Ansichten einer evangelischen Politologin über konfessionelle Unterschiede

Antje Schrupp über das katholische Kirchenverständnis als „entscheidender Unterschied“

Die schreiblustige Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp äußert sich auf ihrer Webseite ebenso sachlich wie freundlich und auch recht flott zu breitgefächerten Themen von A  –  Z.

Was der evangelischen Journalistin und Feministin zur katholischen Kirche und ihren „Spezialitäten“ einfällt, ist zum Teil richtig und intelligent erkannt, zum Teil eher vordergründig und nicht wirklich sachkundig, was man ihr allerdings nicht vorhalten kann, da sie eine andere Konfession nicht so gut kennen muß wie den Inhalt ihrer eigenen Hosentasche.

Da die Autorin, die weitgehend einen liberalen Kulturprotestantismus vertritt,  mitunter durchaus interessante Ansichten und Einsichten präsentiert, befassen wir uns hier mit ihrem Artikel  „Der Papst, das Amt, der liebe Gott und ich“  vom 28.9.2011  –  also kurz nach dem Besuch Papst Benedikts in Deutschland veröffentlicht.

So schreibt die Frankfurter Politologin zum Beispiel über das Papstamt:

„Das Vorhandensein einer obersten institutionellen Instanz, die darüber befindet, was Gott angeblich will, ist der entscheidende Unterschied zwischen katholisch und evangelisch.“

Das ist auf den ersten Blick intellligent erkannt und sprachlich gut auf den Punkt gebracht. Auf den zweiten Blick bedarf die Aussage aber einer Klarstellung:

Es entsteht der Eindruck, als ob der Papst gewissermaßen willkürlich (wie es ihm gerade gefällt und einfällt) darüber „befindet“, was „Gott angeblich will“.

In Wirklichkeit kann der Papst eben dies gerade nicht  –  und zwar nicht trotz, sondern wegen des katholischen „Lehramts“, das nicht sein Privatbesitz ist, dem er vielmehr zu dienen hat.

Er ist durchaus nicht „Herr“ über dieses kirchliche Lehramt, sondern der „Hüter“, der Bewahrer und „Schutzpatron“ desselben: er muß das  katholische „Glaubensgut“ (depositum fidei) aufrechterhalten und verkünden  – und nicht etwa seine privaten theologischen Ideen.

Nun könnte der Einwand kommen: Aber der Papst ist doch nach katholischer Auffassung „unfehlbar“.

Diese Unfehlbarkeit bezieht sich allerdings allein auf die Verkündigung eines Dogmas, eines für die ganze Kirche verbindlichen Lehrsatzes über Glaubens- oder Sittenfragen.

In den letzten 200 Jahren wurden gerade mal drei Dogmen verkündet, davon zwei über die Madonna  – also wird die „Unfehlbarkeit“ des päpstlichen Amtes offenbar recht selten in Anspruch genommen. Zudem wurden vorher alle katholischen Bischöfe der Welt befragt bzw stimmten per Konzil ab (1. Vatikanum).

Der springende Punkt ist aber: Der Papst kann und darf nichts „dogmatisieren“, was der Heiligen Schrift bzw. der kirchlichen Tradition (oder gar beidem) widerspricht.

Also beileibe kein Freibrief für persönliche päpstliche Einfälle, im Gegenteil: der Papst ist an das 2000-jährige Lehramt der Kirche „gebunden“ und muß diesem dienen.

Sodann schreibt Frau Schrupp Folgendes:

„Es ist im Übrigen auch ein entscheidender Unterschied zwischen katholisch und muslimisch, denn auch der Islam kennt keine solche oberste und unfehlbare Instanz, die festlegt, was alle gefälligst für Gottes Willen oder den „natürlichen“ Lauf der Dinge zu halten haben.“

Es trifft zwar zu, daß der Islam kein zentrales „Amt“ kennt, das dem Papsttum vergleichbar wäre  – das ist aber auch nicht nötig, da der Islam einen „papierenen“ Papst zu „bieten“ hat: den Koran nämlich, der angeblich Wort für Wort „unfehlbar“ vom Himmel kommt  – und für die Politik die Scharia (das islamische Religionsgesetz).

Während die katholische Kirche immer schon zwischen Religion und Politik, zwischen Kirche und Staat unterschieden hat (was nicht dasselbe ist wie eine laizistische „Trennung“), hält der Islam diese beiden Ebenen grundsätzlich nicht auseinander (was keineswegs ausschließt, daß die Unterscheidung in Einzelfällen doch vorkommt).

Danach kommt die evangelische Politologin erneut auf den Papst zu sprechen:

„Mir war, ehrlich gesagt, fast schon entfallen, wie stark dieses katholische Amtsverständnis noch ist. Die Bundestagsrede des Papstes hat es mir wieder vor Augen geführt: Ihre hauptsächliche und eigentliche Bedeutung hat diese Rede dadurch bekommen, dass es ein Papst war, der sie gehalten hat, und nicht etwa wegen ihres Inhaltes.

