Die besondere theologische Nähe zwischen Judentum und katholischer Kirche

Von Felizitas Küble

Daß die Erwählung der Israeliten und der Alte Bund die Wurzel des Christentums darstellen, muß nicht erklärt werden, zumal Christus selbst häufig aus dem Alten Testament zitierte und glasklar erklärte, er sei nicht gekommen, um das (Religions-)Gesetz aufzulösen, sondern um es zu erfüllen. bischof

Zusätzlich gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen der jüdischen Religion (auch in ihrer heutigen Gestalt) und speziell dem katholischen Glauben, die reihenweise aufzuzählen den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Hier seien aber einige Beispiele erwähnt:

1. Beide Glaubensrichtungen lehren, daß Gott sowohl barmherzig wie auch gerecht ist. Vor allem bei den Psalmen und Propheten des AT wird die Güte, Heiligkeit und Gerechtigkeit des Ewigen betont.   –  Auch der katholische Glaube verkündet den sowohl „lieben“ wie auch gerechten und allheiligen Gott, der das Gute belohnt und das Böse bestraft.  –  Im Protestantismus ist dieser Gesichtspunkt hingegen stark an den Rand gedrängt.

2. Beide Glaubensrichtungen lehren, daß die guten Werke notwendig für das ewige Heil sind (was Luther und die anderen Reformatoren ausdrücklich bestritten haben). Natürlich ist der Glaube das „Fundament jeder Rechtfertigung“, wie auch das Trienter Konzil klarstellte. Gleichwohl geht es, wie der hl. Apostel Paulus betont, um einen „Glauben, der durch die Liebe wirksam wird“, denn „der Glaube ohne Werke ist tot“ (Apostel Jakobus). Folglich verkünden Bibel, Judentum und Kirche keinen bloßen Kopfglauben oder Fiduzialglauben (wonach allein schon das Vertrauen auf Gott allein selig mache). P1020947

3. Beide Glaubensrichtungen lehren, daß die Einhaltung der göttlichen Gebote notwendig für das ewige Heil ist. „Wer meine Gebote hält, der ist es, der mich liebt“  – „Nicht jeder, der HERR, HERR sagt, wird ins Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt“, erklärte Christus  eindeutig  –  und auch der hl. Johannes schärft genau diesen Gedanken in seinen beiden neutestamentlichen Briefen immer wieder ein.  –  Hingegen vertritt der Protestantismus die Auffassung, das Halten der göttlichen Gebote sei zwar ein wünschenswertes Ideal, aber keine Voraussetzung für den Himmel, weil angeblich „der Glaube allein selig macht“.

4. Beide Glaubensrichtungen lehren, daß es im Jenseits eine Läuterungs-Vorstufe zur ewigen Seligkeit gibt, nämlich als Purgatorium („Fegefeuer“), wie es die katholische Kirche verkündet bzw. als eine Art Wartestation für jene, die zwar gläubig, aber in einem nicht ausreichend gerechten Zustand verstorben sind (jüdische Ansicht). Auch Juden beten  – wie die Katholiken – für ihre Verstorbenen; es gibt die rituellen jüdischen Totengebete und die persönlichen Fürbittgebete, etwa für verstorbene Eltern, Verwandte, Freunde etc.   –  Die katholische Kirche führt ihre Lehre vom jenseitigen Läuterungszustand nicht zuletzt auf den alttestamentlichen Makkabäerbrief zurück, in dem es heißt, es sei ein „heilsamer Gedanke, für die Verstorbenen zu beten, damit sie vom Makel ihrer Schuld befreit werden“.  – Der Protestantismus verwirft hingegen den Fegefeuer-Glauben, da er die Alleingenügsamkeit des Glaubens lehrt, wonach die Christen in den Himmel und die Ungläubigen in die Hölle gelangen; eine Art vorläufiger „Zwischenlösung“ gibt es daher nicht. 120505288_BV_July und Mike

5. Beide Glaubensrichtungen lehren die Heiligkeit der Ehe, wobei dieser Gedanke schon im Alten Testament klar zum Ausdruck kommt, etwa beim Propheten Hosea, der bereits den Bund Gottes mit seinem Volk Israel mit der Ehe vergleicht; mehrfach wird der Abfall vieler Israeliten vom wahren Gott als „Ehebruch“ angeklagt.  – Die katholische Kirche verkündet, daß die Ehe ein Abbild des Bundes Christi mit seiner Kirche darstellt und daß die Ehe wirksame Gnaden des Himmels vermittelt (Standesgnaden der Ehe).  – Demgegenüber bezeichnete Luther die Ehe als ein „weltlich Ding“ und widersprach ausdrücklich der katholischen Lehre vom „Sakrament“ der Ehe.

