JA zu Christus: Die „radikale“ und die bürgerliche Gestalt der Nachfolge Jesu

Von Uwe C. Lay

Für Freunde der Schwarz-Weiß-Malerei empfiehlt sich ein Gasthöreraufenthalt in kirchengeschichtlichen Vorlesungen der heutigen deutschen Universitätstheologie.

Da gab es demzufolge einen wunderbaren Urzustand des Christentums, der spätestens mit dem Anfang des Staatschristentums unter Kaiser Konstantin sein Ende fand, bis dann die Kirche aus ihrer „babylonischen Gefangenschaft“ (Luther) durch das 2. Vaticanum befreit worden wäre, hätten sich nicht reaktionäre Kräfte nach dem Konzil gegen den Geist des Konzils verschworen, um so fast alle positiven Reformimpulse des Konzils zu hintergehen, so daß es neben der Finsternis der vorkonziliaren auch die Verfinsterung der nachkonziliaren Kirche gäbe, nur unterbrochen vom Lichte des Konzils und ein paar Leuchten in der Kirchengeschichte. 

Dr. Bernd F. Pelz

Foto: Bernd Pelz

So einfach kann man sich die Geschichte des Christentums zurecht legen. Zu dieser Mär gehört dann auch die Vorstellung eines ursprünglichen reinen Liebes-Christentums gelebter radikaler Nachfolge Jesu, das spätestens seit dem unseligen Thron und Altar-Bund  –  mit Kaiser Konstantin anhebend  –  sein Ende fand: aus basisdemokratischen Urgemeinden wurde dann eine hierarchische Kirche mit Priestern und Bischöfen und einem Papst, ein verweltlichtes, verbürgerlichtes Christentum.

Es ist das große Verdienst von G. Theißen in seiner soziologischen Studie über das Urchristentum [1], vielleicht ganz unbeabsichtigt gegen seine protestantische Intention, sozusagen als Kollateralschaden seiner Studie, diese Mär destruiert zu haben!

Von Anfang an: „radikale“ und bürgerliche Variante des Glaubensvollzugs

Im Zentrum seiner Studie steht nämlich die schlichte These der Gleichursprünglichkeit einer radikalen und einer bürgerlichen Nachfolgepraxis Christi.

Nicht daß sich die eine aus der anderen entwickelt hätte, also daß das verbürgerlichte Christentum eine Folge der Abkühlung der ersten Liebe gewesen wäre, sozusagen das Christentum der in der Liebe lau Gewordenen, denen die Liebesleidenschaft der ersten Christen gegenüberzustellen wäre  –  nein: beide Ausgestaltungen seien gleichursprünglich und beide auch so von Jesus Christus gewollt.

Die radikale Nachfolge Christi ist die der  Nachfolge im wörtlichen Sinne: man zog mit dem Wanderprediger Jesu los, man rief nicht wie Johannes der Täufer die Menschen zu sich, sondern ging zu ihnen, um sie aufzufordern, mitzugehen. Das Ethos dieser Wanderprediger ist das der Heimatlosigkeit, der Familienlosigkeit und Besitzlosigkeit.

Aus dem schlichten Mitgehen ergab sich dieses Ethos von selbst: man verließ seine Heimat, Wohnort, Familie und allen Besitz, weil jede Art von Besitz und jede Art von Familienbindung immobil machte. Alles, was ein bürgerliches Leben ausmacht, Familie, Beruf und Besitz und einen Ort, wo man ansässig ist  –  die Seßhaftigkeit ist die conditio sine qua non jeder Kulturentwicklung  –  ließen die radikalen Nachfolger im wörtlichen Sinne hinter sich, indem sie mit Jesus durch Israel zogen.

Die Radikalität urchristlicher Nachfolgeaufforderungen hat da seinen Sitz im Leben: wer erst seine Eltern beerdigen möchte, bevor er Jesus nachfolgen will, kann ihm nicht nachfolgen, denn nach der vollzogenen Beerdigung ist die Gruppe der Wanderprediger längst weiter weggezogen, so daß der Nachfolgewillige nicht mehr nachfolgen kann.

Jede Art von inmobilen Besitz (die bequem bei sich tragbare Kreditkarte gab es noch nicht) verunmöglichte so ein Mitgehen, jede Art von Familienbindung verunmöglichte es, ganz nur noch mit Jesus zu leben.

