Lebensrechtler kritisieren geplante Neuregelung der Organspende

Mechthild Löhr (CDL): „Das hat den Charakter einer Nötigung.“

Mit Kritik und mahnenden Worten haben Vertreter der Lebensrechtsbewegung auf die im Bundestag geplante Neuregelung der Organspende reagiert.

Die Fraktionschefs aller Bundestagsparteien hatten sich am 24. November mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) darauf geeinigt, dass zukünftig jeder Bürger nach seiner Bereitschaft zur Organspende gefragt werden soll – etwa bei der Übersendung der Versichertenkarte.

„Mit so viel Nachdruck wie möglich, ohne jedoch eine Antwort zu erzwingen oder Sanktionen auszuüben“, solle die Abfrage geschehen, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Bundestagsfraktionen.

Diese sog. Entscheidungslösung soll in der ersten Jahreshälfte 2012 durch den Bundestag verabschiedet werden; sie tritt an die Stelle der bisher geltenden Zustimmungslösung, wonach ein Mensch zu Lebzeiten aus eigenem Antrieb einer Organspende zugestimmt haben muss oder Angehörige eines  sog. „Hirntoten“ dies stellvertretend tun.

„Vergesellschaftung der Organe“

Scharfe Kritik an dieser Entscheidung übte die Vorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL), Mechthild Löhr:

„Es grenzt an Willkür, dass sich die Chefs der Fraktionen ohne eine vorausgegangene breite Debatte in der Öffentlichkeit geeinigt haben“, sagte Löhr gegenüber der evangelischen Nachrichtenagentur IDEA.

Der Antrag laufe auf eine „Vergesellschaftung der Organe“ des Einzelnen hinaus und sei damit eine „unglaubliche Hybris des Staates.“

Zwar werde bei der vorgeschlagenen Lösung formal das Prinzip der Freiwilligkeit gewahrt, doch indirekt übe der Staat Zwang auf die Bürger aus.

Löhr: „Das hat den Charakter einer Nötigung.“

Besonders bei körperlich oder psychisch schwer erkrankten Menschen könne dies äußert negative Konsequenzen haben. Unter Experten sei es zunehmend umstritten, ob die Organentnahme bei einem für Hirntod erklärten Menschen der Menschenwürde entspreche, so Löhr.

Kein „Recht auf Gesundheit“ um jeden Preis

Der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb, erklärte gegenüber IDEA: „Zwar haben alle das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit; daher rührt auch das Recht auf bestmögliche medizinische Versorgung. Aber es muss auch klar bleiben: es gibt kein Recht auf Gesundheit.“

Weil die Selbstbestimmung über den eigenen Körper ein wesentlicher Bestandteil des Persönlichkeitsrechts sei, dürfe es keine Pflicht geben, diesen ganz oder teilweise zur Verfügung zu stellen.

Natürlich dürfe der Staat seine Bürger einladen, im Todesfall bedürftigen Menschen Organe zu spenden. Mit der Einladung zur Organspende müsse aber die Pflicht verbunden werden, „sachgerecht, aufrichtig und tabulos“ zu informieren.

„Es darf auch keinen Zwang zur Äußerung in einer solchen schwerwiegenden Frage geben.“   –  Steeb, der dem Vorstand des „Bundesverbandes Lebensrecht“ angehört, sagt weiter:

„Dann muss auch die Frage erlaubt sein, ob der Hirntod tatsächlich der richtige Aspekt für die Feststellung des Todes ist. Denn dass diese neue Todesdefinition ausgerechnet im zeitlichen Zusammenhang mit dem Beginn von Organtransplantationen erarbeitet wurde, führt zu Recht zum Verdacht, dass das nicht problemlos geglaubt werden muss.“

Der gemeinsame Vorschlag der Bundestagsfraktionen zur Organspende lasse noch manche Fragen offen.