Diese Ansprache wurde  sehr wohl auch wegen ihres rechtsphilosophischen Inhalts diskutiert, wobei das Interesse an dieser relativ anspruchsvollen Thematik sicher durch die Tatsache „angefeuert“ wurde, daß sie von einem Papst gehalten wurde  – noch dazu „erstmals“ im deutschen Parlament.

Das „katholische Amtsverständnis“ ist tatsächlich „noch stark“  – und wird es immer bleiben.

Die Hauptursache hierfür liegt nicht an prunkvollen Äußerlichkeiten oder patriarchalem  „Autoritätsgehabe“, auch nicht an feierlichen Ritualen oder der katholischen „Geschichtsträchtigkeit“ durch die Jahrtausende hindurch.

Der wesentliche Grund für das „katholische Amtsverständnis“ ist die Selbstwahrnehmung als Kirche Christi, ist das Bewußtsein,  der „fortlebende Christus“ zu sein, der durch Wort und Sakrament weiterwirkt, wobei die Kirche selbst das „Ur-Sakrament“ ist, das Christus stiftete, um die Gläubigen durch die sieben Sakramente und die Verkündigung des Gotteswortes hilfreich durchs Leben zu begleiten, sie zu stärken und zu trösten.

Dieses Selbstverständnis besaß schon die junge Kirche in der apostolischen Zeit. So schreibt Paulus an die Korinther: „So halte uns jedermann für Diener Christi und getreue Ausspender der Geheimnisse Gottes.“ (1 Kor 4,1).

Eben dies ist das Wesensgeheimnis unserer Kirche: Christus zu dienen und „Gottes Geheimnisse“ an die Gläubigen auszuspenden.

Deshalb ist die Kirche, wenngleich sie aus menschlichen Mitgliedern besteht, zugleich übernatürlichen Ursprungs, denn der göttliche Erlöser hat sie gegründet, der Heilige Geist lebt in ihr, ER lenkt und leitet sie und bewahrt sie in der ewigen Wahrheit. Davon sind katholische Christen seit 2000 Jahren fest überzeugt.

Mit anderen Worten: Die Kirche Christi wirkt zwar mitten in dieser Welt, doch ihrem Wesenskern nach ist sie „nicht von dieser Welt“. Dies hat Kardinal Cordes kürzlich in der FAZ verdeutlicht:

https://charismatismus.wordpress.com/2012/02/06/kardinal-cordes-uber-die-kirche-nicht-von-dieser-welt/

Antje Schrupp hat sich weitere Gedanken gemacht über katholisch-evangelische Unterschiede, zum  Beispiel folgende:

„Diese Amtsautorität ist etwas, das wir in der evangelischen Kirche schon lange nicht mehr kennen, was auch damit zu tun hat, dass es hier Pfarrerinnen gibt.

In einem älteren Vortrag habe ich mal darüber geschrieben und bin zu dem Schluss gekommen, dass sich mit dem Zugang von Frauen zum Pfarramt etwas Entscheidendes verändert hat: Nicht mehr das Amt trägt den Menschen, der es innehat, sondern der Mensch muss das Amt erst einmal ausfüllen, um Autorität zu haben.

Früher war „Pfarrer“ (auch bei den Evangelischen) per se etwas Besonders. Auch der schlichteste Geist, trug er bloß einen Talar, war eine Autoritätsperson. Frauen hatten diesen „Amtsbonus“ nie. Sie mussten immer erst einmal beweisen, „dass sie das auch können“.

Dies hat inzwischen auf die gesamte Amtsstruktur ausgestrahlt – auch ein Mann, der Pfarrer wird, kann sich nicht allein deshalb schon der entsprechenden Aufmerksamkeit und Wichtigkeit sicher sein.“

An diesen Gedankengängen ist „etwas dran“, doch sie sind eher soziologisch-psychologisch geprägt, weniger theologisch.

Zunächst einmal ist Amt und Weihe noch lange nicht dasselbe: Es gibt in der evangelischen Christenheit zwar ein Pfarr-Amt, aber keine Priester-Weihe.

Ein Amt kann rein funktional begründet sein (ein Kompetenter muß die Gemeinden leiten und betreuen, jemand mit entsprechenden Fähigkeiten muß zuständig sein), doch das katholische „Amtsverständnis“ ist weniger funktional als vielmehr sakramental fundiert: es gründet in der Priester-Weihe, einem der sieben Sakramente der katholischen Kirche.

Tatsächlich ist aus dieser Sicht das „Amt“ (genauer: das Sakrament, die Weihe, aus der das Amt folgt) theologisch gesehen wichtiger als die „Person“ und ihre speziellen Fähigkeiten, Eigenarten, Vorzüge, Nachteile usw.

