Das MAGNIFICAT – der Lobgesang Mariens

Von Felizitas Küble

Der im Lukas-Evangelium bezeugte Lobgesang Mariens – das Magnificat – ist ein einzigartiges Dankgebet an den Schöpfer, ein erhabener Jubel über die großen Heilstaten Gottes in der Geschichte. 

Im Leib der Madonna ist der göttliche Erlöser Mensch geworden durch den Heiligen Geist. Maria ist das größte Werk Gottes, seine vollkommenste Schöpfung. Keines seiner Geschöpfe steht dem Allerhöchsten so nahe wie die selige Jungfrau und Gottesmutter Maria.

Das beGEISTerte, vom Heiligen Geist inspirierte Dankgebet der Madonna hat die Jahrtausende überdauert; es klingt auch heute fort in der Liturgie, im Stundengebet und in den Liedern der Kirche zur Ehre des Ewigen.

Der Ausdruck „Magnificat“ ergibt sich aus dem ersten Wort dieses Lobgesangs: „Magnificat anima mea Dominum“ – und das heißt: Hochpreist meine Seele den HERRN. Maria ist die Mutter des Erlösers und zugleich die „Mutter des Glaubens“.

So wie der Patriarch (Erzvater) Abraham als „Vater des Glaubens“ gewürdigt wird, so ist die Gottesmutter ein Leitbild ersten Ranges für uns alle. Als Mutter Christi und aufgrund ihrer Gnadenvorzüge steht sie dem Allmächtigen näher als Abraham. Das Magnificat Mariens endet mit einer Erinnerung an den Erzvater Israels („Abraham und seinen Nachkommen auf ewig“). Marias Rückblick auf Gottes große Heilstaten in der Geschichte ihres Volkes umfaßt also auch den Anfang des Bundes zwischen Gott und den Hebräern durch Abraham.

Maria führt den Glaubensgehorsam Abrahams fort im vollendeten Vertrauen auf Gott in allen Lebenslagen; sie pocht nicht auf „Selbstverwirklichung“, sondern tritt hinter ihrer erhabenen Sendung zurück und bezeichnet sich bescheiden als „Magd des HERRN“ (Lk 1,38), bereit zur ungeteilten Hingabe an den Willen des Höchsten und zur starkmütigen Treue gegenüber seinen Verheißungen: „Mir geschehe nach Deinem Wort“ (Lk 1,39) – Diese Glaubenshaltung Mariens erinnert uns an Christi Wort auf dem Ölberg vor seinem Leiden: „Vater, nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!“

Orientalische Ikone

Orientalische Ikone

Dieses „Ja, Vater“ ist die entscheidende Aufgabe für jeden Gläubigen – dieses Wort ist ein Programm für unser ganzes Leben. Maria hat ihr Leben aus Gottes Hand angenommen auch in schwerster Zeit, als sich bewahrheitete, was der greise Simeon im Tempel ankündigte: „Auch Deine Seele wird ein Schwert durchbohren.“ (Lk 2,35). So stand die Madonna treu unter dem Kreuz, als ihr göttlicher Sohn sich opferte für das Heil der Welt.

Zurück zum Magnificat, dem Lobpreis Mariens, der kühne und großartige Gedanken über Gottes Wirken in der Heilsgeschichte enthält. Die auserwählte Magd des HERRN weiß: Gott ist und bleibt der Herr der Geschichte, selbst wenn wir die Wege des Höchsten nicht immer begreifen können. Auch die Gottesmutter ist nicht allwissend, aber fest überzeugt von Gottes Macht und Barmherzigkeit.

Die Mutter des HERRN betrachtet das Schicksal ihres Volkes im Lichte des Glaubens: „Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“ (Lk 2,19) – Die Madonna verhielt sich so, wie der Psalmist es empfiehlt: „Ich erwäge alle Deine Werke und will nachsinnen über Deine Taten.“ (Ps 77,13)

Frömmigkeit aus dem Geist Israels

Aus dieser Frömmigkeit der Psalmen Israels lebt Maria; aus diesem „Stoff“ ist auch ihr Magnificat erfüllt. Ihr herrlicher Lobpreis ist nicht nur ein Dankgebet für ihre persönliche Begnadigung, sondern vor allem eine grandiose Gesamtschau über das Heilswirken Gottes mit seinem Volk und der Welt.

Jubelnde Dankgebete von Frauen sind im Alten Bund keine Seltenheit. Die Namensvorgängerin der Gottesmutter, die alttestamentliche Miriam (= Maria), die Halbschwester des Moses und Schwester des Hohenpriesters Aaron, dankte Gott mit Pauke und Gesang, als die Israeliten das Rote Meer trockenen Fußes überschritten hatten und ihren Verfolgern entkommen waren.

So heißt es in Ex 15,19 ff: „Miriam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine Pauke und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Miriam sang ihnen vor:  Singt dem HERRN ein Lied, denn ER hat sich hoch und erhaben gezeigt, Roß und Reiter warf er ins Meer.“

Das Lukas-Evangelium berichtet uns von der Begegnung der Gottesmutter mit ihrer Verwandten Elisabeth. Diese wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: „Gesegnet bist Du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht Deines Leibes!“ (Lk 1,42)

Maria greift diesen Segensspruch Elisabeths in ihrem Magnificat auf: „Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter!“ – und das bedeutet: alle kommenden Generationen durch die Jahrtausende hindurch.