Quelle: evangelische Nachrichtenagentur IDEA


Papst Benedikt: Was Joseph Ratzinger während der Konzilszeit schrieb

„Eine kopernikanische Wende für Christen“

Es war noch während des Konzils, als das Büchlein „Vom Sinn des Christseins“ 1965 im Kösel-Verlag erschien, das drei ausführliche Predigten enthält. Der Verfasser: Dr. Joseph Ratzinger, Priester und bekannter „Konzilstheologe“ [1].

Es ist gerade aus heutiger Sicht recht interessant, zu lesen, was unser Papst vor über 45 Jahren, als er noch der Theologe Joseph Ratzinger war, während des Zweiten Vatikanischen Konzils auf diesen 75 Seiten veröffentlicht hat. Vat_Flagge

So schreibt er über den Advent, daß diese Vorbereitung auf Weihnachten uns den Spiegel vorhalten soll, damit wir uns den Tatsachen unserer christlichen Existenz stellen, auch „daß wir zugeben das Ausmaß von Unerlöstheit, das nicht nur irgendwann über der Welt lag und irgendwo vielleicht noch liegt, sondern bei uns selbst und inmitten der Kirche Tatsache ist“ (S. 16).

Es handelt sich hier gewiß um keine liberale  Kirchenkritik heutiger Art bzw. Abart, sondern um einen Aufruf zur Selbstbesinnung und Erneuerung, so wie auch die Propheten des Alten Bundes nichts schöngeredet, sondern Tacheles gesprochen und eine klare, aufrüttelnde Zeitkritik aus dem Geist Gottes geäußert haben, wobei sie stets die Heiligkeit und Erhabenheit des Ewigen betonten; dies tut auch Joseph Ratzinger in dem erwähnten Buch: RadioVatikan

„Man kann Gott gar nicht anders finden als in diesem Exodus, in diesem Herausgehen aus der Behaglichkeit unserer Gegenwart in das Verborgene der kommenden Helligkeit Gottes hinein.

Das Bild von Moses, der auf den Berg hinaufsteigen und in die Wolke eintreten mußte, um Gott zu finden, bleibt gültig für alle Zeiten. Gott kann  –  auch in der Kirche  –  nicht anders gefunden werden, als indem wir den Berg hinaufgehen und in die Wolke des Inkognito Gottes eintreten, der in dieser Welt der Verborgene ist“ (S. 31).

„Wir starren auf die Mühsal des christlichen Alltags und vergessen darüber, daß der Glaube nicht nur eine Last ist, die uns drückt, sondern zugleich ein Licht, das uns Weisung gibt und Weg und Sinn.

Wir sehen in der Kirche nur die äußere Ordnung, die unsere Freiheit begrenzt, und wir übersehen darüber, daß sie uns eine geistige Heimat ist, in der wir geborgen sind im Leben und im Sterben“ (S. 40). Kölner Dom 12-2010

Der letzte Satz erinnert an die bekannte Aussage des Papstes: „Wer glaubt, ist nie allein, weder im Leben noch im Tod“, denn er ist geborgen in Gott und im Miteinander des Glaubens der Kirche und der Heiligen [2].

Aufschlußreich sind auch folgende Gedankengänge Ratzingers, die eindeutig theozentrisch sind  – und dies sehr geschickt mit der Aufforderung an jeden Einzelnen verknüpfen, eine „kopernikanische Wende“ zu vollziehen:

„In einem gewissen Sinne leben wir sozusagen alle noch vor Kopernikus. Nicht nur, daß wir dem Augenschein nach meinen, daß die Sonne auf-  und untergeht und sich um die Erde herumdreht, sondern in einem viel tieferen Sinne. Denn wir alle tragen jene angeborene Illusion mit uns, kraft deren ein jeder sein Ich als den Mittelpunkt nimmt, um den herum sich die Welt und die Menschen zu drehen haben.

Wir alle müssen uns immer wieder dabei entdecken, daß wir die anderen Dinge und Menschen nur in Beziehung zum eigenen Ich konstruieren und sehen,  sie gleichsam als Satelliten betrachten, die sich um den Mittelpunkt unseres Ichs herumdrehen.

