Wortlaut der Papst-Ansprache vor der jüdischen Gemeinde Berlin und Vertretern des Judentums am 22.9.2011 im Parlamentsgebäude des Bundestags

Gottes Heilsgeschichte mit den Menschen im Alten und Neuen Bund

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich freue mich über diese Zusammenkunft mit Ihnen hier in Berlin. Ganz herzlich danke ich Präsident Dr. Dieter Graumann für die freundlichen Worte der Begrüßung.

Sie machen mir deutlich, wie viel Vertrauen gewachsen ist zwischen dem jüdischen Volk und der katholischen Kirche, die einen nicht unwesentlichen Teil ihrer grundlegenden Traditionen gemeinsam haben.

Zugleich ist uns allen klar, dass ein liebendes verstehendes Ineinander von Israel und Kirche im jeweiligen Respekt für das Sein des anderen immer noch weiter wachsen muss und tief in die Verkündigung des Glaubens einzubeziehen ist.

Bei meinem Besuch in der Kölner Synagoge vor sechs Jahren sprach Rabbiner Teitelbaum über die Erinnerung als eine der Säulen, die man braucht, um darauf eine friedliche Zukunft zu gründen.

Und heute befinde ich mich an einem zentralen Ort der Erinnerung, der schrecklichen Erinnerung, dass von hier aus die Shoah, die Vernichtung der jüdischen Mitbürger in Europa geplant und organisiert wurde.

In Deutschland lebten vor dem Naziterror ungefähr eine halbe Million Juden, die einen festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft bildeten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Deutschland als das „Land der Shoah“, in dem man eigentlich nicht mehr leben konnte. Es gab zunächst kaum Anstrengungen, die alten jüdischen Gemeinden neu zu begründen, auch wenn von Osten her stetig jüdische Einzelpersonen und Familien einreisten. Viele von ihnen wollten auswandern und sich vor allem in den Vereinigten Staaten oder in Israel eine neue Existenz aufbauen.

An diesem Ort muss auch erinnert werden an die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Nur wenige sahen die ganze Tragweite dieser menschenverachtenden Tat, wie der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der von der Kanzel der Sankt-Hedwigs-Kathedrale den Gläubigen zurief: „Draußen brennt der Tempel  –  das ist auch ein Gotteshaus“.

Die nationalsozialistische Schreckensherrschaft gründete auf einem rassistischen Mythos, zu dem die Ablehnung des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, des Gottes Jesu Christi und der an ihn glaubenden Menschen gehörte.

Der „allmächtige“ Adolf Hitler war ein heidnisches Idol, das Ersatz sein wollte für den biblischen Gott, den Schöpfer und Vater aller Menschen. Mit der Verweigerung der Achtung vor diesem einen Gott geht immer auch die Achtung vor der Würde des Menschen verloren.

Wozu der Mensch, der Gott ablehnt, fähig ist, und welches Gesicht ein Volk im Nein zu diesem Gott haben kann, haben die schrecklichen Bilder aus den Konzentrationslagern bei Kriegsende gezeigt.

Angesichts dieser Erinnerung ist dankbar festzustellen, dass sich seit einigen Jahrzehnten eine neue Entwicklung zeigt, bei der man geradezu von einem Aufblühen jüdischen Lebens in Deutschland sprechen kann. Es ist hervorzuheben, dass sich die jüdische Gemeinschaft in dieser Zeit besonders um die Integration osteuropäischer Einwanderer verdient gemacht hat.

Anerkennend möchte ich auch auf den sich vertiefenden Dialog der katholischen Kirche mit dem Judentum hinweisen. Die Kirche empfindet eine große Nähe zum jüdischen Volk. Mit der Erklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde ein „unwiderruflicher Weg des Dialogs, der Brüderlichkeit und der Freundschaft“ eingeschlagen (vgl. Rede in der Synagoge in Rom, 17. Januar 2010).

Dies gilt für die katholische Kirche als ganze, in der der selige Papst Johannes Paul II. sich besonders intensiv für diesen neuen Weg eingesetzt hat. Es gilt selbstverständlich auch für die katholische Kirche in Deutschland, die sich ihrer besonderen Verantwortung in dieser Sache bewusst ist.