Doch Maria bleibt nicht beim Jubel über Ihre Erwählung stehen, sondern lenkt sogleich ihren Blick auf den Ewigen selbst: „…denn der Allmächtige hat Großes an mir getan – und Sein Name ist heilig!“ 

Diese biblische Ankündigung der Seligpreisung Mariens hat auch manche protestantische Theologen nachdenklich gemacht, darunter Hans Asmussen, der mit seinem Buch „Maria, die Mutter Gottes“ einst für Aufsehen in der evangelischen Christenheit sorgte. Propst Asmussen schreibt darin:

„Wenn Maria im Magnificat singt, alle Menschengeschlechter würden sie selig-preisen, dann bedeutet dies für die evangelischen Kirchen eine ernste und bleibende Frage: Preisen auch wir sie selig? Oder hatte Maria uns Evangelische nicht im Auge, als sie das Magnificat sang?“

Die Würdigung der Madonna schmälert ja keineswegs die Ehre des Allerhöchsten, im Gegenteil: in der Verehrung Mariens loben und preisen wir das Werk Seiner Hände, das edelste Geschöpf Gottes. Dies gilt umso mehr, als die hohe Sendung für Maria kein Anlaß zum Stolz war, sondern zur wahren Demut, denn sie zeigte „Mut zum Dienen“ – sie wollte die Magd des HERRN sein und sagte im Magnificat: „ER hat herabgeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd.“

Mit „Niedrigkeit“ meinte die Madonna weniger ihren sozialen Status (zumal sie damals die Verlobte eines Handwerkers war, also durchaus zum schlichten Mittelstand gehörte, nicht etwa zur „Unterschicht“) – sie bezeichnete damit eine geistige Haltung, in der sie um ihre Abhängigkeit von Gott wußte und sich als „Bettlerin“, als Begnadete vor dem Höchsten fühlte.

Nachdem die Gottesmutter von ihrer eigenen „Niedrigkeit“ spricht und die „großen Taten Gottes“ in ihrem Leben preist, führt sie ihren Blick weiter zur allgemeinen Heilsgeschichte: „Er stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ – Ähnlich formulierte es auch Petrus, der erste Papst: „Den Mächtigen widersteht Gott, doch den Niedrigen schenkt er seine Gnade.“ (1 Petr 5,5)

Im Alten Bund besingt auch Hannah, die Mutter des Propheten Samuel, Gottes Hilfe für die Gerechten und jene, die sich ihrer Schwachheit vor Gott bewußt sind: „Der HERR macht tot und lebendig, ER erniedrigt und ER erhöht. Den Schwachen hebt er aus dem Staub empor. Er behütet die Schritte seiner Gerechten, doch die Frevler verstummen in der Finsternis.“ (1 Sam 2,1 f.)

Bei Hannah und Maria geht es nicht um irdischen Umsturz, nicht um politische Revolutionen oder „Emanzipation“. Nicht menschliche Verhältnisse sollen gewaltsam auf den Kopf gestellt, sondern Gott als HERR der Geschichte offenbar werden, sein Königtum soll verkündet werden.

Am Schluß wendet sich die Madonna der Geschichte Israels zu: Gott erwählte „Abraham und seine Nachkommen auf ewig“, um mit ihnen einen Bund des Heiles zu schließen, der im Kommen Christi seinen Höhepunkt findet, denn der göttliche Erlöser ist der Messias Israels und das „Licht zur Erleuchtung der Heiden“, wie es im Lobpreis Simeons gesagt wird (vgl. Lk 2,32).

Im Psalm 111,4 heißt es: „Der HERR ist gütig und barmherzig… An seinen Bund denkt er auf ewig.“ – Ähnlich bezeugt es auch die Gottesmutter: „ER denkt an Sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“

Maria ist die „Tochter Zion“, der Jubel Jerusalems, das vollkommenste Geschöpf aus der Hand Gottes, die Königin der Propheten, die Zierde der Heiligen – sie ist das größte menschliche Vorbild des Glaubens und der unbeirrbaren Treue bis unter das Kreuz.

Unsere Autorin Felizitas Küble ist Leiterin des KOMM-MIT-Verlags und des Christoferuswerks in Münster

Kontakt: Postfach 7680  –  48041 Münster / Tel. 0251-616768  / Mail: felizitas.kueble@web.de


Don Gobbis „Botschaften“ unter der Lupe

Seit fast 40 Jahren berichtet der italienische Priester Stefano Gobbi    –  von seinen Anhängern meist „Don Gobbi“ genannt  –  von angeblichen Einsprechungen der „Gottesmutter“, dokumentiert im sog. „Blauen Buch“, das den Titel trägt: „Die Muttergottes an ihre vielgeliebten Priestersöhne“.

Die Anhänger dieser Privatoffenbarung  –  sowohl Priester wie Laien  –  treffen sich zu Gebet und gemeinsamer Lektüre dieser Botschaften in „Zönakeln“, wie sie ihre regelmäßigen Zusammenkünfte bezeichnen. Don Gobbi ist zugleich Gründer und internationaler Chef der „Marianischen Priesterbewegung“ (MPB), die in Deutschland von Pater Otto Maier geleitet wird.

Die zahlreichen Neu-Auflagen und Ergänzungen seines sog. „Blauen Buches“ machen eine Analyse langatmig und kompliziert. Daher ist es übersichtlicher, sich Don Gobbis Neujahrsbrief 2007 an die „nationalen und regionalen Verantwortlichen der MPB“  näher anzuschauen, weil er darin viele seiner zentralen Themen zusammenfaßt.

Darin berichtet Don Gobbi von seiner eifrigen Reisetätigkeit durch aller Herren Länder, so etwa im Jahre 2006 durch vierzehn Staaten; zudem schildert er seine bisherigen Erfolge, die sich wahrlich sehen lassen können: „Ich habe 90 Städte mit 55 Flügen besucht, habe 110 Zönakel geleitet, an denen 70 Bischöfe, 1750 Priester und 450.000 Gläubige teilgenommen haben.“

Nun kommt es allerdings bei Licht betrachtet nicht auf den äußerlich meßbaren Erfolg an, sondern auf das Fundament und seine Qualität. Worauf also beruht die besondere „Spiritualität“ der Marianischen Priesterbewegung?

Natürlich auf dem Blauen Buch mit den „Einsprechungen“, die Don Gobbi  angeblich   von der Himmelsmutter erhält.

