Mißbrauchs-Betroffene befürworten Sammelklage gegen deutschen Staat

Das „Netzwerk B“ (ein Selbsthilfe-Verein von Mißbrauchsopfern) will sich an einer Sammelklage gegen den deutschen Staat beteiligen  –  so erklärte die Initiative von Betroffenen heute in einer Pressemitteilung.

Laut Netzwerk B verstoßen die Verjährungsfristen im deutschen Zivilrecht  gegen die Menschenrechte.

Weiter heißt es in der Stellungnahme:

„Betroffene sexualisierter Gewalt stoßen häufig auf das Problem, dass sie ihre Ansprüche auf Entschädigungsleistungen und somit auf Anerkennung als Opfer von Gewalttaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung nicht durchsetzen können. Verursacht wird dies durch die im deutschen Zivilrecht derzeit sowie in der Vergangenheit geltenden Verjährungsfristen. Gegen diese Regelung wollen wir gemeinsam vorgehen.“

Außerdem erläutert die Erklärung von Netzwerk B:

„Der Kreis der Täter ist hierbei äußerst vielfältig. Diese finden sich insbesondere in Familien, in der erweiterten  Verwandtschaft,  in der Nachbarschaft, in Heimen, in Kindergärten und Schulen, in Kirchen oder anderweitigen religiösen Vereinigungen und Orden. Angesichts der geltenden Verjährungsfristen gehen diese Täter in vielen Fällen nicht nur straffrei, sondern darüber hinaus auch ohne jegliche Entschädigungsleistungen an ihre Opfer aus.“

Quelle und vollständiger Text hier:
http://netzwerkb.org/wp-content/uploads/2012/04/netzwerkB_Pressemitteilung_19.04.2012.pdf

 


Stefania Wilczyñska: Die vergessene Helferin des jüdischen Helden Janusz Korczak

 
Fast jeder kennt die Geschichte des berühmten jüdischen Pädagogen Janusz Korczak, der die Kinder seines Waisenhauses in Polen beim Transport in ein NS-Vernichtungslager begleitete, obwohl er sich denken konnte, daß dies auch seinen Tod bedeutet.Weniger bekannt ist, daß Korczak während der Jahre, in denen er sein Waisenhaus leitete, eine ebenso großherzige Gefährtin an seiner Seite hatte, die leider in Vergessenheit geraten ist.

Stefania „Stefa“ Wilczyñska war es, die Korczak 1911 seine erste Anstellung in dem jüdischen Waisenhaus gab, das sie selber leitete. Beim Umzug des Hauses wurde Korczak der Leiter, Wilczyñska sodann seine Stellvertreterin und Hausmutter.


S. Wilczynska (Foto: Yad Vashem)

Zwanzig Jahre später verspürte sie den Wunsch nach Veränderung: In den Jahren 1931 und 1936 besuchte sie das britische Mandatsgebiet Palästina und und wanderte schließlich 1938 aus. Doch bereits ein Jahr später hatte sie genug vom Leben im Kibbuz (einer landwirtschaftlichen Kommune) und kehrte zurück nach Warschau zu „ihrem“ Waisenhaus.

Auch als die Situation sich mit dem erzwungenen Umzug des Waisenhauses ins Ghetto 1940 verschlechterte, blieb Wilczyñska bei den Kindern und bei Korczak. Ebenso wie er ging sie mit ihnen und den Waisenkindern in den Tod im KZ, um die Kinder nicht im Stich zu lassen.

Quelle: israelische Zeitung „Haaretz“ vom 19.4.2012

 


Islam-Debatte: Volker Kauder erntet Kritik von roter, grüner und türkischer Seite

Nach seiner Aussage, wonach zwar Muslime, aber nicht der Islam zu Deutschland gehöre(n), hat Unionsfraktions-Chef Kauder viel Widerspruch erfahren. Der CDU-Politiker löste damit eine neue Debatte über die Rolle des Islam in Deutschland aus.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, sagte über Kauders Äußerung: „Jeder darf Schwachsinn erzählen in diesem Land. In der Demokratie ist das möglich.“  –  Kolat hat freilich vergessen, hinzuzufügen: „In der Türkei wäre das nicht möglich, dort darf man nicht einmal die Wahrheit sagen„, etwa über den Völkermord des türkischen Staats an den christlichen Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts.

SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann bezeichnete Kauder als „letzten Kreuzritter der Union„. Der CDU-Politiker sorge damit für eine „Abwertung und Ausgrenzung aller Muslime in Deutschland“ und lege einen Sprengsatz in die Islamkonferenz.