In der Öffentlichkeit wird vor allem die „Woche der Brüderlichkeit“ wahrgenommen, die von den lokalen Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit jedes Jahr in der ersten Märzwoche organisiert wird.

Von katholischer Seite gibt es zudem jährliche Treffen zwischen Bischöfen und Rabbinern sowie strukturierte Gespräche mit dem Zentralrat der Juden. Schon in den 70er Jahren trat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) mit der Errichtung eines Gesprächskreises „Juden und Christen“ hervor, der in fundierter Weise im Laufe der Jahre viele hilfreiche Verlautbarungen hervorgebracht hat.

Nicht unerwähnt bleiben soll das historische Treffen im März 2006 für den jüdisch-christlichen Dialog unter Beteiligung von Kardinal Walter Kasper. Diese Zusammenkunft hat bis in jüngste Zeit reiche Früchte getragen.

Neben diesen lobenswerten konkreten Initiativen scheint mir, dass wir Christen uns auch immer mehr unserer inneren Verwandtschaft mit dem Judentum klar werden müssen. Für Christen kann es keinen Bruch im Heilsgeschehen geben. Das Heil kommt nun einmal von den Juden (vgl. Joh 4,22).

Wo der Konflikt Jesu mit dem Judentum seiner Zeit in oberflächlicher Manier als eine Loslösung vom Alten Bund gesehen wird, wird er auf die Idee einer Befreiung hinauslaufen, die die Thora nur als sklavische Befolgung von Riten und äußeren Observanzen betrachtet.

Tatsächlich hebt die Bergpredigt das mosaische Gesetz nicht auf, sondern enthüllt seine verborgenen Möglichkeiten und lässt neue Ansprüche hervortreten. Sie verweist uns auf den tiefsten Grund menschlichen Tuns, das Herz, wo der Mensch zwischen dem Reinen und dem Unreinen wählt, wo sich Glaube, Hoffnung und Liebe entfalten.

Die Hoffnungsbotschaft, die die Bücher der hebräischen Bibel und des christlichen Alten Testaments überliefern, ist von Juden und Christen in unterschiedlicher Weise angeeignet und weitergeführt worden.

„Wir erkennen es nach Jahrhunderten des Gegeneinanders als unsere heutige Aufgabe, dass diese beiden Weisen der Schriftlektüre  –  die christliche und die jüdische  –  miteinander in Dialog treten müssen, um Gottes Willen und Wort recht zu verstehen“ (Jesus von Nazareth. Zweiter Teil: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, S. 49)

Dieser Dialog soll die gemeinsame Hoffnung auf Gott in einer zunehmend säkularen Gesellschaft stärken. Ohne diese Hoffnung verliert die Gesellschaft ihre Humanität.

Insgesamt dürfen wir feststellen, dass der Austausch der katholischen Kirche mit dem Judentum in Deutschland schon verheißungsvolle Früchte getragen hat.

Beständige vertrauensvolle Beziehungen sind gewachsen. Juden und Christen haben gewiss eine gemeinsame Verantwortung für die Entwicklung der Gesellschaft, die immer auch eine religiöse Dimension hat. Mögen alle Beteiligten diesen Weg gemeinsam weitergehen.

Dazu schenke der Einzige und Allmächtige, Ha Kadosch Baruch Hu, seinen Segen.

 

 

 

 


Matussek kritisiert „Verrohung des Glaubens“ durch „Reformeifer“

„Spiegel“-Redakteur Matthias Matussek ist vom gegenwärtigen Modernismus voll angenervt

Matthias Matussek, „Spiegel“-Redakteur und bekannter Buchautor („Das katholische Abenteuer“), hat sich im anspruchsvollen Feuilleton-Portal „The European“ (www.theeuropean.de) erneut schwungvoll und pointiert zu Kirche und Christentum geäußert  –  und sich kritisch mit dem vielzitierten „Reformeifer“ prominenter Vorzeigekatholiken befaßt.