Unter diesen umfangreichen Botschaften sind einige Aspekte besonders interessant. Lassen wir Don Gobbi selbst zu Wort kommen, genauer: die von ihm empfangene „Botschaft“ vom 15. März 1993:

„Wie Noah im Namen des Herrn jene, die vor der Sintflut bewahrt werden sollten, eingeladen hat, in die Arche einzutreten, so mußt du, mein kleinster Sohn, im Namen der himmlischen Mutter jene einladen, in die Zufluchtsstätte meines Unbefleckten Herzens einzutreten, die vor der großen Prüfung, die nun für die Kirche und für die ganze Menschheit gekommen ist, geschützt, verteidigt und gerettet werden sollen.“

Bereits hier taucht die Frage auf, ob sich die Gobbi-Bewegung gewissermaßen als „Staat im Staate“, eine Art Extra-Kirche innerhalb oder „oberhalb“ der Kirche Christi versteht. Don Gobbi wird hier jedenfalls in eine direkte Linie mit dem gerechten Noah des Alten Bundes gestellt  – offenbar  ist er der Noah unserer Zeit, was ein erstaunliches Sendungsbewußtsein markiert, das man ansonsten nur bei Sektenführern kennt.

Zudem ist das Unbefleckte Herz Mariens nun quasi die „Arche“ für jene, die vor der „großen Prüfung“ geschützt bleiben sollen –  vor einer Prüfung immerhin, die „nun für die Kirche“ (und die Menschheit) „gekommen“ sei.

Abgesehen davon, daß diese Ankündigung von 1993 auch fast 20 Jahre später noch   ihrer Erfüllung harrt, stellt sich die Frage, warum denn „die Kirche“ durch eine große Prüfung hindurchgehen muß, während gleichzeitig eine gewisse Schar von Gläubigen (eben die Anhänger Don Gobbis) davor bewahrt bleiben, weil sie sich getrost in der „Arche“ aufhalten, nämlich im Unbefleckten Herzen Mariens.

Wo befindet sich dann aber die Kirche Christi? Etwa außerhalb dieser Arche? Ist nicht die Kirche selber die Arche des Neuen Bundes? Viele Kirchenväter der ersten Jahrhunderte haben genau dies gelehrt: die Kirche als „Arche des Heils“!

Welche „Maria“ offenbart sich hier?

Die bereits zitierte Gobbi-Botschaft vom 15. März 1993, die er in Fatima empfangen haben will, bietet weitere Merkwürdigkeiten: „Ich habe dich hier gewollt, weil du allen verkünden mußt, daß die Zeit gekommen ist, in der ich mich auf außergewöhnliche Weise all jenen offenbaren werde, die sich mir geweiht haben.“

Bereits 1993 ist demnach die „Zeit gekommen“, in der sich die „Gottesmutter“ jenen, die sich ihr „geweiht“ haben, „offenbaren“ wird  – und zwar auf „außergewöhnliche“ Weise.

Auch hier möchte man nun gerne wissen, ob diese Ankündigung bereits eingetroffen ist und inwiefern der hier erwähnte Personenkreis (der sich dem „Unbefleckten Herzen geweiht hat“) tatsächlich „außergewöhnliche Offenbarungen“ erfahren hat, die von Seiten der „Gottesmutter“ bewirkt wurden.

Die von Don Gobbi propagierte Art der „Herz-Marien-Weihe“ erscheint  theologisch eher merkwürdig, erweckt sie doch den Eindruck, als ob die Gottesmutter nicht etwa nur der beste Weg zu Christus sei, sondern quasi die Endstation des Erdenpilgers. Doch die Gottesmutter ist der Weg, nicht das Ziel!

So heißt es z.B. in der „himmlischen“ Einsprechung Don Gobbis am 25. März 1984:

„Wenn ich euch um die Weihe an mein Unbeflecktes Herz bitte, so geschieht dies, um euch verständlich zu machen, daß ihr euch mir vollkommen anvertrauen müßt, total und für immer, damit ich entsprechend Gottes Willen über euch verfügen kann.“

Diese Aufforderung kann kaum von der wirklichen Gottesmutter herrühren, nicht von jener Jungfrau aus Nazareth, die bescheiden von sich sagte: „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn.“  –  Allein Gott, unser Schöpfer, kann die volle „Verfügungsgewalt“ über seine Geschöpfe beanspruchen, allein dem dreieinigen Gott sollen wir uns „vollkommen“ anvertrauen, IHM „total und für immer“ dienen und uns freiwillig seinem Willen unterordnen.

Im Verhältnis zur Gottesmutter, also gegenüber dem höchsten gottbegnadeten Geschöpf, kann ein solcher Weihe-Akt lediglich in relativer Weise erfolgen, nämlich letztlich im Hinblick auf Christus selbst  –  bezogen auf die Madonna in dem Sinne, daß wir uns ihrer mächtigen Fürsprache am Throne ihres göttlichen Sohnes anvertrauen.

Zurück zu Don Gobbis Neujahrsbrief 2007, der auch in anderer Hinsicht aufschlußreich ist; er schreibt darin z.B.:

„Die Aufgabe, die der Marianischen Priesterbewegung in dieser Zeit der Reinigung und der großen Bedrängnis anvertraut ist, besteht darin, der Kirche und der ganzen Menschheit DIE HERRLICHKEIT MARIENS zu verkünden.“ (Großschreibung im Original.)

Wenn es sich bei dieser „Herrlichkeit Mariens“ um die amtliche Lehre der Kirche über die Gottesmutter handelt, dann braucht das „der Kirche“ keineswegs „in dieser Zeit“ durch die MPB „verkündet werden“, dann weiß die Kirche das selbst und lehrt dies sei eh und je. Offenbar geht es sich hier aber um eine neue Variante der „Herrlichkeit Mariens“, die erst noch „offenbar“ werden muß?

Um seinen Lesern zu verdeutlichen, was diese „Herrlichkeit Mariens“ konkret beinhaltet, veröffentlicht Don Gobbi in seinem Rundschreiben einige Passagen aus den „Botschaften“, die er am 2. Februar 1988 von der „Gottesmutter“ erhalten habe. Hier einige Auszüge:

„Liebt mit dem Schlag meines Unbefleckten Herzens die heiligste und göttliche Dreieinigkeit. Liebt den Vater, der euch mit seiner Zärtlichkeit umgibt, der euch in seinen Armen trägt und immer mit seiner Vorsehung beisteht. Liebt den Sohn, der sich zu eurem Bruder gemacht und euch ein neues Herz und einen neuen Geist geschenkt hat… Jesus erwart von Euch nur Liebe.“

Es fällt auf, welche kindische Vorstellung hier von Gott-Vater entwickelt wird. Seine Gerechtigkeit, Erhabenheit und Heiligkeit wird ausgeblendet. Auch Christus kommt nur als unser „Bruder“ zum Vorschein, nicht als unser Herr, Erlöser und Richter.

