Goethes „Osterspaziergang“: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,

Im Tale grünet Hoffnungsglück;

Der alte Winter, in seiner Schwäche,

Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dort her sendet er, fliehend, nur

Ohnmächtige Schauer körnigen Eises

In Streifen über die grünende Flur.

Aber die Sonne duldet kein Weißes,

Überall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben;

Doch an Blumen fehlts im Revier,

Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen

Nach der Stadt zurück zu sehen!

Aus dem hohlen finstern Tor

Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Jeder sonnt sich heute so gern.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

Denn sie sind selber auferstanden:

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,

Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge

Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

Wie der Fluß in Breit und Länge

So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und, bis zum Sinken überladen,

Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden

Blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

Hier ist des Volkes wahrer Himmel,

Zufrieden jauchzet groß und klein:

Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Johann Wolfgang von Goethe (in „Faust“ I)

Hier folgt eine moderne PARODIE auf dieses klassische Gedicht:

VOM EISE BEFREIT SIND CHROM UND BLECHE: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/2012/04/12/osterspaziergang-2012-nach-johann-wolfgang-von-goethe-faust-i/

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17 Kommentare on “Goethes „Osterspaziergang“: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…”

  1. Martin sagt:

    Matthäus zitiert Jesus in Kapitel 7: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden.“
    Für einen Christen ist die Versuchung sehr gross, andere zu richten, weil man sich sicher fühlt (mir ist das Seelenheil sicher, weil ich nur glauben muss …) und deshalb auch selbstgefällig wird. Ein jeder Christ ist auf seinem individuellen Weg der Nachfolge Jesu (auch Goethe war es) und wie der eine nachfolgt muss nicht dasselbe für den anderen sein. Und wenn jemand strauchelt sollten wir ihm helfen und davon lernen, denn in den Augen von Jesus sind alle die an Ihn glauben und Ihm nachfolgen wollen seine Jünger. In Seinen Augen spielt es also keine Rolle ob wir Frei-Christ sind, Katholik, Protestant, oder was auch immer. Deshalb sollte das auch unsere Sichtweise sein. Wir sollten uns deshalb von unserer Stammtisch-Mentalität lösen und uns lieber auf unsere christliche Arbeit konzentrieren (das gilt auch für mich, den Schreibenden).

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  2. pussy sagt:

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  3. Reinhard sagt:

    Ich stieß in einer russischen online-Bibliothek auf eine alte russische Übersetzung des Faust. Und da ich aus meiner Schulzeit (Abi 1964) die Behandlung mit Faust noch in hervorragender Erinnerung hatte (und auch noch einige Verse bis heute auswendig kenn, besonders aber den Osterspaziergang; auch den hervorragenden Film mit Gustav Gründgens in Erinnerung habe) war ich gespannt, wie die Russen diese großartige Dichtung der Weltliteratur in ihre Sprache hinüberbringen (samt Versmaß!!). [unnötig darauf hinzuweisen, dass ich diese Sprache sehr gut beherrsch].
    Und der bedeutendste Dichter Russlands im 20. Jahrhundert, Boris Pasternak, beherrschte Deutsch so gut, dass er selbst eine komplette neue Übersetzung von Goethes Faust vorgenommen hat. Diese kannte ich schon vorher und war ebenfalls baff von der Kustfertigkeit dieses großen Russen. Auch er hat nicht nur genaustens Goethes Ideen und Bilder wiedergegeben, sondern ebenfalls das Versmaß. (Was das bedeutet, kann vielleicht nur jemand erfassen, der schon selbst einmal versucht hat, ein Gedicht aus einer fremden Sprache ins Deutsche zu übersetzen, ohne Sinn, Poesie und Versmaß zu zerstören.…)
    Aber die Russen lieben, schätzen und verstehen Goethes Faust anscheinend mehr als wir Deutschen. Prophet im eignen Lande . . .?
    Besonders entsetzlich fand ich in einem Kommentar den Ausdruck von „Goethes Geschwurbel“. Mehr Inkompetenz und Banausentum in literarischer Hinsicht kann man nicht von sich geben . . .

