Kirche/Staat: Kretschmanns Wunschkirche nach rotgrünem Muster

Mathias von Gersdorff

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der Europarlamentarier Sven Giegold  –  beide von Bündnis 90 / Grüne  – haben am 6. Juni 2014 der Öffentlichkeit ihre „Religionspolitischen Thesen“  präsentiert. stuttgart 009a

Im Thesenpapier bekennen sie sich zu einem „kooperativen Verhältnis“ zwischen Staat und den Kirche und lehnen einen laizistischen Staat, der nichts von Kirche und Religion wissen, entschieden ab. 

FOTO: Mathias von Gersdorff als Redner bei der Stuttgarter Elternrechts-Demonstration

Die Grünen sind dabei, ihr Verhältnis zu den Kirchen zu definieren. Die Kommission „Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat“ wurde vom Bundesparteivorstand dazu gebildet.

Der Appell Kretschmanns und Giegolds steht im scharfen Kontrast zu manchen Strömungen bei den Grünen, die sich einen Laizismus nach französischem Vorbild wünschen.

Wer die heftigen Auseinandersetzungen rund um den „Bildungsplan 2015“ verfolgt hat, wundert sich möglicherweise, wenn er hört, Kretschmann wolle eine gute Kooperation zwischen Kirche und Staat fördern.

Laut Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung haben die Kirchen auf das entsprechende Arbeitspapier praktisch keinen Einfluß gehabt, während die Überlegungen mancher Lobbygruppen nahezu wörtlich übernommen worden sind.

Die Kirchen als sinnstiftende Gemeinschaften… 

Dennoch betont Kretschmann stets, er sei katholisch. Außerdem ist er Mitglied des „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“. Überhaupt ist die Überlegung bei manchen Grünen, ein besseres Verhältnis zu den (christlichen) Kirchen, anzustreben, nicht ganz neu. Immer wieder flackerte die Diskussion auf, wenn über mögliche Koalitionen mit der Union diskutiert wurde. Jesus am Kreuz - Dom St Peter

Kretschmann und Giegold befürworten durchaus eine starke Einmischung der Kirchen in das öffentliche Leben Deutschlands. Keineswegs sollen sie sich in das rein Private zurückziehen. Sie sollen sogar den Staat kritisieren und ihn so vor „Allmachtsphantasien“ bewahren.

Der Staat soll die Kirchen als Teil der Zivilgesellschaft ansehen und sogar fördern, um die Religionsfreiheit zu gewähreisleisten. Die Kirchen sollen als wichtige sinnstiftende Gemeinschaften angesehen werden, die nicht nur positiv die Gesellschaft prägen können, sondern auch auf den Transzendenzbezug des Menschen hinweisen.

Der Laizismus wird stark angegriffen: „Der Laizismus ersetzt hingegen tendenziell Religion durch Zivilreligion und maßt sich damit an, den Freiheitsraum der Bürger_innen ganz oder teilweise schon auszugestalten. Die extremste Spielart einer solchen Zivilreligion ist der Nationalismus.“

Dieses Wohlwollen den Kirchen gegenüber bedeute allerdings nicht, daß „die Standpunkte und Lebensäußerungen der Religionsgemeinschaften für uns nicht sakrosankt oder unkritisierbar sind.“

Der Teufel steckt im Detail…

Im zweiten Teil des Thesenpapiers erläutern Kretschamnn und Giegold, wie sie sich nun die Kooperation zwischen Kirche und Staat vorstellen. Hier erkennt man die wahre Stoßrichtung des Papiers.

So wird gefordert, daß die sogenannten Stillen Feiertage, also kirchliche Feiertage wie etwa Karfreitag, die einen besonderen Schutz genießen und an denen beispielsweise keine Tanzveranstaltungen stattfinden dürfen, abgeschafft werden. pic_526a50cce0863

Das kirchliche Arbeitsrecht sollte nach Ansicht von Kretschmann und Giegold gelockert werden: „Wir setzen uns als Christen in unseren Kirchen dafür ein, daß eine lesbische Ärztin oder ein geschiedener wiederverheirateter Erzieher sehr wohl in kirchlichen Einrichtungen arbeiten können, weil wir der Überzeugung sind, daß ihre Mitarbeit den kirchlichen Verkündigungsauftrag nicht in Frage stellt.“

Da sie der Überzeugung sind, der Islam gehöre zu Deutschland, fordern sie die Einführung des islamischen Religionsunterrichts in den Regelschulen, auch im Hinblick auf die „Verbreitete Angst vor dem Islam“. Der Blasphemieparagraph 166 StGB sollte abgeschafft werden.

Auffällig an diesen Forderungskatalog ist die Tatsache, daß gerade in diesen Punkten das Christentum in Deutschland in der Lage ist, auf Konfrontation zum modernen Zeitgeist zu gehen. Gotteslästerungen führen regelmäßig zu wütenden Protesten. Die ganzen Themengebiete Homosexualität, sexuelle Vielfalt, Gender-Theorie widersprechen dermaßen der kirchlichen Lehre und dem christlichen Menschenbild, daß sich hier eine tiefe Kluft zwischen Christentum und „Welt“ aufreißt.

Dem Zeitgeist unterordnen?