Im Grunde handelt es sich hier um sentimentalen Modernismus.  Im übrigen erwartet Jesus von uns keineswegs „nur Liebe“, sondern Glaube, Hoffnung und Liebe, also alle drei übernatürlichen, durch den Heiligen Geist „eingegossenen“ Tugenden.

Ist Don Gobbis „Maria“ die „Magd des HERRN“?

Jene „Maria“, von der Don Gobbi himmlische „Einsprechungen“ erhält, ist eifrig auf ihre eigene Ehre bedacht. Demgegenüber wissen wir von der wahren Madonna, daß sie auf Gottes Verherrlichung und auf ihren göttlichen Sohn hinweist: „Was ER euch sagt, das tut!“    –   „ER hat herabgeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd.“  –  „Denn der Allmächtige hat Großes an mir getan und SEIN Name ist heilig.“

In der „Botschaft“ an Don Gobbi vom 2.2.1988 äußert sich „Maria“ aber wie folgt:

„Ich verherrliche mich in euch, wenn ihr mit mir im Lichte der Liebe wandelt…Ich verherrliche mich in euch, wenn ihr mit mir im Lichte der Heiligkeit wandelt…Ich werde in euch verherrlicht. In euch werde ich verherrlicht, wenn ihr demütig, arm, klein, rein und barmherzig seid. Ich verherrliche mich in euch, wenn ihr im Licht des  Glaubens, der Liebe und der Heiligkeit wandelt. Dann werdet ihr meine Herrlichkeit verbreiten.“

In dieser einzigen Kurzbotschaft erscheint sechs Mal die Äußerung,  daß „Maria“ sich selbst „verherrlicht“ in ihren Anhängern. Kommt uns hier nicht unwillkürlich die biblische Botschaft in den Sinn, die im Johannesprolog verkündet: „…und wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

Sogar die dritte göttliche Person der Dreieinigkeit, der Heilige Geist, verherrlicht laut Heiliger Schrift keineswegs sich selber, obwohl ihm das kraft seiner göttlichen Natur durchaus „zustehen“ würde, sondern der Heilige Geist bezeugt Christus und verherrlicht dessen Erlösungswerk: Christus spricht vom „Geist der Wahrheit“, den er senden und der „von mir Zeugnis geben“ wird (vgl. Joh 15,26).  In Joh 16,13 wird Christi Aussage berichtet, daß der Heilige Geist „nicht von sich selber reden“ , sondern „mich verherrlichen wird“.

Wenn demnach die göttliche Person des Heiligen Geistes nicht sich selbst, sondern Christus verherrlicht, dann kann man dies erst recht bei einem so heiligen und wahrhaft demütigen Geschöpf wie der Gottesmutter als selbstverständlich voraussetzen.

Problematisch ist eine weitere Variante, durch die das Erlösungswerk Christi verdrängt   wird  – und auch diese Version findet sich in jener „Botschaft“ vom 2.2.1988, die Don Gobbi in seinem Neujahrsbrief zitiert:

Seine Anhänger sind das neue „Licht der Liebe“

„Ihr werdet meinen Triumph vorausnehmen, ihr werdet die Strahlen des Lichtes sein, die von meinem Unbefleckten Herzen herabströmen, um die Erde in diesen Tagen tiefer Dunkelheit zu erleuchten… Dann bewirkt ihr in diesen Tagen der Gewalt und des Hasses, daß der himmlische Tau der göttlichen Barmherzigkeit auf die große Wüste der Welt herabsteigt. So wird durch euch erneut das Licht der Liebe erstrahlen und ich werde in euch verherrlicht.“

Diese Pseudo-Maria will ihre Selbstverherrlichung offenbar auch ihren Anhängern vermitteln, heißt es doch in der erwähnten Botschaft: „Dann bewirkt ihr….daß der himmlische Tau der göttlichen Barmherzigkeit…herabsteigt… So wird durch euch erneut das Licht der Liebe erstrahlen…“

Die göttliche Barmherzigkeit ist in der Person Christi vor 2000 Jahren wie himmlischer Tau („Tauet Himmel, den Gerechten…“) zur Erde herabgestiegen und hat sein Heilswerk durch den Opfertod am Kreuz vollendet. ER ist das „wahre Licht“, das die Welt erleuchtet (vgl. Johannes-Prolog)  – niemand sonst, auch nicht die Anhänger Don Gobbis.

Die Mutter des Heilands hat ihren und unseren göttlichen Erlöser an der Krippe angebetet und ihm auch unter dem Kreuz die Treue gehalten; sie stand „unter“ dem Kreuz und „unter“ ihrem Sohn, keineswegs ebenbürtig „neben“ ihm.   –  Auch hier wird in der Gobbi-Botschaft wieder eine stolze „Maria“ erkennbar, die schon deshalb nicht die wahre Gottesmutter sein kann, denn diese würde nie von sich behaupten, was Don Gobbis Pseudo-Maria am 21.8.1987 erklärte:

„Als Mutter bin ich immer neben meinem Sohn. Ich bin es auf dieser Erde gewesen; ich bin es jetzt im Paradies. Ich befinde mich weiterhin dort, wo Jesus in jedem Tabernakel der Erde gegenwärtig ist. Mein Unbeflecktes Herz wird für ihn zum lebendigen, pulsierenden und mütterlichen Tabernakel der Liebe, der Anbetung, des Dankes und der dauernden Sühneleistung.“

Hier wird mit fromm klingenden Worten die kirchliche Lehre verdrängt, wonach die hl. Messe durch die Weihe-Vollmacht des Priesters  ein wahres sakramentales Opfer des Dankes, der Sühne und der Verherrlichung Gottes darstellt.

