Vatikanische Glaubenskongregation: Instruktion DIGNITAS PERSONAE zur Bioethik

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

INSTRUKTION DIGNITAS PERSONAE  über einige FRAGEN der BIOETHIK

vom  8. September 2008, dem Fest der Geburt der seligen Jungfrau Maria.

Vollständiger Wortlaut 

EINLEITUNG

1. Jedem Menschen ist von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod die Würde einer Person zuzuerkennen. Dieses Grundprinzip, das ein großes „Ja“ zum menschlichen Leben ausdrückt, muss im Mittelpunkt des ethischen Nachdenkens über die biomedizinische Forschung stehen, die in der Welt von heute eine immer größere Bedeutung gewinnt.

Das Lehramt der Kirche hat sich schon mehrmals geäußert, um die damit zusammenhängenden moralischen Probleme zu klären und zu lösen. Von besonderem Gewicht war in dieser Hinsicht die Instruktion Donum vitae.[1]

Zwanzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung ist es jedoch angebracht, dieses Dokument fortzuschreiben.

Die Lehre der genannten Instruktion bleibt unverändert gültig. Dies gilt sowohl für die in Erinnerung gerufenen Prinzipien als auch für die vorgelegten moralischen Bewertungen. Neue biomedizinische Technologien, die im heiklen Bereich des menschlichen und familiären Lebens eingeführt worden sind, werfen aber weitere Fragen auf, vor allem auf dem Gebiet der Forschung mit menschlichen Embryonen und der Verwendung von Stammzellen zu therapeutischen Zwecken sowie in anderen Bereichen der experimentellen Medizin.

So sind neue Probleme aufgetreten, die neue Antworten erfordern.

Die Schnelligkeit der Entwicklungen auf wissenschaftlichem Terrain und deren Verbreitung durch die sozialen Kommunikationsmittel führen zu Erwartungen und Unsicherheiten in immer weiteren Kreisen der öffentlichen Meinung. Um derartige Probleme rechtlich zu regeln, sind die gesetzgebenden Versammlungen häufig aufgefordert, Entscheidungen zu treffen, die manchmal auch eine Volksbefragung einschließen.Diese Gründe haben die Kongregation für die Glaubenslehre bewogen, eine neue Instruktion lehrmäßiger Natur zu verfassen, die einige neuere Fragestellungen im Licht der in der Instruktion Donum vitae formulierten Kriterien erörtert und sich andere bereits behandelte Themen, zu denen weitere Klärungen für notwendig erachtet wurden, erneut vornimmt.

2. Bei der Durchführung dieser Untersuchung wurde stets darauf geachtet, die wissenschaftlichen Aspekte – unter Zuhilfenahme der Studien der Päpstlichen Akademie für das Leben und einer großen Zahl von Fachleuten – zu berücksichtigen und sie anhand der Prinzipien der christlichen Anthropologie einer Prüfung zu unterziehen. Die Enzykliken Veritatis splendor[2] und Evangelium vitae[3] von Johannes Paul II. sowie andere Stellungnahmen des Lehramtes bieten klare methodische und inhaltliche Hinweise für die Prüfung der untersuchten Probleme.

Im mannigfaltigen philosophischen und wissenschaftlichen Panorama der Gegenwart gibt es viele qualifizierte Gelehrte und Philosophen, die in der medizinischen Wissenschaft gemäß dem hippokratischen Eid einen Dienst am gebrechlichen Menschen sehen, um Krankheiten zu heilen, Leiden zu lindern und die erforderlichen Behandlungen in gerechtem Maß der ganzen Menschheit zugänglich zu machen. Es fehlt jedoch nicht an Vertretern der Philosophie und der Wissenschaft, welche die fortschreitende Entwicklung der biomedizinischen Technologien mit einer im Grunde eugenischen Perspektive betrachten.

3. Wenn die katholische Kirche Prinzipien und moralische Bewertungen für die biomedizinische Erforschung des menschlichen Lebens vorlegt, folgt sie dem Licht der Vernunft wie auch des Glaubens. Sie trägt so zur Schaffung einer ganzheitlichen Sichtweise des Menschen und seiner Berufung bei, die all das aufzunehmen vermag, was in den Werken der Menschen und in den verschiedenen kulturellen und religiösen Traditionen, die nicht selten eine große Ehrfurcht vor dem Leben zeigen, an Gutem sichtbar wird.

Das Lehramt möchte ein Wort der Ermutigung und des Vertrauens gegenüber einer kulturellen Perspektive bringen, die in der Wissenschaft einen wertvollen Dienst am umfassenden Gut des Lebens und der Würde jedes Menschen sieht. Die Kirche schaut deshalb mit Hoffnung auf die wissenschaftliche Forschung und wünscht, dass sich viele Christen dem Fortschritt in der Biomedizin widmen und den eigenen Glauben in diesem Umfeld bezeugen. Sie wünscht zudem, dass die Früchte dieser Forschung auch in den armen und durch Krankheiten betroffenen Gebieten zur Verfügung gestellt werden, um die aus humanitärer Sicht dringendsten und dramatischsten Nöte angehen zu können.

Schließlich möchte die Kirche jeder Person nahe sein, die an Leib oder Seele leidet, um nicht nur Trost, sondern Licht und Hoffnung zu schenken. So erhalten auch Zeiten der Krankheit und die Erfahrung des Todes einen Sinn, die eben zum Leben des Menschen gehören, seine Geschichte kennzeichnen und sie für das Geheimnis der Auferstehung öffnen.

Der Blick der Kirche ist voller Zuversicht, denn «das Leben wird siegen: Dies ist unsere sichere Hoffnung. Ja, das Leben wird siegen, weil die Wahrheit, das Gute, die Freude und der echte Fortschritt auf der Seite des Lebens stehen. Auf der Seite des Lebens steht Gott, der das Leben liebt und es in Fülle schenkt».[4]

Die vorliegende Instruktion richtet sich an die Gläubigen und an alle wahrheitssuchenden Menschen.[5]

Die Instruktion umfasst drei Teile: Im ersten Teil werden einige anthropologische, theologische und ethische Aspekte von grundlegender Bedeutung in Erinnerung gerufen; im zweiten Teil kommen neue Probleme bezüglich der Fortpflanzung zur Sprache; im dritten Teil werden einige neue Therapien untersucht, die eine Manipulation des Embryos oder des menschlichen Erbgutes mit sich bringen.

ERSTER TEIL:

ANTHROPOLOGISCHE, THEOLOGISCHE UND ETHISCHE ASPEKTE DES MENSCHLICHEN LEBENS UND DER FORTPFLANZUNG

4. In den letzten Jahrzehnten haben die medizinischen Wissenschaften ihre Erkenntnisse über das menschliche Leben in den Anfangsstadien seines Daseins in beträchtlichem Maß weiterentwickelt. Sie sind dazu gelangt, die biologischen Strukturen des Menschen und den Prozess seiner Zeugung besser zu erkennen. Diese Entwicklungen sind gewiss positiv und unterstützenswert, wenn sie der Überwindung oder Korrektur von Pathologien dienen und zur Wiederherstellung des normalen Ablaufs der Zeugungsprozesse beitragen. Sie sind hingegen negativ und darum unannehmbar, wenn sie die Vernichtung von Menschen mit sich bringen oder Mittel gebrauchen, welche die Personwürde verletzen, oder wenn sie für Ziele eingesetzt werden, die dem Gesamtwohl des Menschen entgegenstehen.

Der Körper des Menschen kann von den ersten Stadien des Daseins an nie auf die Summe seiner Zellen reduziert werden. Der embryonale Mensch entwickelt sich Schritt für Schritt nach einem genau festgelegten „Programm“ und mit einem eigenen Ziel, das mit der Geburt jedes Kindes offenbar wird.

Es ist von Nutzen, hier an das grundlegende ethische Kriterium zu erinnern, das in der Instruktion Donum vitae vorgelegt wird, um alle moralischen Fragen zu bewerten, die sich im Zusammenhang mit Eingriffen in den menschlichen Embryo stellen: «Die Frucht der menschlichen Zeugung erfordert ab dem ersten Augenblick ihrer Existenz, also von der Bildung der Zygote an, jene unbedingte Achtung, die man dem Menschen in seiner leiblichen und geistigen Ganzheit sittlich schuldet.

Der Mensch muss von seiner Empfängnis an als Person geachtet und behandelt werden und infolgedessen muss man ihm von diesem Augenblick an die Rechte der Person zuerkennen und darunter vor allem das unverletzliche Recht jedes unschuldigen Menschen auf Leben».[6]

5. Diese Feststellung ethischer Natur, die von der Vernunft als wahr und dem natürlichen Sittengesetz entsprechend erkannt werden kann, sollte zum Fundament jeder rechtlichen Ordnung gehören.[7] Sie setzt eine Wahrheit ontologischer Natur voraus. Die genannte Instruktion hat dies ausgehend von zuverlässigen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Kontinuität der Entwicklung des Menschen unterstrichen.

Wenn die Instruktion Donum vitae nicht definiert hat, dass der Embryo Person ist, um sich nicht ausdrücklich auf Aussagen philosophischer Natur festzulegen, so hat sie dennoch betont, dass es ein inneres Band zwischen der ontologischen Dimension und dem spezifischen Wert jedes Menschen gibt.

Auch wenn das Vorhandensein einer Geistseele von keiner experimentellen Beobachtung ausgemacht werden kann, liefern die Schlussfolgerungen der Wissenschaft über den menschlichen Embryo doch «einen wertvollen Hinweis, um mit der Vernunft das Vorhandensein einer Person von diesem ersten Erscheinen eines menschlichen Lebens an wahrzunehmen: Sollte ein menschliches Individuum etwa nicht eine menschliche Person sein?»[8]

Während seines ganzen Lebens, vor und nach seiner Geburt, kann nämlich in der Beschaffenheit des Menschen weder eine Änderung des Wesens noch eine Gradualität des moralischen Wertes behauptet werden: Er ist ganz Mensch und ganz als solcher zu achten. Der menschliche Embryo hat also von Anfang an die Würde, die der Person eigen ist.

6. Die Achtung vor dieser Würde gebührt jedem Menschen, denn er trägt die eigene Würde und den eigenen Wert unauslöschlich in sich eingeprägt. Der Ursprung des menschlichen Lebens hat aber seinen authentischen Ort in Ehe und Familie, wo es durch einen Akt gezeugt wird, der die gegenseitige Liebe von Mann und Frau zum Ausdruck bringt. Eine gegenüber dem Ungeborenen wahrhaft verantwortliche Zeugung «muss die Frucht der Ehe sein».[9]

Die Ehe, die es zu allen Zeiten und in allen Kulturen gibt, wurde «vom Schöpfergott weise und voraussehend eingerichtet, um unter den Menschen seinen Plan der Liebe zu verwirklichen. Darum streben die Ehegatten durch die gegenseitige personale Hingabe, die ihnen eigen und ausschließlich ist, nach jener Gemeinschaft der Personen, in der sie sich gegenseitig vervollkommnen, um mit Gott bei der Zeugung und Erziehung neuen menschlichen Lebens mitzuwirken».[10]

In der Fruchtbarkeit der ehelichen Liebe machen Mann und Frau sichtbar, «dass am Ursprung ihres Ehelebens ein echtes „Ja“ steht, das in Gegenseitigkeit ausgesprochen und wirklich gelebt wird und stets für das Leben offen bleibt… Das natürliche Sittengesetz, das der Anerkennung der wahren Gleichheit zwischen den Personen und Völkern zugrunde liegt, sollte als die Quelle erkannt werden, an der sich auch die Beziehung der Eheleute in ihrer Verantwortung, Kinder zu zeugen, ausrichten muss. Die Weitergabe des Lebens ist in die Natur eingeschrieben, und ihre Gesetze bleiben eine ungeschriebene Norm, auf die alle Bezug nehmen müssen».[11]

7. Die Kirche ist davon überzeugt, dass das, was menschlich ist, vom Glauben nicht nur aufgenommen und geachtet, sondern auch gereinigt, erhoben und vervollkommnet wird. Nachdem Gott den Menschen als sein Bild und Gleichnis geschaffen hatte (vgl. Gen 1,26), bezeichnete er sein Geschöpf als «sehr gut» (Gen 1,31), um es dann im Sohn anzunehmen (vgl. Joh 1,14).

Im Geheimnis der Menschwerdung bekräftigte der Sohn Gottes die Würde des Leibes und der Seele, die für den Menschen konstitutiv sind. Christus hat die menschliche Leiblichkeit nicht verschmäht, sondern ihre Bedeutung und ihren Wert voll enthüllt: «Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf».[12]

Weil der Sohn Gottes einer von uns geworden ist, können wir «Kinder Gottes» (Joh 1,12), «der göttlichen Natur teilhaftig» (2 Petr 1,4) werden. Diese neue Dimension steht nicht im Widerspruch zur Würde des Geschöpfes, die von allen Menschen mit der Vernunft erkannt werden kann. Sie erhebt diese Würde vielmehr in einen anderen Horizont des Lebens, das Gott eigen ist und es gestattet, noch angemessener über das menschliche Leben und die Akte nachzudenken, die es ins Dasein setzen.[13]

Im Licht dieser Gegebenheiten des Glaubens zeigt sich noch deutlicher und stärker die Achtung gegenüber dem menschlichen Individuum, die von der Vernunft gefordert ist: Darum gibt es keinen Gegensatz zwischen der Würde und der Heiligkeit des menschlichen Lebens. «Die verschiedenen Weisen, wie Gott sich in der Geschichte der Welt und des Menschen annimmt, schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Sie stützen und durchdringen sich gegenseitig. Sie alle haben ihre Quelle und ihr Endziel in dem weisen und liebevollen ewigen Plan, mit dem Gott die Menschen im voraus dazu bestimmt, „an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben“ (Röm 8, 29)».[14]

8. Ausgehend vom Ineinander dieser beiden Dimensionen, der menschlichen und der göttlichen, wird der Grund für den unantastbaren Wert des Menschen besser verständlich: Er besitzt eine ewige Bestimmung und ist berufen, die dreifaltige Liebe des lebendigen Gottes zu teilen.

Dieser Wert kommt allen ohne Unterschied zu. Aufgrund der bloßen Tatsache seiner Existenz ist jeder Mensch ganz zu achten. Man muss die Einführung von Kriterien der Diskriminierung bezüglich der Menschenwürde aufgrund der biologischen, psychischen, kulturellen oder gesundheitlichen Entwicklung ausschließen. Im Menschen, der nach dem Bild Gottes erschaffen ist, spiegelt sich in jeder Phase seines Daseins «das Antlitz des eingeborenen Sohnes Gottes… Diese unermessliche und fast unbegreifliche Liebe zum Menschen offenbart, bis zu welchem Grad die menschliche Person würdig ist, um ihrer selbst willen geliebt zu werden, unabhängig von jeder anderen Voraussetzung – Intelligenz, Schönheit, Gesundheit, Jugendlichkeit, Unversehrtheit und so weiter. Schließlich ist das menschliche Leben immer ein Gut, denn „es ist in der Welt Offenbarung Gottes, Zeichen seiner Gegenwart, Spur seiner Herrlichkeit“ (Evangelium vitae, 34)».[15]

9. Diese beiden Dimensionen des Lebens, die natürliche und die übernatürliche, helfen auch besser verstehen, in welchem Sinn die Akte, die den Menschen ins Dasein setzen und durch die sich Mann und Frau einander gegenseitig schenken, ein Abglanz der dreifaltigen Liebe Gottes sind. «Gott, der Liebe und Leben ist, hat Mann und Frau die Berufung zu einer besonderen Teilhabe an seinem Geheimnis personaler Gemeinschaft wie auch an seinem Werk als Schöpfer und Vater eingeprägt».[16]

Die christliche Ehe «wurzelt in der natürlichen Ergänzung von Mann und Frau und nährt sich durch den persönlichen Willen der Gatten, ihr ganzes Leben miteinander zu teilen, das, was sie haben, und das, was sie sind: Deshalb ist diese Gemeinschaft die Frucht und das Zeichen eines tief menschlichen Bedürfnisses. Aber in Christus, dem Herrn, nimmt Gott dieses menschliche Bedürfnis auf, bestätigt, läutert und erhebt es und führt es durch das Ehesakrament zur Vollendung: Der in der sakramentalen Feier geschenkte Heilige Geist eröffnet den christlichen Ehegatten die Gabe einer neuen Gemeinschaft der Liebe, die lebendiges und wirkliches Bild jener einzigartigen Einheit ist, welche die Kirche zum unteilbaren mystischen Leib des Herrn Jesus macht».[17]

10. Wenn die Kirche über die ethische Wertigkeit einiger Ergebnisse der neueren Forschungen der Medizin bezüglich des Menschen und seines Ursprungs urteilt, greift sie nicht in den Bereich ein, welcher der medizinischen Wissenschaft als solcher eigen ist, sondern erinnert alle Betroffenen an die ethische und soziale Verantwortung ihres Handelns. Sie ruft ihnen ins Gedächtnis, dass der sittliche Wert der biomedizinischen Wissenschaft abhängt von der unbedingten Achtung, die jedem Menschen in allen Momenten seines Daseins geschuldet ist, sowie vom Schutz der spezifischen Eigenart der personalen Akte, die das Leben weitergeben.

Die vorliegende Stellungnahme gehört zur Sendung des Lehramtes, die Bildung der Gewissen zu fördern: also die Wahrheit, die Christus ist, authentisch zu lehren und zugleich die Prinzipien der sittlichen Ordnung, die aus dem Wesen des Menschen selbst hervorgehen, mit Autorität zu erklären und zu bestätigen.[18]

ZWEITER TEIL:

NEUE PROBLEME BEZÜGLICH DER FORTPFLANZUNG

11. Im Licht der genannten Prinzipien sind nun einige Probleme bezüglich der Fortpflanzung zu untersuchen, die seit der Veröffentlichung der Instruktion Donum vitae entstanden und deutlicher zum Vorschein getreten sind.

Techniken zur Unterstützung der Fruchtbarkeit

12. Was die Behandlung der Unfruchtbarkeit anbelangt, müssen neue medizinische Verfahren drei grundlegende Güter achten: a) das Recht jedes Menschen auf Leben und physische Unversehrtheit von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod;

b) die Einheit der Ehe, welche die gegenseitige Achtung des Rechtes der Eheleute einschließt, dass der eine nur durch den anderen Vater oder Mutter wird;[19]

c) die eigentlich menschlichen Werte der Geschlechtlichkeit, die «erfordern, dass die Zeugung einer menschlichen Person als Frucht des spezifisch ehelichen Aktes der Liebe zwischen den Eheleuten angestrebt werden muss».[20]

Techniken, die sich als Hilfestellung für die Zeugung erweisen, «sind nicht deshalb abzulehnen, weil sie künstlich sind. Als solche zeigen sie die Möglichkeiten ärztlicher Kunst. Aber man muss sie aus moralischer Sicht bewerten, indem man sie auf die Würde der menschlichen Person bezieht, die gerufen ist, die göttliche Berufung zum Geschenk der Liebe und zum Geschenk des Lebens zu verwirklichen».[21]

Im Licht dieses Kriteriums sind alle Techniken der heterologen künstlichen Befruchtung[22] sowie die Techniken der homologen künstlichen Befruchtung[23], die den ehelichen Akt ersetzen, auszuschließen. Zulässig sind hingegen Techniken, die sich als Hilfe für den ehelichen Akt und für dessen Fruchtbarkeit erweisen.

