Andrea Nahles zwischen allen Stühlen: linke Frontfrau, fromm, ländlich, katholisch

In der jüngsten „Chrismon“-Ausgabe, einem offiziösen evangelischen Magazin, das monatlich auch der FAZ beiliegt, findet sich ein aufschlußreiches Interview mit der katholischen SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles und früheren Bundesvorsitzenden der Jusos, die dem linken Flügel der SPD zugerechnet wird.

Umso erstaunlicher erscheinen ihre frommen Antworten, die  – zumindest auf den ersten Blick   – so gar nicht zum üblichen Bild einer führenden Sozialistin passen wollen.

Die SPD-Politikerin äußert sich darin zu Fragen über Gott und die Welt, das Leben und den Tod, ihre Liebe zur Natur und ihre Skepsis gegenüber „neuen Medien“.

Die linke Frontfrau, wie sie oft genannt wird, ist in der katholisch geprägten Eifel auf einem Bauernhof aufgewachsen. Im Pattloch-Verlag veröffentlichte sie bereits ein Buch mit dem bekenntnisfrohen Titel „Frau, gläubig, links  – Was mir wichtig ist.“

Zurück zum Interview mit dem Magazin „Chrismon“, das eingangs die Frage stellte, in welchen Momenten sie sich „lebendig“ fühle.

Nahles erläutert, daß sie „kein Stadtmensch“ sei, sondern sich vor allem in der heimischen Natur erholt:
„Wenn ich durch den Wald reite, über Wiesen und Felder, das ist toll! Ich wohne ja eigentlich in der Eifel und habe einen Friesen. Solche Ausritte sind wie Reisen, die mich wegbringen von meinem Alltag und durch die ich zu mir selbst komme. Ich bin immer froh, wenn ich hinter meinem Haus in den Wald eintauche. Das hilft, den Blick zu erneuern auf alles, was danach kommt.“

Auf die Frage nach ihrem Gottesglauben sagte Nahles unter anderem:
„Ich bete, wenn es mir ein Herzensanliegen ist; und natürlich im Gottesdienst. Nach dem Tod eines Menschen empfinde ich es als sehr tröstlich, dreimal einen Rosenkranz zu beten. Das ist ja in der katholischen Kirche Sitte, und auf dem Dorf machen wir das auch noch. Dieses murmelnde Gebet bringt mich Gott näher; es ist eine Verbindung zwischen dem Einzelnen, der Gemeinschaft und Gott.“

Die Redaktion fragte zudem: „Was bedeutet Ihnen Zaudern und Zweifeln?“
Hierauf erklärt die SPD-Generalsekretärin: „Zu einer Entscheidung gehört es abzuwägen, auch zu zweifeln. Doch heute gibt es eine Rhetorik der Effizienz, der Leistung und des Funktionierens, die mittlerweile alles durchdringt.

Durch die neuen Medien und gerade durch E-Mail und SMS muss alles ganz schnell gehen, die Phasen des Nachdenkens oder Nachspürens werden immer kürzer oder gleich ganz abgeschafft. Das ist schlecht  –  und das führt nicht zu besseren Entscheidungen. Es ist auch für Reue kein Platz mehr. In vielen Lebensberatungsbüchern kriegt man inzwischen regelrecht eingeprügelt: Zieh deinen Stiefel durch, guck nicht nach rechts und nach links – und lass dich nicht erwischen.  –  Kein Lebensmodell, das ich für erstrebenswert erachte.“

„Muss man den Tod fürchten?“ will Chrismon von ihr wissen.  –  Nahles stimmt zu: „Wenn man so gerne lebt wie ich: ja. Ich fürchte den Tod. Nicht, weil ich glaube, dass es danach gar nichts mehr gibt, sondern weil ich zu wenig darüber weiß, was danach kommt – und das, was ich jetzt habe, gefällt mir.“

Auf die Frage, wie sie mit Schuldgefühlen umgeht, reagiert Nahles ebenfalls recht offenherzig:

„Mit Schuldgefühlen quäle ich mich häufig recht lange, ich werde sie nicht schnell los. Doch bin ich wenigstens in dem Glauben und in dem Gefühl aufgewachsen: Solange du dich bekennst, eingestehst, korrigierst, ist Absolution möglich. Dieses Gefühl ist eine Art Grundmelodie meiner Kindheit. Heute habe ich meinen Mann, mit dem ich über so etwas rede. Es ist ja doch katholisch, an diese Art der Absolution zu glauben. Anders ist es für mich undenkbar.“

Man muß die politischen Positionen der „linken Frontfrau“ gewiß nicht teilen, um sie als Persönlichkeit dort zu würdigen, wo sie Lob verdient, sei es für „fromme“ Ansichten, sei es für ihre Einstellung gegen Abtreibung, wobei sie sich während ihrer eigenen Schwangerschaft vorbildlich verhielt:

Andrea Nahles hatte im Sommer 2010 geheiratet und am 18. Januar 2011 ein Kind zur Welt gebracht: ein gesundes Mädchen.

Wie sie als Schwangere in Interviews berichtete, wurde sie wegen ihres relativ hohen Mutter-Alters von 40 Jahren und offenbar auch wegen kritischer Befunde von ärztlicher Seite gedrängt, eine vorgeburtliche Untersuchung ihres Kindes vornehmen zu lasse, um eine mögliche Behinderung festzustellen. Wegen eines Hüftleidens nach einem Autounfall ist Nahles selber zu 50% schwerbehindert.

Doch die SPD-Frau und ihr Mann lehnten dies eindeutig ab, denn – so Andrea Nahles – selbst wenn sich eine Behinderung des Babys herausstellen würde, komme eine Abtreibung ohnehin nicht in Frage; folglich erübrige sich eine solche  –  zudem für das ungeborene Kind unter Umständen schädliche – Untersuchung.

Positiv ist auch zu erwähnen, daß sie während der teils hysterischen Mißbrauchs-Debatte   einseitige Attacken gegen die katholische Kirche kritisiert hat: „Kindesmißbrauch ist keineswegs auf die katholische Kirche beschränkt“, erklärte sie Ende März 2011. Gleichzeitig empfahl sie der mitunter kirchenfeindlich agierenden FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, „nicht so zu tun, als müsse nur in der katholischen Kirche nach Schuldigen gesucht werden; sie wird sonst bald von anderen Einsichten überholt.“

Wie man nicht allein durch die Skandale in der Odenwaldschule weiß, war dies auch schon bald der Fall  – und die FDP-Justizministerin mußte mehrfach zurückrudern, auch als der „Runde Tisch“ im vorigen Jahr beschloß, keine Anzeigenpflicht einzuführen, weil die Opferverbände dies nicht wollten.  – Einige Monate zuvor hatte sie die katholische Kirche scharf attackiert, weil diese nicht jeden Verdachtsfall angezeigt hatte, obwohl hierzu gesetzlich ohnehin keine Verpflichtung bestand (und bis heute nicht besteht).

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Verlags und des Christoferuswerks in Münster


One Comment on “Andrea Nahles zwischen allen Stühlen: linke Frontfrau, fromm, ländlich, katholisch”

  1. Timo sagt:

    Tolle Seite, sehr informativ und schoen gemacht.

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