Christwerden ist nach dem Gesagten etwas sehr Einfaches und dennoch sehr Umwälzendes. Es ist genau dieses, daß wir die kopernikanische Wende vollziehen und uns nicht mehr als den Weltenmittelpunkt betrachten, um den die anderen sich zu drehen haben, weil wir statt dessen anfangen, im vollen Ernst zu bejahen, daß wir eins von vielen Geschöpfen Gottes sind, die gemeinsam sich um GOTT als die Mitte bewegen“ (S. 58). P1020947

Hier steht nicht die sog. „Würde des Menschen“ im Mittelpunkt, sondern der fundamentale Anspruch Gottes an den Menschen, IHM zu dienen  –  und so auch dem Nächsten näher zu kommen.

Zum Abschluß eine marianische Meditation aus der letzten Seite dieses Büchleins, das uns weihnachtlich einzustimmen vermag:

„In der Advent-Liturgie begegnen wir diesem Geheimnis der Hoffnung. Die Kirche stellt es an diesem Tag vor uns hin in der Gestalt der Mutter des Herrn, der heiligen Jungfrau Maria.

Sie steht in diesem adventlichen Wochen vor als die Frau, die die Hoffnung der Welt unter ihrem Herzen trägt und so als das Zeichen der Hoffnung unseren Weg vorangeht. Sie steht da als die Frau, in der das menschlich Unmögliche durch Gottes rettendes Erbarmen möglich geworden ist.

Maria wird so zum Zeichen für uns alle. Denn wenn es auf uns ankommt, auf die armselige Flamme unseres guten Willens und auf die Armseligkeit unseres Tuns, richten wir das Heil nicht aus. Dazu reicht es nicht, wieviel wir auch vermögen. Es bleibt unmöglich. Aber Gott hat in seiner Erbarmung das Unmögliche möglich gemacht. Wir brauchen nur in aller Demut ja zu sagen: ‚Siehe, ich bin ein Knecht des Herrn’ (vgl. Lk 2,37f., Mk 10,27). Amen.“

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Jugerndverlags und des Christoferuswerks in Münster

Erstveröffentlichung dieses Artikels in „Theologisches“ (Nr. 11 – 12/2011)


[1] J. Ratzinger, Vom Sinn des Christseins, Kösel-Verlag: München 1965 (vgl. auch die Neuausgabe  –  mit anderer Seitenzählung  –   aus dem Jahre 2005).

[2] Benedikt XVI., Predigt zur Amtseinführung, 24. April 2005. Vgl. J. Ratzinger / Benedikt XVI., Wer glaubt, ist nie allein: Worte der Ermutigung, Herder-Verlag: Freiburg i.Br. 2005.


VIETNAM: Kommunistischer Feldzug gegen katholischen Orden

Das kommunistische Vietnam setzt seinen Feldzug gegen den Redemptoristen-Orden fort, berichtet die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).

Am 9. November 2011 wurde ein Kirchengebäude der Redemptoristen in Ho-Chi-Minh-Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Bereits am 3. November war in Hanoi die Redemptoristen-Kirche Angriffsziel eines organisierten Mobs, kurz danach wurde deren aktives Gemeindemitglied, Louis Vu Tien Dung, von der Polizei verhaftet. Seit August 2011 kamen bereits 16 Katholiken in Haft, die mit dem Orden zusammengearbeitet hatten.

Louis Vu Tien Dung wurde am 8.11.2011 vor seinem Haus in Hanoi festgenommen und von der Polizei an einem unbekannten Ort festgehalten.

Zuvor hatte das Staatsfernsehen ihn als denjenigen „identifiziert“, der die „aufgebrachte Bevölkerung“ bei ihrer Attacke auf die Redemptoristen-Kirche „behindert“ habe.

Am 3.11.2011 drängte ein organisierter Mob von rund 100 Personen in die Kirche Thai Ha ein, zerstörte das Tor und griff Priester und Gemeindemitglieder an.