Zunächst beschreibt der gläubige Katholik Matussek, was derzeit „Sache ist“:

„Nur noch geschätzte zehn Prozent der eingetragenen Katholiken gehen überhaupt in die Kirche. Der Rest bleibt sonntags im Bett liegen und sagt sich: Wozu soll ich in die Kirche gehen, ich zahl doch die Steuer.   – Das ist Katholizismus per Abbuchungsauftrag. Ja, obwohl wir dank der Kirchensteuer die wahrscheinlich am üppigsten ausgestattete Landeskirche der Welt sind, grassieren Müdigkeit und Missmut. Ansonsten, natürlich, Reformeifer!“

Es fehlen vielfach einfachste Glaubenskenntnisse, so Matussek, aber über den angeblichen „Reformstau“ in der Kirche weiß jeder genau Bescheid:

„Wir sind up to date, was die Gender-Diskussion angeht, aber die wenigsten wissen noch, was das Paschageheimnis ist und worin die Bedeutung der Sakramente besteht und was der Sinn der Buße ist. Dafür weiß jeder Katholik, dass die Kirche rückständig ist und sexualfeindlich und undemokratisch, weil ihm das ständig unter die Nase gerieben wird. Ich sehe darin eine Verrohung des Glaubens im Namen von Reformen.“

Sodann setzt sich der Autor mit einigen Ansichten des ZDF-Programmchefs Peter Frey auseinander, der beispielhaft für ähnlich „Reformeifrige“ steht:

„Er wünscht sich mehr „Verheutigung“ in der Kirche und  –  jetzt kommt’s    Antwort auf „die gesellschaftlich-politische Frage, was die Gegenwart Gottes für die Gestaltung der Welt bedeutet“.  – Hä? Was das genau bedeutet, verrät er nicht, ich nehme an, das „Zentralkomitee der Katholiken“, dem er angehört, wird sich auf der nächsten Jahrestagung damit befassen.

Ich glaube aber zu ahnen, was Gott hinter dieser rhetorischen Nebelwand für die Gestaltung der Welt an „gesellschaftlich-politischen“ Vorschlägen in petto hat: Aufhebung des Zölibats, Priesterinnenweihe, Anerkennung der Schwulen-Ehe und Beschneidung der Kompetenzen des Papstes. Und wenn der liebe Gott es noch ganz gut meint, wird er die Kommunion für alle freigeben. Das wäre dann die Kirche, von der Geißler sicher ist, dass sie sich Jesus gewünscht hätte.

Überschrieben ist Freys Essay mit der Beteuerung, dass er „nur einer Kirche, die sich ändert, treu sein kann“. Und dieser wenig demütige Gestus vor allem geht mir auf die Nerven. Diese Haltung unserer prominenten Vorzeigekatholiken, ob sie nun Lammert oder Frey oder Geißler heißen, die der Mutter Kirche und ihrer doch imponierenden 2000-jährigen Geschichte immer wieder zurufen: Du musst dich gewaltig ändern, meine Liebe, wenn du dir meine kostbare Mitgliedschaft erhalten möchtest.   –  Ich vermute mal, Mutter Kirche hat bei 1,2 Milliarden Mitgliedern noch anderes zu tun.“


Papst Benedikt: „Kulturell ist mein Deutschsein sehr stark.“

„Doch als Kirche sind wir ein Volk aus allen Völkern“

Während seines Fluges nach Deutschland wurden dem Papst einige Fragen von Journalisten gestellt, darunter die folgende: 

„Wie deutsch fühlt sich Papst Benedikt noch? Und woran bemerkt er, wie sehr oder zunehmend wenig seine deutsche Herkunft eine Rolle spielt?“

Papst Benedikt XVI. antwortete hierauf:

„Hölderlin hat gesagt: Am meisten vermag doch die Geburt  –  und das spüre ich natürlich auch. Ich bin in Deutschland geboren und die Wurzel kann nicht abgeschnitten werden und soll nicht abgeschnitten werden.

Ich habe meine kulturelle Formung in Deutschland empfangen. Meine Sprache ist Deutsch und die Sprache ist die Weise, in der der Geist lebt und wirksam wird. Meine ganze kulturelle Formung ist dort geschehen.

Wenn ich Theologie treibe, tue ich das aus der inneren Form heraus, die ich an den deutschen Universitäten gelernt habe und leider muss ich gestehen, dass ich immer noch mehr deutsche als andere Bücher lese, so dass in meiner kulturellen Lebensgestalt dieses Deutschsein sehr stark ist.

Die Zugehörigkeit zu dieser eigenen Geschichte mit ihrer Größe und ihrer Schwere kann und soll nicht aufgehoben werden.

