Papst Benedikt und seine kritischen Hinweise zum 2. Vatikanischen Konzil

„Das Konzil wollte sich bewußt in einem niedrigeren Rang als Pastoralkonzil ausdrücken“

Am 11. Oktober 2012 begeht die katholische Kirche den 50. Jahrestag der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils. Dabei werden voraussichtlich wieder einige Kontroversen über dieses Thema aufbrechen.

In der seit langem anhaltenden Debatte über das Für und Wider des 2. Vatikanum wird allerdings nicht immer ausreichend unterschieden zwischen Gültigkeit bzw. Rechtmäßigkeit und kirchlicher Verbindlichkeit einerseits –  und dogmatischer Unfehlbarkeit andererseits. 75743_14122011

Außerdem wird mitunter zu wenig beachtet, daß sich das 2. Vatikanum selber als „Pastoralkonzil“ definierte, das vor allem der praktischen Seelsorge dienen sollte   –   und daß es kein Dogma  –  also keinen unfehlbaren Glaubenssatz  – verkündete.

Folglich hat diese Kirchenversammlung insoweit keinen Unfehlbarkeitsanspruch erhoben.

Gleichwohl ist es natürlich auch als Pastoralkonzil gültig, rechtmäßig und im allgemeinen Sinne verbindlich, wenngleich der gläubige Katholik keineswegs verpflichtet ist, etwa jeden dort geäußerten Satz als unfehlbar anzusehen.

Weder hat dieses jüngste Konzil ein „neues Pfingsten“ in der Kirche hervorgebracht, wie manche Enthusiasten vorschnell schwärmten  –  noch sollte man es als „Räubersynode“ verunglimpfen.

Sachkritik an einzelnen Aussagen des 2. Vatikanum ist gläubigen Katholiken freilich durchaus erlaubt.

Darauf hat auch unser Papst, als er noch Kardinal Ratzinger hieß und Glaubenspräfekt in Rom war, mehrfach hingewiesen. Er hat sogar selber eine solche „Sachkritik“ geübt. Er warnte ohnehin ausdrücklich davor, das 2. Vatikanum zu einer Art „Superdogma“ hochzujubeln.

Eine insofern sehr aufschlußreiche Rede von Kardinal Joseph Ratzinger vor chilenischen Bischöfen vom 13.7.1988 befaßte sich mit genau diesem innerkirchlich „heißen“ Themenkomplex.

„Das 2. Vatikanische Konzil ist nicht das Ende der Tradition“

Der damalige Chef der Glaubenskongregation erklärte hierzu:

Das Zweite Vatikanische Konzil gegenüber Msgr. Lefebvre als etwas Wertvolles und Verbindendes der Kirche zu verteidigen, bleibt eine Notwendigkeit.

Aber es gibt eine einengende Haltung, die das Zweite Vatikanum isoliert und die Opposition hervorgerufen hat.

Viele Ausführungen vermitteln den Eindruck, daß nach dem 2. Vatikanum jetzt alles anders ist und das Frühere keine Gültigkeit mehr haben kann oder – in den meisten Fällen – dies nur noch im Lichte des 2. Vatikanum erkennbar sei.

Das Zweite Vatikanische Konzil behandelt man nicht als Teil der lebendigen Tradition der Kirche, sondern direkt als Ende der Tradition und so, als fange man ganz bei Null an.

Die Wahrheit ist, daß das Konzil selbst kein Dogma definiert hat und sich bewußt in einem niedrigeren Rang als reines Pastoralkonzil ausdrücken wollte; trotzdem interpretieren es viele, als wäre es fast das Superdogma, das allen anderen die Bedeutung nimmt.“

Lesen Sie hier die vollständige Ansprache Ratzingers vor den Bischöfen in Chile: http://www.kath-info.de/ratz_13j.html

Sodann muß der unzutreffende Eindruck vermieden werden, als ob das 2 .Vatikanische Konzil quasi   d i e  entscheidende Lehrautorität der Kirche darstelle, als ob frühere Konzilien nur etwas „Vorläufiges“ gewesen seien. Damit würde man gleichsam einen Ast vom Baum abschneiden und ihn isolieren.

„Wir dürfen nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt“

Papst Benedikt hat sich in seinem bekannten Brief an den Weltepiskopat  (alle Bischöfe der Welt) vom 10. März 2009 dazu klar geäußert:

“Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahr 1962 einfrieren (…). Aber manchen von denen, die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass das II. Vatikanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muss den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.”

In diesem Schreiben an den Weltepiskopat äußerte sich der Papst zudem sehr klar über die zentrale Aufgabe der Kirche heute:

„In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen.

Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1), im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen.

Das eigentliche Problem unserer geschichtlichen Stunde ist es, daß Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und daß mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichtes eine Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.

Die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen, ist die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des Petrusnachfolgers in dieser Zeit.“

„Die Welt braucht den kritischen Einspruch“

Zurück zum Thema Konzil. Als Kardinal Ratzinger übte der Papst einst selber sachliche Kritik am 2. Vatikanum, so zB. in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt vom 30.5.1988; er erklärte dabei wörtlich:

„Bei dem großen Ja zu dem, was vom Konzil selbst gewollt war, wird man doch über das Problem, was an Einseitigkeiten unterlaufen ist, mit einer neuen Ernsthaftigkeit nachdenken müssen.

