Programmatische Predigt von Erzbischof Müller über Glaube, Kirche, Priestertum

Am 17. Juni 2012 hielt  Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller anläßlich des Wallfahrtsfestes zu den „Drei elenden Heiligen“ in Griesstetten (Oberpfalz) eine grundsätzliche Predigt, die wesentliche Glaubens- und Sittenlehren aufzeigt.

Etwa zwei Wochen später wurde der Regensburger Oberhirte zum Erzbischof und zum Präfekten der römischen Glaubenskongregation ernannt. Es handelt sich hier um eine seiner letzten Ansprachen als amtierender Bischof von Regensburg, die wir nun im vollen Wortlaut dokumentieren:

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in unserem gemeinsamen christlichen Glauben!

Als ich bei der Vorbereitung zu diesem Festtag zum ersten Mal von den „Drei elenden Heiligen von Griesstetten“ hörte, war ich ein wenig verwundert. Elende Heilige? Was soll das bedeuten? 

Wenn man aber die Erklärung liest und sie sich zueigen macht, dann versteht man, dass hier etwas ganz Spezifisches und sehr Wichtiges über unseren christlichen Glauben, aber auch über das Grundverständnis der menschlichen Existenz ausgesagt wird.

Das Wort „elend“ bedeutet in diesem Zusammenhang soviel wie „ausländisch“, „von wo anders her kommend“. Dieses „Von-wo-anders-her-Kommen“, dieses „Nicht-beheimatet-Sein“ ist ein Sinnbild für die Existenz des Menschen in der Welt.

Nicht umsonst singen wir im Kirchenlied „(…) wenn wir heimfahrn aus diesem Elende“ (GL 248,1) oder beten im Salve Regina „Und nach diesem Elende zeige uns Jesus“.

Hier bricht sich das Bewusstsein Bahn, dass wir im irdischen Leben keine endgültige Heimat finden. Wir suchen zwar die Idylle, in der uns keine Sorgen belasten und wünschen, dass sich die Zeit endlos ausdehnt. Gleichzeitig aber wissen wir, dass diese Vorstellungen und Wünsche unter den Bedingungen unserer irdischen Existenz niemals verwirklicht werden können.

Wir Menschen werden von Krankheiten und allerlei Leiden heimgesucht und gehen unserem sicheren Tod entgegen. „Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die künftige“, wie es der Hebräerbrief treffend beschreibt (Hebr 13,14).

Gleichzeitig sind wir aber nicht verloren. Für den Glaubenden führt der Weg nicht in den gähnenden Abgrund des Nichts, sondern hin zum himmlischen Jerusalem, hinein in die ewige Gemeinschaft mit Gott.

In diesem festen Vertrauen waren unzählige Gläubige im Laufe der 2000 Jahre des Christentums bereit, ihre unmittelbare Heimat, den gesicherten Raum des Bekannten aufzugeben und sich auf den Weg zu machen. Motivation war ihnen dabei nicht die Hoffnung auf ein besseres Leben, sondern vielmehr der Wunsch, anderen Menschen das Bessere, ja das Beste zu verkünden gemäß dem Auftrag Jesu:

„Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,19f.).

Aus diesem Grund können auch wir das Evangelium, die frohe Botschaft, dass Gott sich des Menschen angenommen hat, zu uns gekommen ist und in unserer Mitte seine Wohnung aufgeschlagen hat, nicht nur für uns behalten, sondern wir bezeugen sie unmittelbar den Menschen, die mit uns zusammen sind: in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, in Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.

Das Evangelium führt die Menschen zusammen, wie es bereits im Bericht vom ersten Pfingstfest, dem „Geburtstag“ der Kirche bezeugt ist (vgl. Apg 2,1ff.):

Katholische Weite überwindet die engen Grenzen unseres Denkens

Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft und Sprache waren in Jerusalem zusammengekommen. Durch das Wirken des Heiligen Geistes aber konnten sie die eine Sprache das Evangelium verstehen, mit einem Mund das Gotteslob verkünden, Gott anbeten, ihn loben und preisen für all Große, das er für uns getan hat. So ist die Kirche schon an ihrem Ursprung aus vielen Völkern zusammengewachsen. Diese Wahrheit überwindet die engen Grenzen unseres Denkens, alle falsch verstandene „Heimatlichkeit“, die nichts anderes ist als Provinzialismus.