Aber bei einem Christen kommt noch etwas anderes hinzu; er wird in der Taufe neu geboren, in ein neues Volk aus allen Völkern hinein, in ein Volk, das alle Völker und Kulturen umfasst und in dem er nun wirklich ganz zu Hause ist, ohne seine natürliche Herkunft zu verlieren.

Wenn man dann eine große Verantwortung wie ich die oberste Verantwortung in diesem neuen Volk übernimmt, ist klar, dass man immer tiefer in dieses hinein wächst.

Die Wurzel wird zum Baum, der sich vielfältig erstreckt und das Daheimsein in dieser großen Gemeinschaft eines Volkes aus allen Völker der katholischen Kirche wird lebendiger und tiefer, prägt das ganze Dasein, ohne das Vorherige aufzuheben.

So würde ich sagen: Es bleibt die Herkunft, es bleibt die kulturelle Gestalt, es bleibt natürlich auch die besondere Liebe und Verantwortung, aber eingebettet und ausgeweitet in die große Zugehörigkeit, in die Civitas Dei hinein, wie Augustinus sagen würde, das Volk aus allen Völkern, in dem wir alle Brüder und Schwestern sind.“

Quelle: Radio Vatikan, 22.9.2011


Wortlaut der Papst-Predigt im Olympia-Stadion Berlin am 22.9.2011

Die Kirche  – eine Lebensgemeinschaft mit Christus

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!
Liebe Brüder und Schwestern!

Der Blick in das weite Rund des Olympiastadions, das ihr in so großer Zahl heute füllt, weckt
in mir große Freude und Zuversicht. Sehr herzlich grüße ich euch alle  –  die Gläubigen aus dem
Erzbistum Berlin und den Diözesen Deutschlands wie auch die vielen Pilger aus den benachbarten
Ländern.

15 Jahre ist es her, daß erstmals ein Papst in die Bundeshauptstadt Berlin gekommen ist. Der
Besuch meines verehrten Vorgängers, des seligen Johannes Paul II., und die Seligsprechung des
Berliner Dompropstes Bernhard Lichtenberg  –  zusammen mit Karl Leisner  –  eben hier an diesem Ort
ist uns allen in lebendiger Erinnerung.

Wenn wir an diese Seligen und an die Schar der Heiligen und Seligen insgesamt denken,
können wir begreifen, was es heißt, als Rebzweige des wahren Weinstocks Christus zu leben und
reiche Frucht zu bringen.

Das heutige Evangelium hat uns das Bild neu vergegenwärtigt, dieses im
Orient üppig rankenden Gewächses und Sinnbilds von Lebenskraft, eine Metapher für die Schönheit
und Dynamik der Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern und Freunden.

Im Gleichnis vom Weinstock sagt Jesus nicht: „Ihr seid der Weinstock“, sondern: „Ich bin der
Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh 15,5). Das heißt: „So wie die Rebzweige mit dem Weinstock
verbunden sind, so gehört ihr zu mir! Indem ihr aber zu mir gehört, gehört ihr auch zueinander.“

Und dieses Zueinander- und Zu-ihm-Gehören ist nicht irgendein ideales, gedachtes, symbolisches
Verhältnis, sondern  –  fast möchte ich sagen  –  ein biologisches, lebensvolles Zu-Jesus-Christus-
Gehören.

Das ist die Kirche, diese Lebensgemeinschaft mit ihm und füreinander, die durch die Taufe
begründet und in der Eucharistie von Mal zu Mal vertieft und verlebendigt wird. „Ich bin der wahre
Weinstock“, das heißt doch eigentlich: ‚Ich bin ihr und ihr seid ich‘ – eine unerhörte Identifikation des
Herrn mit uns, seiner Kirche.

Christus selbst hat damals vor Damaskus den Kirchenverfolger Saulus gefragt: „Warum
verfolgst Du mich?“ (Apg 9,4). Damit drückt der Herr die Gemeinsamkeit des Schicksals aus, die sich
aus der innigen Lebensgemeinschaft seiner Kirche mit ihm, dem auferstandenen Christus, ergibt.

Er lebt in seiner Kirche in dieser Welt fort. Er ist bei uns und wir mit ihm. – „Warum verfolgst du mich?“
– Es ist also Jesus, den die Verfolgungen seiner Kirche treffen. Und zugleich sind wir, wenn wir um
unseres Glaubens willen bedrängt werden, nicht allein. Jesus ist bei uns.

