Buch-TIP: Keine Pastoral ohne Pastor !

Rezension von Felizitas Küble

Buchdaten: Wolfgang F. Rothe  /  Pastoral ohne Pastor?    /   Ein kirchenrechtliches Plädoyer wider die Destruktion von Pfarrseelsorge, Pfarrer und Pfarrei.
Schmitt-Verlag, Siegburg 2008, 158 Seiten  /  ISBN 3-87710-288-3, Preis  9 €

Erstveröffentlichung dieser Besprechung in „Theologisches“ (Nr. 9-10/2008)

Der letzte Satz dieser fundierten und gehaltvollen Schrift  –  es handelt sich um ein Zitat von Johannes Paul II. –  kann zugleich als geistige Leitlinie des ganzen Buches gelten: „Ein Priester kann immer nur von einem Priester ersetzt werden“. Heiliger Wolfgang Gebet in der Krypta 1 - Kopie

Des Papstes Wort in der Bischöfe Ohr! Jedenfalls sind die Pastoralpläne und Strukturreformen, mit denen Priester und Gläubige seit Jahren aus bischöflichen Amtsstuben überschwemmt werden, offenbar einem anderen Denken verpflichtet.

Im Rahmen  „Pastoraler Prozesse“ wird dem Priestertum zunehmend der Prozeß gemacht und insbesondere der Leitungsdienst des Pfarrers untergraben. 

Infolge dieser anti-pastoralen Prozesse mausern sich Laien (vor allem hauptamtliche Funktionäre) gerne zu Ersatzklerikern   –  und Priester werden quasi „laiisiert“, um es schönfärberisch auszudrücken,  denn nicht selten können Geistliche froh sein, wenn sie wenigstens noch wie „Laien“ fungieren dürfen, in der Praxis haben sie mitunter weniger zu bestimmen als diese.

Angesichts dieser fatalen (Fehl-)Entwicklung, die das hierarchische Fundament der Kirche Christi von innen her aushöhlt, ist ein gut begründeter Warnruf unumgänglich.

Der Verfasser Dr. Wolfgang Rothe  leistet diesen notwendigen „Wächterdienst“ mit seinem Sachbuch „Pastoral ohne Pastor?“  ebenso couragiert wie argumentativ eindrucksvoll. Selten liest man eine kirchenrechtlich so präzise Schrift, die sich durchaus nicht im Detail verliert, sondern den „roten Faden“ bewahrt und zugleich verständlich formuliert ist.

Der kompetente Kirchenrechtler bietet in seiner kritischen Studie eine überzeugende Kombination aus Genauigkeit, übersichtlichem Aufbau und gut lesbarem Stil.

Dabei wagt es der Autor, der sein Buch dem angesehenen Kirchenrechtler Prof. Dr. Georg May widmete, ähnlich wie dieser unverblümt auf innerkirchliche Mißstände hinzuweisen. slider3-640x360

Dem Verfasser und seinem Vorbild Georg May geht es allerdings nicht um übliche Kirchenschelte, wie man sie aus linksliberalen Theologenkreisen zuhauf kennt, sondern um besorgte Sachkritik aus Treue zur Kirche und aus Liebe zur wirklichen Pastoral, die es ohne Pastor nicht geben kann und darf, denn der Pfarrer ist nicht irgendjemand, auch nicht lediglich Teil eines „Pastoral-Teams“,  sondern eigenverantwortlicher Hirte seiner Pfarrgemeinde.

Umso verhängnisvoller sind zunehmende Tendenzen, zumal in Deutschland, die Hirtensorge und Leitungsvollmacht des Pfarrers zu beschränken, ihn in ein Korsett mitbestimmender Laiengremien zu zwängen und die Dauerhaftigkeit seiner Amtsfüh-rung durch häufige Versetzungen, vorzeitigen Ruhestand oder gar Amtsenthebung zu gefährden.

Die „Herde“ wünscht jedoch einen Hirten, den sie kennt  – und die Pfarrei benötigt einen Seelsorger, der als dauerhafter Ansprechpartner fungiert, weil er nur so wahrhaft der „Vater“ seiner Gemeinde sein kann.

Dem Verfasser gelingt es, das biblisch-kirchliche Bild vom „Hirten“, der für seine „Herde“ sorgt und für sie verantwortlich ist, in den Mittelpunkt seiner Analysen und Lösungsmodelle zu rücken.

Hierbei wie in seinen weiteren Ausführungen verweist er häufig auf das Kirchenrecht, aber auch auf päpstliche Stellungnahmen, Lehräußerungen des Zweiten Vatikanums sowie auf römische Verlautbarungen, insbesondere der Kongregation für den Klerus und jener für die Bischöfe. Petrischlüssel

Die kirchliche Verfassung beruht auf dem Recht, an das auch die Hierarchie gebunden ist, wie der Autor betont. Gerade im bischöflichen „Regiment“ muß das Prinzip respektiert werden: „Nur das Recht soll gelten“  – und nicht etwa Willkür oder gar totalitäres Machtgebaren.   