Die Instruktion Donum vitae äußert sich dazu folgendermaßen: «Der Arzt steht im Dienst der Personen und der menschlichen Fruchtbarkeit: Er hat keine Vollmacht, über sie zu verfügen oder über sie zu entscheiden. Der medizinische Eingriff achtet die Würde der Personen dann, wenn er darauf abzielt, den ehelichen Akt zu unterstützen, indem er seinen Vollzug erleichtert oder ihm sein Ziel zu erreichen hilft, sobald er in normaler Weise vollzogen worden ist».[24]

Bezüglich der künstlichen homologen Besamung heißt es: «Die homologe künstliche Besamung innerhalb der Ehe kann nicht zugelassen werden, mit Ausnahme des Falls, in dem das technische Mittel nicht den ehelichen Akt ersetzen, sondern ihn erleichtern und ihm helfen würde, sein natürliches Ziel zu erreichen».[25]

13. Erlaubt sind gewiss die Eingriffe zur gezielten Entfernung von Hindernissen, die der natürlichen Fruchtbarkeit entgegenstehen, wie zum Beispiel die hormonale Behandlung der Unfruchtbarkeit gonadischen Ursprungs, die chirurgische Behandlung einer Endometriose, die Öffnung der Eileiter oder die mikrochirurgische Wiederherstellung der Eileiterdurchgängigkeit. Alle diese Techniken können als echte Therapien betrachtet werden.

Ist nämlich das Problem, das die Unfruchtbarkeit verursacht hat, einmal gelöst, kann das Paar eheliche Akte vollziehen, die zu einer Zeugung führen, ohne dass der Arzt direkt in den ehelichen Akt eingreifen muss. Keine dieser Techniken ersetzt den ehelichen Akt, der allein einer wahrhaft verantwortungsvollen Zeugung würdig ist.

Um dem Kinderwunsch nicht weniger steriler Paare entgegenzukommen, wäre es auch wünschenswert, das Verfahren zur Adoption der zahlreichen Waisenkinder, die für ihre angemessene menschliche Entwicklung ein familiäres Zuhause brauchen, zu unterstützen, zu fördern und durch geeignete gesetzliche Maßnahmen zu erleichtern. Schließlich ist anzumerken, dass man die Forschungen und Investitionen ermutigen soll, die sich mit der Prävention der Sterilität beschäftigen.

In-vitro-Befruchtung und willentliche Beseitigung von Embryonen

14. Dass die In-vitro-Befruchtung sehr oft die willentliche Beseitigung von Embryonen mit sich bringt, wurde schon in der Instruktion Donum vitae festgehalten.[26] Einige meinten damals, dass dies auf eine zum Teil noch unvollkommene Technik zurückzuführen sei. Die Erfahrung der nachfolgenden Jahre hat jedoch gezeigt, dass alle Techniken der In-vitro-Befruchtung faktisch so angewandt werden, als ob der menschliche Embryo bloß eine Anhäufung von Zellen wäre, die man gebraucht, selektiert und ausscheidet.

Es ist wahr, dass etwa ein Drittel der Frauen, die auf die künstliche Befruchtung zurückgreifen, zu einen Kind gelangen. Wenn man das Zahlenverhältnis zwischen den produzierten und den wirklich geborenen Embryonen in Betracht zieht, muss man allerdings betonen, dass die Zahl der geopferten Embryonen sehr hoch ist.[27]

Diese Verluste werden von den Fachleuten der In-vitro-Befruchtungstechniken als Preis hingenommen, den man zahlen müsse, um zu positiven Ergebnissen zu kommen. In Wirklichkeit ist es sehr besorgniserregend, dass die Forschung auf diesem Gebiet vorwiegend darauf abzielt, bessere Ergebnisse hinsichtlich des prozentuellen Verhältnisses zwischen geborenen Kindern und behandelten Frauen zu erreichen, aber nicht wirklich ein Interesse am Lebensrecht jedes einzelnen Embryos zu haben scheint.

15. Oft wird eingewandt, dass diese Verluste von Embryonen in der Mehrzahl der Fälle nicht beabsichtigt seien oder sogar gegen den Willen der Eltern und der Ärzte erfolgten. Man behauptet, dass es sich um Risiken handle, die sich nicht sehr von jenen unterschieden, die mit dem natürlichen Zeugungsprozess verbunden sind, und dass jene, die das Leben ohne Eingehen eines Risikos weitergeben möchten, praktisch auf die Weitergabe des Lebens verzichten müssten.

Es ist wahr, dass nicht alle Verluste von Embryonen im Bereich der In-vitro-Befruchtung dieselbe Beziehung zum Willen der Beteiligten haben. Aber es ist auch wahr, dass das Aufgeben, Zerstören und Beseitigen von Embryonen in vielen Fällen vorgesehen und gewollt ist.

Die Embryonen, die im Reagenzglas produziert wurden und Defekte aufweisen, werden direkt ausgeschieden. Immer häufiger sind Fälle, in denen nicht sterile Paare auf künstliche Befruchtungstechniken zurückgreifen und dabei bloß eine genetische Selektion ihrer Kinder anstreben. In vielen Ländern ist die Stimulation des weiblichen Zyklus schon allgemein üblich, um zu einer größeren Zahl von Eizellen zu gelangen, die befruchtet werden.

Von den produzierten Embryonen wird eine bestimmte Zahl in den Mutterschoß übertragen, die anderen werden für eventuelle weitere Behandlungen eingefroren. Der Grund der Mehrlingsübertragung besteht darin, nach Möglichkeit die Implantation wenigstens eines Embryos sicherzustellen.

Das Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, besteht in der Verwendung einer gegenüber dem erwünschten Kind größeren Zahl von Embryonen, in der Voraussicht, dass einige davon verloren gehen und in jedem Fall eine Mehrlingsschwangerschaft vermieden wird. In diesem Sinn bringt die Technik der Mehrlingsübertragung faktisch eine bloß instrumentelle Behandlung der Embryonen mit sich.

Es fällt auf, dass die allgemeine Ethik und die Gesundheitsbehörden in keinem anderen Bereich der Medizin eine Technik mit einer so hohen Rate an negativen, tödlichen Ausgängen zuließen. Die Techniken der In-vitro-Befruchtung werden faktisch angenommen, weil man voraussetzt, dass der Embryo keine volle Achtung verdient, wenn er mit einem zu erfüllenden Kinderwunsch in Konkurrenz gerät.

Diese traurige, oft verschwiegene Tatsache ist ganz und gar verwerflich. Denn «die verschiedenen Techniken künstlicher Fortpflanzung, die sich scheinbar in den Dienst am Leben stellen und die auch nicht selten mit dieser Absicht gehandhabt werden, öffnen in Wirklichkeit neuen Anschlägen gegen das Leben Tür und Tor».[28]

16. Gemäß der Kirche ist es darüber hinaus ethisch unannehmbar, die Fortpflanzung vom ganz personalen Kontext des ehelichen Aktes zu trennen:[29] Die menschliche Fortpflanzung ist ein personaler Akt des Paares von Mann und Frau, der in keiner Weise delegiert oder ersetzt werden kann.

Dass man bei den Techniken der In-vitro-Befruchtung die hohe Rate an tödlichen Ausgängen stillschweigend hinnimmt, zeigt in beredter Weise, dass der Ersatz des ehelichen Aktes durch eine technische Prozedur nicht nur unvereinbar ist mit der geschuldeten Achtung vor der Fortpflanzung, die nicht auf die bloß reproduktive Dimension eingeschränkt werden kann, sondern auch dazu beiträgt, das Bewusstsein der gebührenden Achtung vor jedem Menschen zu schwächen. Die Anerkennung dieser Achtung wird hingegen gefördert durch die Intimität der Verheirateten, die von ehelicher Liebe beseelt ist.

Die Kirche hält den Wunsch nach einem Kind für berechtigt, und sie versteht die Leiden der Ehepaare, die mit Problemen der Unfruchtbarkeit konfrontiert sind. Dieser Wunsch kann jedoch nicht höher stehen als die Würde jedes menschlichen Lebens – bis zu dem Punkt, die Herrschaft darüber zu übernehmen. Der Wunsch nach einem Kind kann nicht seine „Produktion“ rechtfertigen, so wie der Wunsch, ein schon empfangenes Kind nicht zu haben, nicht dessen Aufgabe oder Vernichtung rechtfertigen kann.

In Wirklichkeit hat man den Eindruck, dass einige Wissenschaftler ohne jeglichen sittlichen Anhaltspunkt und im Bewusstsein der Möglichkeiten des technologischen Fortschrittes der Logik der bloß subjektiven Wünsche[30] und dem ökonomischen Druck nachgeben, der auf diesem Gebiet sehr groß ist.

In Anbetracht der Instrumentalisierung des Menschen im Embryonalstadium muss man wiederholen: «Die Liebe Gottes macht keinen Unterschied zwischen dem neu empfangenen Kind, das sich noch im Leib seiner Mutter befindet, und dem Kleinkind oder dem Jugendlichen oder dem Erwachsenen oder dem alten Menschen. Sie macht keinen Unterschied, weil sie in jedem von ihnen die Spur seines Bildes und der Ähnlichkeit mit ihm sieht… Deshalb hat das Lehramt der Kirche ständig den heiligen und unantastbaren Charakter jedes Menschenlebens von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende verkündet».[31]

Die Intracytoplasmatische Sameninjektion (ICSI)

17. Unter den Techniken der künstlichen Befruchtung hat die Intracytoplasmatische Sameninjektion[32] zunehmend besondere Bedeutung erhalten. Die ICSI ist die am weitaus häufigsten angewandte Technik geworden, weil sie wirksamer ist und verschiedene Formen männlicher Sterilität überwinden kann.[33]

Die ICSI stellt eine Variante der In-vitro-Befruchtung dar und ist wie diese eine in sich unerlaubte Technik: Sie bewirkt eine vollständige Trennung der Fortpflanzung vom ehelichen Akt. Auch die ICSI wird nämlich «außerhalb des Leibes der Eheleute durch Handlungen dritter Personen durchgeführt, deren Kompetenz und technische Leistung den Erfolg des Eingriffs bestimmen; sie vertraut das Leben und die Identität des Embryos der Macht der Mediziner und Biologen an und errichtet eine Herrschaft der Technik über Ursprung und Bestimmung der menschlichen Person.

Eine derartige Herrschaftsbeziehung widerspricht in sich der Würde und der Gleichheit, die Eltern und Kindern gemeinsam ist. Die Empfängnis in vitro ist Ergebnis einer technischen Handlung, welche die Befruchtung vornehmlich bestimmt; sie ist nicht Ausdruck und Frucht eines spezifischen Aktes ehelicher Vereinigung».[34]

Das Einfrieren von Embryonen

18. Eine der Methoden zur Steigerung der Erfolgsrate der In-vitro-Befruchtungstechniken besteht darin, die Zahl der aufeinanderfolgenden Behandlungen zu vermehren. Um die Eingriffe zur Entnahme von Eizellen nicht zu wiederholen, werden der Frau bei einem einzigen Eingriff mehrere Eizellen entnommen. Hierauf wird ein beträchtlicher Teil der in vitro erzeugten Embryonen eingefroren:[35] entweder für einen zweiten Behandlungszyklus, wenn der erste erfolglos bleibt, oder für den Fall eines weiteren Kinderwunsches der Eltern.

Auch die Embryonen, die für die erste Übertragung bestimmt sind, werden manchmal eingefroren, weil die hormonale Stimulation im weiblichen Zyklus Wirkungen hervorruft, die es ratsam machen, vor der Übertragung der Embryonen in den Mutterschoß die Normalisierung des physiologischen Zustandes abzuwarten.

Die Kryokonservierung ist unvereinbar mit der Achtung, die den menschlichen Embryonen geschuldet ist: Sie setzt ihre Produktion in vitro voraus und ist mit schwerwiegenden Gefahren des Todes oder der Schädigung ihrer physischen Unversehrtheit verbunden, weil ein hoher Prozentsatz die Prozedur des Einfrierens und Auftauens nicht überlebt. Sie entzieht die Embryonen wenigstens zeitweise der mütterlichen Aufnahme und Austragung und setzt sie der Gefahr weiterer Verletzungen und Manipulationen aus.[36]

Zum größeren Teil bleiben die nicht gebrauchten Embryonen „Waisen“. Ihre Eltern wollen sie nicht, und manchmal verliert man ihre Spur. Dies erklärt, weshalb es in fast allen Ländern, in denen die In-vitro-Befruchtung durchgeführt wird, Banken mit Abertausenden von eingefrorenen Embryonen gibt.

19. Im Zusammenhang mit der großen Anzahl von schon bestehenden eingefrorenen Embryonen stellt sich die Frage: Was soll man mit ihnen machen? Einige stellen sich diese Frage, ohne ihren ethischen Charakter zu erfassen; sie werden nur von der gesetzlich auferlegten Notwendigkeit getrieben, nach einer bestimmten Zeit die Kryobanken zu leeren, um sie dann von neuem auffüllen zu lassen. Andere hingegen sind sich bewusst, dass eine schwere Ungerechtigkeit begangen worden ist, und fragen sich, wie man der Pflicht zur Wiedergutmachung nachkommen kann.

Klar unannehmbar sind die Vorschläge, diese Embryonen für die Forschung zu verwenden oder für therapeutische Zwecke einzusetzen; ein solches Vorgehen behandelt die Embryonen wie bloßes „biologisches Material“ und führt zu ihrer Vernichtung. Unzulässig ist auch der Vorschlag, diese Embryonen aufzutauen und, ohne sie zu aktivieren, für die Forschung zu verwenden, als ob es sich um gewöhnliche Leichen handelte.[37]

Auch der Vorschlag, sie unfruchtbaren Paaren als „Therapie der Unfruchtbarkeit“ zur Verfügung zu stellen, ist ethisch nicht akzeptabel, und zwar aus denselben Gründen, welche die heterologe künstliche Befruchtung sowie jede Form der Leihmutterschaft unerlaubt machen.[38] Diese Praxis würde zudem diverse andere Probleme medizinischer, psychologischer und rechtlicher Art mit sich bringen.

Erwogen wurde außerdem der Vorschlag einer Art „pränatalen Adoption“ mit dem ausschließlichen Ziel, Menschen eine Gelegenheit zur Geburt zu bieten, die ansonsten zur Vernichtung verurteilt sind. Dieser Vorschlag ist lobenswert in seiner Absicht, menschliches Leben zu achten und zu schützen, enthält jedoch verschiedene Probleme, die den oben aufgezählten nicht unähnlich sind.

Alles in allem muss man festhalten, dass die Embryonen, die zu Tausenden verlassen worden sind, eine faktisch irreparable Situation der Ungerechtigkeit schaffen. Deshalb richtete Johannes Paul II. einen «Appell an das Gewissen der Verantwortlichen in der Welt der Wissenschaft und in besonderer Weise an die Ärzte, dass die Produktion menschlicher Embryonen eingestellt werde, denn man sieht keinen moralisch erlaubten Ausweg für das menschliche Los tausender und tausender „eingefrorener“ Embryonen, die doch immer Träger der Grundrechte sind und bleiben und deshalb rechtlich wie menschliche Personen zu schützen sind».[39]

Das Einfrieren von Eizellen

20. Um die schweren ethischen Probleme im Zusammenhang mit der Kryokonservierung von Embryonen zu vermeiden, ist im Kontext der In-vitro-Befruchtungstechniken das Einfrieren von Eizellen vorgeschlagen worden.[40] Nach der Entnahme einer angemessenen Anzahl von Eizellen werden nur jene befruchtet, die in die Mutter übertragen werden. Die anderen Eizellen werden eingefroren, um später – im Fall des Misslingens des ersten Versuchs – möglicherweise befruchtet und übertragen zu werden.

Diesbezüglich ist klarzustellen, dass die Kryokonservierung von Eizellen im Zusammenhang mit dem Prozess der künstlichen Befruchtung als moralisch unannehmbar betrachtet werden muss.

Die Embryonenreduktion

21. Einige Techniken, die bei der künstlichen Befruchtung gebraucht werden, vor allem die Übertragung von mehreren Embryonen in den Mutterschoß, haben zu einer beträchtlichen Erhöhung des Prozentsatzes der Mehrlingsschwangerschaften geführt. Deshalb ist der Gedanke aufgekommen, eine sogenannte Embryonenreduktion vorzunehmen. Sie besteht in einem Eingriff, durch den die Zahl der Embryonen oder Föten im Mutterleib durch ihre direkte Beseitigung vermindert wird. Die Entscheidung, vorher sehr ersehnte Menschen zu vernichten, ist ein Paradox und führt oft zu Schmerz und Schuldgefühlen, die Jahre anhalten können.

In ethischer Hinsicht ist die Embryonenreduktion eine vorsätzliche selektive Abtreibung. Es handelt sich dabei nämlich um die absichtliche und direkte Beseitigung von einem oder mehreren unschuldigen Menschen in der Anfangsphase ihres Daseins. Als solche ist sie immer ein schweres sittliches Vergehen.[41]

Die Argumentationen, die zur ethischen Rechtfertigung der Embryonenreduktion angeführt werden, stützen sich oft auf Analogien mit Naturkatastrophen oder Notsituationen, in denen – trotz des guten Willens eines jeden – nicht alle betroffenen Personen gerettet werden können. Diese Analogien können aber in keiner Weise eine direkt abtreibende Praxis sittlich rechtfertigen. Andere Male beruft man sich auf moralische Prinzipien, etwa vom kleineren Übel oder von der doppelten Wirkung, die jedoch hier nicht anwendbar sind. Es ist nämlich niemals gestattet, eine in sich unerlaubte Handlung durchzuführen, auch nicht um eines guten Zweckes willen: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Die Präimplantationsdiagnostik

22. Die Präimplantationsdiagnostik ist eine Form der pränatalen Diagnostik, die mit den Techniken der künstlichen Befruchtung verbunden ist und eine genetische Untersuchung der in vitro erzeugten Embryonen vor ihrer Übertragung in den Mutterschoß vorsieht. Sie wird zu dem Zweck durchgeführt, dass man die Sicherheit hat, der Mutter nur Embryonen zu übertragen, die keine Defekte haben oder mit einem bestimmten Geschlecht oder besonderen Merkmalen ausgestattet sind.