Als auf den Glockenalarm hin hilfsbereite Katholiken herbeieilten, zog sich der Mob ins Gebäude des „Volkskomitees“ zurück. Drei Augenzeugen berichteten der IGFM, daß der Mob gut organisiert war. Gemeindemitglieder haben unter den Randalierern auch Angehörige der Geheimpolizei erkannt, die seit Jahren die Kirche überwachen.

Derzeit befinden sich neben Vu Tien Dung noch weitere 15 Katholiken in Untersuchungshaft: Le Van Son, Ho Duc Hoa, Dang Xuan Dieu, Nguyen Van Oai, Tran Huu Duc, Dau Van Duong, Chu Manh Son, Nguyen Van Duyet, Nguyen Xuan Anh, Ho Van Oanh, Nong Hung Anh, Thai Van Dung, Nguyen Minh Nhat, Tran Vu Anh Binh, Ta Phong Tan.

Den meisten wurden „subversive Aktivitäten“ (Art. 79 des StGB Vietnams) oder „Propaganda gegen den sozialistischen Staat Vietnams“ (Art. 88 des StGB Vietnams) vorgeworfen. Viele von ihnen hatten Kurse über Media und Sozialkompetenzen bei den Redemptoristen absolviert.

Bei dem Streit geht es um eine Kirche auf dem Gelände der Redemptoristen in Hanoi, die von der kommunistischen Regierung willkürlich beschlagnahmt und in ein Krankenhaus umgewandelt wurde. Die Redemptoristen verlangen die Rückgabe ihrer Kirche und hatten unzählige Bitt- und Beschwerdebriefe an die Behörden geschickt.

Neulich brachten die Redemptoristen ein LED-Tableau auf dem Dach ihres Klosters an mit der laufenden Aufschrift: „Wir fordern die Hanoier Regierung auf, das ausgeliehene Krankenhaus Dong Da dem Redemptoristen-Orden und den Ba-Giang-See der Gemeinde Thai Ha zurückzugeben“.

Die Behörden erklärten das zur „unerlaubten Werbung“ und verordneten eine Geldstrafe. Seit Tagen führen die Staatsmedien eine Hetzkampagne gegen die Redemptoristen.

 

 


Buch-TIP: Vortragsband der Osterakademie 2011

 Zur Nachfolge gerufen sind alle Christen!

Reinhard Dörner (Hg.)
„…um des Himmelreiches willen“ (Mt 19,12)
Leben in der Nachfolge Christi als Ärgernis für die Welt
Verlag Kardinal-von Galen-Kreis e.V. 2011
228 Seiten, Preis 16 €
ISBN 978-3-9812187-5-6
 

Dieser Berichtsband mit den gesammelten Vorträgen der Osterakademie 2011 des Kardinal-von-Galen-Kreises sowie einem informativen Anhang ist wieder sehr lehrreich, gehaltvoll und vielseitig, oftmals theologisch hochinteressant und wertvoll für eine überzeugende Argumentation zugunsten des katholischen Glaubens, besonders hinsichtlich Zölibat, Sakrament der Ehe und Ordensberufung.

Weihbischof Wilfried Theising

Reinhard Dörner

Die mit einem freundlichen Grußwort von Weihbischof Wilfried Theising (Bistum Münster) eingeleitete Dokumentation verdeutlicht bereits in den einführenden Worten des Herausgebers Reinhard Dörner, daß alle Christen „um des Himmelreiches willen“ zur Nachfolge Christi und zur Heiligkeit berufen sind. Priestertum und Ordensgelübde sind besondere  –  gewissermaßen „amtliche“  –  Formen dieser göttlichen Sendung, die sich grundsätzlich an alle Christgläubigen richtet.