Jesus sagt im Gleichnis: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer“ (Joh
15,1), und er führt aus, daß der Winzer zum Messer greift, die dürren Reben abschneidet und die
fruchttragenden reinigt, so daß sie mehr Frucht bringen.

Gott will  –  um es mit dem Bild des Propheten Ezechiel zu sagen, das wir in der ersten Lesung gehört haben  –  das tote, steinerne Herz aus unserer Brust nehmen, um uns ein lebendiges Herz aus Fleisch zu geben (vgl. Ez 36,26). Er will uns neues, kraftvolles Leben schenken.

Christus ist gekommen, die Sünder zu rufen. Sie brauchen den Arzt, nicht die Gesunden (vgl. Lk 5,31f). Und so ist, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, die Kirche das „universale Heilssakrament“ (LG 48), das für die Sünder da ist, um ihnen den Weg der Umkehr, der Heilung und des Lebens zu eröffnen. Das ist die eigentliche und große Sendung der Kirche, die ihr von Christus übertragen ist.

Manche bleiben mit ihrem Blick auf die Kirche an ihrer äußeren Gestalt hängen. Dann
erscheint die Kirche nur mehr als eine der vielen Organisationen innerhalb einer demokratischen
Gesellschaft, nach deren Maßstäben und Gesetzen dann auch die so sperrige Größe „Kirche“ zu
beurteilen und zu behandeln ist.

Wenn dann auch noch die leidvolle Erfahrung dazukommt, daß es in
der Kirche gute und schlechte Fische, Weizen und Unkraut gibt, und der Blick auf das Negative fixiert
bleibt, dann erschließt sich das große und tiefe Mysterium der Kirche nicht mehr.

Dann kommt auch keine Freude mehr über die Zugehörigkeit zu diesem Weinstock „Kirche“
auf. Es verbreiten sich Unzufriedenheit und Mißvergnügen, wenn man die eigenen oberflächlichen
und fehlerhaften Vorstellungen von „Kirche“, die eigenen „Kirchenträume“ nicht verwirklicht sieht!

Da verstummt dann auch das frohe „Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad’ in seine Kirch’ berufen
hat“, das Generationen von Katholiken mit Überzeugung gesungen haben.

Weiter fährt der Herr in seiner Rede fort: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe
aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr
keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt, … denn getrennt von mir – wir könnten auch
übersetzen: außerhalb von mir – könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,4f).

Vor diese Entscheidung ist jeder von uns gestellt. Wie ernst sie ist, sagt uns der Herr
wiederum in seinem Gleichnis: „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er
verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen“ (Joh 15,6) Dazu meint der
heilige Augustinus: „Eines von beiden kommt der Rebe zu, entweder der Weinstock oder das Feuer;
wenn sie nicht im Weinstock ist, wird sie im Feuer sein; damit sie also nicht im Feuer sei, möge sie im
Weinstock sein“ (In Ioan. Ev. tract. 81,3 [PL 35, 1842]).

Die hier geforderte Wahl macht uns eindringlich die existentielle Bedeutung unserer
Lebensentscheidung bewußt. Zugleich ist das Bild vom Weinstock ein Zeichen der Hoffnung und
Zuversicht. Christus selbst ist durch seine Menschwerdung in diese Welt gekommen, um unser
Wurzelgrund zu sein.

In aller Not und Dürre ist er die Quelle, die das Wasser des Lebens schenkt, die
uns nährt und stärkt. Er selbst nimmt alle Sünde, Angst und Leid auf sich und reinigt und verwandelt
uns schließlich geheimnisvoll in guten Wein.

Manchmal fühlen wir uns in solchen Stunden der Not wie in die Kelter geraten, wie Trauben, die völlig ausgepreßt werden. Aber wir wissen, mit Christus verbunden werden wir zu reifem Wein.

Auch das Schwere und Bedrückende unseres Lebens weiß Gott in Liebe zu verwandeln. Wichtig ist, daß wir am Weinstock, bei Christus „bleiben“. Der Evangelist verwendet das Wort „bleiben“ in dieser kurzen Perikope ein dutzendmal. Dieses „In-Christus-Bleiben“ prägt das ganze Gleichnis.

