Medjugorje und der Franziskaner-Konflikt

 “The Catholic Herald” über kirchenpolitische Hintergründe

Die britische katholische Wochenzeitung “The Catholic Herald” veröffentlichte vor 9 Jahren einen kritischen Hintergrund-Bericht über Medjugorje,  der sich vor allem mit dem Grundkonflikt zwischen dem Bischof von Mostar (Weltklerus) und den Franziskanern in der Region Herzegowina beschäftigt. Diese jahrhundertealten Entwicklungen spielen in der Medjugorje-Causa eine gewichtige Rolle.

Der österreichische kath. Nachrichtendienst „kathpress“ publizierte am 28.7.2002 eine Übersetzung der Analyse von „The Catholic Herald“; hieraus folgen nun die wichtigsten Auszüge:

„Es stimmt, dass viele positive geistige „Früchte“ mit den behaupteten Erscheinungen in Medjugorje in Zusammenhang stehen. Fast jeder Katholik kennt jemanden, der erklärt, sein Leben hätte sich seit dem Besuch des Heiligtums grundlegend geändert.

Manche Pilger kehren heim mit Geschichten über rotierende Sonnen und Rosenkränze, die zu Gold werden, andere wiederum werden wahrhaftig und für immer bekehrt. Einige werden auch zu leidenschaftlichen Verehrern „Unserer Lieben Frau, Königin des Friedens“ (ihren Anhängern als „Gospa“ bekannt) und ihrer Mission, durch Versöhnung und Gebet den Weltfrieden herbeizuführen.

So ist es eine Ironie, dass gerade Medjugorje heute eine der größten Bedrohungen für die Einheit der katholischen Kirche darstellt. Denn viele fromme Medjugorje-Pilger nehmen vielleicht nicht zur Kenntnis, dass die Kirche gar nicht will, dass sie dorthin pilgern.

Die Glaubenskongregation hat schon 1995 alle öffentlichen Pilgerfahrten zum Heiligtum verboten. Bischof Ratko Peric von Mostar, der als Orts-Ordinarius der einzige kirchliche Autorität ist, über die Echtheit der Erscheinungen zu urteilen, ist überzeugt davon, dass es sich um Betrug handelt.

Derselben Meinung waren auch sein Vorgänger, Bischof Pavao Zanic, und die eins-tige Bischofskonferenz von Jugoslawien sowie die Mitglieder der drei offiziellen Kommissionen – jede von ihnen entschied negativ -, der ganze Diözesanklerus von Mostar und sogar die meisten Franziskaner dort zu Lande.

Es wird eine letzte, abschließende Untersuchung geben, die von Rom ausgeht und erst beendet wird, wenn entweder die Berichte über die Erscheinungen enden oder der letzte Seher gestorben ist. Die Normen der Kirche warnen davor, dass Fehler auftauchen könnten, wenn nur die „Früchte“ und nicht auch die „Ereignisse“ untersucht werden. Aber eine baldige, definitive Entscheidung ist eher unwahrscheinlich, da drei der ursprünglich sechs Seher erklären, dass ihnen die „Gospa“ lebenslang Erscheinungen versprochen habe – und eine zweite Generation von Sehern gibt es auch schon.

Seher haben finanziell profitiert

Günstig ist es für die Seher allemal, da sie durch ihren Status als Seher finanziell profitieren. Sie sind berühmt geworden und einige fuhren mit der „Gospa“, die sie auf Wunsch sofort herbeirufen können, durch die Welt. Sie hat eine offensichtliche Flexibilität, die sogar einige ihrer überzeugtesten Anhänger erstaunt hat.

Auf einer England-Tour soll der Seher Ivan Dragicevic sogar eine angekündigte „Erscheinung“ verschoben haben, damit er stattdessen ein Fußballspiel sehen konnte – mit dem Versprechen, dass die Gottesmutter auch nach dem letzten Anpfiff erscheinen würde. Ivan, der übrigens

mit der ehemaligen Schönheitskönigin und „Miss Massachusetts“, Loreen Murphy, verheiratet ist, wurde einmal von einem amerikanischen Reiseveranstalter als eine Persönlichkeit dargestellt, die für nur 500 US-Dollar eine persönliche Bekanntschaft mit der Madonna vermitteln könne. Er besitzt einen BMW und einen Mercedes sowie eine Villa im „deutschen Stil“ im lokalen Nobelviertel.