Das hat ganz konkrete Konsequenzen:

Manche Leute sagen beispielsweise: „Lieber verzichten wir auf eine Eucharistiefeier, weil der sog. ‚ausländische’ Priester am Altar nicht 100%ig hochdeutsch spricht.“ (Als ob das in Bayern eine Selbstverständlichkeit wäre …).

Vimius, Zimius und Marinus, die drei elenden Heiligen von Griesstetten, aber lehren und etwas anderes: Diese Glaubensboten der angelsächsischen Mission  –  Männer aus den Gebieten des heutigen Schottland, Irland und England  –  waren bereit, die weiten und gefahrvollen Wege auf sich zu nehmen, um hier bei unseren Vorfahren das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden.

Deshalb gibt es in der Kirche Gottes keinen Ausländer! Wir gehören als Familie Gottes vielmehr alle zusammen und wirken füreinander!

Als Bischof bin ich froh und stolz, dass in unserer Diözese Regensburg und in vielen anderen Diözesen Deutschlands Priester und Ordensleute aus Indien, Polen, Afrika und anderen Erdteilen seelsorgerlich wirken und Zeugnis dafür geben, dass wir brüderlich und schwesterlich zusammengehören und weltweit das eine Volk Gottes aus den vielen Völkern sind. Ich denke aber auch an die vielen Priester und Ordensleute aus unserer Heimat, die als Missionare in ferne Länder gezogen sind, um dort am Aufbau des Reiches Gottes mitzuarbeiten.

Was ist denn eigentlich die Kirche? – Das II. Vatikanische Konzil lehrt: „Die Kirche ist in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Lumen gentium 1).

Darum haben Provinzialismus und Heimatdümpelei in unserem katholischen Glauben keinen Platz! Wir dürfen vielmehr dankbar sein, dass wir der Weltkirche angehören. Wohin wir auch kommen, überall werden die gleichen Sakramente gespendet. Überall dürfen wir  –  auch wenn wir vielleicht die Sprache nicht verstehen  –  teilnehmen an der einen Feier der Eucharistie, unser Herz im Opfer Jesu Christi Gott darbringen und die Gemeinschaft mit Christus in der heiligen Kommunion empfangen.

Darum lautet die Botschaft, die von den drei elenden Heiligen von Griesstetten ausgeht: Weltweit denken – katholisch denken – die engen Grenzen unseres Denkens, unseres Herzens und unseres Fühlens aufsprengen!

„Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde“, so lesen wir im Buch Genesis (Gen 12,1).

In diesen Worten kommt die Grundorientierung menschlicher Existenz zum Ausdruck. Gewiss, wir sind Fremdlinge auf dieser Welt und haben hier keine bleibende Stätte. Aber wir gehen nicht ziellos durch die Landschaft.

Nicht der Weg ist das Ziel, sondern wir sind unterwegs zum Ziel, das wir nicht aus den Augen verlieren: das himmlische Jerusalem.

In der ewigen Heimat bei Gott wird uns in aller Klarheit und Wahrheit offenbar werden, dass die Liebe Gottes der Sinn unseres Lebens ist. Sie „ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist(Röm 5,5).

Diese Liebe, die uns jetzt schon erfüllt, ist die wahre Heimat im dreifaltigen Gott: Gott selber ist der Ursprung, Christus der Weg und der Heilige Geist die Stärkung auf unserer Pilgerschaft, in der wir verbunden sind mit der Gemeinschaft der ganzen pilgernden Kirche Gottes.

Liebe Schwestern und Brüder! Auf diesem Weg unserer gemeinsamen Pilgerschaft müssen wir uns so mancher Vorurteile und falscher Vorstellungen erwehren, die versuchen, sich in unseren Herzen einzunisten.