Konsequente Nachfolge: alles hinter sich lassen

Nur wer alles, was er hatte, hinter sich ließ, konnte Jesu so nachfolgen – und konnte dann auch das radikale Ethos der Bergpredigt leben: „Widerstrebe nicht dem Bösen“, das kann der allein auf sich gestellte Wanderprediger leben, ein Familienvater nicht: wird seine Familie angegriffen, muß er sie gegen das Böse verteidigen – er kann nicht alles den Armen geben und dann Jesus nachfolgen, denn um des Lebens seiner Familie willen muß er für den Unterhalt sorgen und darf nicht alles  aufopfern. media-401265-2

Wer gar um des Himmelreiches willen enthaltsam lebt, darf seinen Nachfolgestil nicht zum Gesetz für alle machen, denn dann würde die Menschheit in Bälde aussterben. Das ist gewiß nicht der Wille Gottes: der Tod des Menschen durch sein Aussterben in Folge radikaler Nachfolge Jesu.

Darum gab es zugleich die bürgerliche Form der Nachfolge: Theißen spricht hier von den Sympathisanten in den Ortsgemeinden. Natürlich darf hier die antikatholische Intention nicht überlesen werden: daß aus Gemeinden als Depravationsgestalt sich die Kirche herausentwickelte: die Gemeinden verstünden sich als Glied des Judentums und erst das hellenistische Christentum ließ dann daraus Kirche werden als sich vom Judentum abgrenzendes organisiertes Christentum.

Die Nachfolge-Normen der Wanderprediger mußten also umgeformt werden für diese Sympathisantengruppen: „Bei den Verhaltensnormen mußten sich in den Ortsgemeinden die domestizierenden Auswirkungen von Beruf, Familie und Nachbarschaftskontrolle bemerkbar machen…“ [2]

Das führe zu einem Nebeneinander von radikaleren und gemäßigteren Nachfolgeregelungen in den Evangelien. „Es gab also ein abgestuftes Ethos für Wandercharismatiker und ortsansässige Sympathisanten.“ [3]

Es gibt Sondergebote für Vollkommene bzw Menschen, die vollkommen sein wollen und Nachfolgeregeln für jeden.

Vollkommenenheit zugunsten der Kirche

In soteriologischer Hinsicht ist diese Unterscheidung von nicht zu übersehbaren Bedeutung: keineswegs meinte man im Urchristentum, daß nur die Vollkommenen eingehen könnten in das Reich Gottes; es war aber vorstellbar, daß Menschen eine vollkommene Nachfolge lebten und so – um es in ganz unzeitgemäßer Terminologie auszudrücken – verdienstliche Werke aufweisen konnten, die über das Maß der Zulassung zum Eintritt ins Reich Gottes hinausgingen. Sie bereicherten so den Gnadenschatz der Kirche, der dann anderen zu Gute kommen konnte. Aber das nur als kleine Ausschweifung in soteriologischer Hinsicht.

Wesentlicher ist, daß die Gruppe der Wanderprediger ihre radikale Nachfolge nur leben konnten, weil sie von den Seßhaften unterstützt wurden. Jene, die auf allen Besitz verzichteten um des Himmelreiches willen, bekamen das Lebensnotwendige gerade von den Ortsansässigen.

Als Wunderheiler und Prediger zogen sie zu den sich heranbildenden Gemeinden und erhielten als Lohn dort ihren Unterhalt. Der Apostelfürst Paulus bildete da eine Ausnahme, insofern er sich seinen Lebensunterhalt durch eigene Arbeit erwirtschaftete. Die „Radikalen“ gaben ihre geistigen Güter und die sie Empfangenen gaben dafür ihnen die materiellen Güter, so daß sie ihr Leben ganz in den Dienst Christi stellen konnten.

Das konnten sie aber nur, weil es neben der radikalen Nachfolge die domestizierte gab, in der der christliche Glaube in Einklang zu bringen war mit den Sozialverpflichtungen von Familie, Beruf und Heimat.

Was ist damit im Sinne Theißens gemeint: Der besitzlose Wanderprediger kann wohl leben nach der Devise, sorge dich zuerst um die Gerechtigkeit vor Gott, das Lebensnotwendige wird dir der Himmel schon geben (Euch aber muß es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben: Mt. 6, 33), der Familienvater muß aber um seiner Familie willen täglich für das Lebensnotwendige sorgen, denn täte er das nicht, verstieße er gröblich gegen seine Pflichten als Familienvater.