Im Unterschied zu anderen Formen der pränatalen Diagnostik, wo die diagnostische Phase deutlich von der Phase der eventuellen Beseitigung des kranken Kindes unterschieden ist und die Paare frei bleiben, es anzunehmen, folgt auf die Präimplantationsdiagnostik gewöhnlich die Vernichtung des Embryos, der „verdächtigt“ wird, Gen- oder Chromosomendefekte aufzuweisen oder Träger eines nicht gewollten Geschlechtes oder nicht erwünschter Merkmale zu sein.

Deshalb ist die Präimplantationsdiagnostik – die immer mit der schon in sich unerlaubten künstlichen Befruchtung verbunden ist – faktisch auf eine qualitative Selektion mit der damit zusammenhängenden Beseitigung von Embryonen ausgerichtet, die eine frühabtreibende Praxis darstellt.

Die Präimplantationsdiagnostik ist also Ausdruck jener eugenischen Mentalität, welche «die selektive Abtreibung in Kauf nimmt, um die Geburt von Kindern zu verhindern, die von Missbildungen und Krankheiten verschiedener Art betroffen sind. Eine solche Denkart ist niederträchtig und höchst verwerflich, weil sie sich anmaßt, den Wert eines menschlichen Lebens einzig und allein nach Maßstäben wie Normalität und physisches Wohlbefinden zu beurteilen, und auf diese Weise auch der Legitimation der Kindestötung und der Euthanasie den Weg bahnt».[42]

Wenn man den menschlichen Embryo als bloßes „Labormaterial“ behandelt, kommt es zu einer Veränderung und Diskriminierung auch bezüglich des Begriffs der Menschenwürde. Die Würde kommt jedem einzelnen Menschen in gleicher Weise zu. Sie hängt nicht vom Plan der Eltern, vom gesellschaftlichen Stand, von der Bildung oder vom physischen Entwicklungsstand ab.

Wenn zu anderen Zeiten trotz der allgemeinen Anerkennung der Erfordernisse der Menschenwürde eine Diskriminierung aufgrund der Rasse, der Religion oder des gesellschaftlichen Standes geübt wurde, so gibt es heute eine nicht weniger schwerwiegende und ungerechte Diskriminierung, die dazu führt, dass man den ethischen und rechtlichen Status von Menschen, die mit schweren Pathologien oder Behinderungen behaftet sind, nicht anerkennt.

So vergisst man, dass kranke und behinderte Personen nicht eine Art Sonderkategorie bilden, weil Krankheit und Behinderung zum Menschsein gehören und alle persönlich angehen, auch wenn man nicht direkt davon betroffen ist. Eine solche Diskriminierung ist unsittlich und müsste deshalb als rechtlich unannehmbar betrachtet werden, so wie es geboten ist, die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Hindernisse auszuräumen, welche die volle Anerkennung und den Schutz der behinderten und kranken Personen untergraben.

Neue Formen der Interzeption und der Kontragestion

23. Neben den empfängnisverhütenden Mitteln im eigentlichen Sinn, welche die Empfängnis im Anschluss an einen Geschlechtsakt verhindern, gibt es andere technische Mittel, die nach einer Befruchtung vor oder nach der Einnistung des schon gebildeten Embryos in der Gebärmutter wirken. Diese Techniken sind interzeptiv, wenn sie die Einnistung des Embryos in der Gebärmutter verhindern. Sie sind kontragestiv, wenn sie die Vernichtung des schon eingenisteten Embryos zur Folge haben.

Um die Verbreitung der Interzeptiva zu fördern,[43] wird manchmal behauptet, dass ihre Wirkweise nicht genügend bekannt sei. Wahr ist, dass die Wirkweise der verschiedenen angewandten Mittel nicht immer zur Gänze bekannt ist. Experimentelle Studien zeigen aber, dass die nidationshemmende Wirkung gewiss vorhanden ist. Dies bedeutet freilich nicht, dass die Interzeptiva immer, wenn sie eingenommen werden, eine Abtreibung bewirken, auch weil es nicht nach jedem Geschlechtsverkehr zu einer Befruchtung kommt. Man muss jedoch anmerken, dass bei denen, welche die Einnistung eines möglicherweise empfangenen Embryos verhindern wollen und deshalb solche Mittel wünschen oder verschreiben, im Allgemeinen die Vorsätzlichkeit zur Abtreibung vorhanden ist.

Wenn das Ausbleiben der Menstruation festgestellt wird, greift man gelegentlich auf die Kontragestion zurück,[44] die gewöhnlich in der ersten oder zweiten Woche nach Feststellung des Ausbleibens der Menstruation angewandt wird. Das erklärte Ziel besteht darin, die Menstruation wieder erscheinen zu lassen, aber in Wirklichkeit handelt es sich um die Abtreibung eines bereits eingenisteten Embryos.

Bekanntlich ist die Abtreibung «die beabsichtigte und direkte Tötung eines menschlichen Geschöpfes in dem zwischen Empfängnis und Geburt liegenden Anfangsstadium seiner Existenz».[45]

Deshalb zählt die Anwendung der interzeptiven und der kontragestiven Mittel zur Sünde der Abtreibung und ist in schwerwiegender Weise unsittlich. Wenn man zur Gewissheit kommt, eine Abtreibung vorgenommen zu haben, bringt dies nach kanonischem Recht darüber hinaus einige schwere strafrechtliche Auswirkungen mit sich.[46]

DRITTER TEIL:

NEUE THERAPIEN, DIE EINE MANIPULATION DES EMBRYOS ODER DES MENSCHLICHEN ERBGUTES MIT SICH BRINGEN

24. Die in den letzten Jahren gewonnenen Erkenntnisse haben neue Perspektiven für die regenerative Medizin und für die Therapie von Krankheiten auf genetischer Basis eröffnet. Vor allem die Erforschung der embryonalen Stammzellen und ihrer möglichen therapeutischen Anwendungen in der Zukunft hat großes Interesse geweckt, aber bis heute im Unterschied zur Forschung mit adulten Stammzellen zu keinen wirklichen Ergebnissen geführt.

Weil manche der Auffassung waren, dass die eventuell durch embryonale Stammzellen erreichbaren therapeutischen Ziele verschiedene Formen der Manipulation und der Vernichtung von menschlichen Embryonen rechtfertigen könnten, haben sich im Bereich der Gentherapie, des Klonens und der Verwendung von Stammzellen einige Fragen ergeben, die einer sorgfältigen sittlichen Unterscheidung bedürfen.

Die Gentherapie

25. Mit dem Ausdruck Gentherapie meint man gewöhnlich die Anwendung genetischer Techniken auf den Menschen mit einer therapeutischen Zielsetzung, das heißt zum Zweck der Heilung von Krankheiten auf genetischer Basis. Seit kurzem wird auch versucht, die Gentherapie auf die Behandlung nicht erblicher Krankheiten, vor allem auf die Krebsbehandlung, anzuwenden.

Theoretisch kann die Gentherapie auf zwei Ebenen angewandt werden: an den somatischen Zellen sowie an den Keimzellen. Die somatische Gentherapie zielt darauf ab, genetische Defekte auf der Ebene der Körperzellen zu beheben oder zu vermindern, also auf der Ebene der nicht reproduktiven Zellen, aus denen die Gewebe und Organe des Körpers zusammengesetzt sind. In diesem Fall handelt es sich um gezielte Eingriffe in bestimmte Zellbezirke mit Auswirkungen, die auf das einzelne Individuum begrenzt sind.

Die Keimbahntherapie hingegen möchte genetische Defekte beheben, die in den Zellen der Keimbahn vorhanden sind, und so bewirken, dass die erreichten therapeutischen Erfolge auf die eventuelle Nachkommenschaft des betreffenden Menschen übertragen werden. Eingriffe der somatischen Gentherapie sowie der Keimbahntherapie können vor der Geburt am Fötus vorgenommen werden, dann spricht man von Gentherapie im Mutterschoß, oder nach der Geburt am Kind oder am Erwachsenen.

26. Bezüglich der moralischen Bewertung muss man folgende Unterscheidungen berücksichtigen. Eingriffe in Körperzellen mit streng therapeutischer Zielsetzung sind prinzipiell sittlich erlaubt. Derartige Eingriffe wollen die normale genetische Beschaffenheit des betreffenden Menschen wiederherstellen oder Schäden entgegenwirken, die von genetischen Anomalien oder anderen damit verbundenen Pathologien herrühren.

Weil die Gentherapie ernsthafte Risiken für den Patienten mit sich bringen kann, muss der allgemeine ethische Grundsatz befolgt werden, gemäß dem es notwendig ist, vor der Durchführung eines therapeutischen Eingriffs sicherzustellen, dass der behandelte Mensch nicht Risiken für seine Gesundheit oder seine grundlegende Unversehrtheit ausgesetzt ist, die exzessiv oder unverhältnismäßig sind im Vergleich zur Schwere der Pathologie, die geheilt werden soll. Auch die nach Aufklärung erfolgte Zustimmung des Patienten oder seines rechtmäßigen Vertreters ist erforderlich.

Anders ist die moralische Bewertung der Keimbahntherapie. Jede genetische Veränderung an den Keimzellen des betreffenden Menschen würde auf dessen eventuelle Nachkommenschaft übertragen. Weil die mit jeder Genmanipulation verbundenen Risiken beträchtlich und noch wenig kontrollierbar sind, ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt sittlich nicht erlaubt, etwas zu tun, das mögliche davon herrührende Schäden auf die Nachkommen überträgt.

In der Hypothese, die Gentherapie auf den Embryo anzuwenden, wäre außerdem hinzuzufügen, dass dies im technischen Kontext einer In-vitro-Befruchtung erfolgen müsste und man dann allen ethischen Einwänden gegen dieses Verfahren begegnen würde. Aus diesen Gründen muss man festhalten, dass die Keimbahntherapie zum gegenwärtigen Zeitpunkt in allen ihren Formen sittlich nicht erlaubt ist.

27. Eine eigene Behandlung verdient die Hypothese, die Gentechnik für nicht therapeutische Zielsetzungen anzuwenden. Einige halten es für möglich, mit Hilfe genetischer Techniken Manipulationen vorzunehmen, die zu einer vermeintlichen Verbesserung oder Potenzierung der genetischen Ausstattung führen könnten. In manchen dieser Vorhaben zeigt sich eine Art Unzufriedenheit oder gar Ablehnung des Wertes, den der Mensch als Geschöpf und begrenzte Person hat.

Abgesehen von den technischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung und allen realen und möglicherweise damit verbundenen Risiken würde vor allem deutlich, dass solche Manipulationen eine eugenische Mentalität fördern, ein indirektes soziales Stigma gegenüber jenen einführen, die keine besonderen Gaben besitzen, und zugleich Begabungen in den Mittelpunkt stellen, die von bestimmten Kulturen und Gesellschaften geschätzt werden, aber an sich nicht das spezifisch Menschliche ausmachen.

Dies widerspräche der grundlegenden Wahrheit der Gleichheit aller Menschen, aus der sich der Grundsatz der Gerechtigkeit ergibt. Die Missachtung dieses Grundsatzes würde auf lange Sicht gesehen das friedliche Zusammenleben unter den Menschen gefährden.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wer bestimmen könnte, welche Veränderungen positiv und welche negativ wären oder welche Grenzen man bei den einzelnen Wünschen nach angeblicher Verbesserung ziehen müsste, weil es konkret nicht möglich wäre, die Wünsche jedes einzelnen Menschen zu berücksichtigen. Jedwede Antwort auf diese Fragen würde von willkürlichen und diskutablen Kriterien abhängen.

All das führt zu dem Schluss, dass eine solche Handlungsperspektive früher oder später dem Gemeinwohl schaden und zur Herrschaft des Willens einiger über die Freiheit anderer führen würde. Man muss schließlich festhalten, dass der Versuch, einen neuen Menschentyp zu schaffen, eine ideologische Dimension aufweist, gemäß der sich der Mensch anmaßt, den Platz des Schöpfers einzunehmen.

Wenn die Kirche diese Art von Eingriffen, die eine ungerechte Herrschaft des Menschen über den Menschen einschließen, ethisch negativ bewertet, will sie auch an die Notwendigkeit erinnern, zu einer Perspektive der Sorge um die Personen und der Erziehung zur Annahme des menschlichen Lebens in seiner konkreten geschichtlichen Begrenztheit zurückzukehren.

Das menschliche Klonen

28. Mit dem menschlichen Klonen ist die asexuelle und agamische Reproduktion des gesamten menschlichen Organismus gemeint, um eine oder mehrere „Kopien“ zu produzieren, die mit dem einzigen Stammelternteil genetisch im Wesentlichen identisch sind.[47]

Das Klonen wird mit zwei grundlegenden Zielsetzungen verbunden: als reproduktives Klonen, um die Geburt eines geklonten Kindes zu erlangen, sowie als therapeutisches Klonen, also zum Zweck des Forschung.

Mit dem reproduktiven Klonen könnte man theoretisch einigen besonderen Ansprüchen nachkommen: etwa der Kontrolle über die menschliche Evolution; der Selektion von Menschen mit höheren Qualitäten; der vorhergehenden Selektion des Geschlechts; der Produktion eines Kindes, das die „Kopie“ eines anderen wäre; der Produktion eines Kindes für ein Paar, das an nicht behandelbaren Formen der Sterilität leidet.

Das therapeutische Klonen wird hingegen als Mittel zur Herstellung von embryonalen Stammzellen erwogen, deren genetisches Erbgut vorausbestimmt ist, so dass das Problem der Abstoßung (Immuninkompatibilität) überwunden werden könnte; diese Form des Klonens ist also mit der Stammzellenthematik verbunden.

Die Klonversuche haben in der ganzen Welt große Besorgnis geweckt. Verschiedene Organisationen auf nationaler und internationaler Ebene haben negative Urteile über das menschliche Klonen abgegeben, und in den allermeisten Ländern wurde es verboten.

Das menschliche Klonen, das die sittliche Verwerflichkeit der künstlichen Befruchtungstechniken auf extreme Weise deutlich macht, ist in sich unerlaubt, weil es einen neuen Menschen ohne Verbindung mit dem Akt der gegenseitigen Hingabe von zwei Ehegatten und, noch radikaler, ohne irgendeine Beziehung zur Geschlechtlichkeit ins Leben rufen will. Ein solches Vorgehen öffnet die Tür für Missbräuche und Manipulationen, die schwer gegen die Menschenwürde verstoßen.[48]

29. Beim Klonen mit einer reproduktiven Zielsetzung würde dem geklonten Menschen ein vorausbestimmtes genetisches Erbgut auferlegt; wie man gesagt hat, wäre er faktisch einer Art biologischer Sklaverei unterworfen, aus der er sich nur schwer befreien könnte. Dass eine Person sich das Recht anmaßt, willkürlich die genetischen Merkmale einer anderen Person zu bestimmen, ist ein schwerer Verstoß gegen dessen Würde und gegen die grundlegende Gleichheit aller Menschen.

Aus der besonderen Beziehung zwischen Gott und dem Menschen vom ersten Augenblick des Daseins an ergibt sich die Originalität jeder Person, die verlangt, deren Einzigartigkeit und Unversehrtheit auch biologischer und genetischer Art zu achten. Jeder von uns begegnet im anderen einem Menschen, der das eigene Dasein und die eigenen Merkmale der Liebe Gottes verdankt. Nur die Liebe zwischen den Ehegatten ist eine Vermittlung dieser Liebe, die dem Plan des Schöpfers und himmlischen Vaters entspricht.

30. Noch schwerwiegender ist in ethischer Hinsicht das sogenannte therapeutische Klonen. Die Herstellung von Embryonen mit der Absicht, sie zu zerstören, auch wenn man dadurch Kranken helfen möchte, ist mit der Menschenwürde vollkommen unvereinbar, weil so ein Mensch im Embryonalzustand zu einem bloßen Mittel wird, das man gebraucht und vernichtet. Es ist in schwerwiegender Weise unmoralisch, ein menschliches Leben für eine therapeutische Zielsetzung zu opfern.

Die ethischen Einwände, die von mehreren Seiten gegen das therapeutische Klonen und gegen die Verwendung von im Reagenzglas erzeugten menschlichen Embryonen erhoben worden sind, haben einige Wissenschafter bewogen, neue Techniken zu entwickeln, von denen behauptet wird, dass man damit Stammzellen embryonaler Art herstellen könnte, ohne echte menschliche Embryonen zu vernichten.[49]

Diese Techniken haben nicht wenige wissenschaftliche und ethische Fragen aufgeworfen, vor allem in Bezug auf den ontologischen Status des so erzeugten „Produktes“.

Solange diese Zweifel nicht geklärt sind, muss man beachten, was die Enzyklika Evangelium vitae bekräftigt hat: «Der Einsatz, der auf dem Spiel steht, ist so groß, dass unter dem Gesichtspunkt der moralischen Verpflichtung schon die bloße Wahrscheinlichkeit, eine menschliche Person vor sich zu haben, genügen würde, um das strikteste Verbot jedes Eingriffs zu rechtfertigen, der zur Tötung des menschlichen Embryos vorgenommen wird».[50]

Die therapeutische Verwendung der Stammzellen

31. Stammzellen sind undifferenzierte Zellen, die zwei grundlegende Merkmale aufweisen: a) die Fähigkeit, sich lange zu vermehren, ohne sich zu differenzieren; b) die Fähigkeit, Vorläuferzellen hervorzubringen, aus denen sich hoch differenzierte Zellen, wie etwa Nerven-, Muskel- oder Blutzellen, entwickeln.

Seit man experimentell festgestellt hat, dass Stammzellen, die in ein beschädigtes Gewebe eingefügt werden, die Zellwiederbevölkerung und die Regeneration dieses Gewebes begünstigen, haben sich für die regenerative Medizin neue Perspektiven eröffnet, die unter den Forschern in aller Welt großes Interesse geweckt haben.

Im Menschen sind bisher folgende Quellen für Stammzellen entdeckt worden: der Embryo in den ersten Stadien seiner Entwicklung, der Fötus, das Nabelschnurblut, verschiedene Gewebe des Erwachsenen (Knochenmark, Nabelschnur, Gehirn, embryonales Bindegewebe verschiedener Organe, usw.) und das Fruchtwasser. Anfangs konzentrierten sich die Studien auf die embryonalen Stammzellen, weil man meinte, dass nur diese eine große Fähigkeit zur Vermehrung und zur Differenzierung besäßen.

