Biblische „Denkzettel“ für kirchliche Routiniers

Das „Wort zum Sonntag“ von Prälat Dr. Wilhelm Imkamp, Direktor der Wallfahrtsstätte „Maria Vesperbild“

Liturgische Sonntags-Lesungen:  Schrifttexte: Mal 1,14b-2,2b.8-10 / 1 Thess 2,7b-9.13 / Mt 23,1-12

So könnten Bakterien oder Viren heißen: „Phylakterien“, die von diesen verursachte Krankheit trüge dann den schönen Namen „Phylaktritis“.

Ihre Symptome sind „auf der Stirn unmittelbar unter dem Haarwuchs, senkrecht über der Nasenwurzel“ und am „linken Oberarm in Höhe des Herzens diesem zugewandt“ sichtbar. Es handelt sich bei „Phylakterien“ aber nicht um Symptome einer bösartigen Krankheit, sondern schlicht um quadratische Pergamentkapseln, die vier Schriftstellen aus der Thora (fünf Bücher Moses) enthalten (Ex. 13, 1-10; Ex. 13, 11-16; Deut. 6, 4-9; Deut. 11, 13-21).

Sie werden mit einem Riemen, dessen Breite nicht vorgeschrieben, der aber besonders kunstvoll verknotet ist, an der Stirn und am Arm befestigt. Die Schrift wird so ganz buchstäblich zum Erinnerungs-, ja Markenzeichen derjenigen, die zeigen wollen, wie ernst sie das Wort Gottes im Alltag nehmen.

Hier kann dann schnell Leistung demonstriert werden: Fromme Gelehrsamkeit als religiöser Hochleistungssport, religiöse Praxis als Mittel der Selbstdarstellung.

Das heutige Tagesevangelium ist ohne diesen Hintergrund nicht zu verstehen. Nur deshalb konnte es zur beliebtesten Schriftstelle von Antisemiten, Antikatholiken und Antiklerikalen werden, wie der evangelische Schriftgelehrte Ulrich Luz schön zusammenfasst: „Man sprach von den Pharisäern, aber man meinte die Katholiken“.

So kann Luther in der Manier eines Grobians die Pharisäer als „heimliche Meuchelmorder“ und „im hertzen voller unflatts und boser begird“ bezeichnen; im Hintergrund steht der Papst. Alles, bis hin zu den Messgewändern, haben die Katholischen „von den Juden hehr, als den leibrock, stolzen, Zipffeln“.  Er fügt dann hinzu: „Wir habens aber hundert mahl erger gemacht dan die Juden“.

Martin Luther hat „Pyhlakterien“ nicht mit Gebetsriemen, sondern mit „Denkzettel“ („Denckzedel“) übersetzt.

Auch wenn diese Übersetzung hier nicht richtig ist, passt der Ausdruck „Denkzettel“ wunderbar, denn genau das ist das heutige Evangelium nämlich.

So können wir in der Freiburger Ansprache Papst Benedikt XVI. geradezu einen Denkzettel gegen die „Pyhlaktritis“ sehen: Natürlich gibt es die Tendenz, dass „die Kirche sich in dieser Welt einrichtet“, „selbstgenügsam wird und sich den Maßstäben der Welt angleicht“, dann kommt es zu einem „Überhang der Strukturen“:

Komitees, Räten, (Unter-)Kommissionen, (Unter-)Ausschüssen, ständigen Arbeitsgruppen mit ihren hochwichtigen Präsidenten, Vorsitzenden, Stellvertretern, (General-)Sekretären, Geschäftsführern und Referenten, die sich alle wiederum in ständigen Konferenzen, „Meetings“ und „Workshops“ bewegen.  Hochprofessionell, natürlich gerne auch mit Supervision und Evaluierungsprozessen!

„Kirchliche Routiniers“, die den lautlosen Lauf des Apparates garantieren, deren Religiosität Routine geworden ist  –  Gott beunruhigt sie nicht weiter. Gesellschaftliche Relevanz ist wichtiger als der „Skandal des Glaubens“.

Da ist nun wirklich „Entweltlichung“ gefordert; die Kirche kann ihre Sendung nur verwirklichen, „wenn sie immer wieder auf Distanz zu ihrer Umgebung“ geht, „sie hat sich gewissermaßen zu „entweltlichen“!

Struktureller Überhang, Distanz, Entweltlichung, das ist ein Denkzettel, der tatsächlich zu denken gibt!

Die kirchlichen „Routiniers“ tragen keine Pergamentkapseln mit Schrifttexten mehr, sie tragen Memoranden und Resolutionen demonstrativ vor sich her und dokumentieren so mehr oder weniger „fromme“ und kritische „Zeitgenossenschaft“, die nicht nur bekömmliche Posten, sondern auch breiten Raum zur Selbstdarstellung bietet!

So gesehen sind wir alle immer in der Gefahr der „Phylaktritis“! Dagegen hilft nur die regelmäßige Vorsorgeuntersuchung im Sakrament der Beichte; lassen wir uns dabei vom Freiburger Denkzettel des Papstes leiten!  



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