Sein Anwesen liegt dem Haus der Seherin Mirjana Dragicevic gegenüber, die einen Teil ihres Hauses in ein Gästehaus für Pilger umgewandelt hat – Erscheinungen sind hier im Arrangement miteinbegriffen. Alle Seher und Seherinnen sind verheiratet und bis auf einen besitzen alle Hotels in Medjugorje – im Unterschied zu Lucia Dos Santos und St. Bernadette Soubirous, die ein wesentlich weniger weltliches Leben führten, nachdem ihnen in Fatima bzw. Lourdes Marienerscheinungen zuteil geworden waren.

Der ehemalige Bischofs Zanic vermutete, dass die ganze Sache als Spaß begonnen habe, denn auf den ersten Blick erscheint sie auch als solcher. Die Kinder hatten nicht aufhören können, hysterisch zu lachen, z.B. als Jakov Colo während einer frühen Erscheinung der „Gospa“ fragte, ob sein Fußballteam „Dynamo“-Zagreb gewinnen werde. Nach einer ersten Woche von Erscheinungen, sagten die Kinder, die „Gospa“ würde „nur noch drei Tage“ erscheinen und die Visionen würden somit am 4. Juli 1981 enden.

Aber seitdem hat sie bei mehr als 30.000 Gelegenheiten gesprochen, hat jedem Seher 10 Geheimnisse anvertraut, große Zeichen vom Himmel versprochen, die sich aber nie ereigneten und – entgegen der seit zwei Jahrtausenden bestehenden Lehre der Kirche – erklärt, dass „alle Religionen vor Gott gleich sind“. Sie wurde zur ersten Apologetin einer Gruppe aufmüpfiger Franziskaner aus der Herzegovina erst, als P. Jozo Zovko, Pfarrer der Jakobskirche in Medjugorje, sich als „geistlicher Ratgeber“ der Kinder etablierte.

Madonna in „Herzegovina-Frage“ parteiisch

Was die örtlichen Bischöfe deutlich gegen die „Gospa“ einnahm, war ihre ausgesprochen parteiische Stellungnahme zur „Herzegovina-Frage“. Das ist der vatikanische Ausdruck für ein De-facto-Schisma, in das eine breite Minderheit von franziskanischen Mönchen aus der Herzegovina involviert ist, die nicht nur ihrem Bischof den Gehorsam verweigern, sondern sich auch dem Ordensgeneral und Rom selbst widersetzen.

In den achtziger Jahren wurden zwei dieser Mönche, P. Ivica Vego und P. Ivan Prusina, wegen Ungehorsam aus ihrem Orden ausgeschlossen – von einem vatikanischen Tribunal, das sich mit Bischof Zanic und dem Ordensgeneral beraten hatte. Die beiden Patres feierten aber weiterhin die Sakramente. 13 Mal teilte die „Gospa“ der Seherin Vicka Ivankovic mit, dass der Bischof falsch liege und ihre „Heiligen“ schuldlos seien, wobei dem Bischof die „Gerechtigkeit“ Gottes angedroht wurde, es sei denn, er widerrufe den Ausschluss (P. Vego zeigte bald, wie heilig er war und schwängerte eine Franziskanerin).

Als Bischof Zanic dann die Erscheinungen untersuchte, hätte er mit einer Kooperation seitens der Franziskaner gerechnet. Stattdessen beschimpften sie ihn öffentlich als einen „Wolf“, „Satan“ und einen „Heuchler“. Es war kaum eine Überraschung, dass Bischof Zanic bald zu dem Schluss kam, dass die sechs Kinder lügen  –  und daß er öffentlich P. Zovko und dessen Mitbruder P. Tomislav Vlasic beschuldigte, sie hätten der „Gospa“ Worte in den Mund gelegt. (…)

1985 schrieb er an den Theologen Rene Laurentin, der für die Echtheit der Erscheinungen eintritt, und klagte, dass „eine stolze Raserei viele der früher guten Gläubigen ergriffen hat… Man kann sich auf einen religiösen Krieg hier einstellen.“(…)

Der tiefste Grund des Grolls vieler Franziskaner gegen Rom war ihm bewußt: Während der 400-jährigen Geschichte waren die Franziskaner autonom gewesen; jetzt aber mussten sie auf Weisung der Kirche ihre Gemeinden abgeben – in einer Säuberungsaktion, die im Zweiten Weltkrieg begonnen hatte, als sie  –  den Anordnungen des Vatikans zum Trotz  –  die Ustascha, die kroatischen Faschisten, unterstützten, deren Grausamkeit sogar die SS schockierte.