Ziel der Ehe ist nicht das bequeme Leben, sondern Liebe und Verantwortung

(1) So ist das RICHTIGE VERSTÄNDNIS VON EHE UND FAMILIE eine große Herausforderung unserer Zeit. Am Anfang der Schöpfung hat Gott den Menschen „als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mk 10,7ff.).

Hier ist von einer Lebensgemeinschaft in personaler und persönlicher Liebe und Treue die Rede. Ihr Ziel ist kein bequemes Leben, sondern die Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen und das Abenteuer der Liebe zu wagen:

„Ja“ zu sagen zu den Kindern, die Gott einem liebenden Ehepaar schenkt; diese Kinder entsprechend ihrer Entwicklung und ihrer Altersstufe zu begleiten; ihnen die Geborgenheit zu vermitteln, auf die jeder Mensch ein Recht hat. Geborgen zu sein, beim eigenen Vater und der eigenen Mutter aufwachsen und leben zu können, ist ein Menschenrecht, das jedem einzelnen zukommt.

Wenn ich aber betrachte, wie manche Volksvertreter oder Interessensvertreter der Wirtschaft „herumeiern“ und anderen ihre familienpolitischen Ideologien aufzudrängen versuchen, dann muss ich klar sagen: Volksvertreter werden gewählt, um dem Gemeinwohl zu dienen, nicht aber um ihre eigenen ideologischen Familienbilder der ganzen Gesellschaft aufzudrängen.

Manche wollen mit Steuergeldern Anreize geben. Die Steuergelder aber werden von uns allen bezahlt, um dem Gemeinwohl zu dienen. Darum geht es nicht um ein gegenseitiges Ausspielen von Betreuungsgeld oder Kita-Plätzen, sondern in allererster Linie darum, dass Eltern die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen und ihnen die Nähe und Wärme geben können, die jeder Mensch zu einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung braucht.

Das Wohl des Kindes muss im Mittelpunkt stehen! Von diesem Grundsatz her gilt es in einem zweiten Schritt zu fragen, wie das am besten verwirklicht werden kann.

Die Eltern haben zu bestimmen, was gut für ihr Kind ist

Kinder dürfen nicht unter dem Blickwinkel des Arbeits- oder Rentenmarktes betrachtet werden, so wichtig das alles auch sein mag. Kinder werden nicht zum Rentenzahlen geboren, sondern werden aus der Liebe Gottes ins Dasein hinein verfügt durch die Liebe des eigenen Vaters und der eigenen Mutter. Dieser Daseinssinn ist unverfügbar und darf von keiner Ideologie verdunkelt werden!

Die Eltern haben es zu bestimmen, was für ihr Kind gut ist und wie sie ihnen nahe sind. Der Mensch ist nicht für die Wirtschaft und die Arbeit da, sondern die Wirtschaft und die Arbeit sind für den Menschen da!

Lasst uns deshalb alle Vorurteile ablegen! Befreien wir uns aus dem Gefängnis falscher Vorstellungen! Sprechen wir ein frohes, überzeugtes „Ja“ zum Kind, „Ja“ zu den jungen Menschen, „Ja“ zum Ehepartner!

Lassen wir nicht zu, dass Menschen benutzt und verzweckt werden! Das menschliche Leben ist in seinem innersten Wesen kein Zweck sondern die Offenbarung des Sinns, den wir von Gott her empfangen haben.

(2) Auch wenn es um die Kirche geht, begegnen uns häufig Vorurteile. Dem gilt es das RICHTIGE VERSTÄNDNIS VON KIRCHE entgegenzusetzen.

Die Kirche ist kein von Menschen gemachter Verein, sondern kommt von Gott her. Darum ist sie heilig und heiligt uns durch die Gnadenmittel, die Gott ihr eingestiftet und uns anvertraut hat: die Verkündigung des Evangeliums und die Feier der Sakramente. Dazu hat Gott seiner Kirche Hirten als Seelsorger gegeben.

Wir wissen: Die Kirche besteht aus Menschen wie du und ich. Wir Menschen können, solange lange wir noch auf Erden sind, Irrtümern unterworfen sein, uns kontraproduktiv verhalten und ein schlechtes Beispiel geben. Das darf uns aber nicht am Wesen der kirchlichen Sendung irre machen!