Zahlreiche Untersuchungen haben aber gezeigt, dass die adulten Stammzellen ebenfalls vielfältige Möglichkeiten bieten. Auch wenn es scheint, dass diese Zellen nicht dieselbe Erneuerungsfähigkeit und Plastizität wie die Stammzellen embryonalen Ursprungs haben, bescheinigen Studien und Experimente von hohem wissenschaftlichem Niveau diesen Zellen positivere Ergebnisse als den embryonalen Stammzellen. Die gegenwärtig angewandten therapeutischen Protokolle sehen die Verwendung von adulten Stammzellen vor. In diesem Bereich gibt es bereits viele Forschungslinien, die neue und vielversprechende Horizonte eröffnen.

32. Für die ethische Bewertung muss man die Methoden der Entnahme der Stammzellen sowie die Risiken ihrer klinischen und experimentellen Verwendung in Betracht ziehen.

Was die Methoden für die Gewinnung der Stammzellen betrifft, ist auf ihren Ursprung zu achten. Als erlaubt sind die Methoden anzusehen, die dem Menschen, dem die Stammzellen entnommen werden, keinen schweren Schaden zufügen.

Dies ist gewöhnlich der Fall bei der Entnahme: a) aus Geweben des erwachsenen Organismus; b) aus dem Nabelschnurblut bei der Geburt; c) aus Geweben von Föten, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Die Entnahme von Stammzellen aus dem lebendigen menschlichen Embryo führt hingegen unvermeidlich zu seiner Vernichtung und ist deshalb in schwerwiegender Weise unerlaubt.

In diesem Fall «stellt sich die Forschung, abgesehen von den therapeutisch nützlichen Ergebnissen, nicht wirklich in den Dienst der Menschheit. Sie beschreitet nämlich einen Weg über die Vernichtung menschlicher Lebewesen, die dieselbe Würde besitzen wie die anderen Menschen und die Forscher selbst. Die Geschichte hat in der Vergangenheit eine derartige Wissenschaft verurteilt, und sie wird sie auch in Zukunft verurteilen – nicht nur, weil sie des Lichtes Gottes entbehrt, sondern auch, weil sie der Menschlichkeit entbehrt».[51]

Die Verwendung von embryonalen Stammzellen oder daraus entwickelten differenzierten Zellen, die nach der Vernichtung der Embryonen möglicherweise von anderen Forschern geliefert werden oder im Handel erhältlich sind, ist sehr problematisch: Sie bedeutet eine Mitwirkung am Bösen und ruft Ärgernis hervor.[52]

Bezüglich der klinischen Verwendung von Stammzellen, die auf erlaubten Wegen gewonnen worden sind, gibt es keine sittlichen Einwände. Es sind jedoch die gewöhnlichen Kriterien ärztlicher Ethik zu beachten. Dabei muss man mit großer Strenge und Klugheit vorgehen, eventuelle Risiken für die Patienten auf ein Minimum reduzieren, den Austausch unter den Wissenschaftlern fördern und der großen Öffentlichkeit eine vollständige Information bieten.

Die Aufnahme und die Unterstützung der Forschung mit adulten Stammzellen ist zu unterstützen, weil sie keine ethischen Probleme mit sich bringt.[53]

Versuche der Produktion von Hybriden

33. Vor kurzem wurden tierische Eizellen zur Reprogrammierung der Kerne von menschlichen Körperzellen verwendet. Mit diesem Verfahren, das gewöhnlich hybrides Klonen genannt wird, möchte man embryonale Stammzellen aus den sich bildenden Embryonen gewinnen, ohne menschliche Eizellen verwenden zu müssen.

In ethischer Hinsicht stellen solche Prozeduren eine Beleidigung der Menschenwürde dar, weil genetische Elemente von Mensch und Tier vermischt werden und so die spezifische Identität des Menschen beeinträchtigt wird. Die eventuelle Verwendung von Stammzellen, die solchen Embryonen entnommen würden, brächte darüber hinaus wegen des Vorhandenseins von tierischem Genmaterial im Zellplasma zusätzliche gesundheitliche Risiken mit sich, die noch völlig unbekannt sind. Den Menschen bewusst solchen Risiken auszusetzen, ist moralisch und sittlich unannehmbar.

Die Verwendung von menschlichem „biologischem Material“ unerlaubten Ursprungs

34. Für die wissenschaftliche Forschung und für die Herstellung von Impfstoffen und anderen Produkten werden gelegentlich Zelllinien verwendet, die das Resultat einer unrechtmäßigen Handlung gegen das Leben oder die physische Unversehrtheit eines Menschen sind. Die Beziehung zur ungerechten Tat kann unmittelbar oder mittelbar sein, da es sich gewöhnlich um Zellen handelt, die sich leicht und in hohem Maß reproduzieren. Manchmal wird dieses „Material“ vermarktet, manchmal wird es von den staatlichen Einrichtungen, die per Gesetz dafür verantwortlich sind, unter den Forschungszentren unentgeltlich verteilt.

All das führt zu verschiedenen ethischen Problemen im Bereich der Mitwirkung am Bösen und des Ärgernisses. Es ist deshalb angebracht, die allgemeinen Prinzipien darzulegen, auf deren Grundlage die Schaffenden mit rechtem Gewissen die Situationen bewerten und lösen können, in die sie eventuell bei ihrer beruflichen Tätigkeit geraten könnten.

Man muss zunächst daran erinnern, dass die sittliche Bewertung der Abtreibung «auch auf die neuen Formen des Eingriffs auf menschliche Embryonen angewandt werden muss, die unvermeidlich mit der Tötung des Embryos verbunden sind, auch wenn sie Zwecken dienen, die an sich erlaubt sind.

Das ist bei der Durchführung von Versuchen an Embryonen gegeben, die auf dem Gebiet der biomedizinischen Forschung in wachsender Zunahme begriffen sind und in einigen Staaten gesetzlich erlaubt ist… Die Verwendung von Embryonen oder Föten als Versuchsobjekt stellt ein Verbrechen dar gegen ihre Würde als menschliche Geschöpfe, die das Recht auf dieselbe Achtung haben, die dem bereits geborenen Kind und jeder Person geschuldet wird».[54]

Die Durchführung von solchen Versuchen stellt immer ein schweres sittliches Vergehen dar.[55]

35. Eine andere Problematik entsteht, wenn Forscher „biologisches Material“ unerlaubten Ursprungs verwenden, das außerhalb ihrer Forschungszentren produziert wurde oder auf dem Markt erhältlich ist. Die Instruktion Donum vitae hat den allgemeinen Grundsatz formuliert, der in diesen Fällen befolgt werden muss:

«Die Leichen menschlicher Embryonen und Föten, seien sie nun vorsätzlich abgetrieben oder nicht, müssen geachtet werden wie die sterblichen Überreste von anderen menschlichen Wesen. Besonders dürfen sie nicht Verstümmelungen oder Obduktionen ausgesetzt werden, solange ihr Tod nicht mit Sicherheit festgestellt wurde, und nicht ohne die Zustimmung der Eltern oder der Mutter. Darüber hinaus muss immer die moralische Forderung bestehen bleiben, dass dabei keine Beihilfe zu einer gewollten Abtreibung stattgefunden hat und dass die Gefahr des Ärgernisses vermieden wird».[56]

In diesem Zusammenhang ist das Kriterium der Unabhängigkeit, das von einigen Ethikkommissionen formuliert wurde, unzureichend. Dieses Kriterium besagt, dass die Verwendung von „biologischem Material“ unerlaubten Ursprungs immer dann ethisch zulässig wäre, wenn es eine klare Trennung gäbe zwischen jenen, die auf der einen Seite die Embryonen herstellen, einfrieren und töten, und den Forschern, die andererseits wissenschaftliche Experimente damit durchführen.

Das Kriterium der Unabhängigkeit genügt nicht, um eine Widersprüchlichkeit im Verhalten jener zu beseitigen, die zwar das von anderen begangene Unrecht nicht gutheißen, aber zugleich für die eigene Arbeit das „biologische Material“ annehmen, das andere durch dieses Unrecht hergestellt haben. Wenn das, was unerlaubt ist, durch Gesetze abgestützt wird, die das gesundheitliche und wissenschaftliche System regeln, muss man sich von den ungerechten Aspekten dieses Systems distanzieren, um nicht den Eindruck einer gewissen Toleranz oder stillschweigenden Akzeptanz von schwer ungerechten Handlungen zu geben.[57]

Dies würde nämlich dazu beitragen, die Gleichgültigkeit, wenn nicht sogar die Zustimmung zu verstärken, mit der einige medizinische und politische Kreise diese Handlungen betrachten.

Manchmal wird der Einwand erhoben, die vorausgehenden Überlegungen schienen vorauszusetzen, dass die Forscher guten Gewissens die Verpflichtung hätten, sich aktiv allen unerlaubten Handlungen, die im medizinischen Bereich begangen werden, zu widersetzen. Auf diese Weise würde ihre ethische Verantwortung in übertriebener Weise ausgeweitet.

Die Verpflichtung, die Mitwirkung am Bösen und das Ärgernis zu meiden, betrifft in Wirklichkeit ihre gewöhnliche berufliche Tätigkeit, die sie in rechter Weise ordnen, durch die sie den Wert des Lebens bezeugen und bei der sie auch den schwer ungerechten Gesetzen Widerstand leisten müssen.

Es ist klarzustellen, dass die Verpflichtung zur Ablehnung eines derartigen „biologischen Materials“ – auch wenn es keinen direkten Zusammenhang der Forscher mit den Handlungen der Techniker der künstlichen Befruchtung oder mit den Taten jener gibt, welche die Abtreibung vorgenommen haben, und auch wenn kein vorausgehendes Abkommen mit den Zentren der künstlichen Befruchtung besteht – von der Verpflichtung herrührt, sich bei der Ausübung der eigenen Forschungstätigkeit von einem schwer ungerechten gesetzlichen Rahmen abzugrenzen und klar den Wert des menschlichen Lebens zu bezeugen. Darum ist das oben genannte Kriterium der Unabhängigkeit notwendig, kann aber in ethischer Sicht nicht ausreichend sein.

Natürlich gibt es innerhalb dieses allgemeinen Rahmens differenzierte Verantwortlichkeiten. Aus gewichtigen Gründen könnte die Verwendung des genannten „biologischen Materials“ sittlich angemessen und gerechtfertigt sein. So dürfen zum Beispiel Eltern wegen der Gefahr für die Gesundheit der Kinder die Verwendung von Impfstoffen gestatten, bei deren Vorbereitung Zelllinien unerlaubten Ursprungs verwenden wurden, wobei jedoch alle verpflichtet sind, dagegen Einspruch zu erheben und zu fordern, dass die Gesundheitssysteme andere Arten von Impfstoffen zur Verfügung stellen.

Man muss auch beachten, dass in Betrieben, die Zelllinien ungerechten Ursprungs verwenden, jene, die keine Entscheidungsvollmacht haben, nicht dieselbe Verantwortung tragen wie jene, die über die Ausrichtung der Produktion entscheiden.

Im Zusammenhang mit der dringend notwendigen Mobilisierung der Gewissen zugunsten den Lebens muss man die im Gesundheitswesen tätigen Menschen daran erinnern, dass «ihre Verantwortung heute enorm gewachsen ist. Sie findet ihre tiefste Inspiration und stärkste Stütze gerade in der dem Ärzteberuf innewohnenden, unumgänglichen ethischen Dimension, wie schon der alte und immer noch aktuelle hippokratische Eid erkannte: Dem gemäß wird von jedem Arzt verlangt, sich zur absoluten Achtung vor dem menschlichen Leben und seiner Heiligkeit zu verpflichten».[58]

SCHLUSS

36. Gelegentlich hat man der Sittenlehre der Kirche vorgeworfen, zu viele Verbote zu enthalten. In Wirklichkeit gründet diese Lehre auf der Anerkennung und Förderung aller Gaben, die der Schöpfer dem Menschen gewährt hat, wie das Leben, die Erkenntnis, die Freiheit und die Liebe.

Besondere Wertschätzung verdienen also nicht nur die menschlichen Tätigkeiten des Erkennens, sondern auch die praktischen Fähigkeiten, wie etwa die Arbeit und der technologische Einsatz. Dadurch ist der Mensch in Anteilnahme an der Schöpfermacht Gottes gerufen, die Schöpfung zu verwandeln, ihre vielfältigen Reichtümer auf die Würde und das Wohl aller Menschen und des ganzen Menschen auszurichten und auch über ihren Wert und ihre innere Schönheit zu wachen.

Die Geschichte der Menschheit bezeugt aber, wie der Mensch die Macht und die Fähigkeiten, die Gott ihm anvertraut hat, in Vergangenheit und Gegenwart missbraucht und so verschiedene Formen ungerechter Diskriminierung und Unterdrückung gegenüber den Schwächsten und Wehrlosesten verursacht hat.

Die täglichen Anschläge auf das menschliche Leben; die Armut in großen Gebieten, in denen die Menschen vor Hunger und Krankheit sterben und von den geistigen und praktischen Reichtümern ausgeschlossen sind, die in vielen Ländern im Überfluss vorhanden sind; eine technologische und industrielle Entwicklung, die das konkrete Risiko eines Zusammenbruchs des Ökosystems aufkommen lässt; die Verwendung von wissenschaftlichen Forschungen auf physischem, chemischem und biologischem Gebiet für kriegerische Zwecke; die vielen Kriege, die noch heute Völker und Kulturen teilen: Dies sind nur einige sprechende Zeichen, wie der Mensch seine Fähigkeiten falsch gebrauchen, zum größten Feind seiner selbst werden und das Bewusstsein seiner besonderen Berufung als Mitarbeiter am Schöpfungswerk Gottes verlieren kann.

Doch parallel dazu zeigt die Geschichte der Menschheit einen wirklichen Fortschritt im Verständnis und in der Anerkennung des Wertes und der Würde jeder Person. Dies ist die Grundlage der Rechte und ethischen Imperative, mit denen man in Vergangenheit und Gegenwart die menschliche Gesellschaft aufzubauen versucht.

Gerade im Namen der Förderung der Menschenwürde hat man deshalb alle Verhaltens- und Lebensweisen verboten, die dieser Würde entgegengesetzt sind.

So sind etwa die nicht nur ethischen, sondern auch rechtlich-politischen Verbote der verschiedenen Formen von Rassismus und Sklaverei sowie der ungerechten Diskriminierungen und Marginalisierungen von Frauen, Kindern sowie kranken und behinderten Menschen ein eindrückliches Zeugnis für die Anerkennung des unveräußerlichen Wertes und der inneren Würde jedes Menschen und ein Zeichen für den wahren Fortschritt in der Geschichte der Menschheit. Anders ausgedrückt: Die Rechtmäßigkeit jedes Verbotes gründet auf der Notwendigkeit, ein echtes sittliches Gut zu schützen.

37. War der menschliche und soziale Fortschritt anfangs vor allem durch die Entwicklung der Industrie und der Produktion von Konsumgütern gezeichnet, so prägt ihn heute die Entwicklung der Informatik und der Forschungen auf dem Gebiet der Genetik, der Medizin und der Biotechnologien, die auch auf den Menschen angewandt werden. In diesen Bereichen, die für die Zukunft der Menschheit große Bedeutung haben, gibt es jedoch auch offenkundige, nicht annehmbare Missbräuche.

«Wie vor einem Jahrhundert die Arbeiterklasse in ihren Grundrechten unterdrückt war und die Kirche sie mit großem Mut verteidigte, indem sie die hochheiligen Rechte der arbeitenden Person verkündete, so verspürt die Kirche in dieser Zeit, in der eine andere Kategorie von Personen im Grundrecht auf Leben unterdrückt ist, die Verpflichtung, mit demselben Mut die Stimme jenen zu geben, die keine Stimme haben. Sie erhebt immer den Schrei des Evangeliums in der Verteidigung derer, die in der Welt arm sind oder in ihren menschlichen Rechten bedroht, verachtet oder unterdrückt werden».[59]

Kraft des Lehr- und Hirtenauftrags der Kirche hat sich die Kongregation für die Glaubenslehre verpflichtet gefühlt, die Würde und die grundlegenden, unveräußerlichen Rechte jedes einzelnen Menschen – auch in den Anfangsstadien seiner Existenz – zu bekräftigen und die Forderungen des Schutzes und der Achtung deutlich zu machen, welche die Anerkennung dieser Würde von allen fordert.

Die Erfüllung dieser Verpflichtung beinhaltet den Mut, sich allen Praktiken zu widersetzen, die eine schwerwiegende, ungerechte Diskriminierung gegenüber den noch nicht geborenen Menschen darstellen, welche die Personwürde haben und als Bild Gottes erschaffen worden sind. Hinter jedem „Nein“ erstrahlt in der Mühe des Unterscheidens zwischen Gut und Böse ein großes „Ja“, das die  unveräußerliche Würde und den Wert jedes einzelnen unwiederholbaren Menschen anerkennt, der ins Leben gerufen worden ist.

Die Gläubigen werden sich kraftvoll einsetzen, um eine neue Kultur des Lebens zu fördern. Sie sollen die Inhalte dieser Instruktion mit dem religiösen Gehorsam ihres Geistes annehmen und darum wissen, dass Gott immer die notwendige Gnade schenkt, um seine Gebote zu befolgen, und dass sie in jedem Menschen, vor allem in den Kleinsten, Christus selbst begegnen (vgl. Mt 25,40).

Auch alle Menschen guten Willens, vor allem die Ärzte und die Forscher, die sich dem Dialog öffnen und nach der Wahrheit suchen, werden diese Prinzipien und Bewertungen zu verstehen und zu teilen wissen. Denn sie sind auf den Schutz des gebrechlichen Menschen in den Anfangsstadien des Lebens und auf die Förderung einer menschlicheren Zivilisation ausgerichtet.

Papst Benedikt XVI. hat in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten am 20. Juni 2008 gewährten Audienz die vorliegende Instruktion, die in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gutgeheißen und deren Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 8. September 2008, dem Fest der Geburt der seligen Jungfrau Maria.

William Kardinal Levada, Präfekt

Luis F. Ladaria, S.I.. Titularerzbischof von Thibica Sekretär

Anmerkungen: 


[1] Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung (22. Februar 1987): AAS 80 (1988), 70-102.

[2] Johannes Paul II., Enzyklika Veritatis splendor über einige grundlegende Fragen der kirchlichen Morallehre (6. August 1993): AAS 85 (1993), 1133-1228.
[3] Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae über den Wert und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens (25. März 1995): AAS 87 (1995), 401-522.
[4] Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer der VII. Vollversammlung der Päpstlichen Akademie für das Leben (3. März 2001), 3: AAS 93 (2001), 446.
[5] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio über das Verhältnis von Glaube und Vernunft (14. September 1998), 1: AAS 91 (1999), 5.
[6] Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, I, 1: AAS 80 (1988), 79.

