Schweizer Bischof Vitus Huonder: Hirtenwort über die Würde des Menschen

Vollständige Dokumentation

Hirtenwort des Bischofs von Chur

DIE WÜRDE DES MENSCHEN

Wort zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2012

von Dr. Vitus Huonder

Brüder und Schwestern im Herrn,

einen der wohl schönsten Texte über die Würde des Menschen aus christlicher Sicht finden wir im Tagesgebet von Weihnachten:

„Allmächtiger Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt. Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat“. (1)

Anm. des Bischofs: (1) In der älteren, außerordentlichen Form des römischen Messritus spricht der Priester bei der Bereitung des Kelches über das Wasser das Segensgebet: “Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert: Lass uns durch das Geheimnis dieses Wassers und Weines teilnehmen an der Gottheit dessen, der sich herabgelassen hat, unsere Menschennatur anzunehmen”.  – Von dort wurde dieser Text für die Messfeier des Weihnachtstages in der ordentlichen Form übernommen

Menschenwürde und Menschenrechte

Die Würde des Menschen besteht darin, dass Gott ihn erschaffen und ihm Anteil an seinem Leben gegeben hat; dass Gott ihm, nachdem die Sünde über ihn Macht gewonnen hatte, diese Würde von neuem und in noch reicherem Maße durch Jesus Christus geschenkt hat. Schöpfung und Erlösung sind die zwei Säulen, auf denen die Menschenwürde aufruht.

Eine Bestätigung dieser Würde gab uns der Sohn Gottes selber, da er Mensch wurde, um den Menschen zu befreien und das Haupt der neuen Menschenfamilie, der Kirche, zu werden.

Von der Menschenwürde lassen sich die Rechte des Menschen ableiten: die Menschenrechte. So betrachtet, sind die Menschenrechte ein Ausfluss der Wertschätzung, welche der Mensch als Abbild Gottes besitzt; sie sind ein Schutzschild, der sich vor diese Würde stellt; sie sind – und müssen es sein – eine Anwendung der Gebote Gottes, welche sich in der Gottes- und Nächstenliebe verdichten.

Papst Benedikt XVI. sieht einen engen Zusammenhang zwischen Menschenrechten und Gottesglauben. Wenn die Menschenrechte ihres transzendentalen Fundamentes, des Gottesglaubens, beraubt werden, laufen sie Gefahr, nicht beachtet zu werden.

Gefährdete Menschenwürde

Die Würde des Menschen wird in vielfacher Hinsicht in Frage gestellt. Sie war es schon immer, sie ist es in unserer Zeit ebenso und neuerdings. Wir stellen einerseits eine geistige Gefährdung der Menschenwürde fest, anderseits eine materielle.

Die Menschenwürde wird gefährdet, wenn der Mensch seine geistigen Anlagen und Fähigkeiten nicht zu entfalten und zu entwickeln vermag, oder wenn seine Anlagen und Fähigkeiten in eine falsche Richtung geleitet werden; er wird seiner Würde aber auch beraubt, wenn ihm die materielle Grundlage für eine eben „menschenwürdige“ Existenz fehlt oder entzogen wird.

Vor eben diesen Problemen stehen wir heute vermehrt. Sie werden durch starke gesellschaftliche, vor allem ökonomische, aber auch weltanschauliche Veränderungen verursacht, welche Menschen in eine neue Form der Armut, der Verwahrlosung und des Mangels an moralischer Orientierung treiben, und dies auch in unserem Land und in unserer nächsten Umgebung.

Wenn wir genau hinschauen, sind es insbesondere Kinder und Jugendliche, die das höchste Risiko haben, in Armut und Verwahrlosung zu geraten oder davon betroffen zu werden. Das Leben in den Städten wird immer teurer. Die Verschuldung nimmt zu. Viele Familien weichen in die Agglomerationen und in Randgebiete aus. Es ist absehbar, dass sich die Situation dort eben für Kinder und Jugendliche zuspitzen wird.

Menschenwürde und soziale Herausforderungen

Soziale Probleme und Herausforderungen werden oft von abwehrenden, misstrauischen, lieblosen bis menschenverachtenden Reaktionen begleitet. Unter den Bürgern und Bürgerinnen wächst der Unmut. Es kommen Ängste auf. Es entstehen Vorurteile. Das wirkt sich auf die Hilfesuchenden aus. Betroffene Menschen geraten nicht selten in die Kritik. Statt Hilfe zu empfangen, werden sie ausgegrenzt, verurteilt und geraten in noch größere Schwierigkeiten.

Anderseits können wir nicht über die Tatsache hinwegsehen, dass sich unser Sozialstaat nicht selten mit missbräuchlichen Forderungen und Ansprüchen konfrontiert sieht, mit einem gekonnten Stil, andere Menschen auszunutzen. Das kann zu Verärgerung und Verhärtung bei vielen Menschen guten Willens führen. Dennoch dürfen wir darüber nicht den Grundsatz vergessen:

Das Wohlergehen der Schwächeren ist unsere Stärke.