6. Beide Glaubensrichtungen lehren, daß der menschliche Wille frei ist, weshalb der Mensch für seine guten und bösen Gedanken, Worte undTaten verantwortlich ist  –  bis in die Ewigkeit hinein. Natürlich ist der menschliche Wille durch den Sündenfall geschwächt, aber nicht außer Kraft gesetzt, sondern ausreichend vorhanden, um Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen zu gewährleisten.  – Hingegen schrieb Luther ein Buch über den „unfreien Willen“, weil die menschliche Natur durch den Sündenfall angeblich nicht nur geschwächt worden sei, sondern „total verdorben“ – und daher der Wille unfähig zu allem Guten. media-374158-2

7. Beide Glaubensrichtungen lehren, daß die Psalmen von großer Bedeutung für das Gebets- und Glaubensleben sind. Das tägliche Brevier der katholischen Priester, die Tagesgebete der Ordensleute und der „gregorianische Choral“ sind größtenteils von den Psalmen des Alten Testaments geprägt, ebenso die täglichen liturgischen Lesungen der katholischen Kirche.   –  Zudem besteht der klassische Rosenkranz nicht zufällig aus 150 Ave-Marias, dem sogenannten „Brevier der Laien“: Weil die Gläubigen im Mittelalter oft nicht lesen konnten, waren sie nicht in der Lage, die 150 Psalmen des AT zu beten; daher nahmen sie ihre Zuflucht „ersatzhalber“ zu den 150 Ave Marias und den Heilsgeheimnissen des Neuen Testamentes. Der dreifache Rosenkranz (freudenreich, schmerzhaft, glorreich) wird nicht ohne Grund auch „Psalter“ (kommt von „Psalterium“) genannt.  – Hingegen spielen die Psalmen in den „amtlichen“ (liturgischen) Gebeten des Protestantismus eine weitaus geringere Rolle als katholischerseits, mögen sie auch in den Privatgebeten mancher gläubiger Evangelischer gut beheimatet sein.

Kein Wunder also, daß z.B. Friedrich Heiler, ein bekannter Religionshistoriker, sich von der katholischen Kirche u.a. deshalb trennte, weil der Katholizismus aus seiner Sicht viel zu „judaistisch“ geprägt sei. In seinem Buch „Das Wesen des Katholizismus“ beanstandet er seitenlang, daß der katholische Glaube auf einer „judaistischen Gesetzesreligion“ aufbaue. Weil ihm dies  – nebst weiteren Kritikpunkten  – mißfiel, wurde er protestantisch, wobei er bei manch anderen Themen durchaus noch weiter katholischen Vorstellungen anhing, vor allem hinsichtlich der Mystik und der Sakramente.

Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang außerdem, daß der deutsch-jüdische Oberrabbiner Leo Baeck in seinem Klassiker Das Wesen des Judentums seitenlang seine religiös begründete Kritik am Protestantismus ausbreitet (z.B. auf den S. 49  – 53), nicht jedoch an der katholischen Kirche, deren Denken und Glauben ihm sichtlich näher liegt.

Felizitas Küble leitet den KOMM-MiT-Verlag und das Christoferuswerk in Münster, das dieses CHRISTLICHE FORUM betreibt.


16 Kommentare on “Die besondere theologische Nähe zwischen Judentum und katholischer Kirche”

  1. @Zeitschnur
    Jesus distanziert sich eindeutig, indem er betont „Moses … hat erlaubt“ (Mt 19:8 u.a.).