[7] Wie Benedikt XVI. in Erinnerung gerufen hat, haben die Menschenrechte, insbesondere das Recht jedes Menschen auf Leben, «ihre Grundlage im Naturgesetz, das in das Herz des Menschen eingeschrieben und in den verschiedenen Kulturen und Zivilisationen gegenwärtig ist. Die Menschenrechte aus diesem Kontext herauszulösen, würde bedeuten, ihre Reichweite zu begrenzen und einer relativistischen Auffassung nachzugeben, für welche die Bedeutung und Interpretation dieser Rechte variieren könnten und der zufolge ihre Universalität im Namen kultureller, politischer, sozialer und sogar religiöser Vorstellungen verneint werden könnte. Die große Vielfalt der Sichtweisen kann kein Grund sein, um zu vergessen, dass nicht nur die Rechte universal sind, sondern auch die menschliche Person, die das Subjekt dieser Rechte ist» (Ansprache an die Generalversammlung der UNO, 18. April 2008: AAS100 [2008], 334).

[8] Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, I, 1: AAS 80 (1988), 78-79.

[9] Ebd., II, A, 1: l.c., 87.

[10] Paul VI., Enzyklika Humanae vitae (25. Juli 1968), 8: AAS 60 (1968), 485-486.
[11] Benedikt XVI., Ansprache an die Teilnehmer am Internationalen Kongress der Päpstlichen Lateranuniversität anlässlich des 40. Jahrestages der Enzyklika Humanae vitae (10. Mai 2008): L’Osservatore Romano, 11. Mai 2008, 1; vgl. Johannes XXIII., Enzyklika Mater et magistra (15. Mai 1961), III: AAS 53 (1961), 447.
[12] II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 22.
[13] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 37-38: AAS 87 (1995), 442-444.
[14] Johannes Paul II., Enzyklika Veritatis splendor, 45: AAS 85 (1993), 1169.
[16] Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, Einführung, 3: AAS 80 (1988), 75.
[17] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute (22. November 1981), 19: AAS  74 (1982), 101-102.
[18] Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung Dignitatis humanae, 14.
[19] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, II, A, 1: AAS 80 (1988), 87.
[20] Ebd., II, B, 4: l.c., 92.
[21] Ebd., Einführung, 3: l.c., 75.
[22] Unter heterologer künstlicher Befruchtung oder Zeugung versteht man «die Techniken, die darauf ausgerichtet sind, künstlich eine menschliche Empfängnis herbeizuführen, und zwar ausgehend von Keimzellen, die mindestens von einem Spender stammen, der von den in der Ehe verbundenen Gatten verschieden ist» (ebd., II: l.c., 86).
[23] Unter homologer künstlicher Befruchtung oder Zeugung versteht man «die Technik, die darauf ausgerichtet ist, eine menschliche Empfängnis herbeizuführen, und dabei von den Keimzellen zweier verheirateter Eheleute ausgeht» (ebd.).
[24] Ebd., II, B, 7: l.c., 96; vgl. Pius XII., Ansprache an die Teilnehmer des IV. Internationalen Kongresses katholischer Ärzte (29. September 1949): AAS 41 (1949), 560.
[25] Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, II, B, 6: l.c., 94.
[26] Vgl. ebd., II: l.c., 86.
[27] Auch in den entwickelteren Zentren der künstlichen Befruchtung beträgt die Zahl der geopferten Embryonen gegenwärtig mehr als 80%.
[28] Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 14: AAS 87 (1995), 416.
[29] Vgl. Pius XII., Ansprache an die Teilnehmer des II. Weltkongresses in Neapel über die menschliche Fruchtbarkeit und Sterilität (19. Mai 1956): AAS 48 (1956), 470; Paul VI., Enzyklika Humanae vitae, 12: AAS 60 (1968), 488-489; Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, II, B, 4-5: AAS 80 (1988), 90-94.
[30] Auch immer mehr Personen, die nicht durch das eheliche Band vereint sind, greifen auf die Techniken der künstlichen Befruchtung zurück, um zu einem Kind zu gelangen. Dies schwächt die Institution der Ehe und lässt Kinder in einem Umfeld geboren werden, das ihrer vollen menschlichen Entwicklung nicht förderlich ist.
[32] Die Intracytoplasmatische Sameninjektion (ICSI) gleicht fast in allem den anderen Formen der In-vitro-Befruchtung. Sie unterscheidet sich von diesen Formen nur dadurch, dass die Befruchtung nicht spontan im Reagenzglanz geschieht, sondern durch Injektion einer einzelnen vorher selektierten Samenzelle – oder manchmal durch die Injektion von unreifen Elementen der männlichen Keimbahn – in das Zellplasma der Eizelle.
[33] In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Fachleute über einige Risiken diskutieren, welche die ICSI für die Gesundheit des empfangenen Kindes mit sich bringen kann.
[34] Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, II, B, 5: AAS 80 (1988), 93.
[35] Beim Einfrieren, auch Kryokonservierung genannt, werden die Embryonen auf sehr niedrige Temperaturen abgekühlt, um sie lange erhalten zu können.
[36] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, I, 6: AAS 80 (1988), 84-85.
[37] Vgl. die Nummern 34-35 dieser Instruktion.
[38] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, II, A, 1-3: AAS 80 (1988), 87-89.
[39] Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Symposiums „Evangelium vitae und Recht“ und des XI. internationalen romanistischen Kanonistenkolloquiums (24. Mai 1996), 6: AAS 88 (1996), 943-944.
[40] Man hat die Kryokonservierung von Eizellen auch in anderen Zusammenhängen vorgeschlagen, die hier nicht in Betracht gezogen werden. Mit Eizelle ist hier die weibliche Keimzelle gemeint, die noch nicht von der Samenzelle durchdrungen ist.
[41] Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 51; Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 62: AAS 87 (1995), 472.
[42] Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, n. 63: AAS 87 (1995), 473.
[43] Die bekanntesten interzeptiven Mittel sind die Spirale (Intrauterinpessar) sowie die so genannte „Pille danach“.
[44] Die hauptsächlichen Mittel der Kontragestion sind Mifepriston (Pille RU 486), Prostaglandine und Methotrexat.
[45] Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 58: AAS 87 (1995), 467.
[46] Vgl. can. 1398 CIC und can. 1450 § 2 CCEO; vgl. auch can. 1323-1324 CIC. Die Päpstliche Kommission für die authentische Interpretation del CIC hat erklärt, dass mit dem strafrechtlichen Begriff der Abtreibung «die Tötung des Fötus auf jede Weise und in jedem Stadium vom Zeitpunkt der Empfängnis an» gemeint ist (Antworten auf Zweifel, 23. Mai 1988: AAS 80 [1988], 1818).
[47] Beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnisse werden zwei Techniken zur Durchführung des menschlichen Klonens vorgeschlagen: die Zwillingsspaltung und die Kernübertragung. Die Zwillingsspaltung besteht in der künstlichen Abspaltung einiger Zellen oder Zellgruppen vom Embryo in den ersten Phasen der Entwicklung und in der anschließenden Übertragung dieser Zellen in den Mutterschoß, um auf künstliche Weise identische Embryonen zu erlangen. Die Kernübertragung oder das Klonen im eigentlichen Sinn besteht darin, dass ein Kern, der einer embryonalen oder somatischen Zelle entnommen worden ist, in eine zuvor entkernte Eizelle eingeführt und hierauf aktiviert wird, so dass sich diese als Embryo entwickeln müsste.
[48] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, I, 6: AAS 80 (1988), 84; Johannes Paul II., Ansprache beim Neujahrsempfang für das beim Heiligen Stuhl akkreditierte diplomatische Korps (10. Januar 2005), 5: AAS 97 (2005), 153.
[49] Neue Techniken dieser Art sind zum Beispiel die Anwendung der Parthenogenese auf den Menschen, die Übertragung eines alterierten Zellkerns (Altered Nuclear Transfer: ANT) und die assistierte Reprogrammierung einer Eizelle (Oocyte Assisted Reprogramming: OAR).
[50] Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 60: AAS 87 (1995), 469.
[52] Vgl. die Nummern 34-35 dieser Instruktion.
[54] Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 63: AAS 87 (1995), 472-473.
[55] Vgl. ebd., 62: l.c., 472.
[56] Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae, I, 4: AAS 80 (1988), 83.
[57] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 73: AAS 87 (1995), 486: «Abtreibung und Euthanasie sind also Verbrechen, die für rechtmäßig zu erklären sich kein menschliches Gesetz anmaßen kann. Gesetze dieser Art rufen nicht nur keine Verpflichtung für das Gewissen hervor, sondern erheben vielmehr die schwere und klare Verpflichtung, sich ihnen mit Hilfe des Einspruchs aus Gewissensgründen zu widersetzen». Das Recht auf Einspruch aus Gewissensgründen, das Ausdruck der Rechtes auf Gewissensfreiheit ist, sollte von den bürgerlichen Gesetzen geschützt werden.
[58] Johannes Paul II., Enzyklika Evangelium vitae, 89: AAS 87 (1995), 502.
[59] Johannes Paul II., Schreiben an alle Bischöfe über „Das Evangelium des Lebens“ (19. Mai 1991): AAS  84 (1992), 319.
Quelle: Internetpräsenz der Glaubenskongregation: http://www.doctrinafidei.va/index_ge.htm

Vatikanische Glaubenskongregation: „Instruktion über die Kindertaufe“

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

INSTRUKTION über die KINDERTAUFE (vollständiger Wortlaut)

EINFÜHRUNG

1. Die Pastoral der Kindertaufe hat durch die Veröffentlichung des Rituale, das nach den Richtlinien des II. Vatikanischen Konzils1 erarbeitet wurde, große Hilfe erfahren. Dennoch sind nicht alle Schwierigkeiten beseitigt, mit denen christliche Eltern und Seelsorger angesichts des raschen Wandels der Gesellschaft, der die Erziehung zum Glauben und die Glaubenstreue der Jugendlichen erschwert, zu ringen haben.

2. Viele Eltern sehen nämlich mit großer Sorge, wie ihre Kinder Glauben und Sakramentenempfang aufgeben, obwohl sie versucht haben, ihnen eine christliche Erziehung zu geben; manche Seelsorger aber fragen sich, ob sie bei der Zulassung von Kindern zur Taufe nicht strenger vorgehen sollten.

Einige halten eine Verschiebung der Kindertaufe für wünschenswert, bis ein mehr oder weniger ausgedehntes Katechumenat durchlaufen ist; andere fordern sogar, die Lehre von der Notwendigkeit der Taufe sollte – wenigstens was die Kinder betrifft – überprüft werden und wollen die Feier der Taufe auf jenes Alter verschieben, in dem jemand sich selbst verpflichten kann, oder gar auf den Beginn des Erwachsenenalters.

Diese Infragestellung der überlieferten Pastoral der Sakramente weckt andererseits in der Kirche die berechtigte Sorge, eine so wichtige Lehre wie die von der Notwendigkeit der Taufe könne in Gefahr geraten; viele Eltern nehmen ferner Ärgernis, wenn sie feststellen, daß die Taufe, die sie selber in vollem Pflichtbewußtsein für ihre Kinder erbitten, verweigert oder aufgeschoben wird.

3. Angesichts dieser Lage und als Antwort auf viele an sie gerichtete Fragen hat die Kongregation für die Glaubenslehre nach Befragung mehrerer Bischofskonferenzen diese Instruktion erarbeitet. Sie möchte dadurch die wichtigsten Punkte der Lehre zu diesem Thema in Erinnerung rufen, wodurch sich die durch Jahrhunderte hin so beständige Praxis der Kirche als legitim erweist und trotz der heute aufgekommenen Schwierigkeiten als gleichbleibend sinnvoll darstellt. Danach werden schließlich einige wichtige Richtlinien für die Pastoral angegeben.

ERSTER TEIL

Die LEHRE der TRADITION zur KINDERTAUFE

Kindertaufe  –  eine Praxis seit unvordenklichen Zeiten

4. Im Osten wie im Westen gilt der Brauch der Kindertaufe als Norm unvordenklicher Überlieferung. Origenes und nach ihm der hl. Augustinus hielten diesen Brauch für „von den Aposteln überliefert“.2

Als im zweiten Jahrhundert die ersten klaren Zeugnisse auftauchten, bezeichnet keines von ihnen die Kindertaufe als etwas Neues.

Der hl. Irenäus zum Beispiel hält es für selbstverständlich und üblich, zu den Getauften auch „Säuglinge und Kleinkinder“ zu zählen, ebenso wie die Kinder, Jugendlichen und Älteren.3

Das allerälteste uns bekannte Rituale, das zu Anfang des dritten Jahrhunderts die Apostolische Überlieferung beschreibt, enthält folgende Vorschrift: „Tauft zuerst die Kinder: Alle, die für sich sprechen können, sollen das tun; wer aber nicht für sich selber sprechen kann, für den sollen die Eltern oder jemand aus seiner Familie sprechen“.4

Der hl. Cyprian betont auf einer Synode mit afrikanischen Bischöfen: „Keinem Menschen, der geboren ist, darf Gottes Barmherzigkeit und Gnade verweigert werden“.

Daher mahnt die gleiche Synode, „alle Menschen (seien) gleich und gleichberechtigt, wie groß und alt sie auch sein mögen“, und erklärt es für berechtigt, „Neugeborene zwei bis drei Tage nach der Geburt zu taufen“.5

5. Im Verlauf des vierten Jahrhunderts gab es wohl einen gewissen Rückschritt in der Praxis der Kindertaufe. In dieser Zeit verschoben nämlich sogar die Erwachsenen den Empfang der Sakramente, die ins Christentum einführen, weil sie künftige Schuld fürchteten und vor der öffentlichen Buße zurückschreckten. So verschoben auch viele Eltern aus den gleichen Gründen die Taufe ihrer Kinder.

Zugleich aber steht fest, daß Väter und Kirchenlehrer wie Basilius, Gregor von Nyssa, Ambrosius, Johannes Chrysostomus, Hieronymus und Augustinus, die aus den gleichen Gründen erst im Erwachsenenalter getauft wurden, dennoch energisch gegen solche Nachlässigkeit angegangen sind. Sie beschworen die Erwachsenen, die Spendung der Taufe, weil sie zum Heil notwendig sei, nicht zu verschieben;6 mehrere von ihnen drängten auch zur Taufe der Kinder.7

Lehramt

6. Oft haben auch Päpste und Konzilien interveniert, um den Christen ihre Pflicht, für die Taufe ihrer Kinder zu sorgen, einzuschärfen. Im ausgehenden vierten Jahrhundert wird den Ansichten der Pelagianer die alte Sitte entgegengehalten, sowohl Kinder wie Erwachsene zu taufen „zur Vergebung der Sünden“.

Diese Sitte bestätigte – wie Origenes und der hl. Cyprian schon vor dem hl. Augustinus bemerkt hatten8– den Glauben der Kirche an die Erbsünde, und infolgedessen trat auch die Notwendigkeit, die Kinder zu taufen, klarer hervor.

Pope Siricius

Papst Siricius

In diesem Sinne nahmen die Päpste Siricius9 und Innozenz I.10 Stellung; ferner wird auf dem Konzil von Karthago im Jahre 478 verurteilt, „wer sagt, die neugeborenen Kinder brauchen nicht getauft zu werden“.

Dagegen wird gelehrt: „wegen… der Glaubensregel“, die die Kirche zur Erbsünde vertritt, „werden auch Kinder, die selbst noch keinerlei Sünden begehen konnten, deshalb wahrhaft zur Vergebung der Sünden getauft, damit in ihnen durch die Wiedergeburt gereinigt werde, was ihnen durch die Zeugung anhaftet“.11

7. Während des Mittelalters wurde diese Lehre ständig eingeschärft und verteidigt. Zumal das Konzil von Vienne stellte im Jahre 1312 klar heraus, „daß sowohl Kinder wie Erwachsene in der Taufe das Geschenk der Gnade und der Tugenden erhalten“ und ihnen nicht nur die Schuld erlassen wird.12

Das Konzil von Florenz tadelt im Jahre 1442 jene, die den Empfang dieses Sakramentes aufschieben wollen, und mahnt, den Kindern „sobald es gut geschehen kann, unbedingt die Taufe (zu) spenden, durch die sie der Herrschaft des Teufels entrissen und als Kinder Gottes angenommen werden“.13

Das Trienter Konzil wiederholt die vom Konzil von Karthago vorgenommene Verurteilung14 und erklärt, indem es in seiner Argumentation von den Worten Jesu an Nikodemus ausgeht, niemand könne „nach Verkündigung des Evangeliums ohne das Bad der Wiedergeburt oder das Verlangen danach“ gerechtfertigt werden.15

Unter den Irrtümern, die das Konzil mit dem Bann belegt, findet sich auch die Meinung der Wiedertäufer, die behaupteten, „es sei besser, ihre (der Kinder) Taufe zu unterlassen, als sie ohne eigenen Glaubensakt zu taufen nur aufgrund des Glaubens der Kirche“.16

8. Verschiedene regionale Konzilien und Synoden nach dem Konzil von Trient lehrten mit gleichem Nachdruck die Notwendigkeit der Kindertaufe.

Auch Papst Paul VI. rief die jahrhundertealte Lehre zu diesem Punkt feierlich in Erinnerung und erklärte, „daß die Taufe auch den Kindern gespendet werden soll, die noch durch keine persönliche Sünde befleckt werden konnten, damit auch sie, die bei der Geburt die übernatürliche Gnade noch nicht besitzen, aus dem Wasser und dem Heiligen Geist zum göttlichen Leben in Jesus Christus wiedergeboren werden“.17

9. Die Texte des Lehramtes, von denen soeben die Rede war, sollten vor allem Irrtümer zurückweisen; sie schöpfen aber keineswegs den vollen Reichtum der Lehre über die Taufe aus, wie sie im Neuen Testament, in den Katechesen der Väter und in den Darlegungen der Kirchenlehrer enthalten ist:

Die Taufe ist nämlich Erweis der zuvorkommenden Liebe des Vaters, sie macht die Menschen des Paschamysteriums des Sohnes teilhaftig, teilt ihnen das neue Leben im Heiligen Geiste mit, führt sie in das Erbe Gottes ein und macht sie zu Gliedern des Leibes Christi, der die Kirche ist.

10. Aus dieser Sicht stellen die Worte, mit denen uns Christus im Johannesevangelium mahnt: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“,18 eine Einladung durch die universale und unendliche Liebe dar; es sind die Worte des Vaters, der alle seine Kinder ruft und ihnen die Fülle des Guten wünscht. Angesichts dieser unwiderruflichen und stets drängenden Berufung kann der Mensch nicht gleichgültig oder neutral bleiben; denn nur wenn er sie annimmt, kann er das ihm zugedachte Ziel erreichen.

