Unterwegs sein mit einer Verheißung

Vom Sinn des Wallfahrens

Jeder Christenmensch ist ein „Pilger auf Erden“  – in gewisser Weise fast ein „Fremdling“, denn unsere wahre Heimat ist im Himmel.

Von Trauergottesdiensten her kennen wir das bekannte Lied von Georg Thurmair:

Wir sind nur Gast auf Erden
und wandern ohne Ruh
mit mancherlei Beschwerden
der ewigen Heimat zu.

Das Wallfahren war schon beim Gottesvolk des Alten Bundes eine fromme Sitte, woran die Propheten und Psalmen mehrfach erinnern. Man pilgerte vor allem nach Jerusalem zum Tempel des HERRN.

Die Propheten wußten bereits, daß Gott einst auch anderen Völkern seine Gnade offenbaren wird.

So heißt es bei Jesaja 2,3 f:

„Viele Nationen machen sich auf den Weg.  Sie sagen:
Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN
und zum Haus des Gottes Jakobs.
ER zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen.
Denn von Zion kommt die Weisung des HERRN, aus Jerusalem sein Wort.“

 

Auch Psalm 122 kann als Pilgerlied verstanden werden:

„Ich freute mich, als man mir sagte„Zum Haus des HERRN wollen wir pilgern.“
Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem, du starke Stadt…
Dorthin ziehen die Stämme hinauf, die Stämme des HERRN,
wie es Israel geboten ist, den Namen des HERRN zu preisen.
Erbittet für Jerusalem Frieden!
Wer dich liebt, sei in dir geborgen.
Friede wohne in deinen Mauern, in deinen Häusern Geborgenheit.
Wegen meiner Brüder und Freunde will ich sagen: In dir sei Friede.
Wegen des Hauses des HERRN, unseres Gottes,
will ich dir Glück erflehen.“

Wir sehen, daß schon damals der Wunsch nach Segen, Glück und Schalom (Frieden und Heil) die fromme Wallfahrt prägte. Unverkennbar ist die Sehnsucht nach Geborgenheit in Gott, nach einer innigen Gemeinschaft der Gläubigen, auch die Freude am HERRN und das Verkünden seiner Herrlichkeit.

Der Tübinger kath. Theologe Karl Adam hat die Sehnsucht nach dem Ewigen als urmenschliche Konstante erläutert, als er schrieb:

„Der Mensch braucht die Hinwendung zu Gott, um ganz er selbst zu sein. Für sich allein ist er unfertig, niemals in sich selbst ruhend. Stets bedrohen und verschlingen ihn die Kräfte der Erde, stets verfällt er dem Chaos, wenn er sich allein gehören will.

Ein Rätsel ist der Mensch,
hart am Rande zweier Welten stehend,
bedarf er beider:
Erde und Himmel.
Zeit und Ewigkeit berühren sich in ihm.“

Ähnlich ist es auch der Wallfahrt eigen, vielleicht geht vielen Menschen deshalb beim Pilgern die Seele auf, erhält der Geist Flügel und der Glaube neue Kraft. Auch wenn wir als gläubige Wallfahrer unterwegs sind mit einer Verheißung, berühren sich „Zeit und Ewigkeit“, Irdisches und Unendliches. Wir bleiben mit beiden Füßen auf dem Boden (auch in geistiger Hinsicht), wir sollen nicht „abheben“, aber doch unseren Blick in die Ewigkeit richten, auf den Segen von oben.

Voraussetzung ist freilich, daß wir dieses „Unterwegssein mit Gott“ im Geiste wahrer Frömmigkeit begehen, daß das Pilgern für uns nicht etwa eine Art „religiöser Vergnügungspark“ darstellt, daß unser Ziel vielmehr das Wachsen im Glauben ist. Dazu gehört auch eine gute Portion Bußgesinnung, die wir am besten durch den Empfang des Bußsakramentes zum Ausdruck bringen.

In den letzten Jahrzehnten hat die Wallfahrt geradezu einen „Boom“ erlebt, einen neuen Frühling. Das ist erfreulich und führt den einen oder anderen vielleicht in eine vertiefte Verbindung mit Gott  –  auch durch die Fürsprache Mariens und der Heiligen.

Die Gottesmutter und die zahlreichen, kirchlich bewährten, oft jahrhundete-alten Wallfahrtsorte, die ihr gewidmet sind, ist wie ein Hinweisschild auf Christus: sie ist nicht selbst das Ziel, sondern der Weg  – und wir wissen, daß es ihr immer um die Ehre Gottes geht, um das Heil der Menschen in Christus.  Schon bei der Hochzeit zu Kana sprach die Madonna zu den Dienern: „Was ER euch sagt, das tut!“   – So war sie damals und ist sie auch heute der wirksamste Hinweis auf unseren göttlichen Erlöser, damit wir das tun, was ER sagt.

Pilgern sollte also mehr sein als ein frommer Brauch oder eine religiös angehauchte „Ferienreise“.  Eine wahre Wallfahrt ist ein Sinnbild unseres christlichen Lebens: Wir sind im Pilgerstand und gehen der ewigen Heimat entgegen. Seien wir uns dessen stets bewußt, dann ist auch unser Wallfahren vom Segen des Höchsten erfüllt.

Felizitas Küble, Vorsitzende des Christoferuswerks in Münster