Zweifache Existenzweise der Nachfolge

Christliche Religion wurde so von Anfang an domestiziert gelebt neben der radikalen Nachfolgepraxis der Besitzlosigkeit und Heimatlosigkeit und Familienlosigkeit. Nicht ein Abfall vom wahren Glauben, nicht ein Abkühlen der ersten Liebe, also lau gewordene Christen erfanden das bürgerlich domestizierte Christentum – sondern die zweifache Gestalt der Nachfolge gab es – von Jesus Christus selbst gewollt: gleichursprünglich als sich wechselseitig bedingende und nur in ihrer Einheit das Christentum darstellende Sozialform. kt2012-p1110153

Theißen stellt nun selbst fest, daß dieses radikale Nachfolge-Christentum in Bälde verschwand und sich die Kirche herausbildete, in der die einstig anerkannten Wanderprediger zu Randfiguren degradiert wurden.

Als Protestanten fehlt ihm natürlich der Blick für die Geburt des Mönchstums aus dem Geiste der radikalen Nachfolge Christi, in der Ehelosigkeit und Besitzlosigkeit nun gelebt wurden und der Weg in die Wüste die gelebte Heimatlosigkeit wurde. Wo er nur melancholisch das Ende des Weges der radikalen Nachfolge sieht, gilt es, die Prolongierung dieser Nachfolge im gelebten Mönchtum zu erkennen.

Das Christentum konnte sich ohne Identitätsverlust bürgerlich gestalten, weil es immer das „Andere“, die radikale Nachfolge Christi in der Sozialgestalt der Wanderprediger und später der Mönche mit sich trug. Problematisch wurde es, wenn versucht wird, diese zwei Formen der Nachfolge auf eine für alle Christen verbindliche zu reduzieren.

Zur Veranschaulichung: Wenn Jesus sagt: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand…“, so kann dies der allein auf sich gestellte Wanderprediger so leben, die Mutter, dessen Kind von jemanden angegriffen wird, wird selbstverständlich, so weit es ihr möglich ist, ihr Kind auch mit Gewaltanwendung vor einem Kinderschänder schützen. Aber damit leistet sie dem Bösen Widerstand. Familie, Beruf, Beheimatetsein in einer sozialen Gemeinschaft müssen notwendigerweise ein anderes Ethos in sich tragen als jenes von Wanderpredigern.

Wenn Jesu radikale Nachfolge die Entäußerung jedes eigenen Besitzes fordert und damit echte Armut, so formte sich dieses Ethos für die Seßhaften um in die Maxime, die stoisch-paulinische, die da lautet: besitzen, als besäße man nicht.

Das „als ob nicht“ spiritualisiert dann die für die Radikalnachfolge wörtlich gemeinte Regel des völligen Besitzverzichtes. Die Einsicht in die Gleichursprünglichkeit und Gleichlegitimität der beiden Formen der Nachfolge kann uns dann vor solchen Harmonisierungs-Versuchen bewahren, in denen immer einer Gestalt zu Lasten der anderen aufgelöst wird.

Hermann Hesse über das „Ideal des Heiligen“

Es ist hier nicht der Ort, Hermann Hesse als großen Schriftsteller zu würdigen. Hesses „Tractat vom Steppenwolf“ in seinem Roman: „Der Steppenwolf“ soll statt dessen hier für diese Erwägung der Verhältnisbestimmung von radikaler Nachfolge und bürgerlichem Christentum fruchtbar gemacht werden. 

„Der Mensch hat die Möglichkeit, sich ganz und gar dem Geistigen, dem Annäherungsversuch ans Göttliche hinzugeben, dem Ideal des Heiligen. Er hat umgekehrt auch die Möglichkeit, sich ganz und gar dem Triebleben, dem Verlangen seiner Sinne hinzugeben und sein ganzes Streben auf den Gewinn von augenblicklicher Lust zu richten. Der eine Weg führt zum Heiligen, zum Märtyrer des Geistes, zur Selbstaufgabe an Gott. Der andre Weg führt zum Wüstling, zum Märtyrer der Triebe, zur Selbstaufgabe an die Verwesung.“ [4]  

Die bürgerliche Existenz sei nun gekennzeichnet durch den Versuch, beide Extreme zu vermeiden und eine wohltemperierte Mitte zu finden und zu leben. Hesse charakterisiert dies wohltemperierte Leben des Bürgers so:

„Nie wird  er sich aufgeben, sich hingeben, weder dem Rausch noch der Askese, nie wird er Märtyrer sein, nie in seine Vernichtung willigen – im Gegenteil, sein Ideal ist nicht Hingabe, sondern Erhaltung des Ichs, sein Streben gilt weder der Heiligkeit noch deren Gegenteil, Unbedingtheit ist im unerträglich, er will zwar Gott dienen, aber auch dem Rausch, will zwar tugendhaft sein, es aber auch ein bißchen gut und bequem auf Erden haben.“  [5] 

Einfacher gesagt: der Wille zugleich, sein Leben ganz auf das Reich Gottes ausrichten zu wollen und zugleich Weltmensch zu sein, führt zu einer Melange, in der alles Radikale sich auflöst und ein wohltemperiertes maßvolles Leben sich generiert.