Sendung der Kirche

11. Die Kirche ist verpflichtet, jener Sendung zu entsprechen, die Christus nach der Auferstehung seinen Aposteln anvertraut hat und von der in besonders feierlicher Form im Matthäusevangelium berichtet wird: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.19

Die Weitergabe des Glaubens und die Spendung der Taufe, die von diesem Auftrag Christi her eng miteinander verbunden sind, haben als notwendige Teile der kirchlichen Sendung zu gelten, die universal ist und es immer bleiben muß.

12. Die Kirche hat diese ihre Sendung von Anfang an so aufgefaßt, und dies nicht nur im Hinblick auf die Erwachsenen. Sie hat die Worte Christi an Nikodemus immer so verstanden, daß nämlich „Kindern die Taufe nicht vorenthalten werden darf“.20                       

Jene Worte Christi besitzen tatsächlich einen derart universalen und absoluten Charakter, daß die Väter daraus die Notwendigkeit der Taufe ableiten zu dürfen glaubten, und das Lehramt sie ausdrücklich auf die Kinder angewandt hat:21 Auch für sie muß dieses Sakrament als Aufnahme unter das Volk Gottes gelten22 und als Tor zum eigenen Heil.

Sankt Nikolaus / Santa Claus

13. Die Kirche hat also durch ihr Lehren und Handeln gezeigt, daß sie außer der Taufe keinen anderen Weg kennt, um den Kindern mit Sicherheit den Zugang zur ewigen Seligkeit zu eröffnen; daher hütet sie sich, den vom Herrn empfangenen Auftrag zu mißachten, allen, die getauft werden können, die Wiedergeburt „aus dem Wasser und dem Heiligen Geist“ zu schenken. Was aber die ohne Taufe verstorbenen Kinder betrifft, so kann die Kirche sie nur der Barmherzigkeit Gottes empfehlen, wie sie es ja auch im entsprechenden Beerdigungsritus tut.23

14. Daß die Kinder ihren Glauben noch nicht persönlich bekennen können, hindert die Kirche keineswegs daran, ihnen dieses Sakrament zu spenden; denn in Wirklichkeit tauft sie die Kinder aufgrund des Glaubens, der ihr selbst zu eigen ist.

Dieser Punkt der Lehre ist schon vom heiligen Augustinus klar ausgesprochen worden, wenn er schreibt: „Man bringt also Kinder herbei, damit sie die geistliche Gnade empfangen; aber es sind nicht so sehr jene, in deren Armen sie ruhen (obwohl es auch von ihnen gilt, wenn sie gute Gläubige sind), als vielmehr die gesamte Gemeinschaft der Heiligen und Gläubigen, die sie herbeibringt. Die Mutter Kirche in ihrer Gesamtheit also, die in den Heiligen lebt, tut dies, weil sie als ganze allen und jedem einzelnen das Leben gibt“.24

Der hl. Thomas von Aquin und nach ihm alle Theologen greifen diese Lehre auf: Das Kind, das getauft wird, glaubt nicht selber, durch einen persönlichen Akt, sondern durch andere, „durch den Glauben der Kirche, der ihm geschenkt wird“.25

Die gleiche Lehre wird auch im neuen Taufrituale vorgelegt, wenn der Spender der Taufe Eltern und Paten auffordert, den Glauben der Kirche zu bekennen, in der die Kinder getauft werden.26

15. Obwohl sich die Kirche der Wirksamkeit ihres Glaubens bewußt ist, der in der Kindertaufe tätig wird, wie auch der Gültigkeit des Sakramentes, das sie ihnen spendet, so erkennt sie doch in ihrer Praxis einige Einschränkungen an; denn, von Todesgefahr abgesehen, läßt sie Kinder nur mit Zustimmung der Eltern zur Taufe zu, und wenn echte Sicherheit gegeben ist, daß das getaufte Kind dann auch im katholischen Glauben unterwiesen wird:27 Sie ist nämlich auf die natürlichen Rechte der Eltern bedacht wie auch auf die Erfordernisse des Glaubenswachstums beim Kinde.

ZWEITER TEIL

ANTWORTEN AUF HEUTE VORGEBRACHTE EINWÄNDE

16. Im Licht der oben erläuterten Lehre sind nun einzelne Meinungen zu beurteilen, die gegenwärtig zur Kindertaufe vorgetragen werden und die die Rechtmäßigkeit dieser Praxis als einer allgemeinen Regel bestreiten.

Verbindung von Taufe und Glaubensakt

17. Gestützt auf den Befund der Schriften des Neuen Testamentes, daß dort die Taufe der Verkündigung des Evangeliums folgt, eine vorherige innere Bekehrung erfordert und mit dem Bekenntnis des Glaubens verbunden ist, daß ferner die Wirkungen der Gnade (Vergebung der Sünden, Rechtfertigung, Wiedergeburt und Teilhabe am göttlichen Leben) meist mehr vom Glauben als vom Sakrament abhängen,28 schlagen einige vor, die Reihenfolge Verkündigung – Glaube – Sakrament zur Norm zu erheben und, von Todesgefahr abgesehen, auch auf Kinder anzuwenden und so für sie das Katechumenat verpflichtend zu machen.

18. Zweifellos richtet sich die Predigt der Apostel für gewöhnlich an Erwachsene, und die ersten Getauften waren Menschen, die sich zum christlichen Glauben bekehrt hatten. Wenn nun im Neuen Testament diese Tatsachen berichtet werden, kann dies zur Meinung führen, es ginge dort lediglich um den Glauben der Erwachsenen.

Die Gewohnheit der Kindertaufe stützt sich jedoch, wie oben in Erinnerung gerufen wurde, auf eine unvordenkliche Überlieferung apostolischen Ursprungs, deren Gewicht man nicht zurückweisen kann; außerdem wird die Taufe nie ohne Glauben gespendet, der bei den Kindern allerdings der Glaube der Kirche ist.

Nach der Lehre des Konzils von Trient über die Sakramente ist die Taufe ferner nicht lediglich ein Zeichen des Glaubens, sondern auch dessen Ursache.29 Sie bewirkt in den Getauften „eine innere Erleuchtung“ und wird daher von der byzantinischen Liturgie mit Recht als „Sakrament der Erleuchtung“ bezeichnet oder schlechthin als „Erleuchtung“: Der empfangene Glaube erfüllt die Seele, damit vor dem Glanz Christi der Schleier der Blindheit falle.30

Taufe und personale Annahme der Gnade

19. Ferner wird behauptet, jede Gnade müsse, da einer Person zugedacht, vom Empfänger bewußt angenommen und sich zu eigen gemacht werden; das aber sei dem Kind in keiner Weise möglich.

20. Das Kind ist aber in Wahrheit eine Person, und zwar lange bevor es dies durch freie und bewußte Akte zeigen kann. Als Person aber kann es durch das Sakrament der Taufe bereits Kind Gottes und Miterbe Christi werden. Sobald es später zum ersten Gebrauch von Bewußtsein und Freiheit gelangt ist, stehen diesen Fähigkeiten Kräfte zur Seite, die durch die Taufgnade in der Seele grundgelegt wurden.

Taufe und Freiheit des Kindes

21. Dann wird der Vorwurf erhoben, die Taufe der Kinder sei ein Angriff auf ihre Freiheit. Es widerspreche nämlich der Personwürde, ihnen religiöse Pflichten für alle Zukunft aufzuerlegen, die sie selbst vielleicht einmal ablehnen werden. Es sei daher besser, wenn das Sakrament erst in einem Alter gespendet werde, wo die Kinder zu einer freien Bindung fähig sind. Bis dahin sollen sich Eltern und Erzieher Zurückhaltung auferlegen und jede Beeinflussung vermeiden.

22. Ein solches Vorgehen ist aber als völlige Illusion zu betrachten: Keine menschliche Freiheit existiert in einem derart reinen Zustand, daß sie von jedem Einfluß frei sein könnte. Schon die Betrachtung der Naturordnung zeigt, daß die Eltern für ihre Kinder Entscheidungen treffen in allem, was für ihr Leben notwendig ist und sie auf die wahren Werte hinlenkt. Das Verhalten einer Familie, die dem religiösen Leben des Kindes bewußt neutral gegenüberstände, stellt tatsächlich eine schädliche Option dar, die dem Kind ein wesentliches Gut vorenthält.

Wer behauptet, durch das Sakrament der Taufe werde der Freiheit des Kindes Gewalt angetan, vergißt ferner, daß alle Menschen, auch die Nichtgetauften, als Geschöpfe Gott gegenüber Pflichten haben, die sie nicht aufkündigen dürfen. Diese aber bestätigt die Taufe und vertieft sie in der Gotteskindschaft. Er vergißt auch, daß uns im Neuen Testament der Eintritt ins christliche Leben nicht als eine Form der Knechtschaft und des Zwanges dargestellt wird, sondern als Zugang zur wahren Freiheit.31

Wohl kann es vorkommen, daß ein Kind, wenn es heranwächst, die Verpflichtungen der Taufe ablehnt. Dennoch brauchen seine Eltern, die darüber traurig sein können, sich nichts vorzuwerfen, wenn sie nach Recht und Pflicht ihrem Kind die Taufe und eine christliche Erziehung mitgaben.32

Denn entgegen dem äußeren Anschein können die in der Seele verborgenen Keime des Glaubens doch vielleicht eines Tages wieder aufleben, wobei auch die Eltern durch Geduld und Liebe, Gebet und echtes Glaubenszeugnis mithelfen können.

Taufe und gesellschaftliche Verhältnisse

23. Andere weisen auch auf den Zusammenhang hin, der die Person mit der Gesellschaft verbindet, und meinen, in einer homogenen Gesellschaft sei es richtig, schon die Kinder zu taufen; denn dort bildeten Werte, Urteile und Sitten ein zusammenhängendes System. Es sei dagegen kaum anzuraten in der heutigen pluralistischen Gesellschaft, in der die Wertvorstellungen schwanken und die verschiedenen Meinungen im Wettbewerb miteinander stehen. Unter solchen Umständen, so sagt man, sei es besser, die Taufe zu verschieben, bis die Persönlichkeit des Taufkandidaten genügend gereift sei.

24. Die Kirche weiß zweifellos, daß sie die gesellschaftliche Wirklichkeit gebührend berücksichtigen muß. Doch besitzen Homogenität und Pluralismus als Kriterien nur hinweisenden Wert und können nicht als normgebende Grundsätze gelten, da sie gar nicht in der Lage sind, eine eigentlich religiöse Frage zu lösen, die ihrer Natur nach die Kirche und die christliche Familie angeht.

Denn das Kriterium einer „homogenen Gesellschaft“ erlaubt es, die Kindertaufe für sinnvoll zu halten, wenn die Gesellschaft christlich ist; das gleiche Kriterium könnte aber auch zur Verneinung dieser Sinnhaftigkeit führen, wenn christliche Familien in der Minderheit sind, weil sie in einer noch mehrheitlich heidnischen Gesellschaft leben oder in einem Regime des militanten Atheismus: Eine solche Folgerung läßt sich aber offensichtlich nicht gutheißen.

Das Kriterium einer „pluralistischen Gesellschaft“ aber nützt kaum mehr als das eben erwähnte, weil in einer solchen Gesellschaft Familie und Kirche ja Handlungsfreiheit haben und daher eine christliche Unterweisung erteilen können.

Wer in die Geschichte schaut, weiß sehr gut, wie sehr die missionarische Ausbreitung der Kirche in den ersten Jahrhunderten behindert gewesen wäre, wenn damals schon diese „soziologischen“ Kriterien angewandt worden wären. Hinzu kommt, daß man sich heute zu oft auf den „Pluralismus“ beruft, um den Gläubigen paradoxerweise Verhaltensformen aufzuerlegen, die sie tatsächlich in ihrem Recht auf christliche Freiheit behindern.

In einer Gesellschaft, deren Geisteshaltung, Sitten und Gesetze nicht mehr aus dem Evangelium ihre Normen beziehen, kommt es darum sehr darauf an, beim Bedenken der Fragen zur Kindertaufe vor allem das Wesen und die besondere Sendung der Kirche zu berücksichtigen.

Wenn sich auch das Volk Gottes mit der menschlichen Gesellschaft vermischt und aus verschiedenen Völkern und Kulturen zusammensetzt, so besitzt es doch seine eigene Identität, gekennzeichnet durch die Einheit des Glaubens und der Sakramente. Vom selben Geist und von der gleichen Hoffnung beseelt, bildet es ein einheitliches Ganzes, das in der Lage ist, sich bei den verschiedenen menschlichen Gruppierungen die zum Wachsen notwendigen Strukturen zu schaffen.

Die Sakramentenpastoral der Kirche muß, zumal bei der Kindertaufe, dieser Lage angepaßt werden; keineswegs jedoch darf sie von Kriterien abhängen, welche ausschließlich den Humanwissenschaften entnommen sind.

Kindertaufe und Sakramentenpastoral

25. Schließlich wird gegen die Kindertaufe noch der Einwand erhoben, sie gehe von einer Pastoral ohne missionarische Zielsetzung aus, der es mehr darauf ankomme, ein Sakrament zu spenden, als den Glauben zu wecken und den Einsatz aus dem Evangelium heraus zu fördern.

Durch die Beibehaltung dieser Praxis gebe die Kirche, so sagt man, der Versuchung nach, auf Zahlen zu achten und ihren sozialen Status („Establishment“) zu erhalten; sie begünstige dadurch ein magisches Sakramentenverständnis, während es doch ihre Aufgabe sei, auf missionarisches Wirken zu achten, den Glauben der Christen zur Reife zu führen, ihre freie und bewußte Entscheidung zu fördern und daher in ihrer Sakramentenpastoral verschiedene Reifestufen einzuräumen.

26. Nun muß das Apostolat der Kirche gewiß dahin streben, einen lebendigen Glauben zu wecken und ein echt christliches Leben zu fördern. Was die Pastoral von Erwachsenen bei der Sakramentenspendung fordert, darf aber nicht einfachhin auf Kinder übertragen werden, die, wie oben erwähnt, „auf den Glauben der Kirche“ getauft werden. Auch darf man die Notwendigkeit des Sakramentes nicht gering achten, die ihre ganze Bedeutung und Dringlichkeit beibehält, zumal es darum geht, dem Kind das unendliche Gut des ewigen Lebens zu sichern.

Was aber das Besorgtsein um die Zahlen angeht, so ist dies bei rechtem Verständnis weder eine Versuchung noch ein Übel für die Kirche, sondern vielmehr ihre Pflicht und ein Wert für sie. Denn die Kirche, die der heilige Paulus Christi „Leib“ und „Fülle“ nennt,33 ist in der Welt das sichtbare Sakrament Christi; sie ist gesandt, auf alle Menschen jenes sakramentale Band auszudehnen, das sie mit ihrem verherrlichten Herrn verbindet.

Daher muß es für sie unbedingt ein Anliegen sein, das erste und grundlegende Sakrament, die Taufe, allen, Kindern ebenso wie Erwachsenen, zu spenden.

So verstanden, entspricht die Praxis der Kindertaufe durchaus dem Evangelium, weil sie die Kraft eines Zeugnisses enthält; sie zeigt nämlich an, daß Gott uns zuvorkommt und unser Leben mit seiner unverdienten Liebe umgibt: „Nicht… daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt… hat… Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“.34

Auch angesichts der Forderungen, die bei Erwachsenen für den Empfang der Taufe gestellt werden,35 darf man nicht das Schriftwort vergessen: „Er hat uns gerettet – nicht weil wir Werke vollbracht hätten, die uns gerecht machen können, sondern aufgrund seines Erbarmens – durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist“.36

DRITTER TEIL

EINIGE PASTORALE RICHTLINIEN

27. Auch wenn man unmöglich gewisse heutige Meinungen billigen kann, etwa jene, die eine Abschaffung der Kindertaufe fordert oder es dem persönlichen Urteil überlassen will, ob aus bestimmten Gründen die Taufe alsbald gespendet oder verschoben werden soll, so muß man doch die Notwendigkeit einer gründlicheren und unter bestimmten Rücksichten erneuerten Pastoral anerkennen. Ihre Grundsätze und obersten Richtlinien seien im folgenden angegeben.

Grundsätze dieser Pastoral

28. Wichtig ist vor allem, darauf hinzuweisen, daß die Taufe der Kinder als schwerwiegende Verpflichtung zu betrachten ist; Fragen, die sich in diesem Zusammenhang den Seelsorgern stellen, können nur gelöst werden in treuer Beachtung der Lehre und ständigen Praxis der Kirche.

Die Pastoral der Kindertaufe muß sich konkret von zwei Grundsätzen leiten lassen, deren zweiter dem ersten untergeordnet ist.

1) Die zum Heil notwendige Taufe ist Zeichen und Werkzeug der zuvorkommenden Liebe Gottes, der von der Erbsünde befreit und Anteil am göttlichen Leben schenkt: Grundsätzlich darf man das Geschenk dieser Güter für die Kinder nicht hinausschieben.

2) Es muß gewährleistet werden, daß dieses Geschenk durch eine echte Glaubenserziehung und Hinführung zu einem christlichen Leben sich so entfalten kann, daß das Sakrament seinen „vollen Sinn“ erreicht.37 Diese Gewähr wird in der Regel von den Eltern oder Verwandten geleistet, auch wenn auf verschiedene Weise in der Gemeinschaft der Christen dafür ein Ersatz gefunden werden kann. Ist diese Gewähr aber nicht ernsthaft gegeben, kann das ein Grund zur Verschiebung der Spendung dieses Sakramentes werden. Ist überhaupt keine Gewähr gegeben, soll man das Sakrament verweigern.

Gespräch der Seelsorger mit den christlichen Familien

29. Im Rahmen dieser beiden Grundsätze ist die tatsächliche Lage des Einzelfalles in einem pastoralen Gespräch des Priesters mit der Familie zu klären. Normen zur Art des Gespräches mit christlichen Eltern, die ihre religiösen Pflichten treu erfüllen, finden sich in den Vorbemerkungen zum Römischen Rituale. Zwei wesentliche Punkte nur seien hier angeführt.

Vor allem ist viel Wert darauf zu legen, daß die Eltern bei der Tauffeier anwesend sind und aktiv mitmachen; sie haben nunmehr den Vorrang vor den Patinnen und Paten, deren Anwesenheit jedoch ebenfalls gefordert ist, da ihre Mithilfe bei der Erziehung wertvoll und zuweilen notwendig ist.