In unserer Zeit der Rastlosigkeit und Beliebigkeit, wo so viele Menschen Orientierung und Halt verlieren, wo die Treue der Liebe in Ehe und Freundschaft so zerbrechlich und kurzlebig geworden ist, wo wir in unserer Not wie die Emmausjünger rufen wollen: „Herr bleibe bei uns, denn es ist Abend (vgl. Lk 24,29), ja, es ist Dunkel um uns!“, da schenkt uns der Auferstandene eine Bleibe, einen Ort des Lichtes, der Hoffnung und Zuversicht, der Ruhe und
Geborgenheit. Wo den Rebzweigen Dürre und Tod drohen, da ist in Christus Zukunft, Leben und Freude.

In Christus bleiben heißt, wie wir bereits gesehen haben, auch in der Kirche bleiben. Die ganze Gemeinschaft der Gläubigen ist in den Weinstock Christus fest hineinverfügt. In Christus gehören wir zusammen. In dieser Gemeinschaft trägt er uns und zugleich tragen alle Glieder sich gegenseitig. Sie halten gemeinsam Stand gegen den Sturm und geben einander Schutz.

Wer glaubt ist nicht allein. Wir glauben nicht alleine, sondern wir glauben mit der ganzen Kirche.
Die Kirche als Verkünderin des Wortes Gottes und Spenderin der Sakramente verbindet uns
mit Christus, dem wahren Weinstock.

Die Kirche als „Fülle und Ergänzung des Erlösers“ (Pius XII., Mystici corporis, AAS 35 [1943] S. 230: „plenitudo et complementum Redemptoris“) ist uns Unterpfand des göttlichen Lebens und Vermittlerin der Früchte, von denen das Gleichnis des Weinstocks spricht.

Die Kirche ist das schönste Geschenk Gottes. Daher sagt auch der heilige Augustinus: „In dem Maß, wie einer die Kirche Christi liebt, hat er den Heiligen Geist“ (In Ioan. Ev. tract. 32, 8 [PL 35, 1646]). Mit der Kirche und in der Kirche dürfen wir allen Menschen verkünden, daß Christus die Quelle des Lebens ist, daß er da ist, daß er das Große ist, nach dem wir uns sehnen. Er schenkt sich selbst.

Wer an Christus glaubt, hat Zukunft. Denn Gott will nicht das Dürre, das Tote, das Gemachte, das am Ende weggeworfen wird, sondern das Fruchtbare und Lebendige, das Leben in Fülle.

Liebe Brüder und Schwestern! Das wünsche ich euch allen, daß ihr immer tiefer die Freude entdeckt, in der Kirche mit Christus verbunden zu sein, daß ihr in eurer Not Trost und Erlösung findet und immer mehr zum köstlichen Wein der Freude und Liebe Christi für diese Welt werdet. Amen.


Wortlaut der Papst-Rede im Bundestag vom 22.9.2011

Die Quellen des Rechts und die Fundamente der freiheitlichen Demokratie

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Herr Bundestagspräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Herr Bundesratspräsident!
Meine Damen und Herren Abgeordnete!

Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat.

In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren  –  gewiss auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt.

Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten?

Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muss. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, der ihm überhaupt die Möglichkeit politischer Gestaltung eröffnet.

Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt.1 Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, dass diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind.

Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich.

Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen. In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein.

Aber dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muss sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen.

Im 3. Jahrhundert hat der große Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begründet: „Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden würde …“

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, dass geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war.

Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident. Was in Bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage.

Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.

Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist.

Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.

Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts.

In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.

Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, dass sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“

Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft. Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen.

Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, über die außerhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen würde, so dass man sich schon beinahe schämt, das Wort überhaupt zu erwähnen. Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist.

Grundlegend ist zunächst die These, dass zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle. Der Grund dafür ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur und Vernunft. Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen.

Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das Gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis.

Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewusstsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit.

Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden.

Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbstgemachten Welt im Stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzu sehr missverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er-Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet.

Jungen Menschen war bewusst geworden, dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen.

Erlauben Sie mir, bitte, dass ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

Kehren wir zurück zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. Er hatte gesagt, dass Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur mit eingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu.5 Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?

An dieser Stelle müsste uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis.

Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas.

Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!


Wortlaut der Papst-Ansprache vor Schloß Bellevue am 22.9.2011

„Wie die Religion der Freiheit bedarf, so bedarf auch die Freiheit der Religion.“

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Meine Damen und Herren!
Liebe Freunde!