Die Gottesmutter ist hingegen keine Inhaberin des Amtspriestertums, sie kann keine sakramentale Opferhandlung voll- ziehen; sie ist auch keineswegs wie Christus im Tabernakel „gegenwärtig“, zumal der Gott allein allgegenwärtig ist und sein kann, sei es in seiner Schöpfung oder besonders in den heiligen Sakramenten, vor allem jedoch im Sakrament des Altares.

Mit den „Aposteln der Letzten Zeiten“ ins irdische Paradies

Was Don Gobbi ansonsten in seinem Rundschreiben zum Besten gibt, zeigt auch seine profunde Fähigkeit, alte Visionen neu zu vermarkten, darunter eine enthusiastische Endzeitschwärmerei, die mit Bibel und Dogma nicht übereinstimmt.

Demzufolge soll es schon vor der Wiederkunft Christi ein großes christliches Friedensreich auf Erden geben, das von den „Aposteln der Letzten Zeiten“ geprägt sei. Diese These des sog. Postmillenarismus widerspricht der Hl. Schrift und wurde bereits im Mittelalter von der Kirche abgelehnt, zB im Zusammenhang mit den Schwärmereien eines Joachim v. Fiore.

Nun erfahren wir von Don Gobbi, daß er und seine Getreuen diese endzeitliche Apostelschar bilden werden; hierzu zitiert er in seinem Neujahrsbrief die Botschaft vom 8.12.1994, angeblich „passend“ erhalten am Fest der Unbefleckten Empfängnis:

„Ihr seid die Apostel der Letzten Zeiten, weil ihr allen die baldige Wiederkunft Jesu in Herrlichkeit verkünden sollt, der die Menschheit in die neuen Zeiten einführen wird, in denen man schließlich den neuen Himmel und die neue Erde sehen wird.“

Im Glaubensbekenntnis (großen Credo) liest man es freilich anders: „Er wird wiederkommen in Herrlichkeit zu richten die Lebenden und die Toten.“  – Bei Don Gobbi ist vom Richter keine Rede, stattdessen von freudigen, außergewöhnlichen Empfindungen und irdischen Paradieseswonnen,  wie die Botschaft vom 21. 8. 1987 bezeugt:

„Sobald Jesus sein eucharistisches Reich errichtet hat, wird er euch dazu führen, daß ihr Freude an dieser seiner dauernden Gegenwart habt, die ihr auf eine neue und außergewöhnliche Weise empfinden werdet und die euch dazu bringen wird, die Erfahrung eines zweiten, erneuerten und schöneren irdischen Paradieses zu machen.“

Damit übertrifft Don Gobbi sogar die wohlbekannten Schwärmereien der Zeugen Jehovas und sonstiger chiliastischer Sekten, die gern von einem irdischen Paradies am Ende aller Zeiten träumen, aber nicht wie Don Gobbi behaupten, dieses „zweite Paradies“  sei noch schöner als jenes erste, in dem sich Adam und Eva vor ihrem Sündenfall aufhalten durften.

Zudem räumen diese Gruppen zum Teil immerhin ein, daß vor diesem „goldenen Zeitalter“ erst der Antichrist kommen und sein diabolisches Reich errichten wird, ein wesentlicher Sachverhalt, den Don Gobbi in seiner Endzeitschwärmerei „übersieht“, den er auch in seinem achtseitigen Neujahrsbrief mit keinem Wort erwähnt.

Charismatische Elemente bei Don Gobbi

Zu diesen chiliastischen Inhalten gesellen sich charismatische Elemente in den Botschaften Don Gobbis; man denke etwa an seine häufige Erwähnung eines „zweiten Pfingsten“ bzw. einer „neuen Kirche“, die noch im Entstehen sei.

Hierzu paßt das Motto seiner Deutschlandtour im Herbst 2007 („Wir beten um das Kommen des Heiligen Geistes“), die ihn auch zu „Zönakeln“ nach Heroldsbach und Marienfried führte (beidesmal Stätten von „Marienerscheinungen“, die kirchlich nicht anerkannt sind).

Die charismatische Erwartungshaltung Don Gobbis wird auch deutlich in der von ihm stark verbreiteten Anrufung: „Komm, Heiliger Geist, komm durch die mächtige Fürsprache des Unbefleckten Herzens Mariens, Deiner so geliebten Braut.“

Tatsache ist jedenfalls, daß weder die Heilige Schrift noch die Dogmatik ein „zweites Pfingsten“ für die Kirche kennt und daß sich die alttestamentliche Verheißung von Joel 3 in ihrer Ersterfüllung auf das Pfingstfest und in ihrer Voll-Erfüllung auf das bekehrte Israel der Endzeit bezieht.

Dazu paßt es auch, daß Don Gobbis „Maria“ sich zu Medjugorje bekennt, einem stark charismatisch geprägten Erscheinungsort.  So will  er am 3. Juli 1987 eine Einsprechung der „Gottesmutter“ erhalten haben, wonach sich „noch in diesem Jahr große Ereignisse vollziehen werden“.

Die Gobbi-Bewegung verbreitete diese Auskunft in Millionen Flugblättern, was zu einer kompletten Bauchlandung führte, denn das besagte Jahr verlief ohne auffallende Besonderheiten. Pikant war überdies, daß die „Madonna“ diese „großen Ereignisse“ ausdrücklich auf Medjugorje bezog: „…was ich unter dem Siegel der Geheimhaltung auch den Kindern offenbart habe, denen ich in Medjugorje immer noch erscheine.“

„Immer noch“ dürfte ein passender Ausdruck sein, nachdem die dortige Seherschar  behauptet, auch nach dreißig Jahren noch „Offenbarungen“ der “Gospa“  zu erhalten. Dergleichen ist in der Kirchengeschichte nie dagewesen, doch man wird gut daran tun, diese banalen „Botschaften“ nicht für ein „zweites Pfingsten“ zu halten, sondern als Phänomen aus dem Irrgarten der Falschmystik einzustufen, was auch für die „Einsprechungen“ eines Don Gobbi gilt.