Dann ist auch die Vorbereitung der Taufe sehr wichtig. Die Eltern müssen sich darum kümmern, die Seelsorger von der bevorstehenden Geburt unterrichten und sich selbst geistig darauf vorbereiten. Die Seelsorger aber werden die Familien besuchen, auch mehrere von ihnen zugleich einladen und ihnen eine entsprechende Katechese und geeignete Hinweise anbieten; sie werden sie schließlich auch zum Gebet für die ihnen bald geschenkten Kinder anleiten.38

Für den Zeitpunkt der Taufspendung gelten die Regeln des Rituale: „An erster Stelle steht die Gesundheit des Kindes, dem ja die Wohltat des Sakramentes nicht vorenthalten werden soll; dann ist die Gesundheit der Mutter zu berücksichtigen, damit möglichst auch sie anwesend sein kann; wenn dies dem vorrangigen Wohl des Kindes nicht entgegensteht, sind dann auch die pastoralen Belange zu bedenken, indem genügend Zeit vorgesehen wird für die Vorbereitung der Eltern und für eine würdige Gestaltung der Feier selbst, damit das Wesen des Ritus deutlich hervortrete“.

Daher soll die Taufe „unverzüglich gespendet werden, wenn sich das Kind in Todesgefahr befindet“, sonst „innerhalb der ersten Wochen nach der Geburt des Kindes“.39

Gespräch der Seelsorger mit wenig gläubigen und nichtchristlichen Familien

30. Es geschieht, daß wenig gläubige und nur gelegentlich praktizierende Eltern sich an den Seelsorger wenden oder auch nichtchristliche Eltern, die aus erwägenswerten Gründen um die Taufe für ihr Kind bitten. In diesem Fall werden die Seelsorger versuchen, in einem klugen, wohlwollenden Gespräch anzuregen, daß sich die Eltern mit dem Sakrament, das sie erbitten, näher befassen, und sie auch über die Verpflichtung zu unterweisen, die Eltern mit der Taufe auf sich nehmen.

Die Kirche kann nämlich dem Wunsch solcher Eltern nicht nachkommen, wenn diese keine Gewähr bieten, daß dem getauften Kind nachher auch eine christliche Erziehung zuteil wird, wie das Sakrament sie erfordert. Sie muß auch die begründete Hoffnung haben, daß die Taufe ihre Früchte bringen wird.40

Wenn genügend Garantien gegeben sind – wie z. B. die Wahl von Patinnen und Paten, die sich aufrichtig des Kindes annehmen wollen, oder die Hilfe von Gläubigen aus der Gemeinde – dann darf sich der Priester nicht weigern, die Taufe unverzüglich zu spenden, genauso wie bei Kindern christlicher Familien.

Genügen die Garantien aber nicht, soll die Taufe in kluger Weise aufgeschoben werden; die Seelsorger sollen aber mit den Eltern im Gespräch bleiben, so daß, wenn möglich, die Forderungen erfüllt werden, ohne die das Sakrament nicht gespendet werden kann. Wenn schließlich auch das nicht zu erreichen ist, kann man als letzten Ausweg die Anmeldung des Kindes für ein Katechumenat vorschlagen, das in der Zeit der schulischen Ausbildung besucht werden müßte.

Suurhusen Taufe 5

31. Diese bereits erlassenen und geltenden Normen41 bedürfen noch einiger Erläuterungen.

Vor allem ist klarzumachen, daß eine solche Verweigerung der Taufe keineswegs als eine Form von Zwang anzusehen ist. Es handelt sich ja auch weder um eine echte Verweigerung und noch viel weniger um eine persönliche Diskriminierung, sondern um einen pädagogischen Aufschub mit dem Ziel, die Familie je nach ihrer Lage zu einem tieferen Glauben oder zu einem besseren Verständnis ihrer Verpflichtungen zu führen.

Was die Garantien angeht, so genügt ein Versprechen, das begründete Hoffnung für eine christliche Unterweisung der Kinder bietet.

Die eventuelle Einschreibung für den späteren Besuch eines Katechumenates darf mit keinem eigenen Ritus gefeiert werden, der leicht mit dem Sakrament selber verwechselt werden könnte. Es muß auch klar sein, daß eine solche Einschreibung noch kein wirklicher Eintritt ins Katechumenat ist und die so eingeschriebenen Kinder nicht bereits als Katechumenen gelten können, die alle diesen zustehenden Rechte beanspruchen dürften. Zu einem späteren Zeitpunkt sind sie für ein ihrem Alter entsprechendes Katechumenat vorzustellen.

Es sei zu diesem Punkt ausdrücklich erklärt: Wenn im Rituale der „Feier der Eingliederung Erwachsener in die Kirche“ eine „Feier der Eingliederung für Kinder im Schulalter“ enthalten ist,42 so bedeutet das keineswegs, die Kirche ziehe es vor oder halte es für normal, die Taufe auf dieses Alter zu verschieben.

In jenen Gegenden, wo die wenig gläubigen oder nichtchristlichen Familien die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, so daß die Bischofskonferenzen dort mit Recht als gemeinsame pastorale Norm vor der Feier der Taufe eine längere Wartezeit als im allgemeinen Gesetz vorgesehen haben,43 behalten die dort lebenden christlichen Familien ihr volles Recht, ihre Kinder eher taufen zu lassen. Ihnen ist also das Sakrament zu spenden, wie es die Kirche wünscht und wie es der Glaube und die Hochherzigkeit solcher Familien verdienen.

Aufgabe der Familie und der Pfarrgemeinde

32. Die pastoralen Aufgaben bei der Kindertaufe sind in einen größeren Rahmen einzufügen, der die Familien und die ganze christliche Gemeinde umfaßt.

Dazu ist eine intensivere Seelsorge wichtig, die die Brautleute, welche zur Ehevorbereitung zusammenkommen, und dann auch die jungverheirateten Eheleute anspricht. Je nach den Umständen sollte die ganze kirchliche Gemeinschaft dafür geworben werden, vor allem Erzieher, christliche Eheleute, Familienverbände, Ordensgemeinschaften und Säkularinstitute.

Die Priester mögen diesem Apostolat große Aufmerksamkeit widmen. Sie werden vor allem die Eltern an ihre Pflicht erinnern, bei ihren Kindern den Glauben zu wecken und zu formen. Ihnen kommt es ja zu, die religiöse Initiation des Kindes zu beginnen, es Christus als seinen engen Freund lieben zu lehren und sein Gewissen zu bilden. Das wird umso fruchtbarer und leichter gelingen, je mehr man sich auf die Taufgnade stützt, die dem Herzen des Kindes eingegossen ist.

33. Wie das Rituale deutlich sagt, muß sich die Pfarrgemeinde und zumal jene Gruppe von Christen, die mit der betreffenden Familie enger benachbart und verbunden sind, an dieser Taufpastoral beteiligen. Denn „die Vorbereitung auf die Taufe und die christliche Unterweisung gehen in besonderer Weise das Volk Gottes, d. h. die Kirche an, die den Glauben der Apostel lebendig hält und weitergibt“.44

Diese aktive Beteiligung des christlichen Volkes, die bereits praktiziert wird, wo es sich um Erwachsene handelt, ist ebenso bei der Kindertaufe gefordert, wo „das Volk Gottes, d. h. die Kirche, vertreten durch die Ortsgemeinde … eine wichtige Aufgabe hat“.45 Im übrigen wird die Gemeinde selber aus der Feier der Taufe großen geistlichen und apostolischen Nutzen ziehen.

Schließlich geht die Aufgabe der Gemeinde nach der liturgischen Feier noch weiter, wenn nämlich die Erwachsenen mithelfen, den Glauben der jungen Menschen durch das Zeugnis ihres christlichen Lebens wie auch durch Beteiligung an den verschiedenen katechetischen Aufgaben weiterzubilden.

ABSCHLUSS

Die Kongregation für die Glaubenslehre wendet sich an die Bischöfe mit dem Ausdruck ihres vollen Vertrauens, daß diese in Ausübung ihres vom Herrn empfangenen Amtes dafür sorgen werden, die Lehre der Kirche über die Notwendigkeit der Kindertaufe in Erinnerung zu rufen, eine entsprechende Pastoral zu fördern und jene zur überlieferten Praxis zurückzuführen, die vielleicht aus achtbaren pastoralen Überlegungen heraus von ihr abgewichen sind.

Sie wünscht ferner, daß über die Lehre und die Richtlinien dieser Instruktion alle Seelsorger, christlichen Eltern und kirchlichen Gemeinden informiert werden, so daß sich alle ihrer Verpflichtungen bewußt werden und sich gemeinsam für die Taufe der Kinder und ihre christliche Erziehung zum Wohl der Kirche, die der Leib Christi ist, einsetzen.

Diese Instruktion, die in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation verabschiedet wurde, hat Papst Johannes Paul II. in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz gutgeheißen und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 20. Oktober 1980.

 FRANJO Kardinal ŠEPER
Präfekt

 XJÉRÔME HAMER, O.P.
Titularerzbischof
Sekretär

 ANMERKUNGEN:
1 Ordo baptismi parvulorum, ed. typica, Rom, 15. Mai 1969.
2 Origenes, In Romanos, lib. 5, 9, PG 14, 1047; vgl. Augustinus, De Genesi ad Litteram 10, 23, 39, PL 34, 426; De peccatorum meritis et remissione et de baptismo parvulorum ad Marcellinum 1, 26, 39, PL 44, 131. Tatsächlich heißt es schon an drei Stellen der Apostelgeschichte: getauft wurden, „die zu ihrem Haus gehörten“ (16, 15), „er ließ sich mit allen seinen Angehörigen taufen“ (16, 33), oder „mit seinem ganzen Haus“ (18, 8).
3 Adv. Haereses 2, 22, 4, PG 7, 784, Harvey 1, 330. In zahlreichen Inschriften werden Kinder schon vom 2. Jahrhundert an „Kind Gottes“ genannt, eine Bezeichnung, die nur Getauften gegeben wurde, oder es wird ihre Taufe ausdrücklich erwähnt; vgl. z. B. Corpus inscriptionum graecarum III nn. 9727, 9801, 9817; E. Diehl, Inscriptiones latinae christianae veteres, Berlin, 1961, nn. 1523 (3), 4429 A.
4 Lateinische Rückübersetzung aus der Ausgabe B. Botte, La Tradition apostolique de saint Hippolyte, Münster, Aschendorff 1963 (LQF 39), S. 44.
5 Epist. 64, Cyprianus et ceteri collegae qui in Concilio adfuerunt numero LXVI Fido fratri, PL 3, 1013-1019, ed. Hartel (CSEL 3), S. 717-721. In der Kirche Afrikas war diese Praxis besonders ausgeprägt, trotz der Meinung Tertullians, der zur Verschiebung der Kindertaufe riet wegen der Unschuld ihres Alters und aus Furcht vor dem Abfall, der vielleicht in der Jugend geschehen könnte. Vgl. De baptismo, XVIII, 3-XIX, 1, PL 1, 1220-1222; De anima, 39-41, PL 2, 719 ff.
6 Vgl. Basilius, Homilia XIII exhortatoria ad sanctum baptisma, PG 31, 424-436; Gregor von Nyssa, Adversus eos qui differunt baptismum oratio, PG 46,424; Augustinus, In Ioannem Tractatus 13, 7, PL 35, 1496, CCL 36, S. 134.
7 Vgl. Ambrosius, De Abraham II, 11, 81-84, PL 14, 495-497, CSEL 32, 1, S. 632-635; Johannes Chrysostomus, Catechesis III, 5. 6. Ausg. A. Wenger, SC 50, S. 153-154; Hieronymus, Epist. 107, 6, PL 22, 873, Ausg. Labourt (Coli. Bude), t. 5, S. 151-152. Gregor von Nazianz drängt zwar die Mütter, ihre Kinder in zartem Alter taufen zu lassen, er begnügt sich aber, als Alter 3 Jahre festzulegen. Vgl. Oratio XI in sanctum baptisma, 17 und 28, PG 36, 380 und 399.
8 Origenes, In Leviticum hom. 8, 3, PG 12, 496; In Lucam hom. 14, 5, PG 13,1835; Cyprian, Epist. 64, 5, PL 3, 1018 B, Ausg. Hartel (CSEL 3), S. 720; Augustinus, De peccatorum meritis et remissione et de baptismo parvulorum 1, 17-19, 22-24, PL 44, 121-122; De gratia Christi et de peccato originali, lib. 1, 32, 35, ebd. 377; De praedestinatione sanctorum, 13, 25, ebd. 978; Opus imperfectum contra Iulianum, lib. 5, 9, PL 45, 1439.
9 Epist. „Directa ad decessorem” ad Himerium episc. Tarraconensem, 10. Febr. 385, Nr. 2, Denz.-Schön. Enchiridion symbolorum … Herder, Ausg. 1965, Nr. 184.
10 Epist. „Inter ceteras Ecclesiae Romanae“ ad Silvanum et ceteros Synodi Milevitanae Patres, 27. Jan. 417, §5, Denz.-Schön. Nr. 219.
11 Can. 2, Mansi 3, 811-814 und 4, 327 AB, Denz.-Schön. Nr. 223.
12 Konzil von Vienne, Mansi 25, 411, CD, Denz.-Schön. Nr. 903-904.
13 Konzil von Florenz, Sitzung 11. Denz.-Schön. Nr. 1349.
14 Sitzung 5, Kan. 4, Denz.-Schön. Nr. 1514, Vgl. Konzil von Karthago 418, oben Nr. 11.
15 Sitzung 6, Kap. 4, Denz.-Schön. Nr. 1524.
16 Sitzung 7, Kan. 13, Denz.-Schön. Nr. 1626.
17 Sollemnis professio fidei, n. 18, AAS 60 (1968) 444.
18 Joh 3, 5.
19 Mt 28, 19; Mk l6, 15-16.
20 Ordo baptismi parvulorum, Praenotanda, Nr. 2, S. 15.
21 Vgl. oben Nr. 8 die Verweise auf die Väter und Nr. 9-13 auf die Konzilien. Hinzufügen kann man das Glaubensbekenntnis des Patriarchen Dosithaeus von Jerusalem (aus dem Jahr 1672), Mansi 34, 1746.
22 „Wenn die Kinder getauft werden, geschieht nichts anderes, als daß sie in die Kirche eingefügt werden, d. h. sie werden dem Leib Christi als Glieder zugesellt“, De peccatorum meritis et remissione et de baptismo parvulorum, lib. 3, c. 4, n. 7, PL 44, 189; vgl. üb. 1, c. 26, n. 38, ebd. 131.
23 Ordo exsequiarum, ed. typica, Rom, 15. August 1969, Nr. 82; 231-237.
24 Epist. 98, 5, PL 33, 362, CSEL 34, S. 526; vgl. Sermo 176, c. 2, n. 2, PL 38, 950.
25 Summa theologica, IIIa pars, qu. 96, art. 6, ad 3; vgl. qu. 68, art. 9, ad 3.
26 Vgl. Ordo baptismi parvulorum, Praenotanda, Nr. 2; vgl. Nr. 56.
27 Es liegt nämlich eine ständige Überlieferung vor, auf deren Autorität sich Thomas von Aquin berief, IIa IIae, qu. 10, art. 12 corp., und Benedikt XIV., Instr. Postremo mense vom 28. Febr. 1747, Nr. 4-5, Denz.-Schön. Nr. 2552-2553. Danach darf ein Kind ungläubiger oder jüdischer Eltern nicht gegen ihren Willen getauft werden, es sei denn in Todesgefahr (CIC, can. 750, § 2), das heißt, die Eltern müssen darum bitten und dafür die Gewähr leisten.
28Vgl. Mt 28, 19; Mk 16, 16; Apg 2, 37-41; 8, 35-38; Röm 3, 22, 26; Gal 3, 26.
29 Konzil von Trient, Sitzung 7, Decr. de sacramentis, can. 6, Denz.-Schön. Nr. 1606.
30 Vgl. 2 Kor 3, 15-16.
31 Joh 8, 36; Röm 6, 17-22; 8, 21; Gal 4, 31; 5, 1. 13; 1 Petr 2, 16 usw.
32 Diese Pflicht und dieses Recht, vom II. Vatikanischen Konzil in seiner Erklärung Dignitatis humanae, Nr. 5, erläutert, wird von den Staaten anerkannt: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 26, Nr. 3.
33 Eph l, 23.
34 1 Joh 4, 10. 19.
35 Vgl. Konzil von Trient, Sitzung 6, De iustificatione, Kap. 5-6, Kan. 4 und 9, Denz.-Schön. Nr. 1525-1526; 1554; 1559.
36 Tit 3, 5.
37 Vgl. Ordo baptismi parvulorum, Praenotanda, Nr. 3, S. 15.
38 Vgl. ebd. Nr. 8, § 2, S. 17; Nr. 5, §§ 1 und 5, S. 16.
39 Ebd. Nr. 8, § 1, S. 17.
40 Vgl. ebd. Nr. 3, S. 15.
41 Zunächst erlassen in einem Brief dieser Kongregation für die Glaubenslehre als Antwort auf eine Petition von Msgr. Bartolomaeus Hanrion, Bischof von Dapanga in Togo, wurden diese Normen zugleich mit der Petition des Bischofs in der Zeitschrift Notitiae veröffentlicht, 61 (1971) (7. Jahrg.) S. 64-70.
42 Vgl. Ordo initiationis christianae adultorum, Rom, ed. typica vom 6. Jan. 1972, Kap. 5, S.125-149.
43 Vgl. Ordo baptismi parvulorum, Praenotanda, Nr. 8, §§ 3-4, S. 17.
44 Ebd. De initiatione christiana, Praenotanda generalia, Nr. 7, 5. 9.
45 Ebd. Praenotanda, Nr.4, S. 15.
 
Quelle: Internetpräsenz der Glaubenskongregation: http://www.doctrinafidei.va/index_ge.htm

Vatikanische Glaubenskongregration: „Klarstellung zur vorsätzlichen Abtreibung“

Veröffentlicht in der Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ vom  11. Juli 2009

Dokument der Kongregation für die Glaubenslehre  (vollständiger Wortlaut)

 Klarstellung zur vorsätzlichen Abtreibung

In jüngster Zeit sind beim Heiligen Stuhl auch seitens hochstehender politischer und kirchlicher Persönlichkeiten verschiedene Briefe eingegangen, die über die Unsicherheit informierten, zu der es in verschiedenen Ländern – vor allem in Lateinamerika – infolge der Manipulierung und Instrumentalisierung eines Artikels von Erzbischof Rino Fisichella, dem Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben, über den traurigen Vorfall des „brasilianischen Mädchens“ gekommen ist.

In diesem Artikel, der am 15. März 2009 im L’Osservatore Romano erschienen war, wurde die Lehre der Kirche dargelegt, wobei die dramatische Situation des erwähnten Mädchens berücksichtigt wurde, das  –  wie man später feststellen konnte  –  vor allem vom damaligen Erzbischof von Olinda und Recife, José Cardoso Sobrinho, mit aller pastoralen Feinfühligkeit begleitet worden war.