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    • zeitschnur sagt:

      Ja und? In 2. Kor. 3, 13 ff wird ja erklärt, wie man das sehen muss: Das Gesetz, wie Mose es empfangen hat, ist bereits herrlich, aber vergänglich. Die Juden lesen es mit einer „Hülle auf ihrem Herzen“. Diese Hülle liegt in der Form des Alten Bundes selbst. „Bis heute liegt die Hülle auf ihrem Herzen, wenn Mose vorgelesen wird“ (V. 15). Den Bund schloss nicht Mose durch ein selbstgebasteltes Gesetz, sondern Gott schloss ihn im Gesetz mit Mose.

      Das heißt nicht, dass Mose aus eigenem Meinen das Gesetz verfasst hat!
      Vielleicht muss man es umgekehrt sehen: Ein „Mehr“ an Offenbarung hätte der verhärtete Mensch zu dem Zeitpunkt nicht verkraftet. Das Gesetz musste ihn erschüttern, um Christus annehmen zu können. Erschüttern – nicht „reinigen“.

      Wenn Jesus also sagt, um des verhärteten Herzens des Mannes willen, habe Mose die Verstoßungspraxis erlaubt, dann taucht dieselbe Vokalbel auf, die wir im 2. Kor. finden: „Doch ihr Denken wurde verhärtet.“
      An den Worten der späteren Propheten wird sichtbar, dass die Verhärtung aufbrach, die Erschütterung durch das strenge Gesetz schon wirkte, wenn auch scheinbar nicht direkt in der Ehefrage – dort wird die Verstoßungspraxis nämlich als Grund für das Unglück Israels angesehen, und dies obwohl Mose das ja an sich erlaubte.

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  2. Eine ausgezeichnete Darlegung – vielen Dank! Sie belegt, dass das Katholische die direkte Fortführung des Jüdischen ist – ein Weg, den die Juden eben nicht mitgegangen sind. Dass dieses Verharren einen für die Juden noch gültigen Sonderweg darstellt, wie gerne propagiert wird, ist allerdings sehr fragwürdig, hat doch Christus den Alten Bund erfüllt und, wie im Alten Testament (Jeremias?) angekündigt, ihn durch den Neuen Bund ersetzt. Johannes zumindest ist da eindeutig, aber wir müssen uns nicht „Gottes Kopf zerbrechen“…
    Wir Katholiken kennen nur den einen Weg, eben den katholischen – auch der Protestantismus ist nicht die Kirche Jesu Christi, welche „… nicht überwältigt“ wird. Daran wird die viel beschworene Ökumene auch weiterhin scheitern, wenn nicht der Hl Geist massiv eingreift.

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  3. Sorge sagt:

    Sehr geehrte Frau Küble,
    vielen Dank für Ihrer Beitrag. Es ist eine wunderbare Lektüre. Ich fühle mich seit eh und je dem Judentum sehr nahe, und das nicht nur deshalb, weil Jesus und die Aposteln Juden sind, sondern auch, wie ein jüdisches Zitat so schön heißt: Gott hat die Juden auserwählt, „because they are just like everybody else, only more so.“
    Ferner erinnere ich mich an einem Satz von Kardinal Jean-Marie Lustiger, einst Erzbischof von Paris, der ja als Jude katholisch geworden war. Er hat einmal gesagt, so sinngemäß: „Wenn ich das Neue Testament lese, (er)kenne ich das schon!“ – darum war er katholisch geworden, er, der das Alte Testament durch und durch kannte. Und ich war ihm, damals, als ich den Satz las, neidisch: Was kennt er so intim über das Neue Testament?

    Nur nebenbei gedacht: obwohl das Judentum, Christentum und Islam als die drei großen monotheistischen Religionen der Welt gelten, glaube ich nicht, dass Allah irgendwas mit unserem Gott gemein hat. Sonst könnten auch die Muslime unseren Gott anbeten, was sie (die Muslime) auf keinen Fall tun wollen….