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    • Stella sagt:

      Als „Geschwurbel“ kann man Goethes Werke wirklich nicht bezeichnen, aber aus heutiger Sicht schaut für mich nur leider überall der Freimaurer durch.
      Das ist bei vielen großen Literaten der Fall, das merke ich aber erst jetzt.
      Überall Aufklärertum, Kritik (meistens versteckt) an der „dumpfen“ Kirche, die die Menschen in Unwissenheit hält usw.usw.
      Auch Romane wie „Effi Briest“ oder „Madame Bovary“ lese ich heute mit ganz anderen Augen.

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  4. Wendy Wurlitzer sagt:

    Goethe war ein Meister des geschriebenen Wortes!

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  5. Anonymous sagt:

    ich mag das Gedicht

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    • Anonymous sagt:

      nur dass es gar kein gedicht ist, sondern eine abfolge von versen aus einem DRAMA und also nicht selbständig, sondern teil eines sehr viel größeren ganzen

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  6. Anonymous sagt:

    Ich mag das gedicht garnet

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  7. Ralf sagt:

    Mein Lieblingszitat aus Faust ist immer noch:
    Mit Narren sich beladen, das kommt zuletzt dem Teufel selbst zu Schaden…
    Wie wahr, wie wahr…und das trifft auf so manche Privatoffenbarung zu… 😉

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  8. Barbarella sagt:

    Der alte Esoteriker Goethe passt mit seinem Geschwurbel ja gut zu dieser esoterisch-katholischen Seite. :-((

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  9. Tenuf sagt:

    Auf den ersten Blick ein hübsches Gedicht, das wir in der Schule gelernt haben. Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass für Goethe Ostern keineswegs das Auferstehungsfest ist, das die Christen feiern. Er, selbst sehr aktiver Freimaurer (siehe http://freimaurer-wiki.de/index.php/Johann_Wolfgang_von_Goethe) distanziert sich von ihnen, indem er schreibt: S i e feiern die Auferstehung des Herrn,… „S i e, nicht wir und schon gar nicht ich…“ Was er unter Auferstehung versteht, folgt lang und breit, eingeleitet mit „…denn sie sind selber auferstanden…“, und natürlich bekommt die Kirche einen Seitenhieb, indem er ihr die „ehrwürdige Nacht“ zuschreibt. Von Jesu „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“, (Johannes 8, 12) weiß Goethe natürlich nichts. Und das Geheimnis des „ im Tale grünenden Hoffnungsglücks“ wird am Schluss gelüftet: „H i e r ist des Volkes wahrer Himmel“. Wie armselig…, der „große“ Goethe.

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    • Imrahil sagt:

      Was auch immer Goethe selber gemeint hat, ihn einfachhin mit seiner literarischen Figur „Faust“ gleichzusetzen geht so nicht. Und der Faust hat zwei Teile und auch der erste Teil hat mehrere Szenen. In der Situation ist Faust ein Ungläubiger, der von der Erinnerung an ehemals gläubige Kindertage – durch Engel vermittelt – gerade mal eben vom Selbstmord bewahrt worden ist. Warum ist er ungläubig? Meine Interpretation: weil „wir nichts wissen können“ – ich verstehe den Faust als Antwort auf Kants Kritik der reinen Vernunft.

      Die Schlußszenen sind da schon christlicher.

      Im übrigen: der arme Goethe war halt Protestant.

      Und Natur und Frühling sind *auch* schöne Sachen, und wer verwehrt es dem Christen zu meinen, daß der Ostertermin (der Nordhalbkugel) nicht zufällig ist? In so fern… ja, ich lese das Gedicht gern. Aber es ist natürlich nicht die ganze Wahrheit.

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    • Stella sagt:

      Genau so haben wir auch die Interpretation in der (DDR) Schule gelernt,wobei man natürlich genüßlich „aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht“ zitierte denn „wir“ waren natürlich aus dieser „Nacht“ befreit !! Die DDR war übrigens im Prinzip auch ein Freimaurerstaat,siehe auch die Symbole Hammer und Zirkel.

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