„Tugendterror“: Über die Kluft zwischen den „hohen“ Medien und dem „kleinen“ Mann

Warum wird nicht auch die „Macht der Medien“ in ihre „Grenzen“ gewiesen?

Unter dem Titel „Nach dem Skandal ist vor dem Skandal“ befaßt sich WELT-Redakteur Thomas Schmid heute in WELT-online ausführlich mit den grundsätzlichen Mechanismen politischer Affären und Medienkampagnen.

Obgleich der Autor seine journalistische Zunft weitgehend in ein helles Licht rückt und Zeitungsleser offenbar als „kleine Leute“ wahrnimmt, ist die Analyse insgesamt aufschlußreich und vielfach zutreffend. Immerhin findet Schmid auch einige kritische Töne über das „Pathos rückhaltloser Aufklärung“, das auch in einem mentalen „Tugendterror“ enden könne.

Gleich eingangs räumt der Autor ein, daß in der Causa Wulff eine Kluft zwischen den meisten Medien und dem Volk bzw den Lesern erkennbar sei   – das gilt auch für die Tageszeitung DIE WELT aus dem Springer-Verlag; er schreibt hierzu:

„Selten hat eine Berichterstattung viele Leser dieser Zeitung so empört wie die über Bundespräsident Christian Wulff und die Finanzierung seines Hauses in Großburgwedel (und viele Leser anderer Publikationen reagierten ganz ähnlich). Wie schon zu der Zeit, als Kritik an Wulffs Amtsvorgänger Horst Köhler laut wurde, tat sich auch diesmal eine beträchtliche Kluft zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung, genauer: zwischen Volksempfinden und Presse auf. Die meisten Leser, die ihre Unzufriedenheit äußerten, warfen der Zeitung und ihren Journalisten vor, sie überschritten ihre Kompetenz, seien unnachsichtig und führten eine Kampagne. Von Diffamierung, Hetzjagd, Treibjagd war die Rede.“

Damit ist die Sachlage durchaus zutreffend umrissen. Natürlich erwähnt der Redakteur nun „die Pflicht von Journalisten, zu recherchieren und zu enthüllen“. Diese Aufgabe stellt kein Vernünftiger in Abrede, es geht allerdings um das „Wie“, um die Methoden und deren Ausmaß, um Fairneß und Sachlichkeit auch beim „Enthüllen“.

Sodann schreibt Schmid, „dass der Journalist zwar der Wahrheit, nicht aber dem Gemeinwohl verpflichtet ist und es natürlich auch um Auflage geht.“  – Um Auflage geht es meist in weitaus größerem Ausmaß als um „Wahrheit“  – und auch die „Wahrheit“ hat meist zwei Seiten, doch bei „Enthüllungs“-Feldzügen kommt nur jene „Wahrheit“ zum Tragen, die den Angegriffenen belastet.

Immerhin gibt der Autor zu: „Die Formen, die das annimmt, mögen nicht immer die feinen sein – am Ende steht aber der schöne Effekt, der im Zweifelsfall auch ein unintended effect sein kann: Licht kommt ins Dunkel übler Machenschaften, die Macht wird in ihre Grenzen verwiesen.“

Die Macht der Politiker zweifellos  – aber wäre es nicht längst an der Zeit, daß die Macht der Medien „in ihre Grenzen gewiesen“ wird? Mitunter könnte man fast von „Allmacht“ reden. Oder ist hier eine gewisse Machtkontrolle plötzlich nicht nötig?

Der Autor versucht sich sodann, in die Seelenlage seiner von Pressekampagnen angenervten Leser einzufühlen:

„Wenn ich ihren Blickwinkel einnehme, kann ich die empörten Leser verstehen. Dass die Berichterstattung über die Causa Wulff neben kräftiger Zustimmung auch wütende Proteste auslöste, hat einen tiefen Grund. Es ging in diesem Streit um etwas, was für die ganz große Mehrheit der Bürger – erst recht für jene, die über keine großen Mittel verfügen – von existenzieller Bedeutung ist: um Beziehungen und Freundschaft.(…) Da wir aber – wie man „draußen im Lande“ gut weiß – nicht in der besten aller Welten, vermutlich nicht einmal in der zweitbesten aller Welten leben, werden wir diesen unverzichtbaren Normen nicht gerecht. „Man kennt sich, man hilft sich“ (Konrad Adenauer) – das ist die alltägliche Erfahrung von Millionen…Deshalb ist der kleine Mann nicht bereit, das schützende Gehäuse der Freundschaften, des Milieus und der wechselseitigen Vorteilsnahme zu verlassen.“

Diese Argumentation verfrachtet den kritischen Leser in eine moralisch nicht ganz niet- und nagelfeste Position nach der Devise: Bei einem Volk von Schnäppchenjägern kann der oberste Schnäppchenjäger so unbeliebt nicht sein.

Der Herr Journalist vergißt freilich, zu erwähnen, daß gerade die Zunft der Journalisten über viele Schnäppchen-Vorteile (von freien Eintritten bis hin zu Rabatten beim Autokauf) verfügt, worüber der „kleine Mann“ (wie der WELT-Redakteur ihn zu benennen pflegt) vor Neid erblassen würde. Freilich sind diese Berufsvorzüge durchaus nicht Gegenstand der Berichterstattung….

Stattdessen wird dem „kleinen Mann“ huldvoll zugestanden, daß er „auch Mensch“ sei:

„Der Bürger ist auch Mensch. Als um- und einsichtiger Bürger hält er sich an die Regeln und weiß auch, dass das einem guten Zweck dient. Als schlauer Mensch, der durchkommen muss, ist er von der fast anthropologischen Gewissheit getragen, dass eine Hand die andere waschen soll, dass es gar nicht anders geht und dass froh sein kann, wer Freunde hat, die ihm beispringen. Was Christian Wulff widerfahren ist, wird – zu Unrecht, aber aus gutem Grund – als Freundschaftsverbot, als Versuch wahrgenommen, Freundschaft zu kriminalisieren und das stützende Geflecht der Alltagsbindungen in der ätzenden Säure unerbittlicher Öffentlichkeit zu zersetzen.“

Immerhin beginnt nun ein leicht kritischer Ton beim Journalisten Schmid: „Seit der Französischen Revolution ist der Jakobinismus samt seiner Schrecken eine Möglichkeit, die nicht mehr wegzudenken ist. Der kleine Mann mag den Jakobiner nicht, hinter seinen Vernunftargumenten spürt und riecht er den Tugendterror.“

Damit wollen wir es für heute gut sein lassen  –  den „Rest“ des langen Artikels, der analytisch durchaus interessant ist, können Sie hier lesen:  http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13907734/Nach-dem-Skandal-ist-vor-dem-Skandal.html



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