Buch-TIP: „Steffens letzte Ferien“ – Jungenleben anno 1970 zwischen Susi und Franziska

Buch-Daten: Steffens letzte Ferien, Günter Mayer, Paperback, Verlag Books on Demand, Norderstedt 2011,124 Seiten, 12,50 €, ISBN 978-3-8448-7237-8

Eine kenntnisreiche Erzählung über die „sexuelle Revolution“ im Alltag der Jugend

Dieses im Herbst 2011 erschienene Taschenbuch „Steffens letzte Ferien“ von Günter Mayer ist eine packend geschriebene, lebensnahe Geschichte: mag sie formal weitgehend einem Roman ähnlich sein, so ist sie doch nicht komplett frei erfunden.   

Vielmehr ist es dem Autor eindrucksvoll gelungen, jene Erkenntnisse und Erlebnisse, die ihm viele Jungen seiner Gruppe in den 70er Jahren schilderten, nunmehr in eine lebendig wirkende Erzählung zu verweben, die zudem unaufdringlich und scheinbar „nebenbei“ wichtige historische Kenntnisse vermittelt.

Vor allem aber eignet sich das anschaulich geschriebene Buch als eine Art Zeitdokument über das spezifische Lebensgefühl von Jungen und Mädchen Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, als die  –  im Grunde kulturfeindlichen   –  Ausläufer der 68er „Kulturrevolution“ wirksam wurden und zunehmend von den Universitäten abwärts in die „Basis“ gelangten   –  und vor allem viele jungen Leute beeinflußten, auch Teenager ab 13 Jahren aufwärts.

Diese Teenis standen in dieser bewegten Zeit des Umbruchs, der vermeintlich fortschrittlichen Reformen  und eines tiefgreifenden Wertewandels oft verwirrt zwischen dem „konservativen“ Einfluß von Elternhaus und Kirche auf der einen Seite  –  und der angeblichen sexuellen Befreiung andererseits.

Viele Jugendliche waren von diesem Zwiespalt verunsichert und überfordert, sie überließen sich dem hedonistischen „Zeitgeist“ und oft auch verfrühten sexuellen Erlebnissen.

Diese von der Pubertät geprägten Jugendlichen zwischen 13 und 16 standen in einem zermürbenden Spannungsfeld zwischen bürgerlich-herkömmlicher Sexualmoral und einer neuen Freizügigkeit bis hin zur Hemmungslosigkeit. In dieser unausgegorenen Situation entstand allzu leicht der Wunsch, nunmehr all das auszuprobieren, was zwar durch Kirche und Elternhaus verboten war, aber neuerdings normal und durchaus erlaubt erschien,  wie freizügige Jugendillustrierte  – darunter vor allem die „Bravo“  –  suggerierten.

In seinem  Vorwort verdeutlicht Günter Mayer, der Verfasser, wie die Ideen der revolutionären 68er-Bewegung von den Universitäten aus ihren Siegeszug in bürgerliche Wohnzimmer antreten konnten  –  und dies vor allem mit Hilfe zeitgeistbeflissener Medien und Politiker. Eine radikale Abkehr von bisher geltenden Denkweisen und die Verteufelung jeglicher Autorität bewirkten bei Heranwachsenden eine zunehmende Orientierungslosigkeit, was durch eine Werte-Verunsicherung vieler Erwachsener noch verstärkt wurde.

Vom einführenden Vorwort zurück zur spannenden Erzählung: Der aus gutbürgerlichem Hause kommende Steffen ist zwar nicht in allem Situationen der große „Held“, aber gleichwohl Mittelpunkt dieser Erzählung, die mit Steffens Schulentlassung und seiner intensiven Suche nach einer Lehrstelle als KfZ-Mechaniker beginnt.

Um das Erfreuliche gleich vorwegzunehmen: Am Schluß hat der geistig aufgeschlossene Junge, der sich durch alle Irrungen und Wirrungen hindurch seine sittlichen Ideale nicht nehmen läßt, sowohl eine gute Lehrstelle wie auch ein solides, jugendfrisches und aufrichtiges Mädchen namens Franziska an der Hand, mit der er eine gemeinsame Zukunft plant, wenngleich die Hochzeitsglocken schon aus Altersgründen noch nicht läuten können.

Dieses sachte angedeutete „Happy End“, das einerseits in einer nüchtern-realistischen Sprache geschildert wird, andererseits einen leichten Hauch Romantik enthält, ist sicher  wohlverdient, denn obwohl sich Steffen nicht immer und überall glänzend wie ein „Ritter ohne Furcht und Tadel“ bewährt, wenngleich auch er aus Fehlern lernen muß und einigen Irrtümern aufsitzt, so ist er trotzdem  –  oder eben deswegen  –  eine positive Identifikationsfigur, dem man gerne ein erfolgreiches Meistergeschäft und vor allem eine glückliche Ehe, gesegnet mit einer frohen Kinderschar, wünschen möchte.

Freilich gibt es in dem  – gottlob völlig kitschfrei formulierten, vielmehr sehr lebensnah und plastisch geschriebenen  – Buch nicht nur edle Franziskas, sondern auch eher liederliche „Susis“, die sich aufdringlich an Jungs heranmachen und sie zu frühen Sexerlebnissen verleiten wollen.

Infolgedessen sind Jungen im typischen Alter zwischen Schulabschluß und Lehrstelle hin und hergerissen zwischen oberflächlichem Sex und aufkeimender Liebe, die sich ernsthaft für das „Gegenüber“ interessiert und nicht nur auf egoistische Lustbefriedigung abzielt.

