Alfred Adlers Thesen zur Homosexualität: Angst vor der Herausforderung

Von Felizitas Küble

Der berühmte Arzt und Psychologe Alfred Adler ist der führende Vertreter der zweiten „Wiener Richtung der Psychologie“, die sich von Sigmund Freud und dessen Psychoanalyse trennte und einen anderen Weg einschlug: den der sog. Individual-Psychologie.

Der 1870 als Sohn jüdischer Eltern in Wien geborene Mediziner vollzog 1911 den endgültigen Bruch mit Freud, als er aus dessen „Psychoanalytischen Vereinigung“ austrat und 1913 den „Verein für Individualpsychologie“ gründete. Wegen seiner Gefährdung durch den Nationalsozialismus emigrierte er 1935 in die USA.

Während Freud die „Libido“ bzw. den Sexualtrieb als bestimmenden Faktor im menschlichen Leben ansah, steht für Dr. Adler das „Gemeinschaftsgefühl“ im Vordergrund, das im Menschen naturhaft angelegt sei, aber durch pädagogische Bemühungen im Elternhaus und durch eigene Selbsterziehung   –   er nannte es „Selbsttraining“  –  bestärkt werden müsse.

Er räumte der Willensfreiheit einen weitaus höheren Stellenwert ein, als Freuds Theorie vom „psychischen Apparat“ dies vorsah. Aus Adlers Sicht sind schwerwiegende seelische Persönlichkeitsmängel bzw. Neurosen weniger sexuell verursacht als vielmehr eine Folge von Minderwertigkeitsgefühlen, die dann durch übertriebenes Geltungsstreben scheinbar ausgeglichen bzw „kompensiert“ werden.  So entstehen tiefsitzende Minderwertigkeitskomplexe, die zu Störungen im Gemeinschaftsleben führen.

In diesen Zusammenhang betrachtete er auch „Das Problem der Homosexualität“ (so sein Buchtitel).

Für Dr. Adler beginnt dieses „Problem“ mit Minderwertigkeitsgefühlen in der Kindheit, die durch eine fehlgeleitete Erziehung (zB. durch Vernachlässigung oder das andere Extrem der Verwöhnung) begünstigt würden, ebenso durch eine dominante (beherrschende) Mutter, ein fehlendes Vater-Vorbild oder enttäuschende Erfahrungen mit Gleichaltrigen desselben Geschlechts.

Diese Faktoren führen nach Adler aber keineswegs automatisch zu einer homosexuellen Ausrichtung. Ob diese entsteht, hängt aus seiner Sicht davon ab, wie der Mensch auf Niederlagen und Zurückweisungen reagiert  –  und hier kommt nun die Willensfreiheit ins Spiel:

Gelingt es dem „Frustrierten“, dennoch die Herausforderungen des Alltags und der eigenen Geschlechtsidentität“ lebensbejahend aufzugreifen und sich zur Gemeinschaftsfähigkeit durchzuringen  –  oder zieht er sich in seine innere“ Emigration“, gewissermaßen ins seelische Schneckenhaus zurück und verrennt sich so in Selbstmitleid, Überempfindlichkeit und unterschwellige Feindseligkeit gegenüber den anderen  –  im homosexuellen Fall: vor allem gegenüber dem weiblichen Geschlecht.

Hieraus ergibt sich der logische Schluß, daß der Individualpsychologe Adler das homosexuelle Empfinden als eine erworbene Eigenschaft ansah und nicht als genetische Veranlagung. Die These von der „angeborenen Homosexualität“ bezeichnete er in seinem Buch „Das Problem der Homosexualität“ wörtlich als „wissenschaftlichen Aberglauben“ (S. 89).

Er hielt diese damals weitverbreitete Anschauung für unvertretbar, zumal sie die Betroffenen in dem fatalen Irrglauben bestärke, ihre Ausrichtung sei unabänderlich.

Adler bezeichnet die gegenseitige Anziehung von Mann und Frau als das „tragende Prinzip von der Erhaltung der Gesellschaft.“  – Demgegenüber sei Homosexualität durch ein „Ausweichen vor normalen Beziehungen gekennzeichnet, in denen der Homosexuelle eine sichere Niederlage voraussieht“, vor allem gegenüber dem anderen Geschlecht.

Diese „mangelhafte Vorbereitung auf die Geschlechterrolle“ bedeute einen Fehlschlag in der Erziehung zum Mitmenschen“ (S. 87), so Dr. Adler, denn der Betroffene „weicht der normalen Lösung der Liebesfrage aus“. 