Wir wollen uns daher nicht in Vorurteilen fangen lassen, sondern mit dem geistlichen Urteil, das uns zusteht, genau unterscheiden zwischen dem, was in der Kirche göttlich, heilig und unzerstörbar ist, und dem, was durch das Fehlverhalten von Menschen  –  auch unser Fehlverhalten!  –  verdunkelt wird.

Für unsere Sünden bitten wir um Vergebung, indem wir uns im Sakrament der Beichte dem Bußgericht der Kirche unterstellen, Umkehr wagen und mit einem neuen Anfang beschenkt werden.

Wir lassen uns nicht auseinandertreiben, sondern bitten den Herrn im Bewusstsein unserer eigenen Schwäche darum, dass er uns unsere Sünden vergibt und die Kirche in der Welt neu und gereinigt aufstrahlen lässt. Denn auf dem Antlitz der Kirche soll die Herrlichkeit Christi widerstrahlen, damit alle Menschen verstehen, dass wir zur „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21) berufen sind.

Reform der Kirche durch konsequente Nachfolge Christi

(3) Und ein Drittes: Wir müssen uns um ein RICHTIGES VERSTÄNDNIS DES WEIHESAKRAMENTES bemühen und dürfen nicht dem Vorurteil aufsitzen, das zölibatäre Priestertum würde durch das Fehlverhalten einiger weniger in Frage gestellt.

Die Reform der Kirche kommt nicht von denen, die äußerlich etwas verändern wollen, sondern allein von jenen, die den radikalen Weg der Nachfolge Christi gehen!

Wer die Kirchengeschichte auch nur ein wenig kennt, weiß: Erneuerung und Verlebendigung des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe geht immer von Menschen aus, die dem Ruf Jesu Christi radikal gefolgt sind. „Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?“, so fragen die Jünger den Herrn (Mk 19,27).

Jesus hat die Apostel in seine Nähe gerufen. Das beinhaltet auch, dass er sie herausruft aus dem Kreis der eigenen Vorstellungen, Wünsche und Pläne und sie in Dienst nimmt und aussendet zur Verkündigung des Evangeliums, zur Leitung der Gemeinden und zur Spendung der Sakramente.

Darum gilt es im Blick auf die Heiligen, die wir heute verehren, junge Männer werbend anzusprechen und in den Familien ein positives Klima zu schaffen, das jungen Männern hilft, „Ja“ zu sagen zur Berufung, die ihnen von Christus her zukommt.

Unser aller Anliegen muss es sein, ein positives Klima für das Wachsen von geistlichen Berufungen zu schaffen. Denn es ist Gottes ureigenes Recht, aus unserem Kreis heraus Menschen zu berufen und sie mit Vollmacht auszustatten, so dass sie zum Heil der Menschen, gleichsam zu einem „göttlichen Gemeinwohl“ beitragen können.

Dazu mögen uns unsere Brüder, die drei elenden Heiligen von Griesstetten, helfen. Aus der Fremde und dem Elend dieses sterblichen Daseins wollen sie uns den Weg zeigen hin zur vollen Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott.

Diesen Weg hin zu Gemeinschaft der Heiligen gehen wir in der Gemeinschaft der pilgernden Kirche. Gemeinsam dürfen wir Gott loben, preisen und anbeten. Wenn aber Gott „über alles und in allem“ (1 Kor 15,28) herrschen wird, dann wissen wir, dass wir angekommen sind im himmlischen Jerusalem, dem uns niemand mehr entreißen kann.

Dann sind wir nicht mehr im „Elend“, im „Ausland“, in der Fremde, im ungesicherten Raum, sondern in der ewigen Heimat, die wir nie mehr verlieren werden. Amen.

Quelle und Fotos: Bischöfliches Presseamt Regensburg

Familienfoto: CDL, Mechthild Löhr

 


9 Kommentare on “Programmatische Predigt von Erzbischof Müller über Glaube, Kirche, Priestertum”

  1. Carolus sagt:

    Für Bischof Müllers Worte zu Ehe und Familie kann ich ihm ein aufrichtiges Vergelt’s Gott sagen (so ist es z. B. in der Steiermark üblich).