In alle Ustascha-Gräueltaten, die mit der Kirche in Zusammenhang gebracht werden konnten, waren fanatisch-nationalistische Franziskaner aus der Herzegovina involviert. (…) Papst Pius XII. ging zuerst gegen die Mönche vor, indem er es 1942 vorzog, statt einem örtlichen franziskanischen Bischof einen Bischof aus dem Weltklerus für Mostar zu ernennen.

Die Rebellion, die darauf folgte, erreichte 1975 ihren Höhepunkt, als Papst Paul VI. ein Dekret herausgab, das den Mönchen die Frist von einem Jahr setzte, die umkämpften Gemeinden zu räumen.

Wie vorauszusehen, weigerten sie sich. Die Verteidiger von Medjugorje bestehen darauf, dass die Hercegovina-Frage und die Erscheinungen in keinem Zusammenhang stehen Die Diözese Mostar betont, dass hier sehr wohl ein sehr enger Konnex besteht.

Bischof Zanic sagte, dass die „Gospa“ benützt würde, den Ungehorsam der Mönche zu rechtfertigen. Don Ante Luburic, Ordinariatskanzler der Diözese, ging 1997 sogar so weit, Medjugorje als einen Ort „religiöser Unordnung, des Ungehorsam und antikirchlicher Aktivität“ zu beschreiben.

Traurigerweise hat sich die Lage dadurch verschärft, dass „Millionen von Leuten aus allen fünf Kontinenten“ die Mönche vertrauensvoll unterstützen. Die Kirche hat in der Herzegovina-Frage seit 1941 nur sehr kleine Fortschritte gemacht.

Während des Bosnien-Krieges, als kroatische Flaggen von der Jakobskirche in Medjugorje flatterten und Rosenkränze neben Nazisymbolen verkauft wurde, wurden unter der Fahne der „Königin des Friedens“ geschätzte 10 Millionen Pfund (umgerechnet 15.873.000 Euro) im Westen für Kriegs-Waisen gesammelt. Aber alles, was für dieses Geld hergezeigt werden kann, ist in Medjugorje eine Krippe für 40 Kinder, deren Mütter arbeiten müssen.

Wenige, vor allem der Bischof von Mostar, haben eine Ahnung, wo der Rest des Geldes verblieben ist; einige Quellen vermuten, dass etwa 70 Prozent in den Händen von „Warlords“ und organisierten Kriminellen gelandet sind. Das ist nicht Fantasterei: Mitte der neunziger Jahre fror die britische Charity Commission die Gelder des britischen „Medjugorje Appeal“ ein, als sich herausstellte, es sollten davon Handschellen für die Miliz der kroatischen HVO in der Hercegovina gekauft werden.

Papst Johannes Paul II. bleibt zurückhaltend

Die Bischöfe aus Ex-Jugoslawien – einhellig in ihrer Ablehnung der „Gospa“ – erinnerten im Beisein des Papstes bei der letztjährigen Bischofssynode in Rom an die Herzegovina-Frage, als Kardinal Vinko Puljic aus Sarajevo vor der ernsten Bedrohung der Einheit der gesamten katholischen Kirche durch die ungehorsamen Mönche warnte, die „in Medjugorje arbeiten und ihre Meinungen mit Hilfe von Pseudocharismen anderen aufdrängen“.

Der Papst seinerseits hat sich aus der Causa Medjugorje herausgehalten, indem er die Sache der Unterscheidungsgabe der lokalen Bischöfe überließ. Nachdem es weltweit ständig rund 300 Fälle behaupteter Erscheinungen gibt, könnte er sich um nichts anderes mehr kümmern, würde er sich mit jeder dieser Angelegenheiten persönlich auseinander setzen.

Wie auch immer, die Promotoren von Medjugorje bestehen darauf, der Papst habe in privater Form seine Zustimmung zu den Erscheinungen signalisiert. Sie zählen Bemerkungen auf, die er angeblich zu ihren Gunsten getan hat, vielleicht die bekannteste: „Lasst die Menschen nach Medjugorje pilgern, wenn sie sich bekehren, beten, beichten und Buße tun“.