Dies gehört zum Apostolat der Laien, zur universalen Berufung des Gottesvolkes. Der Herausgeber notiert insoweit durchaus zu Recht:

„Leider neigen gerade katholische Christen zu der Annahme, besondere Aufgaben seien nur „Spezialisten“ vorbehalten. Hier sind die evangelikalen Christen den Katholiken voraus: Ihr Sendungsbewußtsein kann vielen Traditionskatholiken ein leuchtendes Vorbild sein.“

Zum wünschenswerten, ja notwendigen Apostolat des Kirchenvolkes gehört auch der eindeutige Widerspruch gegen antichristliche Fehlentwicklungen in Kultur, Politik und Gesellschaft.

P. Lothar Groppe SJ

Hierfür bildet der zuerst dokumentierte Vortrag des couragierten Jesuitenpaters Lothar Groppe sicher den passenden Einstieg, schildert er doch faktenreich und eindringlich den verhängnisvollen „Wertewandel in unserer Gesellschaft“, vor allem auch hinsichtlich einer geradezu skandalösen staatlichen Förderung sexueller Desorientierung, die in eine unverantwortliche Jugendverführung mündet. Alle überzeugten Gläubigen sind zum staatsbürgerlichen Widerstand gegen derartige Mißstände aufgerufen, die der Autor eindrucksvoll offenlegt.

Dr. Peter Christoph Düren

Eine ausgezeichnete Ergänzung bildet der nächste Beitrag zum Thema „Der Laie in der Kirche“ des katholischen Theologen und Verlagsleiter Dr. Peter Christoph Düren.

Seine Ausführungen grenzen sich von jeder modernistischen „Klerikalisierung der Laien“ ab, sie verdeutlichen die besondere Sendung des priesterlichen Amtes, doch würdigen sie zugleich die universale Berufung des Gottesvolkes zur Heiligkeit, die für alle gilt, ob Priester, Ordensleute oder Laien.

Zugleich verdeutlicht der Autor, daß es weniger darauf ankommt, zu erklären, was dem Laien „fehlt“, sondern vielmehr zu erläutern, was der Laie „ist“, was er „hat“, was er „kann“ und vor allem „soll“: sich mitten in der Welt und ihren Strukturen durch glaubwürdiges Christsein und Apostolat für die Heilssendung der Kirche einsetzen.

Bereits Papst Pius XII. hat diese von der Kirche hochgeschätzte Sendung der Laien gewürdigt, so etwa in seiner Ansprache an die Kardinäle vom 20.2.1946:

„Die Gläubigen  –  und genauer noch die Laien  –  stehen an der äußersten Front des Lebens der Kirche; die Kirche ist für sie das Lebensprinzip der menschlichen Gesellschaft. Darum müssen sie  –  und gerade sie  –  ein immer tieferes Bewußtsein gewinnen, daß sie nicht nur zur Kirche gehören, sondern die Kirche sind, das heißt, die Gemeinschaft der Gläubigen auf Erden unter der Führung des Papstes als des gemeinsamen Hauptes und der mit ihm geeinten Bischöfe. Sie sind die Kirche.“

Sr. Theresia Heither OSB

Sodann erläutert die Benediktinerin Sr. Theresia Heither „Das Leben nach den evangelischen Räten“, wobei sie darauf hinweist, daß der Ausdruck „Rat“ mißverständlich sei, handelt sich hierbei doch um drei Grundhaltungen (Gehorsam, Armut, Jungfräulichkeit), die wesentlich zur Nachfolge Christi gehören, wie sie von allen Christgläubigen  –  und nicht etwa allein von Ordensleuten  –  verwirklicht werden sollen.

Christus selbst verkörperte diese wesentlichen Tugenden auf das vollkommenste; die Ordensgelübde verpflichten zu einer besonders zeichenhaften Lebensform im Geist dieser Grundhaltungen, doch das ganze Kirchenvolk soll ihnen nacheifern, soll sich zur Jüngerschaft berufen fühlen  – einschließlich der Eheleute; ihnen gilt das Ideal der Jungfräulichkeit in geistiger Weise als Offenheit für Gott und Hingabe an seinen Willen, worin sie gerade durch das Sakrament der Ehe gestärkt werden.