Aber  –  und das ist nun Hesses zum Weiterdenken anregende These: dieser Durchschnittsmensch lebt nur, indem er immer wieder Impulse von den Extremen, den Außenseitern in sich aufnimmt und aus ihnen lebt.

So ist der Bürger eingespannt in das Widereinander vom Heiligen und Unheiligen, den beiden Extremen und lebt nur so, inwieweit er Impulse vom nichtbürgerlichen Leben rezipiert. Das bürgerliche Christentum braucht die Impulse radikal gelebter Nachfolge in der Sozialgestalt der Wanderprediger oder der Mönche, um sie aufnehmend maßvoll dann christlich zu leben.

Wo das „Radikale“ fehlt, geht auch das Maßvolle zugrunde

Wo das Radikale verloren geht, da geht auch das Maßvolle zugrunde oder öffnet sich einseitig den Impulsen des Unheiligen, dem Extrem des Wüstlings der Triebe. Und wem dies nun eine bloße blutleere Phantasterei erscheinen mag, der solle auf einem Katholikentag einmal auf die Omnipräsenz des Themas Sexualität und Homosexualität achten. Hat das Reformchristentum noch ein anderes Thema als: mehr Sex?

Der Weltpriester ist nun gerade  im bürgerlich-christlichen  Gemeindeleben der Repräsentant des Nichtbürgerlichen. Er lebt familienlos, hat statt ein Zuhause eine Dienstwohnung und lebt berufslos, insofern unter dem bürgerlichen Beruf immer mitverstanden wird die Dualität von Familienleben und Berufsleben, daß eben der Beruf nur eine der Lebensphären des Bürgers ist, wohingegen der Priester ganz Priester ist und nicht etwa nur, wenn er seinen Beruf ausübt, um dann noch Familienmensch und Staatsbürger zu sein.

Sich ganz für etwas hinzugeben, ist dem Bürger nicht möglich, er ist immer zersplittert in verschiedene Sphären  –  der Priester aber ist ganz und gar, ungeteilt nur Priester.

Luthers Erfolg war und ist nun nicht nur die Abschaffung des Mönchstums als radikale Sozialform der Nachfolge Christi, sondern auch die völlige Verbürgerlichung des Pfarrers: er wird zu einem Beruf wie jeder andere auch, einer wie jener der Weltmenschen, die arbeiten und darin ihre Pflicht erfüllen, um dann in der Familie zu leben.

Der katholische Weltgeistliche dagegen gehört in den Raum der radikalen Nachfolge Christi – darum lebt er in der Tradition dieser Nachfolge familienlos und ehelos. Und gerade so bildet er ein Ferment, das das bürgerliche Gemeindeleben der Christen lebendig erhält.

Das gemeinsame und das besondere Priestertum

Das 2. Vaticanum lehrt:

„Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das amtliche bzw. hierarchische Priestertum unterscheiden sich zwar dem Wesen nach und nicht bloß dem Grade nach; dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt auf je besondere Weise am einen Priestertum Christi teil. Der Amtspriester nämlich bildet kraft der heiligen Vollmacht, derer er sich erfreut, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar; die Gläubigen aber wirken kraft ihres königlichen Priestertums an der Darbringung der Eucharistie mit und üben es aus im Empfang der Sakramente, im Gebet und in der Danksagung, durch das Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe.“

Was hier unter dem Wesensunterschied begriffen wird, das ist auch subsumierbar unter die Differenz von radikaler und gemäßigter Nachfolge Christi. Indem der Priester das Opfer Christi im heiligen Meßopfer darbringt, lebt er eine radikale Nachfolge Christi, die es so anderen Christen ermöglicht, bürgerlich christlich zu leben.

Friedrich Nietzsche schreibt in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ den bedenkenswerten Satz: „…denn es ist eine Opferung, ein Priester ist und bleibt ein Menschenopfer…“ [6]

Wenn man sich den Weg vom idealistischen Wanderprediger über den Mönch zum Weltgeistlichen vor Augen führt als Ausdifferenzierung des Typos radikal gelebter Christusnachfolge, dann wird man diesem Votum zustimmen müssen.