Es darf nicht dazu kommen, dass Menschen, die der Hilfe bedürfen, wegen missbräuchlicher Praktiken anderer um ihre Rechte kommen. Dazu ist zu bedenken: Auch Menschen, die sich ins Unrecht setzen, haben ihre Menschenwürde. Leben wir christliche Nächstenliebe und Gerechtigkeit dort, wo wir können, und verurteilen wir niemand vorschnell.

Die Pfarrei als Ort der Achtung der Menschenwürde

Wenn ich mit diesem Wort an alle Gläubigen gelange, bin ich mir bewusst, dass viele der genannten Probleme zu ihrer Lösung der Professionalität bedürfen. In diesem Sinn sagt Papst Benedikt XVI.: „Was nun den Dienst der Menschen an den Leidenden betrifft, so ist zunächst berufliche Kompetenz nötig: Die Helfer müssen so ausgebildet sein, dass sie das Rechte auf rechte Weise tun und dann für die weitere Betreuung Sorge tragen können“.

Wir haben in unserem Bistum und in vielen unserer Pfarreien glücklicherweise viele diesbezüglich kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sind dafür dankbar. Sie sind aus unserem pfarreilichen und überpfarreilichen Alltag nicht mehr wegzudenken.

Allen in diesem Bereich tätigen Personen möchte ich meine Anerkennung und meinen Dank aussprechen. Doch darf die Professionalität nicht dazu führen, dass sich der einzelne Christ oder die einzelne Christin für die Sorge um in Not geratene Menschen nicht mehr verantwortlich weiß. Die Kirche als solche hat den Auftrag, der Not der Menschen zu begegnen, und zur Kirche gehören wir alle.

Wir alle sind Glieder dieser Kirche, die sich um das geistige und materielle Wohl der Menschen kümmern muss. Wir alle sind Glieder dieser Kirche, die um die Menschenwürde des andern besorgt sein muss. Da kommen uns eben unsere Pfarreistrukturen entgegen.

Hier, vor Ort, kann direkte und unbürokratische Hilfe erfolgen. Wer ist den Menschen näher als eben die Pfarreigemeinschaft? Wer ist mit den Sorgen und Nöten der Menschen in ihrem Alltag vertrauter als die Pfarreigemeinschaft? Da kann man unmittelbar Hand anlegen bei der Wohnungssuche oder bei kleineren Einsätzen in der Nachbarschaftshilfe, bei Aufgabenhilfe oder Suche nach einer Lehrstelle; da können auch Kinder- und Jugendverbände wie Jungwacht, Blauring, Pfadi, Cevi, selbst Sportclubs in das caritative Wirken der Kirche einbezogen werden.

Menschenwürde und Glaubensvermittlung

Abschließend möchte ich auf das Fundament der Menschenwürde zurückkommen, nämlich auf die Tatsache, dass der Mensch Schöpfung Gottes ist, von Gott berufen, in ewiger beglückender Gemeinschaft mit ihm zu leben. Das bedeutet, dass der Mensch auch ein Recht hat, Gott kennen zulernen. Dies umso mehr, als der Glaube dem Menschen hilft, seine Würde wahrzunehmen und zu leben.

Da wir uns im Glaubensjahr befinden, wollen wir uns eben dieser Tatsache neu bewusst werden und als Kirche alles tun, dass die Menschen in unserer Umgebung uns als Glaubensgemeinschaft erfahren können. Die Glaubensverkündigung ist immer auch ein Akt der Nächstenliebe, der Caritas, und damit der diakonischen Ausrichtung der Kirche. Denn „ohne Gott weiß der Mensch nicht, wohin er gehen soll, und vermag nicht einmal zu begreifen, wer er ist“ (Papst Benedikt).

Wort des Dankes

In unzähligen Pfarreien und Haushalten, in Organisationen und Verbänden, in der vielfältigen Freiwilligenarbeit geschehen täglich unschätzbare Einsätze für Menschen in Schwierigkeiten. Dafür möchte ich danken, besonders in diesen Tagen, da wir uns auf das Geburtsfest unseres Herrn vorbereiten und uns bewusst werden, was sein Kommen in unsere Welt bedeutet: Wiederherstellung der Würde des Menschen.
 
Die Gottesmutter, die Mutter des Guten Rates, dessen wir in den vielen Entscheidungen unseres Alltags immer neu bedürfen, begleite uns und stehe uns stets helfend zur Seite. Mit diesem Wunsche grüße ich alle herzlich und lasse allen gerne meinen bischöflichen Segen zukommen.

+ Vitus, Bischof von Chur

Chur, 1. November 2012

Quelle: http://www.bistum-chur.ch/Wort%20des%20Bischofs%20-%20Tag%20der%20Menschenrechte%202012.pdf



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