Grünen-Chef Cem Özdemir bezeichnete es als „absurd“, zu behaupten, Muslime gehörten zwar zu Deutschland, der Islam aber nicht. „Volker Kauder macht einen auf Kulturkampf, um dem gebeutelten konservativen Teil der Union zu signalisieren: Wir haben euch nicht vergessen.“

Özdemirs Co-Vorsitzende Claudia Roth sagte der WAZ: „Volker Kauders Ausfälle gegenüber Muslimen in Deutschland sind beschämend und kaum zu ertragen.“  –  Mit seinen Einlassungen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, „nimmt Herr Kauder Millionen hier lebenden Menschen jetzt auch noch ihre Heimat weg und bürgert sie praktisch aus.

In Wirklichkeit hat der CDU-Fraktions-Chef lediglich festgehalten, daß der Islam als solcher nicht zu Deutschland gehört. Weder hat der Islam unsere Grundgesetz mitgeprägt noch ist er in irgendeiner Weise „kulturprägend“ gewesen oder geworden.

Quelle: WELT-online

 


Fraktions-Chef von CDU/CSU: Muslime gehören zu Deutschland, aber nicht der Islam.

Kurz vor Beginn der sog. „Islamkonferenz“ hat Volker Kauder, der Vorsitzende der Unions-Fraktion, erklärt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland: „Der Islam ist nicht Teil unserer Tradition und Identität in Deutschland und gehört somit nicht zu Deutschland“, sagte Kauder in der Passauer Neuen Presse vom heutigen Donnerstag.

Der CDU-Politiker stellte zugleich klar:  „Muslime gehören aber sehr wohl zu Deutschland. Sie genießen selbstverständlich als Staatsbürger die vollen Rechte.“

Vertreter der Regierung und der Muslim-Verbände kommen heute zu Beratungen im Rahmen der Islamkonferenz in Berlin zusammen.  Dabei soll auch über die vieldiskutierte, millionenfache Verteilung des Korans durch radikal-islamische Salafisten gesprochen werden.

Dies kündigte Bundes-Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) als Veranstalter des Gesprächsforums an. „Religion darf nicht für ideologische Machtansprüche missbraucht werden. Diese Botschaft muss auch von der Deutschen Islamkonferenz ausgehen“, sagte er.

Quelle: http://www.news.de


Kollektivschuldthesen „entlasten“ die wirklichen Täter

Antwort von Felizitas Küble zur Kollektivschuld-Debatte in der FAZ

Die „Frankfurter Allgemeine“ veröffentlichte heute (19.4.) meine Stellungnahme zu den Leserbriefen von Dr. Ralph Giordano und Dr. Andreas Püttmann.

Beide Herren hatten sich zuvor scharf gegen meine Leserzuschrift gewandt, die in der FAZ vom 2.4. veröffentlicht worden war  –  hier der volle Wortlaut:
https://charismatismus.wordpress.com/2012/04/05/leserbrief-debatte-in-der-faz-uber-die-kollektivschuld-these/

Darin habe ich mich kritisch mit der 68er-Revolte und der Kollektivschuldthese auseinandergesetzt.

Der heutige Abdruck meines Leserbriefs als Echo auf die beiden Kritiker ist erfreulich, allerdings nicht vollständig ; hier lesen Sie nun den gesamten Wortlaut meiner Stellungnahme, wobei die beiden hier von mir kursiv gesetzten Absätze ziemlich am Schluß von der FAZ gestrichen wurden:

„Auf die beiden am 5. April in der FAZ veröffentlichten Kritiken zu meinem Leserbrief vom 2. April möchte ich gerne antworten:

Dr. Ralph Giordano möge berücksichtigen, daß ich  – hinsichtlich der Zeit vor 1968 – nicht von einer wünschenswerten oder gar optimalen Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur schrieb, sondern von einer „ernsthaften“ –  und dabei bleibe ich, zumal ich Adenauers Versuch einer  – auch finanziellen  – Wiedergutmachung gegenüber Israel erwähnt hatte, wohingegen die 68er Revolte insoweit aus „Sprücheklopferei“ bestand (oft noch dazu antizionistisch geprägt).

Ich erinnere zudem an die faktenstarken Bücher von Nahum Goldmann, Gründer und von 1949 bis 1978 Präsident des Jüdischen Weltkongresses; darin äußert sich Goldmann insgesamt positiv über Nachkriegsdeutschland und würdigt besonders Adenauers Israelpolitik (vgl. z.B. seine Biographie „Mein Leben als deutscher Jude“).

Überdies habe ich keineswegs eine  „Kollektivunschuld“ vertreten, nur weil ich differenzierte  „zwischen Tyrannei einerseits und dem unterdrückten Volk andererseits, das größtenteils selber unter dieser Diktatur zu leiden hatte“.

Der Verfasser erwähnt sodann „die bis auf eine Minderheit führerbesoffenen Deutschen“, wie er sie „damals erlebt“ habe. Dies war sicher regional sehr verschieden, wie die Wahlergebnisse ausweisen, wonach etwa in katholischen Gegenden durchgängig weniger NSDAP gewählt wurde als anderswo.