Felizitas Küble leitet den KOMM-MiT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster

Kontakt: felizitas.kueble@web.de


Willigis Jäger: Vom Benediktiner zum „mystischen“ ZEN-Meister

W. Jäger und sein Buch „Die Welle ist das Meer“

Der Benediktinermönch Willigis Jäger gehört zu jenen esoterisch geprägten „Brückenbauern“, die das Christentum mit dem Buddhismus, aber auch mit den anderen Religionen „spirituell“ verbinden wollen – gemäß der Devise: „Das Dogma trennt, aber die Erfahrung vereint.“ – Gemeint ist hier eine „mystische“ Erfahrung des Einzelnen jenseits aller Religionsunterschiede.

Diese Religionsvermischung, auch Synkretismus genannt, gründet auf einer „mystischen Spiritualität“ – so der bezeichnende Untertitel des Buches „Die Welle ist das Meer“ von Willigis Jäger. Hier ist es also nicht das Credo, das Glaubensbekenntnis, auf das es ankommt, sondern vielmehr die innere Versenkung des Gläubigen in „Gott“ – welcher Religionszugehörigkeit er auch immer sein mag. slider3-640x360

Diese „Mystiker“ findet Willigis Jäger bei den Zen-Meistern im Buddhismus, den Yogas im Hinduismus, bei den Derwischen (Sufis) im Islam und den Kabbala-Esoterikern im Judentum. Er selbst sieht sich als „spirtiueller Zen-Meister“, zumal er bei langjährigen Aufenthalten in Japan in eine intensive Berührung mit dem Zen-Buddhismus gekommen war.

Seit 2003 leitet er den „Benediktushof“ im unterfränkischen Holzkirchen und hält auch andernorts viele Vorträge und Exerzitien.

Unter Kardinal Ratzinger erhielt er 2001 ein Schreib- und Auftrittsverbot seitens der Glaubenskongregation, weil er die persönliche „mystische“ Erfahrung des Einzelnen über die objektiven Glaubenswahrheiten stellt, die uns die Heilige Schrift und das kirchliche Lehramt verkünden. Der Benediktiner wurde daraufhin auf eigenen Wunsch von der Abtei Münsterschwarzach exklaustriert (beurlaubt), gehört aber nach wie vor grundsätzlich weiter zur Klostergemeinschaft.

Zurück zu Jägers  –  passenderweise im liberalen Herder-Verlag  –  erschienenen Buch „Die Welle ist das Meer“. Darin vertritt er drei typische esoterisch-falschmystische Irrlehren:

1. Der grundlegende Abstand zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen wird aufgehoben, der Mensch als quasi-göttliches Wesen angesehen, das auch ohne die Gnade Christi „vergöttlicht“ werden könne.

2. Der Synkretismus, die Religionsvermischung wird verbreitet nach der Devise: „Mystiker aller Religionen, vereinigt Euch!“

3. Zudem wird die Lehre von der „Leere“ präsentiert, vom Nicht-Sein, „Nirwana“, vom seelischen „Leerwerden“, von der Erlösung durch Ablösung, durch Verschwinden des Willens und der natürlichen menschlichen Antriebe.

Auf Seite 15 verbreitet der Verfasser gleich zwei esoterische Irrtümer, die Religionsvermischung und die Leerheits-Lehre: „Ich gehe mit diesen Menschen einen spirituellen Weg, der in die Erfahrung dessen führt, was die heiligen Bücher der verschiedenen Religionen verkünden…kurz, einen Weg, der zur Erfahrung dessen führt, was Religionen als ihr Ziel haben, Gott, Gottheit, Leerheit, Brahman.“

Danach beschwert er sich: „Im Römischen Katechismus wird das Wort Mystik auf seinen 800 Seiten nicht einmal genannt.“ (S.16)

Außerdem schreibt er, was ihn am meisten ärgert: „In der kath. Lehre ist die Mystik der Dogmatik zugeordnet. Sie wird von der rationalen Glaubenslehre kontrolliert…. Den christlichen Mystikern hat das beträchtliche Schwierigkeiten bereitet.“

Zudem beanstandet er, daß das Christentum die Lehre von einem „außerweltlichen“ Gott prägte  –  er propagiert letztlich einen „innerweltlichen“ (pantheistischen) „Gott“, der mit Welt und Mensch „eins“ ist – siehe oben: die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf entfällt.

Hierzu heißt es bei ihm über die christliche Theologie (S. 17 ff): „Nun wurde die Vorstellung von einem außerweltlichen Gott dominant, der – wie der altisraelitische Jahwe – von außen das Schicksal seiner Welt bestimmt….So konnte es zum mangelnden Verständnis für die Mystik kommen.“

Er fährt fort, indem er den Theismus kritisiert, also die Bejahung eines persönlichen, außerhalb seiner Schöpfung existenten Gottes: „Der Theismus führt zu einer dualen Weltsicht. Er installiert eine tiefe Kluft zwischen Gott und Welt. Beide sind demnach ontologisch verschieden, sie sind für sich bestehende Wirklichkeiten. Die Welt wird zum Jammertal, dem es über die erlösende Brücke des Kreuzes Christi zu entfliehen gilt. “

Da der Autor sich allen Religionen „mystisch“ verbunden fühlt, kann er mit dem „Sühnetod“ Christi theologisch nichts anfangen.

Er macht dem göttlichen Erlöser folgenden Vorwurf: „Gewiß hat Jesus einer theistischen Deutung seines Legens und seiner Lehren zuweilen Vorschub geleistet.“

Der mehr buddhistisch als christlich orientierte „Benediktiner“ ist sogar der Meinung: „Mit der Erlösungstheologie… hat sich das Christentum eine gewaltige Hypothek aufgelastet.“

Auf S. 24 lobt er die Frauen, weil sie „eher für mystische Erfahrungen offen sind als Männer“. – Diese „Offenheit“ hat aber ihre zwei Seiten:

Einerseits  –  erfreulicherweise – eine größere Aufnahmefähigkeit der Frau für den Glauben (von oben), aber andererseits  –  verhängnisvoll  –  auch eine stärkere Verführbarkeit für diabolische Einflüsterungen (von unten), wie sich bereits beim Sündenfall gezeigt hat.