    Was aber meint er mit „Provinzialismus und Heimatdümpelei“? Es stimmt schon, dass manche Gottesdienstbesucher unglücklich sind mit exotischen oder mangelhaft deutsch sprechenden Priestern, und ich selbst finde es schon bedauerlich, dass wir wieder Missionsland sind wie im frühen Mittelalter und unter Priestermangel leiden. Hoffentlich meint er nur dieses Unbehagen.
    Sollte er aber die Überflutung unserer Länder mit fremden Unkulturen begrüßen und Kritik daran und Patriotismus verurteilen, dann gute Nacht, Europa!

    „Das Wohl des Kindes muss im Mittelpunkt stehen!“: ein wahres Wort. Wenn ich nun aber lese, dass Erzbischof Müller die Knabenbeschneidung befürwortet (https://charismatismus.wordpress.com/2012/07/13/erzbischof-muller-kritisiert-den-menschenrechtsbeauftragten-der-bundesregierung-wegen-religionsbeschimpfung/), dann möchte ich schon auf den Widerspruch aufmerksam machen und zusätzlich den KKK zitieren:

    477. Welche Handlungen stehen im Widerspruch zur Achtung der körperlichen Unversehrtheit der menschlichen Person?
    Solche Handlungen sind: Entführungen und Geiselnahmen, Terrorismus, Folterung, Vergewaltigungen, direkte Sterilisation. Nur aus streng therapeutischen Gründen sind Amputationen und Verstümmelungen einer Person sittlich zulässig.

    Ich halte das für erklärungsbedürftig.

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    • Guten Tag,
      aus dem Zusammenhang kann man ableiten (es geht konkret um ausländische Priester hier in Deutschland, nicht um Einwanderung!), daß sich die Kritik am Provinzialismus (nicht am Patriotismus!) auf gewisse (spieß)bürgerliche Haltungen und Engstirnigkeiten bezieht.
      Zu bedenken ist hier auch:
      Ausländische Geistliche, etwa aus Polen, sind oft konservativer als der deutsche Durchschnittspriester; immerhin bin ich mit einigen polnischstämmigen Pfarrern befreundet, die wegen ihrer „brav-katholischen“ Grundhaltung erhebliche Probleme mit dem jeweiligen bischöflichen Ordinariat haben oder hatten. Daher lehnen manche Bistumsleitungen den Einsatz ausländischer Pfarrer ab und sind keineswegs bereit, den sog. „Priestermangel“ auf diese Weise zu mildern. (Natürlich werden dafür andere Gründe vorgeschoben, „sprachliche Probleme“ usw…)
      Was die Beschneidung der männlichen Babys betrifft, so hat Gott sie im Alten Bund einst angeordnet, Christus hat sich diesem Ritual unterworfen, das Christentum hat diese Beschneidung als für Christen überflüssig erklärt, aber nicht versucht, sie den Juden auszureden, auch Paulus nicht.
      Zudem ist zu bedenken, daß das umstrittene Beschneidungsurteil in seiner Begründung anführt, die Eltern dürften ihre Babys nicht in eine bestimmte religiöse Bindung festlegen. Das dürfen sie sehr wohl, dafür spricht nämlich das gottgewollte und natürliche Elternrecht, das der Staat zu respektieren hat. Es gilt nicht allein für die Ablehnung staatlicher Sexualkunde, sondern eben auch für das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ihrer Kinder gemäß ihrer eigenen Überzeugung.
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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      • Carolus sagt:

        Frau Küble,
        in der Frage der ausländischen Priester bin ich ganz mit Ihnen; verzeihen Sie meine hochgradige Hellhörigkeit, wenn ich „Heimatdümpelei“ lese.

        In der Frage des Kölner Urteils glaube ich, dass unsere Hirten einem Missverständnis und einem schweren Irrtum unterliegen.

