Zeitdokument: Erzbischof Müller über den Mißbrauch – und dessen Mißbrauch in unfairen Kampagnen

Am Passions-Sonntag 2010 hat Erbischof Gerhard Ludwig Müller,  Oberhirte von Regensburg und heutiger Chef der Glaubenskongregation,  ein ebenso gehaltvolles wie klares Hirtenwort erlassen, das seine Aktualität nicht verloren hat – und das wir heute als aufschlußreiches Zeitdokument im vollen Wortlaut dokumentieren:

Hirtenwort vom Passionssonntag 2010:

Meine lieben jugendlichen und erwachsenen Brüder und Schwestern!

Wir alle sind erschüttert über Berichte von sexuellem Missbrauch, der sich in den letzten 60 Jahren in katholischen Einrichtungen für Jugendliche ereignet hat. Dabei handelt es sich v.a. um Fälle, die zu ihrer Zeit bereits strafrechtlich und kirchenrechtlich geahndet worden sind. Seit den letzten beiden Monaten kommen nun auch Vorfälle zur Anzeige, die bislang unbekannt waren und daher erst jetzt aufgeklärt werden können.

Zu Unrecht wird von interessierter Seite der Vorwurf erhoben, die Verantwortlichen für die Personalführung hätten ohne Rücksicht auf die Opfer systematisch diese Vergehen vertuscht.

Dieser Desinformation, die mit bekannten Vorurteilen gegen die katholische Kirche agiert, trete ich als Bischof mit aller Entschiedenheit entgegen.

Es ist meine Pflicht, den vielen katholischen Christen, die ihrer Kirche treu verbunden sind, Mut zu machen.

In der Stunde der Bedrängnis sorgt sich jeder Hirte um die Schafe. Das Heulen der Wölfe schreckt mich nicht.

I. Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein Verbrechen und eine Todsünde

Zu jeder Zeit und in jeder Hinsicht widerspricht sexueller Missbrauch unserem christlichen Menschenbild. Es ist ein Verbrechen und eine Todsünde, wenn ein Kind und Jugendlicher in seiner Personwürde derart brutal von seinen Erziehern leiblich verletzt, seelisch gedemütigt und in seinem geistigen Selbstwertgefühl als Lustobjekt herabgesetzt wird.

Ein Vertrauensbruch im allerschlimmsten Sinn liegt vor, wenn ein Priester als geweihter Diener Gottes sich zu einem solchen schandbaren Tun hinreißen lässt.

Was wir heute im Blick auf die Vergangenheit zu Recht bemängeln, ist die schwer nachvollziehbare Tatsache, dass man sich damals zu wenig pastoral und therapeutisch um die Opfer gekümmert hat. Durch die neuere Psychologie wissen wir heute viel mehr über die oft lebenslangen schlimmen Nachwirkungen solcher Straftaten.

Den Opfern dieser Zeit, aber auch allen, die sich heute erst melden, gilt unser tiefes Mitgefühl. Ihrer Ehre und Würde schulden wir, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt.

Man war wohl früher der Ansicht, man habe genug getan, wenn der Täter seines Amtes enthoben wurde und seine gerechte Strafe abgebüßt hatte. Der Täter habe daraus  –  so war die Meinung  –  die Lehre gezogen und werde an einem anderen Einsatzort nicht mehr rückfällig.

Die fachwissenschaftlichen Prognosen über ein künftig straffreies Verhalten haben sich als unsicher erwiesen. Alle deutschen Bischöfe sind sich einig, dass sie eine ehrliche Aufklärung wollen, frei von falscher Rücksichtnahme, selbst wenn Vorfälle gemeldet werden, die schon lange zurückliegen.

Dazu gehört auch die Unterstützung der Kirche bei der Verfolgung sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch die staatlichen Strafverfolgungsbehörden. Die Opfer haben ein Recht darauf. Ihnen und ihren Angehörigen steht eine menschliche, therapeutische und seelsorgerliche Hilfe zu, die individuell angepasst ist.

In unserem Bistum gibt es Ansprechpartnerinnen, zum einen für sexuellen Missbrauch, zum anderen für Körperverletzung im pädagogischen Bereich, an die man sich vertrauensvoll wenden kann. Die Gemeinden, besonders die Verantwortlichen in unseren Schulen und der Jugendarbeit sind aufgefordert, eine Kultur des aufmerksamen Hinschauens zu pflegen.

II. Mediale Angriffe

Nachdrücklich verurteile ich den Versuch, die ganze katholische Kirche und ihre Einrichtungen in Misskredit zu bringen.