Wo für Hesse das Herz bürgerlicher Existenz schlägt, im Willen zur Selbsterhaltung  –  und die Religion nur so weit lebbar ist, wie sie dem nicht zuwiderläuft, da übersteigt die radikale Nachfolge das bürgerliche Leben, denn hier wird das ganze Leben in den Dienst Gottes gestellt und dafür auch geopfert.

Dem Katholizismus steht so im Protestantismus ein völlig verbürgerlichte Christentum gegenüber, das nur noch melancholisch gestimmt an die Zeiten der ersten Liebe mit ihrer radikalen Christusnachfolge denken kann  –  aber wenn ihm so die Impulse dieses heiligen Extremes zur Verlebendigung fehlen – von wo her zieht es dann noch Vitalität?

Hesse deutet es an: im negativen Idealbild des Märtyrers der Triebe.

Das mag übertrieben klingen, aber ist nicht die völlige Abschaffung einer christlichen Sexualmoral im Protestantismus ein Indiz dafür, daß man sich hier in domestizierter Form von diesem Extrem influenzieren läßt, weil das andere Ideal, das eines heiligen Lebens, völlig abhanden gekommen ist?

Solange der Katholizismus noch sein Ideal des heiligen Lebens in sich trägt in der Gestalt radikal gelebter Nachfolge, wird es diesen Versuchungen widerstehen können – verbürgerlicht es, dann wird es schnell fallen, weil das bürgerliche Leben ohne die Impulse der Extreme keine Lebenskraft in sich selbst trägt – so die mehr als bedenkenswerte These Hermann Hesses.

Anmerkungen:
[1]    Theißen, Gerd, Sozoiologie der Jesusbewegung. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Urchristentums, 7. Auflage 1977
[2]    Theißen, G. Soziologie der Jesusbewegung, 7. Auflage 1997 S. 22
[3]    Theißen, S. 23
[4]    Hesse, Hermann, Der Steppenwolf, 1974, S. 68
[5]    Hesse, S. 69
[6]    Nietzsche, F., Fröhliche Wissenschaft, 5. Buch, S. 351
 

Unser Autor Uwe C. Lay ist katholischer Theologe und Publizist

Erstveröffentlichung dieses Beitrags im „Theologischen“ (Ausgabe Mai/Juni 2013)

 
 

Britische Mutter und Schriftstellerin aktiv gegen Porno-Flut im Internet

Was Kinder und Jugendliche heutzutage über Sex wissen wollen, lernen sie meist von Internet-Pornographie  –  mit schwerwiegenden Langzeitfolgen: Ihnen wird ein völlig verzerrtes Bild vermittelt, das mit Zuneigung und Liebe nichts mehr zu tun hat. Besonders Mädchen erhalten den Eindruck, dass es „normal“ sei, zum Sex gezwungen zu werden. mills_eleanor_sunday_times13_6e91f6c691

So wächst eine „Generation Porno“ heran, schreibt die britische Publizistin Eleanor Mills (siehe Foto) in der Sonntagszeitung „Sunday Times“.

Die 41-jährige Mutter von zwei Töchtern hat eine Kampagne gegen Internet-Pornographie gestartet. Sie ist schockiert über das geringe Verantwortungsbewusstsein von Politikern und Eltern: „Wir lassen es zu, dass unsere Kinder Material sehen, das noch vor einem Jahrzehnt nur in einem Sexshop zugänglich gewesen wäre.“

Studien zeigten, dass Kinder im Durchschnitt mit sechs bis acht Jahren erstmals mit Pornographie in Berührung kommen. Die stärksten Porno-Nutzer im Internet unter den Minderjährigen sind die Zwölf- bis 17-Jährigen.

Romantik ade?

Anstatt der bisher üblichen vorsichtigen Phasen des Kennen- und Liebenlernens sei es heute verbreitete Praxis, dass ein Junge einem Mädchen einen Pornostreifen auf ihr Handy schicke und erwarte, dass sie das Gesehene praktizieren. Dazu gehöre auch die Anwendung physischer oder verbaler Gewalt.

Viele Mädchen glaubten, dass es normal sei, dass man gar nicht in gemeinschaftlichen Sex einwilligen, sondern den Wünschen des Partners gehorchen müsse. Das könne bis zur Vergewaltigung gehen.