        Zum Missverständnis:
        Ich sehe im Urteil kein Verbot in dem Sinn, dass die Eltern ihre Babys zu keiner bestimmten religiösen Bindung festlegen dürften. Sie dürfen sie nur nicht verletzen!

        …Die Grundrechte der Eltern aus Artikel 4 Abs. 1, 6 Abs. 2 GG werden ihrerseits durch das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung gemäß Artikel 2 Abs.1 und 2 Satz 1 GG begrenzt. …

        Der Terminus Selbstbestimmung zielt m. E. keineswegs gegen die Taufe oder Erziehung, sondern meint, man kann mit der Beschneidung (=Körperverletzung) warten, bis der Circumcidend im entsprechenden Alter höchstpersönlich seine „Persönlichkeit frei entfalten“ (Art. 2(1) GG) kann. Für ein Baby oder einen Vier- bis Neunjährigen kann es ja logischerweise keine Selbstbestimmung geben.
        Ein weiterer Hinweis meinerseits: Das Wörtchen UND zwischen Unversehrtheit und Selbstbestimmung weist auf die enge Verknüpfung zwischen den beiden Rechten in diesem konkreten Fall hin. Also keine Einschränkung der „Selbstbestimmung“, wenn nicht eine Verletzung der Unversehrtheit erfolgt.
        Ich interpretiere „Selbstbestimmung“ also eher als Entgegenkommen an Judentum und Islam, als Hinweis, wie man dem Dilemma entkommen kann. Im Übrigen müssen beide Kulturen selbst einen Weg aus diesem Problem finden. In Israel und den USA gibt es ja schon Ansätze.

        Zum Irrtum:
        Die Beschneidung ist keine Bagatelle, weder körperlich noch psychisch, sondern eine schwere Verletzung mit oft traumatischen, manchmal tödlichen Folgen. Darum sind die unempathischen Stellungnahmen der deutschsprachigen Hirten für mich eine schwere Last.

        Links:
        Urteil: http://www.justiz.nrw.de/nrwe/lgs/koeln/lg_koeln/j2012/151_Ns_169_11_Urteil_20120507.html

        GG: http://www.bundestag.de/dokumente/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01.html

        Artikel 2
        (1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
        (2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. …

        Siehe evt. v. a. die Kommentare bei http://kreidfeuer.wordpress.com/2012/07/29/fuat-sanac-beschneidung-mit-fingernaegelschneiden-vergleichbar/

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      • Guten Tag,
        den Ausdruck „Heimatdümpelei“ würde ich im allgemeinen bzw. in politischen Zusammenhängen auch irritierend finden, doch hier hing es um die katholische Universalität, zudem bezogen auf ausländische Priester in Deutschland.
        Was die Beschneidung betrifft, so scheint mir der Ausdruck, diese bewirke „manchmal tödliche Folgen“ reichlich überzogen, zumal die Hl. Schrift von solchen „Folgen“ offenbar nichts weiß, weder das AT noch das NT.
        Sodann legen Sie das Beschneidungsurteil dahingehend aus, man könne damit warten, „bis der Circumcidend im entsprechenden Alter höchstpersönlich seine „Persönlichkeit frei entfalten“ (Art. 2(1) GG) kann. Für ein Baby oder einen Vier- bis Neunjährigen kann es ja logischerweise keine Selbstbestimmung geben.“
        Mit eben dieser Logik könnte man sehr wohl – in einem nächsten, weiteren Schritt – auch die Taufe verbieten, denn das Gericht hat eben nicht allein mit „Körperverletzung“ argumentiert, sondern auch mit der „Selbstbestimmung“. Diese Befürchtung äußerte auch das konservative „Forum deutscher Katholiken“ – und sie ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Hier ist Wachsamkeit das Gebot der Stunde!
        Zudem könnte dann auch eine Ohrfeige der Eltern eine strafbare „Körperverletzung“ darstellen, die zudem gegen die „Selbstbestimmung“ des Kindes gerichtet ist – denn welches Kind wünscht sich schon eine „Watschn“? Also würde das Elternrecht immer mehr ausgehöhlt – ein Trend, der ohnehin in der deutschen Rechtssprechung (vgl. BvG-Urteile zur staatlichen Sexualkunde) leider zunimmt.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • Carolus sagt:

        Verbesserung:

        Statt: „Also keine Einschränkung der …“

        richtig und besser: „Also keine Einschränkung der Elternrechte durch die Selbstbestimmung, wenn eine Verletzung der Unversehrtheit nicht erfolgt.“

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      • Carolus sagt:

        Frau Küble (zu 8.8. 8:16),
        die „Heimatdümpelei“ können wir gerne in Ihrem Sinn abhaken.