Zugleich handelt die bewegende, oftmals geradezu mitreißende Erzählung von entstehenden Kameradschaften zwischen Jungen, von der freundlichen, aber nicht immer ganz harmonischen Beziehung zwischen Steffen und seinem jüngeren Bruder Micha, der ebenfalls vom Strudel hemmungsloser Sexeinflüsse nicht ganz frei bleibt, aber doch wie sein älterer Bruder im Grunde nach dem Guten und wirklich Wertvollen im Leben  – und in der Liebe  –  sucht.

Dabei gerät auch die Kirche positiv in den Blick, weil sie durch die christliche Botschaft für Sinn und Halt im Leben sorgt, zumal in der „unreifen“ Zeit des Heranwachsens. Auch Steffen, dessen Elternhaus zwar bürgerlich, aber nicht religiös ist, interessiert sich zunehmend für die Antworten, die der christliche Glaube und seine Ideale für die bohrenden, tiefgründigen Fragen junger Leute geben kann, wobei ein sympathischer Kaplan für ihn zum menschlichen und sittlichen Vorbild wird.

Ein weiterer Wert dieses Buches, das wirklichkeitsnah und fesselnd die Alltagswelt der Teenager in der Spätphase der 68er Bewegung schildert, liegt in seinen geschichtspolitischen Informationen, die knapp und sachlich in die Erzählung hineinfließen  – und zugleich im Anhang des Buches übersichtlich erläutert werden.

Zudem finden sich vielfach erklärende Fußnoten auf der jeweiligen Seite unten, wobei historische Vorgänge ebenso erklärt werden wie praktische Alltagsthemen aus den 70er Jahren oder damals aktuelle politische Ereignisse.

So vermittelt dieses Buch für die Jugend sowohl spannende Dialoge und Erlebnisse wie auch lehrreiche Kenntnisse und aufschlußreiche Hintergründe über das Zeitgeschehen und geschichtliche Zusammenhänge, vor allem hinsichtlich der europäischen „Freiheitskriege“ gegen Napoleon oder dem deutsch-französischen Krieg 1870, aber auch zu Vorgängen des 20. Jahrhunderts, etwa der Situation in der Weimarer Republik, der Lage der Sudetendeutschen, der beginnenden NS-Diktatur, der Adenauer-Republik usw.

Der Verfasser konnte immer wieder erleben, daß junge Leute an historischen Ereignissen sehr interessiert waren und ein entsprechendes Defizit des Geschichtsunterrichts beklagten. Es ist ihm deshalb wichtig, in seiner Geschichte wieder wesentliche Inhalte der “Geschichte”  in Erinnerung zu rufen.

Wer das Buch gelesen hat, wird Verständnis für eine Jugend gewinnen, die nach tragenden Maßstäben und Werten sucht, die sich in einer weitgehend orientierungslosen Welt zurechtfinden muß, einer Welt überdies, die dem antibürgerlichen und linkslastigen Zeitgeist der 68er Bewegung vielfach anheimgefallen ist, was der Autor in Form einer spannenden, mitunter auch humorvollen Erzählung kritisch und realitätsnah beleuchtet.

Man spürt bei der Lektüre dieser frisch geschriebenen Erzählung schnell, daß sich der Verfasser im praktischen Kontakt mit Jugendlichen befand: er war tatsächlich 30 Jahre lang ehrenamtlicher Leiter in einem großen katholischen Jugendverband.

Bei seinen zahlreichen Wanderungen, Fahrten und Freizeiten wurde er handfest mit Erfahrungen, Problemen und Herausforderungen vieler Jungen konfrontiert. Auch bei späteren Treffen wurde ihm oft aus dem damaligen Denken und Erleben berichtet. Dieser vielfältige „Stoff“  ist in diese „erfundene“ und doch so lebensnah wirkende Geschichte eingeflossen.

Zugleich macht sich  –  angesichts der Informationsdichte und breiten Wissensvermittlung dieses Buches  –  bemerkbar, daß der Autor als Rechtspfleger und Dozent an der Fachhochschule Schwetzingen tätig war.

Berufliche Sachkenntnis und ehrenamtlicher Einsatz für die Jugend bilden die beiden wesentlichen „Säulen“ für die schriftstellerische Tätigkeit von Günter Mayer, die er nach seiner Pensionierung begonnen hat; dies führte zu einer Reihe juristischer Fachbücher sowie Ratgebern für Laien, aber auch zu drei Kinder- und Jugendbüchern, wobei die Erzählung „Steffens letzte Ferien“ das vierte im Bunde sein könnte  – freilich ist es eher für ältere Jugendliche und Erwachsene verfaßt.

Dieses „Buch für die Jugend“ ist ansprechend gestaltet und übersichtlich aufgebaut; zugleich bietet es eine reiche Fundgrube wissenswerter Informationen,  wozu auch die vielen Erläuterungen, Zitate und Buchhinweise im Anhang beitragen.

Das 124 Seiten umfassende Werk eignet sich für ältere Teenis ab 16 Jahren  –  und für alle erwachsenen Leser, die sich für die Welt der Jugendlichen interessieren und sich ein „Herz für die Jugend“ bewahrt haben.

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Jugendverlags und des Christoferuswerks in Münster

Das Buch kann für 12,50 € portofrei auch bei uns bestellt werden: Tel. 0251-616768 /Mail: felizitas.kueble@web.de

Erstveröffentlichung  dieser Besprechung in der Zeitschrift „Theologisches“ (Mai/Juni 2012)

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