Unserem Ja zur Welt müssen wir hinzufügen, daß die Welt Selbstkritik, kritischen Einspruch braucht. Das kritische Potential, das der Christ gegenüber Entwicklungen hat, muß voll zur Wirkung kommen.“

Detailkritik an der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“

Joseph Ratzinger hat jedoch nicht nur allgemeine kritische Hinweise geäußert, sondern auch spezielle Aussagen oder Argumentationslinien in Konzilstexten bemängelt, zB. betreffs der Pastoralkonstitution „Über die Kirche in der Welt von heute“ (Gaudium et spes), zumal hinsichtlich des ersten Kapitels über die Würde des Menschen.

Hier sei einer der Kritikpunkte des Kardinals herausgegriffen:

In der lateinisch-deutschen Ausgabe der Konzilsdokumente   – erschienen 1968  – vermerkt der Theologie und einstige Konzilsberater Joseph Ratzinger auf S. 331, dieses Kapitel erwähne das christologische Zeugnis leider erst am Schluß seiner Ausführungen:

„Die Auslassung der Christologie aus der Lehre von der Gottebenbildlichkeit […] rächt sich; der Versuch, an die christliche Anthropologie von außen heranzuführen und die Glaubensaussage von Christus dabei allmählich zugänglich zu machen, hat […] zu der falschen Konsequenz verleitet, das Eigentliche des christlichen Glaubens als das vermeintlich weniger Dialogfähige vorderhand beiseite zu lassen.

In Wirklichkeit könnte doch der Ansatz des Textes nur dann Sinn haben, wenn er wirklich stufenweise zum Kern der neutestamentlichen Botschaft vorführte, also sie inmitten des Menschlichen aufdecken und damit zusehends die Perspektive auf Christus hin eröffnen würde, nicht aber wenn man möglichst im Vorchristlichen verbleibt und Christus dann unvermittelt erst am Ende in Erscheinung treten lässt.“

Skepsis betreffs Ausweitung der Konzilserklärung „Nostra aetate“

Vier Jahre zuvor –  noch während des Konzils, nämlich 1964  – erschien Dr. Ratzingers Buch „Ergebnisse und Probleme der dritten Konzilsperiode“ (Bachem-Verlag).

Darin äußert sich der Konzilstheologe  auf den Seiten 45 und 46 kritisch darüber, daß das Konzil seine zunächst geplante, separate „Erklärung über das Judentum“ in ihrer Eigenständigkeit fallenließ bzw. diesen Text ledigilch als Teilstück in eine „umfassende Darstellung einer Theologie der Weltreligionen einfügte (gemeint ist die Konzilserklärung NOSTRA AETATE über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen).

„Ob das ein ganz glücklicher Vorgang ist, wird man bezweifeln können“, schreibt Ratzinger.

Er erinnert an die heilsgeschichtliche und theologische Sonderstellung der Juden laut Paulus (Röm 9 f), eine Sonderstellung, die gegenüber den anderen nicht-christlichen Religionen „nicht verwischt werden“ dürfe. 

Schließlich gehört das Alte Testament zur Offenbarung Gottes (aber nicht etwa der Koran). So wurde z.B. der Islam in „Nostra aetate“ zweifellos durch eine betont rosarote Brille betrachtet, die heute eher weltfremd erscheint.

Der Theologie Ratzinger fügte mit Recht hinzu: „Zudem erscheint es fraglich, ob die Situation für eine Theologie der Religionen schon reif ist“.

„Hat das Konzil die Krise der Kirche geschaffen?“

Abschließend ein weiteres Beispiel aus Ratzingers Buch „Dogma und Verkündigung“, das bereits 1973 erschien; dort heißt es auf  S. 433 hinsichtlich der Konzilszeit:

„Damals behauptete im Grunde niemand, daß die Kirche in einer Krise sei,
heute leugnet es niemand, wenn auch die Meinungen über ihre Art und ihre Gründe auseinandergehen.
Was ist geschehen?
Hat etwa das Konzil die Krise geschaffen, da es keine zu überwinden hatte?
Nicht wenige sind dieser Meinung;
sie ist sicher nicht gänzlich falsch,
aber sie trifft doch auch nur einen Teil der Wahrheit.“

Logisches Ergebnis dieser Ausführungen:

Die Ansicht,  daß das 2. Vatikanische Konzil die innerkirchliche Krise „geschaffen“ habe, ist „nicht gänzlich falsch“, sie trifft freilich nur einen „Teil der Wahrheit“, folglich ist dieses Konzil aus Kardinal Ratzingers bzw. des Papstes Sicht durchaus mit-verursachend für die Krise von heute. Dies nüchtern festzustellen bedeutet freilich nicht, die positiven Seiten des Konzils zu bestreiten. 

Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster

 

 


2 Kommentare on “Papst Benedikt und seine kritischen Hinweise zum 2. Vatikanischen Konzil”

  1. Anonymous sagt:

    Es gibt nur eine Religion. Und das ist die römische, kath. apostolische Religion. Und sie war und ist immer für jeden Menschen offen auch für Außenstehende. So ergab sich auch keine andere Erklärung und es war auch keine andere Erklärung zu beschließen.

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