Eine Analyse des Inhalts von Pornoseiten habe festgestellt, dass von 304 untersuchten Seiten 88,2 Prozent körperliche Gewalt wie Schlagen oder Knebeln sowie 48,7 Prozent verbale Gewalt wie Beschimpfen enthielten.

Internet: ein Drittel Pornographie

Pornographie mache mehr als ein Drittel (36 Prozent) aller Internet-Inhalte aus. Jede vierte Suchanfrage habe mit Sex zu tun, und ein Drittel aller heruntergeladenen Dateien enthalte Pornographie. Die Online-Porno-Industrie mache pro Sekunde mehr als 2200 Euro Umsatz. Deshalb seien die Firmen, die das Internet zur Verfügung stellen, wenig gewillt, stärkere Alterskontrollen einzuführen.

Ein Weg wäre, so Mills, Zahlungen an ausländische Porno-Firmen zu blockieren. Auch sollten strengere Altersbeschränkungen umgesetzt werden. Der britische Premierminister David Cameron verlangt ebenfalls größere Anstrengungen von den Internetfirmen:

„Pornographie verschmutzt das Internet, verdirbt die Gedanken und ist eine Gefahr für Kinder. Internetunternehmen und Suchmaschinen leben davon, das Netz zu sortieren und zu kategorisieren. Ich fordere sie auf, ihr technischen Möglichkeiten besser zu nutzen, um diese abscheulichen Bilder zu entfernen.“

Quelle: http://www.idea.de


Israels Präsident Shimon Peres vor seinem 90. Geburtstag: „Dienen ist besser als herrschen!“

Selbsterziehung: „Ich notiere täglich meine Fehler“

Präsident Shimon Peres wird bald 90 Jahre alt. Er wurde am 2. August 1923 im polnischen Wiszniew geboren. Die offizielle Feier seines 90. Geburtstags mit zahlreichen Ehrengästen findet schon am heutigen Dienstag statt.

Die diesjährige „Israeli Presidential Conference“, die am Montagabend von Ex-US-Präsident Bill Clinton in Jerusalem eröffnet wurde, steht bereits ganz im Zeichen dieses Jubelfestes.

Auch Papst Franziskus hat Peres gratuliert. Er zitierte dabei den Schlußvers aus Psalm 91: „Ich sättige ihn mit langem Leben und lasse ihn schauen mein Heil.“  –  Das israelische Staatsoberhaupt hatte Franziskus am 30. April in Rom besucht.

BILD: Präsident Peres (Foto: Darren Cohen)

In einem Interview mit der BILDzeitung erklärte das israelische Staatsoberhaupt u.a. seinen politischen Ansatz:

„Ich finde, dienen ist besser als herrschen. Und mir wurde auch früh bewusst, dass wir nichts haben. Israel ist ein sehr armes Land. Klein, trocken, eher ein karges als ein gelobtes Land.

Doch dann wurde mir klar, dass wir über einen großen Schatz verfügen  –  die Menschen. Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, anderen behilflich zu sein. Wenn ich anderen helfe, helfe ich mir selbst.

Bevor ich zu Bett gehe, notiere ich eine Liste aller Fehler, die ich im Laufe des Tages gemacht habe.“

Die gegenwärtige Lage im Konflikt mit den Palästinensern kommentierte er wie folgt:

„Ich glaube nicht, dass es da noch große Differenzen gibt. Ein Anfang ist mit der Palästinensischen Autonomiebehörde ja schon gemacht. Wir haben uns auf eine gemeinsame Lösung geeinigt, die Zwei-Staaten-Lösung  –  einen israelischen und einen palästinensischen Staat, die beide in guter Nachbarschaft leben und miteinander kooperieren sollen.“

Das vollständige Interview mit Präsident Peres finden Sie unter http://bit.ly/BildPeres0613

Das Video-Interview des ARD-Korrespondenten Richard C. Schneider mit Peres siehe hier:  http://bit.ly/ardblogPeres0613

Ab 20 Uhr gibt es heute Abend eine Live-Übertragung von den Geburtstagsfeierlichkeiten unter http://bit.ly/peres90

Quellen u.a.: Israelische Botschaft in Berlin / Radio Vatikan


Syrien: Christen sind Hauptleidtragende des Bürgerkrieges

Was im März 2011 als Schrei nach Freiheit begann, hat sich immer mehr zu einem blutigen und unübersichtlichen Bürgerkrieg entwickelt. Acht Prozent der Syrer sind Christen  –  und sie stehen zwischen allen Fronten, weil sie sich im Krieg weder auf die Seite der Regierung noch auf die der islamistischen Rebellen schlagen.