Ein amerikanischer Katholik fragte einmal Erzbischof Pio Laghi, damals päpstlicher Nuntius in den Vereinigten Staaten, ob die Bemerkungen wahr seien und erhielt darauf folgende Antwort: „Obwohl dem Heiligen Vater und Amtsträgern des Heiligen Stuhls Bemerkungen über Medjugorje zugeschrieben werden, wurde keine einzige als authentisch anerkannt.“

Vielleicht das bedeutungsvollste Zeichen setzte der Papst im April 1997 bei seinem Besuch in Bosnien, als er nicht nur den Besuch Medjugorjes ablehnte, sondern auch nicht ein einziges Mal die umstrittene heilige Stätte erwähnte.

Kurz gesagt, all die Argumente sprechen gegen die Wahrscheinlichkeit, dass die Erscheinungen von Medjugorje authentisch sind. Als das zwingendste Argument bleiben nur die sogenannten geistigen „Früchte“ – die Bekehrungen, die Mehrung von Frömmigkeit und Anbetung, das Wiederfinden schon verlorenen Glaubens und vieles andere.

Auch zu diesem Argument vertritt Bischof Peric eine Meinung:

„Die geistigen Früchte, von denen hier sooft die Rede ist, beweisen nicht, dass sie aus Erscheinungen oder übernatürlichen Offenbarungen der Mutter Gottes resultieren. In dem Maß, in dem sie wahrhaft christlich sind, können sie als ein Werk des normalen Wirkens der göttlichen Gnade, des Glaubens an Gott, der Fürsprache der Jungfrau Maria und der Sakramente der katholischen Kirche interpretiert werden.  Damit ist noch kein Wort über die negativen Früchte gesagt“.

Entsprechend der kirchlichen Lehre kommen Früchte von authentischen übernatürlichen Phänomenen zuerst in jenen zum Tragen, die sie unmittelbar empfangen.

Doch scheinen die zwei Männer, die den Seherkindern von Anfang an am nächsten waren, nicht im eigentlichen Sinn bekehrt worden zu sein:

P. Vlasic, der in den siebziger Jahren in einem „gemischten“ Konvent in Zagreb mit einer Nonne ein Kind in die Welt gesetzt hatte, lebt nun in Italien, wo er – ironischerweise – zum zweiten Mal versucht, eine „gemischte“ Kommunität ins Leben zu rufen

P. Zovko wiederum ist einer jener 16 Mönchen aus der Hercegovina, die entweder durch Bischof Peric suspendiert oder überhaupt durch den Ordensgeneral P. Giacomo Bini aus dem Franziskanerorden ausgeschlossen wurden. Bini hatte während der letzten acht Jahre sogar damit gedroht, die ganze herzegovinische Provinz zu suspendieren.

Wie seine rebellischen Mitbrüder ignoriert Zovko die Zensuren des Bischofs – nicht nur dadurch, dass er weiter die Messe zelebriert und die Beichte abnimmt, obwohl er dazu keine Erlaubnis hat. Außerdem errichtete er – ohne bischöfliche Genehmigung – einen großen Konvent in Siroki Brijeg, in der Nähe von Mostar.

Die Finanzquellen bleiben ein Mysterium. Letztes Jahr schrieb der Bischof jedem einzelnen der 120 Franziskaner in der Hercegovina, um an ihren Gehorsam zu appellieren, aber ein Drittel widersetzte sich seinem Wunsch.

Davor hatten die Rebellen einen angeblichen „Erzbischof“ eingeladen – Srecko Franjo Novak, einen Ex- Seminaristen, der 700 Jugendliche in drei Kirchen firmte. Die Firmungen waren natürlich ungültig und verursachten beim lokalen Klerus und beim Bischof große Sorge.

Für viele steht Medjugorje nicht für die Erscheinungen der Jungfrau Maria, sondern vielmehr für den Ungehorsam gegenüber der legitimen kirchlichen Autorität: Ordensleute widersetzen sich ihren Vorgesetzten  –  und Katholiken aus aller Welt ignorieren die kirchliche Weisung, nicht nach Medjugorje zu pilgern.

Und noch viel ernster: Es verstärkt sich diese Haltung des Ungehorsams noch durch die Kardinäle und Bischöfe, die dort ebenfalls hinpilgern; durch dieses bewusste Ignorieren der Einschätzung des Ortsordinarius verstoßen sie gegen das Prinzip der Kollegialität, wie es in Abschnitt 23 der Konzilserklärung „Lumen Gentium“ definiert ist.

Sie helfen, das weiterzuführen, was einer der subversivsten Streiche in der Geschichte der katholischen Kirche sein könnte.“

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