Dr. Stefan Heid

Der Priester und Professor Dr. Stefan Heid befaßt sich mit dem gerade in heutiger Zeit aktuellen Thema „Warum die Kirchengeschichte nicht gegen den Zölibat spricht.“

Hierbei sind vor allem seine Hinweise auf die Dekretalien des Papstes Siricius zum Zölibat (4. Jahrh.) sehr aufschlußreich, verweisen sie doch zugleich auf den apostolischen Ursprung priesterlicher Enthaltsamkeit (auch bei verheirateten Geistlichen), die dann in eine allgemeine priesterliche Ehelosigkeit mündete. Auch die bibelexegetischen Ausführungen des Autors sind präzise, kenntnisreich und einleuchtend  –  und vor allem für ökumenische Debatten sehr wichtig.

Der Verfasser weist darauf hin, daß sich die Ehelosigkeit des höheren Weihestandes (ab Diakon aufwärts) nicht etwa auf einer isolierten „Kleriker-Ebene“ herausbildete, sondern vielmehr auf der allgemeinen Hochschätzung der Jungfräulichkeit und Enthaltsamkeit in frühchristlicher Zeit beruhte, die auch zahlreiche „Laien“ prägte und begeisterte. Vor allem die vielverehrten Märtyrer kamen häufig aus den Reihen der enthaltsam lebenden Männer und Jungfrauen.

Doch bei aller Hochschätzung einer religiös motivierten Ehelosigkeit widerstand auch das frühe Christentum entschlossen allen leib- und ehefeindlichen Tendenzen aus der gnostischen und manichäischen Richtung. Die Sakramentalität der Ehe ist ebenfalls apostolischen Ursprungs; sie ist ein gottgewollter und gnadenvoller Bestandteil der Schöpfungs- und Erlösungsordnung.

Dr. Joachim Piegsa MSF

Eben dies wird im nächsten Beitrag näher ausgeführt, in dem sich der Ordensgeistliche und Professor Dr. Joachim Piegsa MSF mit der „Ehe in der christlichen Heilsordnung“ befaßt: „Die Ehe ist als Sakrament hineingenommen in das Erlösungsgeheimnis Jesu Christi“, so der Autor, der die kirchliche Lehre von der Ehe vor allem biblisch beleuchtet und sehr tiefsinnig begründet:

„Sacramentum hoc magnum est“, so heißt auf Latein jene Stelle aus dem  Epheserbrief, in der die Sakramentalität der Ehe angedeutet wird: „Die Ehe ist ein großes Geheimnis“  –  und der Völkerapostel bezieht es auf die Liebe und Treue zwischen Christus und der Kirche, deren erhabenes Abbild die Ehe zwischen Mann und Frau darstellt.

Ralph Pechmann

Es mag überraschend erscheinen, daß der Buchautor und Religionspädagoge Ralph Pechmann von der evangelikalen Kommunität „Offensive junger Christen“ in seinem Beitrag über „Freiheit, Treue und Sexualität in der Ehe“ mehrfach mit aller Selbstverständlichkeit von der „Sakramentalität der Ehe“ spricht. Offenbar wächst unter bibelorientierten evangelischen Christen das Bewußtsein vom religiösen Geheimnis-Charakter der Ehe, die weitaus mehr ist als nur ein „weltlich Ding“ (Luther), weshalb der Autor wohlbegründet klarstellt, die Ehe sei „weltlich und geistlich“ zugleich, was er sodann biblisch und auch kulturell-soziologisch und psy-chologisch eingehend erläutert.

P. Mark-Robin Hoogland CP

Das Leben von Pater Andreas Karel, dem 2077 von Papst Benedikt heiliggesprochenen Passionisten-Gründer, beschreibt dessen Mitbruder Pater Mark-Robin Hoogland CP in berührender und zugleich realistischer Weise. Zu diesem  insgesamt eindrucksvollen Vortrag sei die kritische Anmerkung erlaubt, daß der priesterliche Zölibat keineswegs erst 1139 auf dem Zweiten Laterankonzil weltkirchlich eingeführt wurde,  wie der Autor glaubt, sondern vielmehr dort lediglich seine erneute Bekräftigung fand, eine vorhandene Praxis also neu eingeschärft wurde, weil sich mittlerweile Mißstände breitgemacht hatten.