Nun droht den Christen in Syrien eine Massenvertreibung. Darum startet  das christliche Hilfswerk Open Doors eine internationale Petition für sie: Darin fordert Open Doors Politiker und Entscheidungsträger zum Handeln auf.

Open Doors startet weltweite Petitionsyrien_petition

Wesentliche Forderungen der Petition: z.B. die Existenz der christlichen Gemeinschaft sichern und Entführungen, Folter und Mord durch radikal-islamische Gruppen der aufständischen sog. Freien Syrischen Armee (FSA) zu stoppen.

Markus Rode, Leiter von Open Doors Deutschland, hofft auf eine breite Unterstützung der Petition: „Wir müssen die dramatische Situation der syrischen Christen in der Öffentlichkeit bekannt machen und hoffen weltweit auf bis zu eine Million Unterschriften, die Syriens Christen eine Stimme geben.

Die Unterschriften werden jeweils den Landesregierungen, der EU und der UNO überreicht. Den Wortlaut und eine Online-Unterzeichung gibt es hier: www.opendoors.de/petition

Open Doors Deutschland e.V., Postfach 1142, D-65761 Kelkheim

Tel. 06195 – 67 67 180
Mail: pressebuero@opendoors.de
http://www.opendoors.de


P. Lothar Groppe über das Fronleichnamsfest: „Unsere Zeit braucht Bekenner“

Die konservative Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ist dem Christentum grundsätzlich wohlgesonnen, vor allem der katholischen Kirche.

Allerdings gilt das weniger für den dort schreibenden Kolumnisten „Pankraz“, der insofern deutlich aus dem Rahmen fällt, auch mit seiner unqualifizierten Attacke auf das Fronleichnamsfest, in der JF veröffentlicht unter dem bezeichnenden Titel: „Pankraz, T. von Aquin und die frommen Kannibalen“ vom 31.5.2013.

P. Lothar Groppe

P. Lothar Groppe

Der bekannte Publizist Lothar Groppe SJ (siehe Foto) wandte sich per Leserbrief an die „Junge Freiheit“ und protestierte gegen die antikatholischen Verunglimpfungen des „Pankraz“; die Zuschrift wurde dort leicht gekürzt abgedruckt.

Wir veröffentlichen hier nun den vollständigen Text des Jesuitenpaters: 

„Welcher Teufel hat Pankraz geritten, gegen das Fronleichnamsfest zu polemisieren? Bei den „frommen Kannibalen“  hat er  – hoffentlich nur unbewußt  –  bei Herrn Hitler Anleihe bezogen, der in  seinen „Tischgesprächen“ gegen die grauenhafte christliche Religion wetterte,  „die ihren eigenen Gott auffrißt“.

„Kein richtiges Fest, sondern ein Unfest“?  – Nach Pankraz stiftet es “keinen Frieden, sondern eher Unfrieden und zwar völlig überflüssiger Weise. Seine Wurzeln sind dubios, seine Rituale verworren und aggressiv nach innen wie nach außen.“

Was er über das Fest zu berichten weiß, offenbart seine profunde theologische Unkenntnis. Wenn „kein Historiker weiß, was den Anstoß dazu gab“, widerspricht er sich selber im nächsten Satz, in dem er Thomas von Aquin und Papst Urban IV. zitiert, die sich für die Einführung des Fronleichnamsfestes einsetzten.

Pankraz nennt Thomas von Aquin einen „bequemen Herrn, der üppige Festmähler liebte.“  –  Ein Blick in eine Lexikon hätte ihn vor dieser peinlichen Charakterisierung bewahrt. Im Dominikanerorden galt vom Fest Kreuzerhöhung am 14. September bis einschließlich Karsamstag, ausgenommen Sonn- und Festtage, strenges Fasten.

Der „bequeme Herr“ starb bereits mit 49 Jahren, weil er in unermüdlicher Arbeit theologische und philosophische Werke geschaffen hat, welche die Jahrhunderte überdauerten. Im Lexikon für Theologie und Kirche werden ihm acht Druckseiten eingeräumt. Ein Hüne von Gestalt, scherzte er bisweilen über seine krankheitsbedingte Leibesfülle.

