche seit Jahrtausenden verkündet.

Auch für die wunderbare Geburt des Gottessohnes aus der Jungfrau Maria gibt es bei Sacharja kurz nach dem Jubel auf die „Tochter Zion“ eine analoge Verheißung: „Alle Welt schweige in der Gegenwart des HERRN, denn ER tritt hervor aus seiner heiligen Wohnung.“ (Sach 2,17)

Maria steht in exemplarischer Weise für das gläubige Israel, das Volk der Erwartung, das Bundesvolk der Verheißung. Dieses messiasgläubige Mädchen aus Nazareth ist die erste Christin, die demütige Magd des HERRN, die größte Dienerin des Ewigen!

Auch die Hirten auf dem Felde sind typische Vertreter dieses gerechten und gottesfürchtigen Teils der Israeliten, denn sie machen sich nach der Botschaft des Engels eilends auf den Weg zur Krippe, um den König der Herrlichkeit anzubeten: Christus, den Messias der Juden und das Heil der ganzen Welt.

MARIA ist die lebendige Brücke zwischen AT und NT

Die Gottesmutter ist in vollendeter Weise das Bindeglied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, die lebendige Brücke für das Gottesvolk des Alten und des Neuen Bundes.

Ihre enge Verbindung mit ihrem Volke Israel wird auch in der Lauretanischen Litanei aufgezeigt, etwa wenn sie dort als „Turm Davids“, als „Arche des Bundes“, als „Königin der Patriarchen und Propheten“ gewürdigt wird.

Interessanterweise gründete der Jude Alphons Ratisbonne nach seiner Bekehrung zum katholischen Glauben im 19. Jahrhundert eine marianisch geprägte Ordens-kongregation mit dem Titel „Unsere liebe Frau vom Zion“.

Dieser  katholische Geistliche jüdischer Herkunft war sich dessen bewußt, daß Maria die Hoffnung Israels in ihrer ganzen Fülle darstellt   –  sie ist auch das Vorbild wahrer Jüngerschaft in der Nachfolge Christi.

Die erste Christin ist zugleich das Urbild des Glaubens: so wie Abraham dem Alten Bund voranleuchtet als treuer Zeuge des Ewigen, so ist Maria ein vollkommenes Vorbild des Glaubens, der Treue, des Mutes und der Demut: sie hat in ihrer Persönlichkeit auf einzigartige Weise den Mut mit der Demut vereinigt; genauer: aus ihrer Demut erwuchs ihr Mut, ihre Tapferkeit, ihre unbeirrbare Treue zu Christus bis unter das Kreuz.

Weil Maria sich in aufrichtiger Demut, in ihrer Bescheidenheit vor Gott als „Magd des Herrn“, als Dienerin des Ewigen verstand, eignete sie sich hervorragend als Mutter des HERRN, als Tempel des Allmächtigen. Hätte der Heiland etwa in einer hochmütigen, selbstgefälligen Frau sein Zelt aufschlagen wollen?  – Gewiß nicht!

In der gläubigen, gottesfürchtigen Denkweise des Alten Bundes ist die Bezeichnung „Magd des Herrn“ freilich ein Ehrentitel, der jeden gläubigen Juden zur Dankbarkeit anspornte.

Im Gegensatz zu heutigen Vorstellungen von „Selbstverwirklichung“, „Selbstfindung“ oder sog. „mündigem Christsein“ wußten die Hebräer, daß die einzig wahre Verwirklichung unseres Lebens darin besteht, uns dem Ewigen zu weihen und ihm zu dienen, indem wir seine Gebote halten.

Daher ist der Titel „Magd“ oder „Knecht“ des HERRN im AT ein Würdename herausragender Vorbilder wie Abraham (Ps 104,42), Moses (Jos 14,7), David (2 Kön 7,5) und großer Propheten wie Jeremias und Amos (Jer 7,25  –  Am 3,7).

Maria reiht sich nicht nur ein in diese Schar der Gerechten des Alten Bundes, sondern sie ist der Gipfelpunkt dieser wahrhaft Gottesfürchtigen, sie überbietet sie alle an gottgeschenkter Würde und persönlicher Heiligkeit.

Die Magd des HERRN ist zugleich die Mutter des HERRN, sie ist gewissermaßen das Bundeszelt des neuen Gottesvolkes, die Wohnstätte des Erlösers, die geistliche Mutter aller wahrhaft Christgläubigen.

Felizitas Küble leitet den  KOMM-MIT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster

Kontakt: felizitas.kueble@web.de

 



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