„Die Logik des Lebens“ läßt sich nicht verdrängen

Allerdings schlage die „Logik des Lebens“ unterschwellig auch bei ihm durch, wenn er seiner „fixen Idee, seiner Aufwallung nachgeht“, denn letztlich sei er unglücklich mit seiner Orientierung: „Darin bekundet sich die Stimme der Gemeinschaft, die unter allen Umständen der Homosexualität abhold sein muß.“Der „homosexuelle Fehlschlag“ führt nach Adler häufig zu Defiziten bei den sozialen Tugenden:

„Der Homosexuelle zeigt wenig Gemeinsinn und kaum jenes Wohlwollen für andere, wodurch das Band der Einigkeit unter den Mitmenschen geknüpft werden kann; er sucht auch nicht die friedliche Einfügung und Harmonie, sondern eine vorsichtige, aber übertriebene Expansionstendenz führt ihn auf den Weg des fortwährenden, feindlichen Messens und Kämpfens, in dessen Dienst er auch seinen Sexualtrieb stellt. Mit einem Wort: er hat sich nicht zum Mitspieler der Gesellschaft entwickelt.“ (S. 34)

Außerdem schreibt Adler, daß „verdrängte Minderwertigkeitskomplexe bei gleichzeitigem kompensatorischem Überlegenheitsgefühl zu Entwertungstendenzen“ gegenüber den Mitmenschen führen, das bedeutet: Der Komplexbeladene fühlt sich in seinem Ich-Gefühl auf unreife Weise gestärkt, wenn er andere verachtet und mit Mißtrauen behandelt.  –  So dreht sich der Kreis in seinem innerseelischen Gefängnis.

Menschen mit Sexualstörungen zeigen nach Adler auch „Züge verstärkter Überempfindlichkeit, überstiegenen Ehrgeizes und Trotzes“. (S. 28).  – Dies gelte nicht allein für Homosexuelle, sondern allgemein für den „nervösen Charakter“ (der eine Vorstufe zur Neurose darstellt), insbesondere für Angstneurotiker, Zwangsneurotiker oder chronisch Depressive.

Dr. Adler betrachtet Homosexualität grundsätzlich als „heilbar“,wenngleich der Weg dorthin sehr schwierig sei, denn dies erfordere ein „außergewöhnliches Selbsttraining“ der „schwer entmutigten Nervösen“, wie er Homosexuelle auch nennt.  Daher sei es wichtig, ihn zum Gemeinschaftsgefühl zu ermutigen, damit er so sein Selbstmitleid überwindet (vgl. S. 36).

Für Adler besteht das Leben des Menschen  –  auch des heterosexuellen  –  darin, ein „Training für die Liebe“ zu absolvieren, diese Herausforderung tapfer anzupacken und ihr nicht auszuweichen; das gelte vor allem für die Annahme des anderen Geschlechts.

In seinem Buch „Neurosen  –  Zur Diagnose und Behandlung“ schreibt er auf S. 61:

„Liebe ist eine notwendige Lebensaufgabe, die eine frühe Vorbereitung erfordert  –  und Training für die Liebe ist ein integraler Bestandteil der Erziehung zum Leben.“

Felizitas Küble, Leiterin des KOMM-MIT-Verlags und des Christoferuswerks eV. in Münster

 


2 Kommentare on “Alfred Adlers Thesen zur Homosexualität: Angst vor der Herausforderung”

  1. lucia.berlin@gmx.de sagt:

    Der Auffassung Alfred Adlers, dass homosexuelle Menschen wenig Gemeinsinn hätten, kann
    ich aus meinem nicht geringen Erfahrungsbereich nicht zustimmen: Ich habe solche Menschen
    durchaus als gemeinschaft- und freundschaftlich erlebt.
    Nach meinem Wissen ist es aber immer noch nicht ganz geklärt, ob Homosexualität eine natür-
    liche oder erworbene Anlage ist. Dazu sah ich am 3.3.13 in der Sonntagabend-Sendung mit Günther Jauch 2 Jugendliche, deren Eltern lesbisch sind. (Ein Elternteil hatte sich mit einem
    Mann eingelassen, damit die Homo-Ehe eine Familie werden konnte.) In diesem Zusammenhang wurde in dieser Sendung gesagt, dass sich Homosexualität nicht vererbt. Also müsste Adlers Auffassung, dass es sich um eine erworbene Eigenschaft handelt, noch gültig sein. Das wäre dann aber ein weiteres Argument gegen die Gleichsetzung der Homo-Ehe mit der heterosexuellen, die ja auf einer natürlichen, allgemein menschlichen Veranlagung beruht.

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  2. Name sagt:

    Wird die Mutter von ihrem Ehemann betrogen, geschlagen oder verlassen, so sucht sie sich einen anderen geistigen Gefährten z.B. den Sohn. Dieser schafft es in der Pubertät nicht seiner Mutter „untreu“ zu werden. Ein Verhältnis mit einem Mann stellt für die Mutter keine Bedrohung der emotionalen Intimität mit ihrem Sohnemann dar. So kann dieser die Beziehung zur Mutter ungetrübt weiterleben und trotzdem ein Sexualleben mit/ohne Partnerschaft führen.

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