Durch den liebenswürdigen Empfang, den Sie mir hier in Schloss Bellevue bereiten, fühle ich mich sehr geehrt. Ihnen, Herr Bundespräsident Wulff, bin ich besonders dankbar für die Einladung zu diesem offiziellen Besuch, der mein dritter Aufenthalt als Papst in der Bundesrepublik Deutschland ist. Von Herzen danke ich Ihnen für die freundlichen Begrüßungsworte, die Sie an mich gerichtet haben.

Ebenso gilt mein Dank den Vertretern der Bundesregierung, des Bundestages und des Bundesrates sowie der Stadt Berlin für ihre Anwesenheit, mit der sie ihren Respekt gegenüber dem Papst, dem Nachfolger des Apostels Petrus, zum Ausdruck bringen.

Und nicht zuletzt danke ich den drei gastgebenden Bischöfen  –  Erzbischof Woelki von Berlin, Bischof Wanke von Erfurt und Erzbischof Zollitsch von Freiburg  –  sowie allen, die auf verschiedenen kirchlichen und öffentlichen Ebenen an der Vorbereitung dieser Reise in mein Heimatland mitgewirkt haben und so zu ihrem Gelingen beitragen.

Auch wenn diese Reise ein offizieller Besuch ist, der die guten Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Heiligen Stuhl weiter festigen wird, so bin ich nicht in erster Linie hierher gekommen, wie es andere Staatsmänner zu Recht tun, um bestimmte politische oder wirtschaftliche Ziele zu verfolgen, sondern um den Menschen zu begegnen und über Gott zu sprechen.

Der Religion gegenüber erleben wir eine zunehmende Gleichgültigkeit in der Gesellschaft, die bei ihren Entscheidungen die Wahrheitsfrage eher als ein Hindernis ansieht und statt dessen Nützlichkeitserwägungen den Vorrang gibt. Es bedarf aber für unser Zusammenleben einer verbindlichen Basis, sonst lebt jeder nur noch seinen Individualismus.

Die Religion ist eine dieser Grundlagen für ein gelingendes Miteinander. „Wie die Religion der Freiheit bedarf, so bedarf auch die Freiheit der Religion“. Dieses Wort des großen Bischofs und Sozialreformers Wilhelm von Ketteler, dessen zweihundertsten Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, ist heute nach wie vor aktuell. Freiheit braucht die Rückbindung an eine höhere Instanz.

Dass es Werte gibt, die durch nichts und niemand manipulierbar sind, ist die eigentliche Gewähr unserer Freiheit. Der Mensch, der sich dem Wahren und dem Guten verpflichtet weiß, wird dem sofort beipflichten: Freiheit entfaltet sich nur in der Verantwortung vor einem höheren Gut. Dieses Gut gibt es nur für alle gemeinsam; deshalb muss ich immer auch meine Mitmenschen im Blick haben.

Freiheit kann nicht in Beziehungslosigkeit gelebt werden. Im menschlichen Miteinander geht Freiheit nicht ohne Solidarität. Was ich auf Kosten des anderen tue, ist keine Freiheit, sondern schuldhaftes Handeln, das den anderen und auch mich selbst beeinträchtigt.

Wirklich frei entfalten kann ich mich nur, wenn ich meine Kräfte auch zum Wohl der Mitmenschen einsetze. Das gilt nicht nur für den Privatbereich, sondern auch für die Gesellschaft. Diese hat gemäß dem Subsidiaritätsprinzip den kleineren Strukturen ausreichend Raum zur Entfaltung zu geben und zugleich eine Stütze zu sein, damit sie einmal auf eigenen Beinen stehen können.

Hier am Schloß Bellevue, das seinen Namen dem schönen Blick auf das Spreeufer verdankt, unweit der Siegessäule, des Bundestags und des Brandenburger Tors gelegen, stehen wir mitten im Zentrum Berlins, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland.

Das Schloß ist – wie viele Gebäude der Stadt – mit seiner bewegten Vergangenheit ein Zeugnis deutscher Geschichte. Der klare Blick auch auf ihre dunklen Seiten ermöglicht uns, aus der Vergangenheit zu lernen und Anstöße für die Gegenwart zu erhalten.

