Oberstarzt Dr. Reinhard Erös über die ungewisse Zukunft Afghanistans

Von Michael Leh

Der Afghanistan-Experte Dr. Reinhard Erös rechnet eher nicht mit einem Bürgerkrieg in Afghanistan nach dem Abzug von Nato-Truppen. Doch sei alles möglich – vom Bürgerkrieg oder einem kriminellen „Narko-Staat“, der sich über Drogenhandel und Korruption finanziere, bis zu einem halbwegs stabilen, stark islamisch geprägten föderalen Staatsgebilde. 

FOTO: Dr. Reinhard Erös im Münchner Presseclub Leh - Foto Dr.Erös im Münchner Presseclub

Die Kampfhandlungen würden in jedem Falle weitergehen, erklärte Erös in  einem Vortrag in der Berliner Humboldt-Universität. Auch blieben die Amerikaner weiter präsent. Es werde stets nur vom Rückzug von „Kampftruppen“ gesprochen. Dazu rechneten die Militärs jedoch zum Beispiel weder Drohnen, Jagdbomber, Kampfhubschrauber oder Artillerie.

Oberstarzt a.D. Reinhard Erös ist einer der besten deutschen Afghanistan-Kenner. Bereits in den 80-iger Jahren hatte er als beurlaubter Bundeswehrarzt den afghanischen Mudschaheddin im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer beigestanden.

Erklärungen zum Afghanistan-Abzug gleichen jenen der Sowjets 1989

Was die Bundesregierung jetzt zum Abzug der Bundeswehr verkünde, sagte Erös, erinnere ihn an die Parolen der Russen bei ihrem Abzug vom Hindukusch im Jahr 1989:

„Wir haben unsere sozialistische Bruderpflicht erfüllt und verlassen heute stolz ein stabiles Afghanistan mit einer von uns gut ausgebildeten Armee, die imstande ist, die Sicherheit des Landes zu gewährleisten.“

Die Realität sei anders gewesen, der Krieg unvermindert weitergegangen, nach ein paar Jahren hätten die Taliban die Macht übernommen.

Schon vor Jahren hatte Erös die Art des amerikanischen Militäreinsatzes in Afghanistan kritisiert: „Die Präsenz amerikanischer Truppen ist massiv kontraproduktiv. Sie ist nicht ein Teil des Problems, sie ist das Problem“, hatte er schon 2009 im Münchner Presseclub erklärt.

Foto Leh - Erös-Augstein-UlrichFOTO: Dr. Erös (links) in Berlin bei einem Streitgespräch mit Jakob Augstein (Mitte) und dem stellv. Chefredakteur der „Zeit“, Bernd Ulrich. Der frühere Fallschirmjägeroffizier Erös hielt Ulrich vor, früher selbst den Wehrdienst verweigert zu haben, während er nun bequem im Sessel sitzend Bücher schreibt wie „Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss“.

Dabei hatte er besonders auf die hohe Zahl unschuldiger ziviler Opfer bei amerikanischen Militäraktionen gegen (nicht selten nur vermeintliche) Taliban verwiesen. Von ihrem Selbstverständnis her seien amerikanische Kampftruppen keine „Nation builder“, sondern „Warriors“. Für darüber hinausgehende Aufgaben seien sie nicht ausgebildet.

In seinem 2008 erschienenen Buch „Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen“ hatte Erös eine Begebenheit geschildert, die einem heute noch den Atem verschlägt:

Wenige Tage nach dem Terroranschlag vom  9. September 2011 in New York hatte ihn, so Erös, sein alter Freund Commander Zamon – ein Mudschaheddin-Kommandant – unter konspirativen Umständen in Bayern angerufen.

Afghanen wollten Osama bin Laden ausliefern

Zamon habe angeboten, Osama bin Laden, dessen Versteck in den afghanischen Höhlen von Tora Bora man kenne, festzunehmen und an die Deutschen auszuliefern. Und zwar nur an die Deutschen, denn zu den Amerikanern habe man kein Vertrauen mehr.