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Verlags und des Christoferuswerks in Münster


Moderne Schwarmgeisterei unter der Lupe

Von Pfr. Winfried Pietrek

Ein Schwarmgeist ist ein Christ, für den Gefühlserlebnisse in seinem religiösen Leben an erster Stelle stehen. Es geht ihm – vielleicht unbewusst – zuerst um das Glaubens-Erlebnis, danach erst um die Glaubenslehre. Christus hat zwar gefordert, Gott aus unserem ganzen Gemüt zu lieben, doch entscheidend im Glaubensleben sind Verstand und Wille   –  gemeinsam mit dem Herzen, dem innersten Kern jeder Person.

Wenn also zum Beispiel ein charismatischer Visionär behauptet, es sei ihm von Gott das Leitwort Jesu für Petrus geoffenbart worden: „Vertraue dich deinen Gefühlen an!“, dann ist das entweder Phantasie oder dämonische Täuschung.

Im Alltag begegnet wohl jedem Seelsorger die Schwarmgeisterei der „Charismatischen Bewegung“: „Das habe ich doch selbst erlebt!“ heißt es dann. Oder: „Das spüre ich in meinem Innern!“

Welche Folgen das Schwärmertum hat, erlebe ich als Seelsorger fast täglich: Da behaupten Katholiken, zu ihnen hätte ein Engel oder Maria oder Jesus oder der himmlische Vater ganz klar gesprochen – obwohl die angeblich geoffenbarten Worte der Glaubenslehre widersprechen, verführerisch sind oder der Eitelkeit schmeicheln.  Jakobskirche-Bamberg

Solche Offenbarungs-Erlebnisse hat z.B. der charismatische Wunderheiler Alan Ames, ein Laien-Segner, der die Welt durchreist und seine Bücher verkauft – Bücher, denen auch obiges Zitat („Vertraue dich deinen Gefühlen an!“) entstammt.

Viele, die bei den „Segnungen“ von Ames – oder bei der Handauflegung anderer charismatischer Wunderheiler – auf den Rücken gefallen sind, bleiben oft lange körperlich oder seelisch belastet und erleben nach anfänglichen Hochgefühlen später Depressionen oder andere psychische Störungen, so dass sie Hilfe beim Psychiater oder Exorzisten suchen müssen.

Manche aber schwören geradezu auf solche Erlebnisse, verteidigen sie begeistert, zäh, fast wie in einem Rausch, auch fanatisch. Ganz wesentlichen Einfluss auf die Verführten hat es, dass sie in charismatischen Veranstaltungen in die Massensuggestion einer begeisterten Gemeinde eintauchen, schwarmgeistige Predigten hören und dass ihr ganzer Körper, z.B. durch Hochwerfen der Arme und Wackeln mit den Händen, in die charismatische Segnungs-Veranstaltung einbezogen ist.

Konkret wird in manchen „Heilungs-Gottesdiensten“ bekannt gegeben, wie viele Krebs-Erkrankungen, Migräneanfälle, Schmerzen oder Lähmungen angeblich geheilt wurden – ohne dass diese „Wunder“ den kirchlichen Autoritäten zur Überprüfung gemeldet werden – wie es Rom doch längst fordert.

In meinem Archiv habe ich zahlreiche Berichte über charismatische „Heilungswunder“ gesammelt, die sich als ein durch Massensuggestion hervorgerufener Placebo-Effekt erklären lassen. Wie sorgfältig die Kirche Wunderheilungen überprüft, wird an Zahlen deutlich: In Lourdes z.B. sind nur 67 von 7000 gemeldeten Heilungen kirchlich anerkannt.

Es ist das Verdienst der Broschüre Wunderheilungen und ‚Ruhen im Geist’ (94 S., 3 €), daß es charismatische Heilungswunder und das sogenannte „Ruhen im Geist“ (Umfallen nach charismatischen Segnungen) unter die Lupe nimmt, solche Heilungen zuerst als natürlich bewirkt vorzustellen, z.B. als Placebo-Effekte, Hypnose oder Trance. Sie legt darüber hinaus aber auch überzeugend dar, dass diese Phänomene teilweise als okkult, also dämonisch bewirkt erklärt werden können.

Die Leiterin des charismatischen Evangelisations-Zentrums in Bad Soden, das sich übrigens seit 2004 nicht mehr „katholisch“ nennen darf, die indische Schwester Margaritha Valappila fühlt sich nach eigenen Worten „zu Höherem berufen“ und lässt sich als „Begnadete“ ehren. Sie wirkt in einer großen Segnungs-Halle in Bad Soden und reist von dort in zahlreiche Städte, um Hunderten die Hände aufzulegen, wobei viele tranceartig umfallen – mancherorts auch der zuvor zelebrierende Priester.

Für viele Besucher sind dies handfeste Beweise für das Wirken des Heiligen Geistes, der angeblich in der so genannten Geisttaufe – der Handauflegung von Wunderheilern – durch das Rückwärtsfallen erfahrbar wird. Einer von vielen charismatischen Scheinheilern: James Manjackal. Schwarmgeister kommen von einer Begegnung mit ihm zurück und sind begeistert: „Der hat ja so eine Ausstrahlung!“

Wer sich auf charismatische „Begnadete“ fixiert hat, nicht zuletzt, weil diese Personen von Priestern begleitet werden, überschätzt – so erlebe ich es in der Seelsorgepraxis – seine subjektive Urteilsfähigkeit weit und ist oft argumentativ nicht mehr zu erreichen.

Er hat sich festgelegt, ist nicht bereit, sich korrigieren zu lassen, selbst wenn Familienbande zerreißen. Jedes Wort prallt an seinem Herzen ab: „Ich habe doch diese pure Heiligkeit selbst erlebt. Sie können gar nicht mitreden. Sie kennen diese(n) Begnadete(n) ja gar nicht persönlich! Gott wirkt, wie und wo er will. Sie sind ein Feind des Heiligen Geistes!“ wird mir dann vorgeworfen.