Die Bundesrepublik Deutschland ist durch die von der Verantwortung vor Gott und voreinander gestaltete Kraft der Freiheit zu dem geworden, was sie heute ist. Sie braucht diese Dynamik, die alle Bereiche des Humanen einbezieht, um unter den aktuellen Bedingungen sich weiter entfalten zu können. Sie braucht dies in einer Welt, die einer tiefgreifenden kulturellen Erneuerung und der Wiederentdeckung von Grundwerten bedarf, auf denen eine bessere Zukunft aufzubauen ist.

Ich wünsche mir, daß die Begegnungen an den verschiedenen Stationen meiner Reise hier in Berlin, in Erfurt, im Eichsfeld und in Freiburg dazu einen kleinen Beitrag leisten können. In diesen Tagen schenke Gott uns allen seinen Segen.


Hanna Meron schafft Weltrekord für längste Schauspieler-Karriere

Die 88-Jährige gehört zu den „Jeckes“ in Israel

Die 1923 in Berlin geborene,  israelische Schauspielerin Hanna Meron hat den Weltrekord für die längste Karriere geschafft und wird damit ins „Guinness-Buch der Rekorde“ aufgenommen.

Hanna Meierzak begann ihre Schauspielkarriere bereits im Alter von vier Jahren in Berlin. 1931 spielte sie in dem Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“   eines der Opfer des Kindermörders. Sie trat auch in zahlreichen Theaterstücken auf und war in der Weimarer Republik als Kinderdarstellerin sehr bekannt.

Nach der Machtübernahme Hitlers floh die Familie 1933 ins damalige britische Mandatsgebiet „Palästina“. Dort setzte die Tochter ihre Karriere am Theater fort und spielte danach an allen großen Bühnen.  Zudem war sie in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen dabei.

Auch nach dem Verlust eines Beines beim Terroranschlag auf die El-Al-Maschine in München 1970 spielte sie weiter. Sie engagierte sich für eine Verständigung mit den Palästinensern und gehörte zur Delegation, die Präsident Rabin zur Unterzeichnung der Oslo-Verträge begleitete.

Zur Zeit steht Hanna Meron wieder in einem Stück von Hanoch Levin auf der Bühne und kann damit auf eine 83-jährige Karriere zurückblicken. Ihr Sohn Amnon Rechter erklärte gegenüber der Presse, seine Mutter sei „amüsiert und aufgeregt“ über den Weltrekord.

Die Schauspielerin gehört zu den israelischen „Jeckes“, also den jüdischen Einwanderern aus Deutschland  – und sie nimmt aktiv an deren Tagungen und Treffen teil.

Der Spitzname „Jeckes“ für deutsche Juden in Israel leitet sich wahrscheinlich von „Jacke“ ab, weil diese oft vornehmen Juden auch bei Bau- und Bauernarbeiten mit gepflegter Jacke erschienen sein sollen. Wenn man sie ärgern wollte, erklärte man, es handle sich um die Anfangsbuchstaben der hebräischen Worte für „begriffsstutzige Juden“.

„Was die Jeckes kennzeichnet, ist vor allem die Ordnung“, erklärte Schauspielerin Meron auf einer Jeckes-Tagung vor vier Jahren und erläuterte:

„Ich weiß noch, als ich als Kind im Theater arbeitete, wurden wir vom Erziehungsministerium beaufsichtigt. Wir mussten regelmäßige Pausen einlegen  – und immer wurde sichergestellt, dass wir genug Milch bekamen“.

Chaim Yavin, ein anderer „Jecke“, meinte auf der Veranstaltung (laut israelischer Tageszeitung Jedioth Achronoth vom  25.10.2007):
„Wenn noch eine halbe Million weitere Jeckes gekommen wären, würde Israel sehr viel besser aussehen, denn die Jeckes hätten versucht, Werte wie Ordnung, Disziplin, Verantwortung und Ehrlichkeit einzuführen.

Der Staat Israel wurde von Pionieren aus Osteuropa gegründet  –  und sie mussten nicht wissen, wie eine Straße ganz gerade gebaut wird. Die Jeckes hätten gesagt: „Moment mal, schauen wir erstmal, wie die Straße verläuft, wohin sie führt und was sie kostet.“  –  Die Pioniere sagten hingegen: „Bauen wir erstmal die Straße und schauen dann, wo sie hinführt.“

Felizitas Küble