Diese hätten den Araber Osama bin Laden in den achtziger Jahren unterstützt und 1994 „im Bunde mit ihren wahhabitischen pakistanischen und arabischen Freunden die Taliban in unser Land gebracht“, wird Zamon von Erös zitiert. 

Zamon habe mit der Auslieferung bin Ladens die bereits drohenden amerikanischen Bombardements verhindern wollen. Erös sollte einen Kontakt zur Bundesregierung herstellen, was er seinen Angaben zufolge auch über einen Mittelsmann tat. Im Ergebnis habe die Bundesregierung jedoch gekniffen. Osama bin Laden in deutschen Händen – das sei für die Bundesregierung „too heavy“, zu brisant gewesen.

Am 5. Dezember 2001 begann das schwere Bombardement der Amerikaner. Wie Erös schreibt, erklärte ihm dazu ein alter Afghane:

„Was seid ihr Ausländer doch für Dummköpfe! Ihr wollt einen einzigen Mann in die Hände bekommen. Und dafür bombardiert ihr seid Tagen unsere Dörfer. Wie töricht! Hier in Afghanistan gibt es ein altes Sprichwort: Wenn du eine Maus fangen willst, dann nimm eine Katze und keine Reiterherde!“

Osama bin Laden entkam bekanntlich nach Pakistan, wo ihn 2011 Soldaten eines kleinen US-Kommandos erschossen.

Afghanen sind keine Bedrohung für Deutschland

Dr. Erös gründete die „Kinderhilfe Afghanistan“, nahm 2002 vorzeitig seinen Abschied aus der Bundeswehr und ging nach der Beseitigung des Taliban-Regimes mit seiner Familie in das Land am Hindukusch, wo er 29 Schulen für tausende Kinder baute. Dabei verzichtete er auf jeden militärischen Schutz, da die Präsenz ausländischen Militärs nur Gewalt anzöge.

Seine Vorhaben in Afghanistan bespricht er auf Paschtunisch mit den Afghanen. Da er ihr Vertrauen genießt, hat es noch nie einen Anschlag auf seine Schulen gegeben. Den Spruch des früheren Verteidigungsministers Peter Struck, Deutschland werde auch am Hindukusch verteidigt, nennt Erös „Humbug“.  Deutschland sei noch nie von Afghanen bedroht gewesen.

Übrigens hatten weder Struck noch der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder oder Ex-Außenminister Joschka Fischer selbst Wehrdienst geleistet; Fischer antwortet bis heute nicht einmal auf die Frage, ob er Zivildienst geleistet hat, er nennt dies eine „Privatsache“.

Dramatisch gestiegene Kriminalität

Reinhard Erös hebt hervor, im Unterschied zum radikalen saudiarabischen Wahhabismus und den Salafisten sei der traditionelle afghanische Volksislam „nie expansiv und nie missionarisch, sondern  unpolitisch und tolerant“. Afghanistan sei heute vor allem durch die dramatisch gestiegene  Gewaltkriminalität unsicherer denn je.

Die Bundeswehr bezeichnete Erös in seinem Vortrag an der Humboldt-Universität als Hilfstruppe der Amerikaner „wie die Auxiliartruppen der Römer“.

Auf die Frage, welchen Sinn es habe, wie von der Bundesregierung geplant auch über 2014 hinaus noch 600 bis 800 Bundeswehrsoldaten in dem Land zu belassen, erklärte Dr. Erös, militärisch sei die Anwesenheit der Bundeswehr bedeutungslos. Sie sei völlig auf die Amerikaner angewiesen, da sie nicht einmal über Rettungshubschrauber zur Bergung von Verwundeten verfüge.

Text und Fotos: Michael Leh (Journalist aus Berlin)

HINWEIS auf eine ARD-Sendung am 15. November über die von Dr. Erös gegründete Afghanistan-Kinderhilfe: http://www.ardmediathek.de/mdr-fernsehen/mdr-um-elf/was-wird-aus-afghanistan-nach-dem-truppenabzug?documentId=18125892



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