Unsere Geistlichen müssen sich derzeit auf der Straße abschätzigen Blicken und Beleidigungen am Telefon aussetzen.

Solche, die um jeden Preis die katholische Kirche um ihren guten Ruf bringen wollen, haben sich die „Regensburger Domspatzen“ als Opfer ausgesucht. Ein Glanzstück des Bistums Regensburg soll in den Dreck gezogen werden. Ein katholisches Internat mit Buben beschäftigt die Phantasie, die sich genüsslich ausmalt, was alles hinter den „hohen Mauern“ des Musikgymnasiums vorgehen mag. Wir haben es mit ganz normalen, aber hochmotivierten Jugendlichen zu tun.

Bei einer Versammlung mit allen Schülern der Domspatzen haben die 12-Jährigen das böse Spiel auf den Punkt gebracht: „Weil unser Domchor weltberühmt ist, müssen wir für diese Attacken gegen die Kirche herhalten.“

Das schwer sündhafte Fehlverhalten einzelner Erzieher und Schüler  –  Näheres muss erst in historischer Kleinarbeit aus den Akten erhoben werden  –  kann weder der Einrichtung der „Regensburger Domspatzen“ noch der Gesamtheit der völlig unbeteiligten Lehrer und Schüler von damals und schon gar nicht von heute angelastet werden.

Was hier in den letzten Wochen an Verletzung der Menschenwürde unserer Domspatzen geschehen ist, ist unbeschreiblich: Die Gesichter einzelner Jugendlicher werden von der Fernsehkamera groß ins Bild herangeholt. Dem unbedarften Zuschauer wird suggeriert: Das sind die Opfer und Täter einer Organisation, in der „sexueller Missbrauch und systematische Verprügelung von Jugendlichen gang und gebe“ ist.

In dieser angeheizten Stimmung werden unsere Domspatzen öffentlich angepöbelt und mit den ordinärsten Ausdrücken beleidigt. Ihre Eltern werden von Reportern, die das Gymnasium belagern, angegangen, weil sie ihre Kinder noch nicht aus diesem „Sumpf von sexueller Gewalt und systematischer Demütigung“ befreit hätten.

Das ist nicht nur ein Zerrbild jenseits aller Realität, sondern auch ein Ausweis der kriminellen Energie seiner medialen Urheber. Die moralische Verantwortung tragen diejenigen, die diese Hetze gezielt verursachen.

Viele Menschen in unserem Bistum haben mir ihren Abscheu vor diesem zynischen Missbrauch der Personwürde unserer Kinder und Jugendlichen zum Ausdruck gebracht.

Als Bischof von Regensburg bin ich mit allen Gläubigen im Bistum stolz auf unsere Domspatzen und spreche ihnen meine Anerkennung für all ihre großartigen Leistungen aus. Alle Lehrer, Erzieher, Geistliche und Laien, die sich tagtäglich um die schulische und musikalische Ausbildung bemühen, haben mein grundsätzliches Vertrauen.

Wir wirken alle zusammen an der guten Entwicklung der Persönlichkeit und Einfügung ins soziale Leben der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen. Die persönliche unantastbare Würde ist und bleibt Grund und Maß aller religiösen und ethischen Erziehung in unseren katholischen Schulen.

III. Das stellvertretende Sühneleiden Jesu Christi für alle Menschen

Mit dem heutigen Passionssonntag gehen wir der Feier von Leiden, Tod und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus entgegen. In der Lesung aus dem Propheten Jesaja am Karfreitag hören wir vom stellvertretenden Leiden unseres Herrn:

„Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen (…) Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5).

Wir alle sind aufgerufen, an dem stellvertretenden Leiden Christi für das Heil der Welt und die Versöhnung aller Sünder mit Gott teilzuhaben. Vor Gott darf sich keiner rühmen, ohne Sünde zu sein. Niemand kann sich selbst rechtfertigen.

Allein durch das stellvertretende Sühneleiden haben wir die Versöhnung mit Gott. Als Glieder des Leibes Christi, der die Kirche ist, wollen wir die Schuld der Täter stellvertretend mittragen und sühnen. Besonders aber solidarisieren wir uns mit den Geschädigten und tragen ihr Leid in Gebet und aktiver Nächstenliebe mit.

Es segne und behüte Sie alle der dreieinige Gott, der + Vater und der + Sohn und der + Heilige Geist.

Regensburg, am Passionssonntag im Jahr des Heils 2010
+ Gerhard Ludwig
Bischof von Regensburg
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