Dr. Albert Wunsch

Abschließend erläutert der Therapeut und Pädagoge Dr. Albert Wunsch die christliche Erziehung in seinem Vortrag als eine anspruchsvolle Aufgabe jenseits einer „Spaß- und Konsumgesellschaft“. Der Verfasser betont, daß Eltern ihren Kindern auch etwas zutrauen sollten, damit Jungen und Mädchen lernen, mit Herausforderungen umzugehen und Aufgaben selbständig zu bewältigen.

Die „unbegrenzte Vereinbarung von  Beruf und Kind“ sieht der Erziehungswissenschaftler zu Recht „äußerst kritisch“: „Meiner Ansicht nach sollten Kinder die ersten drei Jahre im Elternhaus verbringen“, so Dr. Wunsch, der dafür plädiert, daß „Mütter zwei Jahre bezahlte Elternzeit bekommen und Väter mindestens ein Jahr“. Das wäre allerdings eine notwendige  –  die Not wendende  – Investition in die Zukunft.

Dr. Peter Mettler

Der Anhang des Berichtsbandes beginnt mit einem sehr gehaltvollen, informativen Artikel von Dr. Peter Mettler zum heißen Eisen Homosexualität („Warum die Kirche ihre Haltung nicht ändern kann“), der zunächst in der Ausgabe 5 – 6/2010 des „Theologischen“ erschien. Dabei wird das ebenso zeitlose wie aktuelle Thema aus biblischer, kirchengeschichtlicher und lehramtlicher Sicht eingehend erläutert.

Dr. Gabriele Waste

Die Autorin Dr. Gabriele Waste befaßt sich sodann mit der Lehre vom christlichen Menschenbild nach Edith Stein. Dabei wird der „Deutsche Idealismus“ wohlwollend, fair, aber auch kritisch beleuchtet, zumal ihm die übernatürliche Verankerung fehlt, weshalb er z.T. auf humanistischen Illusionen beruht.  Während nun der Deutsche Idealismus allzu rational geprägt ist und die Willensfreiheit des Menschen geradezu idealisiert, geschieht in der Tiefenpsychologie das exakte Gegenteil: der menschliche Intellekt wird quasi vom Thron gestoßen und die Willensfreiheit weitgehend geleugnet. Mit Hinweis auf  Ausfüh-rungen der seligen Edith Stein erläutert die Autorin überzeugend die natürlichen und übernatürlichen  Kennzeichen des christlichen Menschenbildes.

Dr. Wolfgang Philipp

Der Berichtsband schließt ab mit einer aufschlußreichen Dokumentation, nämlich der präzise begründeten Strafanzeige des in Lebensrechtskreisen bekannten Mannheimer Anwalts Dr. Wolfgang Philipp gegen eine grobschlächtig manipulative Pro-Abtreibungs-Sendung aus der TV-Reihe „Kontraste“, die in verleumderischer Weise gegen christliche Lebensrechtler agitierte.

Der denkbar unbefriedigende Bescheid der StA (Staatsanwaltschaft) Berlin, die fundierte Beschwerde von Rechtsanwalt Dr. Philipp hierauf sowie die abschließende Reaktion der Generalstaatsanwaltschaft Berlin vom 8. August 2011 sind vielsagende Dokumente von zeitgeschichtlicher Bedeutung.

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MiT-Verlags und des Christoferuswerks in Münster

Erstveröffentlichung dieser Rezension in „Theologisches“ (Nr. 11 – 12/2011).  –  Die Namen der jeweiligen Referenten wurden hier   –  der Übersichtlichkeit halber  – als Zwischenüberschriften hinzugefügt.

Bestellungen des Buches richten Sie bitte an unser Christoferuswerk in Münster oder an den Kardinal-von-Galen-Kreis (siehe Link-Sammlung)