Daher respektieren gläubige Katholiken einen Priester „als Priester“ (!) auch dann, wenn er ihnen persönlich „als Mensch“ weniger gefällt.

Letztlich geht es um Christus selbst und seine Gnadengaben,  weniger um seinen unwürdigen Diener, wenngleich dieser nach Heiligkeit streben muß (genau wie jeder Christ). Aber Gottes Wirken in den Sakramenten ist nicht von der moralischen Großartigkeit des Menschen abhängig, sonst wäre es keine „Sache des Ewigen“.

Der Völkerapostel Paulus erinnert seinen Mitarbeiter Timotheus  an dessen Priesterweihe:  „Entfache die Gnadengabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.“ (2 Tim 1,6)

An die Korinther schreibt der heilige Paulus: „So sind wir nun Gesandte Christi, denn Gott mahnt durch uns –  und so bitten an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott.“ (2 Kor 5,20).

Es geht also um Weihe und Sendung, um Beauftragung und „Dienst-Amt“ durch Christus selbst.

Natürlich ist auch uns Katholiken ein sympathischer Geistlicher lieber als ein weniger sympathischer  – trotzdem sehen wir im Priester in erster Linie den geweihten Diener Christi, den Verkündiger seiner Botschaft und den Ausspender seiner Geheimnisse: der Sakramente nämlich.

Eben diese sind auch dann gültig und „heilsam“, helfen uns also in unserer Gottesbeziehung und Lebensbewältigung, wenn der Priester persönlich ein ziemlicher „Versager“ wäre.

Die Wirksamkeit der Sakramente gründet eben nicht auf den Vorzügen bzw der eindrucksvollen Persönlichkeit, der „Privatperson“ des Priesters, sondern in seinem „Weihe-Amt“, in seiner Sendung und Beauftragung durch Christus selbst, der in seiner Kirche lebt und wirkt.

Wegen dieser Bezogenheit auf Christus kann die katholische Kirche kein Frauenpriestertum einführen, auch ein Papst wird dies nie tun können, auch nicht mittels seiner „Unfehlbarkeit“, da eben diese wiederum an die göttliche Offenbarung und kirchliche Lehre rückgebunden ist – und eben keine theologische Willkürherrschaft erlaubt, weil dies Amtsmißbrauch und Verrat an Christus wäre.

Zum speziellen Thema Frauenpriestertum hier unser Beitrag aus heilsgeschichtlicher Sicht: https://charismatismus.wordpress.com/2011/10/25/die-heilsgeschichte-kennt-keine-priesterinnen/

Ein evangelischer „Papst“ (wenn es einen gäbe) könnte sich ohne weiteres dem Zeitgeist beugen und seine Privateinfälle als höhere Erleuchtung präsentieren  – ein katholischer Papst kann und darf dies in wesentlichen Glaubensbereichen nicht, weil er kein eigenmächtiger Herr(scher) über den Glauben,  sondern vielmehr oberster DIENER und Beschützer des Glaubensgutes ist.

In diesem Sinne ermahnt der hl. Paulus seinen Mitarbeiter Timotheus:  „Bewahre das Dir anvertraute, kostbare (Glaubens-)Gut durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt.“ (2 Tim 1,14).  –  Deshalb ist die Kirche ihrem Wesen nach konservativ, denn sie muß das von Christus und den Aposteln überlieferte Glaubensgut (depositum fidei) bewahren, es gewissermaßen „konservieren“ und wie einen wertvollen Schutz hüten.

Daß die Kirche dabei auch die jeweiligen Fragen der Zeit aufgreifen muß, ist klar  – aber die Quelle ihrer Verkündigung ist zeitlos, schöpft sie doch aus der Offenbarung des Ewigen selbst.

Deshalb ist nicht der Zeitgeist, sondern der Heilige Geist die bewegende Kraft der Kirche. Wenn Geistliche eine Zeitgeistkirche wünschen, verleugnen sie ihren Herrn und Meister  – oder anders gesagt: „Sie folgen dem Zeitgeist und demjenigen, der in seiner Rolle als Fürst dieser Welt für die Schaffung der Zeitgeister aller Zeiten verantwortlich zeichnet.“ (So formuliert es der Betreiber des Weblogs „Kreuzfährten“ sehr treffend.)

Das katholische Selbstverständnis bzw. „Amtsverständnis“, vor allem die hohe Bedeutung der Sakramente wird Frau Schrupp in ihrer evangelischen  –  und noch dazu liberal-protestantischen  – Prägung zwar rational-theologisch begreifen können, aber innerlich wohl kaum nachvollziehen.

Es schadet aber nichts, wenn diese Punkte hier einmal dargestellt und etwas erläutert werden.

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Verlags und des Christoferuswerks in Münster

Hier der vollständige Artikel, aus dem in unserem Kommentar zitiert wurde:

http://antjeschrupp.com/2011/09/28/der-papst-das-amt-der-liebe-gott-und-ich/



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