Diesbezüglich bekräftigt die Kongregation für die Glaubenslehre erneut, dass sich die Lehre der Kirche über die Abtreibung nicht geändert hat und sich nicht ändern kann. Diese Lehre wird in den Nummern 2270-2273 des Katechismus der Katholischen Kirche mit folgenden Worten dargelegt:

„Das menschliche Leben ist vom Augenblick der Empfängnis an absolut zu achten und zu schützen. Schon im ersten Augenblick seines Daseins sind dem menschlichen Wesen die Rechte der Person zuzuerkennen, darunter das unverletzliche Recht jedes unschuldigen Wesens auf das Leben. „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt“ (Jer 1,5) „Als ich geformt wurde im Dunkeln, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder dir nicht verborgen“ (Ps 139,15)“.

Seit dem ersten Jahrhundert hat die Kirche es für moralisch verwerflich erklärt, eine Abtreibung herbeizuführen. Diese Lehre hat sich nicht geändert und ist unveränderlich. Eine direkte, das heißt eine als Ziel oder Mittel gewollte Abtreibung stellt ein schweres Vergehen gegen das sittliche Gesetz dar: „Du sollst … nicht abtreiben noch ein Neugeborenes töten“ (Didaché 2,2).

Gott, der Herr des Lebens, hat nämlich den Menschen die hohe Aufgabe der Erhaltung des Lebens übertragen, die auf eine menschenwürdige Weise erfüllt werden muss. Das Leben ist daher von der Empfängnis an mit höchster Sorgfalt zu schützen. Abtreibung und Tötung des Kindes sind verabscheuenswürdige Verbrechen“ (Gaudium et spes, 51,3).

Die formelle Mitwirkung an einer Abtreibung ist ein schweres Vergehen. Die Kirche ahndet dieses Vergehen gegen das menschliche Leben mit der Kirchenstrafe der Exkommunikation. „Wer eine Abtreibung vornimmt, zieht sich mit erfolgter Ausführung die Tatstrafe der Exkommunikation zu“ (CIC, can. 1398), so dass sie von selbst durch Begehen der Straftat eintritt’ 1463 (CIC, can. 1314) unter den im Recht vorgesehenen Bedingungen (CIC, cann. 1323-1324).

Die Kirche will dadurch die Barmherzigkeit nicht einengen; sie zeigt aber mit Nachdruck die Schwere des begangenen Verbrechens und den nicht wieder gutzumachenden Schaden auf, der dem unschuldig getöteten Kind, seinen Eltern und der ganzen Gesellschaft angetan wird.

Das unveräußerliche Recht jedes unschuldigen Menschen auf Leben bildet ein grundlegendes Element der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Gesetzgebung.

„Die unveräußerlichen Rechte der Person müssen von der bürgerlichen Gesellschaft und von der staatlichen Macht anerkannt und geachtet werden: Diese Rechte des Menschen hängen weder von den einzelnen Individuen noch von den Eltern ab und stellen auch nicht ein Zugeständnis der Gesellschaft und des Staates dar. Sie gehören zur menschlichen Natur und wurzeln in der Person kraft des Schöpfungsaktes, aus dem sie ihren Ursprung genommen hat. Unter diese fundamentalen Rechte muss man in diesem Zusammenhang zählen: das Recht auf Leben und auf leibliche Unversehrtheit jedes menschlichen Wesens vom Augenblick der Empfängnis an bis zum Tod“ (Donum vitae, 3).

„In dem Augenblick, in dem ein positives Gesetz eine Kategorie von Menschen des Schutzes beraubt, den die bürgerliche Gesetzgebung ihnen gewähren muss, leugnet der Staat die Gleichheit aller vor dem Gesetz. Wenn die Staatsmacht sich nicht in den Dienst der Rechte jedes Bürgers stellt, und in besonderer Weise dessen, der am schwächsten ist, dann werden die Grundmauern des Rechtsstaates untergraben … Als Folge der Achtung und des Schutzes, die man dem Ungeborenen vom Augenblick seiner Empfängnis an zusichern muss, muss das Gesetz die geeigneten Strafmaßnahmen für jede gewollte Verletzung seiner Rechte vorsehen“ (Donum vitae, 3).“

In der Enzyklika Evangelium vitae hat Papst Johannes Paul II. diese Lehre mit seiner Autorität als oberster Hirte der Kirche bestätigt:

„Mit der Autorität, die Christus Petrus und seinen Nachfolgern übertragen hat, erkläre ich deshalb in Gemeinschaft mit den Bischöfen  —  die mehrfach die Abtreibung verurteilt und, obwohl sie über die Welt verstreut sind, bei der eingangs erwähnten Konsultation dieser Lehre einhellig zugestimmt haben  —  dass die direkte, das heißt als Ziel oder Mittel gewollte Abtreibung immer ein schweres sittliches Vergehen darstellt, nämlich die vorsätzliche Tötung eines unschuldigen Menschen. Diese Lehre ist auf dem Naturrecht und auf dem geschriebenen Wort Gottes begründet, von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt der Kirche gelehrt“ (Nr. 62).

Was die Abtreibung in einigen schwierigen und komplexen Situationen anbelangt, gilt die klare und genaue Lehre von Papst Johannes Paul II.:

„Gewiss nimmt der Entschluss zur Abtreibung für die Mutter sehr oft einen dramatischen und schmerzlichen Charakter an, wenn die Entscheidung, sich der Frucht der Empfängnis zu entledigen, nicht aus rein egoistischen und Bequemlichkeitsgründen gefasst wurde, sondern weil manche wichtigen Güter, wie die eigene Gesundheit oder ein anständiges Lebensniveau für die anderen Mitglieder der Familie gewahrt werden sollten. Manchmal sind für das Ungeborene Existenzbedingungen zu befürchten, die den Gedanken aufkommen lassen, es wäre für dieses besser nicht geboren zu werden. Niemals jedoch können diese und ähnliche Gründe, mögen sie noch so ernst und dramatisch sein, die vorsätzliche Vernichtung eines unschuldigen Menschen rechtfertigen“ (Evangelium vitae, 58).

Was die Problematik bestimmter medizinischer Maßnahmen zur Bewahrung der Gesundheit der Mutter betrifft, muss man genau zwischen zwei Tatbeständen unterscheiden: auf der einen Seite dem Eingriff, der den Tod des Fötus direkt herbeiführt und manchmal auf unangemessene Weise als „therapeutische“ Abtreibung beschrieben wird, was niemals erlaubt sein kann, da es sich um die direkte Tötung eines unschuldigen menschlichen Wesens handelt; auf der anderen Seite einem Eingriff, der in sich nicht die Abtreibung bezweckt, jedoch als Nebeneffekt den Tod des Kindes zur Folge haben kann:

„Wenn z.B. die Rettung des Lebens der zukünftigen Mutter, unabhängig von ihrem Zustand der Schwangerschaft, dringend einen chirurgischen Eingriff oder eine andere therapeutische Behandlung erfordern würde, die als keineswegs gewollte oder beabsichtigte, aber unvermeidliche Nebenfolge den Tod des keimenden Lebens zur Folge hätte, könnte man einen solchen Eingriff nicht als einen direkten Angriff auf schuldloses Leben bezeichnen. Unter solchen Bedingungen kann die Operation erlaubt sein wie andere vergleichbare ärztliche Eingriffe, immer vorausgesetzt, dass ein hohes Gut, wie es das Leben ist, auf dem Spiele steht, dass der Eingriff nicht bis nach der Geburt des Kindes verschoben werden kann und kein anderer wirksamer Ausweg gangbar ist“ (Pius XII., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses der „Front der Familie“ und des Verbandes der kinderreichen Familien, 27. November 1951).

Was die Verantwortung der im Gesundheitswesen Tätigen betrifft, so muss an die Worte von Papst Johannes Paul II. erinnert werden:

„Ihr Beruf macht sie zu Hütern und Dienern des menschlichen Lebens. In dem heutigen kulturellen und sozialen Umfeld, in dem die Wissenschaft und die ärztliche Kunst Gefahr laufen, die ihnen eigene ethische Dimension zu verlieren, können sie bisweilen stark versucht sein, zu Urhebern der Manipulation des Lebens oder gar zu Todesvollstreckern zu werden. Angesichts dieser Versuchung ist ihre Verantwortung heute enorm gewachsen und findet ihre tiefste Inspiration und stärkste Stütze gerade in der dem Ärzteberuf innewohnenden, unumgänglichen ethischen Dimension, wie schon der alte und immer noch aktuelle hippokratische Eid erkannte, demgemäß von jedem Arzt verlangt wird, sich zur absoluten Achtung vor dem menschlichen Leben und seiner Heiligkeit zu verpflichten“ (Evangelium vitae, 89).

Quelle: Internetpräsenz der Glaubenskongregation: http://www.doctrinafidei.va/index_ge.htm


Einladung zur IGFM-Pressekonferenz in Düsseldorf: „Christen – Opfer religiös motivierter Gewalt“

Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

Termin: Mittwoch, 21. März 2012

Beginn: 11 Uhr

Ort: Hotel Nikko, Salon Franklin, 40210 Düsseldorf, Immermannstraße 41

Thema: „Christen  – Opfer religiös motivierter Gewalt“

Menschenrechtler weisen mit 100 Mahnwachen auf Christenverfolgung hin

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

der erdrutschartige Wahlsieg der Islamisten in Ägypten, die blutigen Angriffe auf Kirchen und Christen in Nord-Nigeria und die Verhaftungen von christlichen Konvertiten im Iran alarmieren jetzt auch Europa.

Wir laden Sie herzlich zu unserer Pressekonferenz in Düsseldorf ein. Gleichzeitig möchten wir Sie auf die Mahnwache in Düsseldorf gegen Christenverfolgung hinweisen, die die IGFM am 21. März im Anschluß an die Pressekonferenz veranstaltet.

Ihre Gesprächspartner:

Zum Thema: Boko Haram, Übergriffe auf Christen und die aktuelle Lage in Nord-Nigeria: Dr. Emanuel Ogbunwezeh, Nigeria-Experte der IGFM

Todesurteile gegen und Verfolgung von christlichen Konvertiten in der Islamischen Republik Iran: Mahin Mousapour, Pastorin einer evangelischen Konvertiten-Gemeinde in Deutschland

Die aktuelle Situation der christlichen Minderheit in Ägypten nach der Wahl: Boules Shehata, Pastor einer koptisch-orthodoxen Kirche in Düsseldorf

Die Kampagne zur Freilassung von Pastor Youcef Nadarkhani und Menschenrechtsverletzungen durch das ägyptische Militär: Martin Lessenthin, Sprecher des Vorstands der IGFM

Die Pressekonferenz endet gegen 12 Uhr.

Bitte teilen Sie uns mit, ob wir Sie in Düsseldorf erwarten können.
Mit freundlichen Grüßen,
Daniel Holler
 
Fax Rückantwort: bitte an 069 – 420 108 – 33 oder per Mail an kampagnen@igfm.de
 
IGFM – Internationale Gesellschaft für Menschenrechte
Borsigallee 9
60388 Frankfurt am Main
Fax 069 – 420 108 – 33
www.menschenrechte.de
 

Evangelikaler Verbandschef widerspricht Präses Schneider: Das Christuszeugnis gilt auch den Juden

Mit seinem Nein zur Judenmission trifft der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider, auf Gegenwind in der evangelischen Kirche. Ihm müsse „kräftig widersprochen werden“, wenn er sage „Christen sollten nicht versuchen, Juden zu missionieren“, erklärte der Vorsitzende der theologisch konservativen „Konferenz Bekennender Gemeinschaften“, Pfarrer Ulrich Rüß aus Hamburg.

Pastor Rüß ist zugleich Vorsitzender der evangelikalen „Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ in der Nordelbischen evang. Kirche.

In einer Stellungnahme gegenüber der evangelischen Nachrichtenagentur IDEA fragt der evangelikale Verbandschef: „Gilt die befreiende Botschaft von der gnädigen Liebe Gottes, dass Gott den Sünder liebt, und durch seinen geliebten Sohn Jesus Christus rettet von Sünde, Tod und Teufel, den Juden etwa nicht?“

Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei der Vater Jesu Christi. In ihm sei Jesus „auch und gerade den Juden Bruder geworden“. Dieser Aspekt passe sehr wohl zur „Woche der Brüderlichkeit“.

Bei der zentralen Eröffnung am 11. März  2012 in Leipzig hatte Präses Schneider seine Vorbehalte gegen Mission unter Juden bekräftigt. Ihm wurde die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen. Damit würdigte der Deutsche Koordinierungsrat der „Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ Schneiders Einsatz für den Dialog zwischen Christentum und Judentum. Dazu gehöre sein Eintreten gegen Rassismus und Antisemitismus ebenso wie seine „deutliche Absage an die Judenmission ohne Wenn und Aber“, hieß es in der Begründung zur Preisverleihung.

Pastor Rüß: Missionsauftrag nicht ínfragestellen

Rüß betont hingegen, der Auftrag Christi an seine Apostel, alle Völker zu seinen Jüngern zu machen, grenze niemanden aus. Wer  den Juden grundsätzlich das Evangelium vorenthalten wolle, verwässere den Missionsauftrag Jesu und widerspreche dem Willen Gottes.

Pfr. Rüß: „Was sollen die konvertierten Juden, die messianischen Christen, von den Äußerungen des Ratsvorsitzenden halten?!“  – Rüß meint zwar, Deutsche seien aufgrund ihrer Geschichte ungeeignet, Juden das Evangelium zu verkünden, stellt aber klar: „Das gilt nicht für Christen prinzipiell“.

Christen sollten den Juden nicht mit Überheblichkeit, „aber mit Christus vor Augen treten“; ihnen „auf Augenhöhe“ zu begegnen, heiße nicht, Christus aus dem Blick zu verlieren: „im Gegenteil“

Quelle: evangelische Nachrichtenagentur IDEA: www.idea.de

 


Sankt Patrick: Glaubensbote und Nationalheiliger Irlands

Woher kommt die Bedeutung des dreiblättrigen Kleeblatts?  –  Es  wird als symbolisches Glückszeichen zwar gern für abergläubische Vorstellungen eingesetzt, doch sein Ursprung ist christlich, genauer irisch  –  noch genauer: es geht auf den heiligen Patrick zurück, den Patron des katholischen Irland.

Der glaubenseifrige Bischof hatte dem Kirchenvolk das Geheimnis des dreieinigen Gottes einst anhand eines dreiblättrigen Kleeblattes erläutert, das fortan zum  irischen Nationalsymbol aufstieg.

Der 17. März  – Namenstag des hl. Patrick  – wird auf der „grünen Insel“ etwa so ausgelassen gefeiert wie anderswo der Karneval  –  und dies nicht allein in Irland, sondern überall dort, wo viele Iren sich niedergelassen haben, etwa auch in New York oder San Francisco.  (Das Foto zeigt die kath. St-Patricks-Kathedrale in San Francisco.)

Die Menschen malen sich am „Sankt Patricks Day“  – zugleich der Nationalfeiertag Irlands  –  dreiblättrige Kleeblätter auf ihre Gesichter und veranstalten mitten in der Fastenzeit fröhliche Umzüge. In Dublin wird Sankt Patrick mit einer großen Parade vier Tage lang gefeiert.

Der 17. März ist der Todestag des irischen Nationalheiligen Patrick oder auch  –  nach lateinischer Schreibweise  – des Patricius; dieser Name bedeutet „dem Adel (den römischen Patriziern) zugehörig“.

Sein Wirken fällt in die Zeit der ausgehenden Antike, die vor allem von der Völkerwanderung in Europa geprägt war, aber auch von der zunehmenden Christianisierung des Kontinents.

Der „Apostel Irlands“, wie er ehrenhalber genannt wird, erblickte im Jahre 389 im römisch besetzten „Britannia“ als Sohn des Calpornius  –  eines römischen Offiziers  –  das Licht der Welt; sein Vater, der ein Landgut besaß, war zugleich als katholischer Diakon in der örtlichen Pfarrgemeinde tätig.

Im Alter von 16 Jahren soll Patrick der Legende zufolge von Piraten entführt und als Sklave nach Irland in die heutige Provinz Ulster  gebracht worden sein. In dieser schweren Zeit wurde ihm der katholische Glaube, den er im Elternhaus erlebte, eine große innere Stütze.

Er flüchtete auf einem Schiff zurück in seine Heimat und wurde dort bereits mit 22 Jahren zum Priester geweiht. In Gallien (dem heutigen Frankreich) studierte er Theologie, doch danach drängte es ihn zurück nach Irland, wo er in seiner Jugend als Schafhirte eines Stammeskönigs gearbeitet hatte. Gemeinsam mit 24 Gleichgesinnten kam er 432 n. Chr. auf der „grünen Insel“ an, um sie christlich zu prägen.

Doch das Heidentum mit seinen Druiden (keltischen Zauberpriestern und Magiern) war damals noch sehr lebendig in Irland und brachte ihm anhaltenden Widerstand entgegen. Da er die irische Sprache durch seine Jahre in der Knechtschaft noch gut kannte, konnte er die Menschen bei seinen Predigten und Gottesdiensten in ihrer eigenen Sprache erreichen.

Zugleich gründete er zahlreiche Klöster, Kirchen und Ordensschulen, wodurch die Bildung vieler Christen wesentlich geprägt wurde, denn die Kultur Europas wurde vor allem durch  Benediktiner grundgelegt, deren bekanntes Motto „Ora et labora“ (Bete und arbeite) stilprägend für das Abendland war.

Irische Mönche zogen scharenweise aufs Festland, vor allem nach Germanien und Gallien, um den katholischen Glauben auszubreiten und weitere Klöster und Schulen zu gründen. Zugleich verbreiteten die Ordenspriester verstärkt die persönliche Beichte als regelmäßige „Andachtsübung“ für glaubenseifrige Christen.

Zurück zu Sankt Patrick, der als glaubenseifriger Missionar im Norden Irlands wirkte. Der liturgische Brauch des Osterfeuers, heute überall verbreitet, soll auf ihn zurückgehen: Am Osterfest des Jahres 433 zündete der Bischof auf einem weit ins Land sichtbaren Hügel –   beim heutigen Ort Slane  –  ein Feuer an; durch diese Aktion markierte er gerade dort, wo einst die heidnischen Könige herrschten, den Sieg des Lichtes Christi über die Finsternis des alten Heidentums.

Bischof Patrick wirkte als erfolgreicher Glaubensbote, als  vielverehrter „Apostel Irlands“; er bekehrte tausende Heiden zum Christentum, wie er in seiner Schrift „Bekenntnis“ berichtet; am 17. März 461 verstarb der Heilige  in County Down und übergab seine Seele dem dreieinigen Gott, für den er gelebt und dem er gedient hat.