Wenn diese Inhalte zudem Bestandteil des Schulunterrichts werden sollen, kommt es zu Protesten, wie sie in Baden-Württemberg schon seit Monaten stattfinden. Und das kirchliche Arbeitsrecht ist ein Signal an den Staat, daß manche ihrer Gesetze eben nicht mit dem Christentum konform sind, wie beispielsweise die staatliche Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. kleines-rituale

Würden sich die christlichen Kirchen auf diese Forderungen einlassen, so würden sie sich endgültig dem Zeitgeist unterordnen. Nicht nur ihr Profil, sondern auch ihre Substanz wäre verloren.

Solche Kirchen hat es schon gegeben. So ließ Stalin die Orthodoxe Kirche in der Sowjetunion wieder aufleben, nachdem sie von dem Geheimdienst KGB unterwandert wurde. In der DDR waren weite Teile der Evangelischen Kirche dem kommunistischen Staat ergeben.

Was Kretschmann im Grunde anstrebt, sind Kirchen, die vielleicht mal Kritik üben, sich aber der geltenden Staatsideologie anpassen. Für die Grünen gehört die Gender-Ideologie (sexuelle Vielfalt usw.) zum Kern ihrer Staatsdoktrin.

Weil Kretschmann eben diese Auffassung vertritt, fällt es ihm nicht schwer, auf der einen Seite eine „Kooperation zwischen Kirche und Staat“ hochzupreisen, auf der anderen Seite die Gegner des „Bildungsplanes 2015“ zu bekämpfen. Die letzteren gehören nämlich zu denjenigen Christen, die noch der Überzeugung sind, in gewissen Fällen müsse man kämpfen und in scharfer Konfrontation zum Staat gehen.

Solche Christen mag Kretschmann nicht. Christen sollen für die Abschaltung der Atomkraftwerke, für die Abrüstung oder für die Gleichberechtigung der Frauen in der Dritten Welt kämpfen, aber nicht gegen die Einführung eines Homo-Unterrichts im ersten Grundschuljahr.

Unser Autor Mathias von Gersdorff ist katholischer Publizist, Leiter der Frankfurter Aktion „Kinder in Gefahr“ und betreibt das Webmagazins „Kultur und Medien heute“

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“

2. Foto: Bistum Regensburg


4 Kommentare on “Kirche/Staat: Kretschmanns Wunschkirche nach rotgrünem Muster”

  1. Herr Kretschmann betreibt Taschenspieltricks. Dabei weiß er selbst, dass diese Pläne nicht funktionieren, es sei denn, die Kirchen würden erhebliche Teile der Bibel vollständig ausblenden. Herr Kretschmann betont immer wieder Katholik zu sein, aber seine Haltung hat nichts, aber auch Garnichts mit katholischer Ethik zu tun. Er vermischt Gott und Welt wie ein Kartenspiel. Dabei merkt er nicht, dass er gemäß Offenbarung 18 nichts anderes tut, als Babylon zu repräsentieren. Auf dieser Grundlage ist Rot – Grün für aufgeweckte Christen unwählbar.

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  2. Bernhard sagt:

    Herr Kretschmann kämpft nicht für christliche Werte (zumindest nicht umfassend). Das ist eine Binsenwahrheit. Allerdings finde ich das, was er sagt, auch nicht so unerhört.

    Ein laizistischer Staat bedeutet auch nicht den Untergang der Kirche. In Frankreich hat die Kirche vielleicht weniger Einfluss, aber die verbleibenden Gläubigen sind oft bewusster gläubig als hier (meine subjektive Einschätzung).
    Wenn Kretschmann nicht einen laizistischen Staat, sondern einen mit einer handzahmen Kirche wünscht, dann kann man das zur Kenntnis nehmen. Es ist nur der Wunsch eines Politikers.
    Es gibt auch keinen „Deal“. Niemand hat der Kirche etwas angedroht für den Fall, dass sie die Träume eines Hampelmanns Kretschmann nicht erfüllt.

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  3. H.G sagt:

    Die Doppelzüngigkeit der Argumentationen Herrn Kretschmanns ist wahrlich bemerkenswert! Was nun? Biblisches Vorbild oder Kirche nach Belieben? Herr Kretschmann lässt sich zur Sicherheit alle Türen offen. Was sagte Jesus von der „engen Pforte“ und dem „breiten Weg, der ins Verderben führt“? Herr Kretschmann wählt offenbar den breiten Weg. Eine Warnung für alle Christen….

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  4. Heidi Rätz sagt:

    Das alles gab es schon mal in Deutschland und Menschen wie Bonhoeffer sind dafür in den Tod gegangen. Nun ist Widerstand heute nicht tödlich, aber wenn die Kirchen sich von diesem Papier und dem Zeitgeist unterjochen lassen, werden sie und die Christen, denen ihre Bibel und Gott wichtig und wertvoll sind mundtot gemacht.
    Und ich denke, die Kirchen sollten sich nicht auf diesen miesen Deal einlassen, denn er ist eine Bankrotterklärung jeglicher Möglichkeit, das Wort Gottes und Seine Weisheit überhaupt noch aussprechen zu dürfen: Damit wäre dem Dammbruch – kurz Sodom und Gomorra – die Tür geöffnet. Wie das endete steht in der Bibel….

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