Die geistige Verblendung charismatisch Verführter ist geradezu erschreckend. Leichtgläubige und religiös wenig ausgebildete Personen werden nur zu oft durch Predigten und Bücher charismatischer Wunderheiler, z.B. von P. James Manjackal oder P. Joseph Vadakkel – in denen Irrlehren und Falschaussagen nachweisbar sind – in die Irre geführt. (Oft sind diese Bücher im Miriam-Verlag erschienen.)

Da die „charismatischen“ Segnungen (Charisma = Gnadengabe) seit den 1960er Jahren über die protestantischen Freikirchen in die katholische Kirche eingedrungen sind und Millionen erfasst haben, werden in der Broschüre Wunderheilungen und ‚Ruhen im Geist’ auch freikirchliche „Segner“ mit ihren Praktiken namentlich vorgestellt. Besonders interessant sind die vielen „Fall“-Berichte von persönlich Betroffenen. Hier einige Beispiele aus meiner Seelsorgepraxis:

Ich habe über viele Jahre Erfahrungen mit dem Rückwärtsfallen bei katholischen charismatischen Exerzitien gesammelt. Bei offenbar besessenen oder umsessenen Menschen war das Umfallen mit den schlimmsten Reaktionen verbunden, z.B. mit Erbrechen, tierischen Lauten, Krämpfen usw.“

Ein Priester, der das Evangelisations- Zentrum in Bad Soden aufsuchte, schildert mir: „Als ich nun partout nicht umfallen wollte, wurde vom Segnenden mit einem kräftigen Stoß nachgeholfen.“

Eine Frau berichtet von dort: „Nach dem charismatischen Segen durch Handauflegung dachte ich: ‚Ich werde bekloppt im Kopf.’ Ich konnte die Sünden hören, die mein Mann im Nebenraum dem Priester zuflüsterte.“

Eine andere Katholikin: „Während ich am Boden lag, hatte ich schöne Gefühle. Diese waren allerdings nicht von Dauer. Einigen anderen ging es wie mir.“

Ein junger Mann: „Beim zweiten Segen fiel ich wieder nach hinten, aber dieses Mal spürte ich keinen Frieden, sondern große Angst. Die negativen Gefühle steigerten sich. Total erschöpft stand ich auf… Als sich noch Depressionen einstellten und ich nahe daran war, mir das Leben zu nehmen, habe ich mich einem Priester anvertraut… Ich erholte mich langsam. Ich kann nur alle dringend warnen.“

Ein Priester schreibt mir: „Nach einem Besuch von Medjugorje bin ich in großer Gewissensnot… Zu meiner Überraschung sah ich (dort) viele von den Gläubigen umfallen… Manche fielen auf den Rücken mit lautem Schreien und wilden Gebärden.“

Ein letzter Briefauszug: „Seitdem ich mir von Sr. Margaritha die Hände auflegen ließ, fühle ich mich wie tot und meine linke Hand zittert. Vor allem beim Gebet erlebe ich dieses Zittern.“

Aus persönlichen Gesprächen mit Katholiken, die jahrelang an Sr. M. Valappilas Veranstaltungen teilgenommen haben, weiß ich, dass ganze Familien dadurch starke Belastungen und Ängste erfahren haben.

Betroffene verteidigen sich mit Bekehrungs-Erlebnissen. Doch es gehört zur Strategie des Bösen, mit „Erfolgen“ zu pokern. Wer aber erlebt, dass aus charismatischen Veranstaltungen Zurückkehrende jubeln: „Wir haben jetzt den Heiligen Geist!“, der wundert sich, mit welcher Selbstsicherheit und Heilsgewissheit von charismatischen Priestern und Laien das Sakrament der Firmung durch die sogenannte Geisttaufe ersetzt wird. Schon der Ausdruck „Geisttaufe“ zeigt, dass es dabei nicht um die Erneuerung des Firm-Gnade geht.

Bei solchen „Segnungen“ wird zugleich das Zeichen der Handauflegung missbraucht, das biblisch eindeutig der Spendung der Sakramente zugeordnet ist. Selbst der Weltkatechismus stellt fest: Je mehr aber „eine Segnung das kirchliche und sakramentale Leben betrifft, desto mehr ist ihr Vollzug dem geweihten Amt vorbehalten.“

Bereits 1989 verurteilte die Glaubenskongregation unter Kardinal Ratzinger jene charismatische Verirrungen: „Die unechten Charismatiker des 4. Jahrhunderts identifizierten die Gnade des Heiligen Geistes mit der psychologischen Erfahrung seiner Gegenwart in der Seele. Heute scheinen sie (die Fehlformen) erneut Christen zu beeindrucken und sich ihnen als psychologisches oder geistliches Heilmittel oder zum raschen Verfahren, um Gott zu finden, zu empfehlen.“

Adelgunde Mertensacker verweist in ihrem genannten Büchlein u.a. auf die spanische Nonne Magdalena vom Kreuz (16. Jahrhundert), die in Verzückungen und Ekstasen fiel, in der Luft schwebte, die Wundmale trug und als Prophetin auftrat. Sie wurde vom ganzen Volk bis hin zum Kaiser begeistert verehrt. Priester und selbst Bischöfe holten sich ihren Rat. Als Rom den Fall auf Echtheit prüfte, gestand die „Heilige“, dass sie als junges Mädchen dem Teufel ihre Seele übergeben hatte, um von ihm die Gabe des Wunderwirkens zu erhalten. 38 Jahre lang war es dem Satan gelungen, selbst hohe kirchliche Amtsträger zu täuschen.

Ähnliches geschieht heute: Eine Seherin namens Anne verbreitet ihre Visionen über das Internet.Wann wird Rom endlich eingreifen, nachdem schon Millionen von Katholiken verführt sind?

Weitere Literatur zum Thema Schwarmgeisterei finden Sie bei: Christliche Mitte, Mail: info@christiche-mitte.de

Quelle: Mitteilungsblatt der Priesterbruderschaft St. Pius X.   – Juni-Ausgabe  2011 (S. 34-37)