Fronleichnamsprozessionen sollen verdeutlichen, dass der Gottmensch Jesus Christus HERR der Welt ist, der das Leben seiner Jünger prägen soll. Es handelt sich nicht, wie Pankraz meint, um das „polemisch-trotzige öffentliche Herumzeigen intimster Glaubensgeheimnisse.“

Dem Autor fehlt offenbar der Sinn für das Göttliche. Paulus schreibt im 1. Korintherbrief: „Wir verkünden Christus als den Gekreuzigten, für Juden ein empörendes Ärgernis,  für Heiden eine Torheit,  für die Berufenen aber, Juden wie Griechen,  ist Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1, 23 f.).

Fronleichnamsprozessionen sind ein Glaubensbekenntnis der Katholiken, das die Gläubigen in der Gewißheit bestärkt, dass sie nicht allein sind. Im „Dritten Reich“ sangen wir am Jugendbekenntnissonntag ein Lied, das den überwiegenden Teil der katholischen Jugend im Glauben und Bekennermut bestärkte:

„Laßt die Banner wehen über unsern Reihen,
alle Welt soll sehen, daß wir neu uns weihen,
Kämpfer zu sein für Gott und sein Reich,
mutig und freudig den Heiligen gleich.
Wir sind bereit, rufen es weit,
Gott ist der HERR auch unsrer Zeit.“

1937 wurde meine Mutter von der Gestapo vorgeladen: „Sie waren in der vergangenen Woche bei der Fronleichnamsprozession. Sie wurden dabei fotografiert. Was haben Sie dazu zu sagen?“  –  Meine Mutter entgegnete: „Da haben Sie wenigstens mal eine schöne Frau fotografiert.“  – Nun wußte die Gestapo natürlich, dass meine Mutter die Frau des im Volk angesehenen „Schwarzen Generals“ war. Deshalb wurde sie nicht weiter behelligt.

In unserer weitestgehend entchristlichten Welt halten sich auch Christen häufig religiös lieber „bedeckt“. Albert Camus glaubt in „Der Fall“, den Grund zu kennen, weshalb sich so viele scheuen, öffentlich für ihre religiöse Überzeugung einzutreten: „Ihre Menschenfurcht ist übergroß. Aber unsere Zeit kann keine Duckmäuser brauchen; sie bedarf der Bekenner.“

 


Papst Franziskus und Anglikaner-Primas Welby gegen Homo-Ehe

MELDUNG der evangelischen Webseite http://www.jesus.ch:

Bei ihrem ersten offiziellen Treffen haben Papst Franziskus und das religiöse Oberhaupt der Anglikaner, Justin Welby, ihre Ablehnung gleichgeschlechtlicher „Ehen“ bekräftigt.

Zoom
Erzbischof Justin Welby mit Papst Franziskus

Papst Franziskus ermutige Welby, den Erzbischof von Canterbury, weiter „für die Institution der Familie auf der Grundlage der Ehe“ einzutreten.

Das 76-jährige Oberhaupt der Katholiken rief am 14. Juni 2013 im Vatikan zudem zum Schutz der „Unverletzlichkeit des Lebens“ auf, was im katholischen Sprachgebrauch u.a. die Ablehnung von Abtreibung und „Sterbehilfe“ meint.

 


Gertrud von le Fort über die Gebete der Kirche

Deine Gebete sind Straßen ins Jenseits

Deine Gebete sind kühner als alle Gebirge der Denker!

Du baust sie wie Brücken ins Uferlose,
du läßt sie wie Adler ins Schwindelnde steigen.
Wie Schiffe sendest Du sie in Meere des Unbekannten,
wie große Seeschiffe in Wildnisse voller Nebel.
Der Welt graut bei deinen gefalteten Händen,
und ihr ist bange bei der Inbrunst deiner Knie;
ihre Lippen spotten vor Angst,
und sie verriegelt sich in den Kammern ihrer Zweifel.
Denn du gibst sie der Ewigkeit preis bei lebendigem Leibe
und heißt ihre Jahre verwesen, ehe sie vorüber:
Siehe, die Straßen, die von deinem Munde führen,
sind Straßen ins Jenseits,
und wohin deine Seele sich streckt, ist aller Kreaturen Ende!
Du aber kommst als eine Geschmückte aus der Wüste wieder
und als eine Erleuchtete aus den Flügeln der Nacht!
Du kommst als eine Lebendige aus dem Abgrund
und als eine Erhörte aus dem ewigen Schweigen.
Du kommst aus der Vernichtung wieder als eine,
die Kraft fand,
und kommst aus dem Unsichtbaren wieder als Gestalt.

Gertrud von le Fort