Bei der letzten freien Reichstagswahl am 6. November 1932 erreichte die NSDAP 33,1%, also ein Drittel  –  also nach  „führerbesoffenen Deutschen bis auf eine Minderheit“ sieht das nicht aus.  –  Zudem hatte Hitler die Reichspräsidentenwahl vom April 1932 verloren;  wiedergewählt wurde eindeutig Reichspräsident Paul von Hindenburg, für den auch Parteien der Mitte (zB. das Zentrum) und die SPD geschlossen eintraten, um Hitler zu verhindern, was insoweit auch gelang.

Dr. Giordano möge außerdem bedenken, daß die von mir kritisierten 68er oft sehr israelfeindlich agitierten bis hin zur RAF als einem radikalem Ausläufer, wobei sich diese antizionistischen Terroristen z. T. in PLO-Kampflagern des Südlibanon ausbilden ließen.

Dazu kommt  – und darauf hat auch Hannah Arendt besorgt hingewiesen  –  daß durch Kollektivschuldthesen wirkliche Täter scheinbar „entlastet“ werden, da sie im „Meer“ der vermeintlich „Kollektivschuldigen“ nicht mehr auffallen, denn wenn alle schuld sind, fällt persönliche Schuld kaum noch ins Gewicht. Daher sind derartige Theorien für real Verantwortliche geradezu bequem und scheinbar entlastend.

Was den Leserbrief von Dr. Andreas Püttmann betrifft, so schreibt er z.B: „Eine katholische Publizistin sollte etwas mit „Stellvertretung“ und „gemeinschaftlicher Sühne“ anzufangen wissen.“  –  Ich kann vor allem mit dem 4. Gebot (das Juden und Christen gemeinsam schätzen) etwas anfangen: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“

Ich  halte es überdies für abwegig, den in der Kreuzestheologie verwendeten Begriff der  „Stellvertretung“ auf die politische Ebene zu übertragen, denn dadurch wird die persönliche Verantwortung wirklicher Täter vernebelt und durch „gemeinschaftliche Sühne“ weitgehend nivelliert.  Daß es für uns Deutsche freilich ein zukunftsorientiertes Verantwortungsbewußtsein geben soll, steht außer Zweifel   –  das gilt vor allem für eine wohlwollende Haltung gegenüber Israel (wobei Wohlwollen nicht Kritiklosigkeit bedeuten muß).

Sodann ereifert sich Dr. Püttmann wie folgt: „Von Frau Kübles Empörung…würden sich meine katholischen Großeltern, überzeugte Nazi-Gegner, sicher nicht gern verteidigen lassen“, denn sie seien „erschüttert über die „Verführbarkeit ihrer Mitbürger“ gewesen etc. Auch habe die Aussage „Wir werden uns noch zu Tode siegen“ seinen Großvater „fast ins KZ gebracht“.

Eben dies bestätigt meine Ausdrücke von der „Gestapo-Diktatur“ und der „Tyrannei“: Wegen eines kritisches Satzes oder eines politischen Witzes konnte man damals ins KZ oder in den Knast verfrachtet werden, in denen sich während der NS-Zeit mehrere hunderttausend Deutsche befanden –  nicht selten wegen einer einzigen skeptischen Aussage.

Obwohl der Verweis auf persönliche Erfahrungen wenig zu einer allgemeinen Analyse beiträgt, berichte ich nun  –  wie Dr. Püttmann  –  auch kurz von meinen Vorfahren:

Mein Großvater Alois Küble war einfacher Kleinbauer im oberschwäbischen Bergatreute, der eine Anti-NS-Kundgebung organisierte und mit KZ bedroht wurde. Doch die katholische Gemeinde stand fast geschlossen hinter ihm, so daß die Nazibonzen ihre Ankündigung nicht wahrmachten. Nach dem Krieg wurde er von der französischen Besatzungsmacht als Bürgermeister von Bergatreute eingesetzt und später von der Bevölkerung durch Wahl in diesem Amt bestätigt.

Mein Vater Anton Küble kam 1944 mit 16 Jahren ins Ulmer Gefängnis, weil er sich weigerte, in die Waffen-SS einzutreten (so „freiwillig“ war mitunter die Waffen-SS in den letzten Kriegsjahren).  –  Mein Großonkel, der bekannte Jesuitenpater und Schriftsteller Dr. Philipp Küble SJ, veröffentlichte 1946 ein aufrüttelndes Buch mit dem Titel: „Die Konzentrationslager –  eine Gewissensfrage an das deutsche Volk und die Welt.“

In meiner Herkunftsfamilie wurden Kollektivschuldthesen stets abgelehnt  – nicht obwohl, sondern gerade weil sie von tapferen und kernkatholischen NS-Gegnern geprägt war.“

Felizitas Küble, Münster