Erinnert sei an das treffsichere Wort von Kardinal Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst: „Nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts soll gelten!“  (Vgl. sein Buch „Werte in Zeiten des Umbruchs“, S. 29.)

Die Eigenverantwortung, Selbständigkeit  und der Leitungsdienst des Pfarrers werden hierzulande seit fast 40 Jahren auch durch den Pfarrgemeinderat zunehmend ausgehöhlt, heute oft  als „Kirchengemeinderat“ bezeichnet, um sogar den Begriff des „Pfarrers“ auszumerzen. Obwohl das Kirchenrecht dem Pastoralrat lediglich eine beratende Funktion zuweist, hat sich gleichwohl nicht selten eine regelrechte bzw. regelwidrige (!)  „Rätediktatur“ herausgebildet, die dem Pfarrer das Leben schwer macht und die letzten Nerven kostet, vom Schaden für die Gesamtseelsorge ganz zu schweigen.

Dies ist umso unverständlicher, als allen Beteiligten klar sein sollte, daß das „Heil der Seelen“ als vorrangiges Ziel kirchlichen Handelns zu gelten hat. Auch der Verfasser  verweist darauf, daß dieser letzte Satz des Kirchenrechts (can 1752 CIC), wonach das „Heil der Seelen“ das „oberste Gesetz“ (suprema lex) darstellt, von größter Bedeutung ist, gerade wenn es darum geht, die derzeitigen Verdrängungstendenzen gegen das Priestertum zu analysieren.

Foto: Radio Vatikan

Foto: Radio Vatikan

Mit offenbar „brennender Sorge“ warnte Papst Benedikt XVI. die deutschen Bischöfe bei ihrem Ad-limina-Besuch vom 18.11.2006 davor, bei Pastoralplänen „den Blick auf das Wesentliche zu verstellen“; insbesondere dürften gewisse Reformen nicht dazu führen, daß  „das Bild des Pfarrers, das heißt des Priesters, der als Mann Gottes und Mann der Kirche eine Pfarrgemeinde leitet, zu verschwimmen droht“.

Genau dies geschieht vor den erstaunten Augen des Kirchenvolks: Immer mehr Pfarrer werden auf Drängen bischöflicher Ordinariate in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, durch willkürliche Amtsenthebungen oder Dauerbeurlaubungen kaltgestellt, im Rahmen von Pfarreifusionen zu Vikaren degradiert oder dauerhaft als „Pfarradministratoren“ mit eingeschränktem Rechtsstatus eingesetzt, obwohl das Kirchenrecht dies nur ausnahms-weise und zeitlich begrenzt vorsieht.

Die derzeitigen Strukturreformen in den meisten Bistümern Deutschlands, besonders die Maßnahmen im Rahmen der sog. „Kooperativen Pastoral“, mißachten diese „suprema lex“ der Kirche, sie dienen keineswegs dem „Heil der Seelen“, sondern untergraben die Hirtensorge und den Heilsauftrag des Pfarrers als priesterlicher Vorsteher seiner Pfarrei.

Ohne Pastor kann und darf es keine Pastoral geben: Wer Hirt und Herde auseinanderreißt, versündigt sich aufs schwerste nicht „nur“ gegen das Kirchenrecht, sondern vor allem gegen die berechtigten Anliegen der Gläubigen, letztlich gegen den Guten Hirten selbst, den Hohepriester des Neuen Bundes, dessen besondere Diener die Priester sind.

Das fatale Ergebnis, das der Verfasser klarsichtig in seinem Buch aufzeigt:  Der Pfarrer sieht sich heute einem doppeltem Druck ausgesetzt: jenem „von oben“ durch bischöfliche Behörden und dem Druck von unten durch die allgegenwärtige „Rätedemokratur“. 

Dies führt letztlich zu einer Pseudo-Pastoral ohne Pastor, zur Willkürherrschaft kirchen-kritischer Laienfunktionäre und zur Vorherrschaft verfehlter „Strukturreformen“ aus den Amtsstuben der Ordinariate, die dafür sorgen, daß „das Bild des Pfarrers immer mehr zu verschwimmen droht“  –  obgleich der Papst genau davor warnt!

Das Buch „Pastoral ohne Pastor?“ kann für 9 € portofrei beim Versandhaus Junge Welt in Münster bestellt werden. Kontakt: Tel. 0251-616768  – Mail: felizitas.kueble@we