        Zu den tödlichen Folgen der B. siehe z. B. http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/komplikationen/tod-und-beschneidung/todefaelle-durch-beschneidungen.html.
        Auch Bruce/Brenda/David Reimer ist ein indirektes Opfer einer (nicht rituellen) Beschneidung.

        Zum befürchteten Taufe-Verbot: Sicher gibt es Religionshasser, doch weder den Kölner Richtern noch den juristischen Protagonisten (Herzberg, Putzke) könnte ich nach meinen Informationen Religions-„Phobie“ unterstellen. Diese Leute haben streng nach juristischen und Kinderschutzüberlegungen erwogen, argumentiert und entschieden.

        Aber ist es nicht auffällig, dass das polit-mediale Establishment wie ein Mann aufgestanden ist und versucht, das Urteil für ungültig zu erklären? Dieselben Kräfte, die die Abtreibung gutheißen, befürworten auch Körperverletzung. Das ist nur konsistent.

        Übrigens, die Ohrfeige IST m. W. heute strafbar, auch die Sklaverei ist weitgehend abgeschafft und geächtet. Vielleicht gelingt dies in Zukunft auch bzgl. der Kinderbeschneidung.

        Davon unabhängig ist Wachsamkeit immer angezeigt. Da geb ich Ihnen ganz und gar Recht.
        Gruß
        Carolus

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      • Guten Tag,
        es geht weniger um die s u b j e k t i v e n Motive der Richter, sondern um deren objektive Begründung und um die möglichen (Langzeit-)AUSWIRKUNGEN des Urteils. Zudem geht es in der Debatte um rituelle Beschneidungen, keineswegs um nicht-rituelle (deren mögliche Opfer insoweit nicht zur Sache gehören).
        Das „polit-mediale Establishment“ hat zwar öfter, aber nicht immer und nicht automatisch unrecht – zudem war das Echo dort durchaus nicht einhellig.
        Ohrfeigen von Eltern an ihren Kindern sind nach wie vor nicht strafbar – das ist auch vernünftig so. Oder sollen Kinder ihre Eltern etwa deswegen anzeigen?
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • Carolus sagt:

        Frau Küble (8.8. 10:31),
        die Ohrfeige IST strafbar (seit 2000):

        Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

        (http://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1631.html)

        Weiters:
        http://de.wikipedia.org/wiki/Ohrfeige
        http://www.tagesspiegel.de/berlin/pro-und-contra-kinder-ohrfeigen-auch-ein-ausrutscher-ist-strafbar/1786634.html

        Aber ich bin vom Ursprungsthema zu weit abgekommen. Sorry.

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      • Guten Tag,
        der von Ihnen zitierte Gesetzesparagraph steht nicht im Strafgesetzbuch, sondern im BGB, ist also bürgerlichen Rechts. Das wollen wir mal auseinanderhalten. Es ist darin auch nicht von „strafbar“ die Rede, sondern von „unzulässig“.
        Hier der volle Wortlaut:

        „§1631 Inhalt und Grenzen der Personensorge
        (1) Die Personensorge umfasst insbesondere die Pflicht und das Recht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen.
        (2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

        Mir ist ohnehin unklar, wie man „seelische Verletzungen“ rechtlich präzise definieren bzw. auslegen will.
        Im übrigen ist es vielsagend für unsere bundesdeutsche Situation, daß Kinder im Mutterleib zwar straffrei vernichtet werden dürfen (und der Staat oder die Kassen dies in fast allen Fällen sogar noch bezahlen), eine Ohrfeige aber gleichzeitig „unzulässig“ ist.

        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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