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    • Guten Tag,
      freut mich, daß Sie sich dem Judentum verbunden fühlen; die Gemeinsamkeiten mit dem Christentum und besonders dem katholischen Glauben (siehe die Beispiele in diesem Artikel) sind beachtlich. Freilich ändert das nichts an der Tragik, daß die meisten Juden ihren Messias nicht erkannten und nicht erkennen. Dies wird sich erst am Ende der Zeiten zum Positiven wenden, wenn „ganz Israel“ zu Christus umkehrt, wie Paulus im Römerbrief ankündigt.
      An Kardinal Lustiger, den gebürtigen deutschen Juden, habe ich in den 90er Jahren einen ausführlichen Brief geschrieben und eine freundliche Antwort erhalten. Mein Offener Brief ist in dem Buch „Frauen schreiben an Mutter Kirche“ (Verlag Ursula Zöller) enthalten, in dem sich viele glaubenstreue Katholikinnen zu religiösen Themen zu Wort melden und eine hohe Persönlichkeit anschreiben. (Wenn Sie mir Ihre Anschrift nennen, das kann auch per Mail sein, schicke ich Ihnen bei Interesse das Buch kostenlos zu.)
      Der Gott des Alten und des Neuen Testamentes ist derselbe Gott – allerdings nicht der Allah des Koran. Es mag zwar Muslime geben, die von ihrer subjektiven Absicht her den „wahren Gott“ anbeten wollen, aber objektiv ist „Allah“ nicht der Gott der biblischen Offenbarung.
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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      • Sorge sagt:

        Liebe Frau Küble,
        nun bin ich entzückt: Sie haben mit Kardinal Lustiger korrespondiert! Der ist doch eine meiner sehr verehrten Persönlichkeit. Natürlich will ich sehr gerne Ihr o.g. Buch erhalten. An welche „Mail-Adresse“ soll ich Ihnen meine Post-Anschrift mitteilen?

        Ja, ich bin inzwischen auch überzeugt, dass unser Gott Jahwe ist, aber mit Allah überhaupt nichts zu tun hat. Allah ist vermutlich ein Konstrukt von Mohammed, um seinen Anforderungen mit einem „übernatürlichen Touch“ zu garnieren. Es gäbe auch Hypothesen, dass Mohammed selbst ein Konstrukt sei von damaligen Arabern, um ihren Behauptungen eine Legimitierung zu gewähren. Immer wieder: Dichtung und Wahrheit…
        .
        Danke nochmals.
        Mfg

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      • Guten Tag,
        danke für Ihre freundliche Rückmeldung. Hier meine Mailanschrift: felizitas.kueble@web.de (sie steht auch im Impressum des CHRISTLICHEN FORUM).
        Gerne sende ich Ihnen das erwähnte Buch zu.
        Ja, es gibt durchaus ernstzunehmende Wissenschaftler, von denen die historische Existenz Mohammeds infrage gestellt und er als späteres Konstrukt angesehen wird. Dies muß nicht der Fall sein, ist aber möglich.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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  4. zeitschnur sagt:

    Es ist gut, dass Sie darauf hinweisen! Man könnte ja manchmal geradezu denken, die Juden seien die dem Christentum am meisten entgegenstehende Religion, wenn man Tradi-Katholiken hört.

    Ich würde aber bei der „Heiligung der Ehe“ nicht verschweigen, dass zwar einerseits die Propheten die willkürliche Verstoßung der Frau durch einen Scheidebrief schärfstens kritsieren und sogar als Grund für den Niedergang nennen (bei Malachi, glaube ich), andererseits im Judentum sich auch die ungute Verhärtung des Mannes massiv durchgesetzt hat, der sich einbildet, er habe das „göttliche“ Recht, die Ehe zu brechen – denn Mose hat es ausdrücklich im Auftrag Gottes erlaubt. Dieses Faktum wird von Jesus selbst thematisiert, als die Jünger ihm entgegenhalten, wenn der Mann seine Frau nicht verstoßen dürfe, sei es „nicht gut zu heiraten“. Jesus selbst sagt: „Das war von Gott nicht so gedacht. Aber aufgrund der Verhärtung eurer Herzen ließ er es zu.“

    Davon abgesehen möchte ich die im alten Judentum erlaubte, „parallele“ Polygamie, ein Unwesen von Haupt- und Nebenfrauen erwähnen, von der auch das AT zahlreich berichtet.
    Abgelegt hatten das nur die Juden, die später unter Christen lebten. Die Juden, die unter Arabern lebten, kamen z.T. noch mit Kind und Kegel nach Israel zurück.

    Diese Zerrüttung der Verhältnisse geht allerdings auf den Sündenfall zurück (Gen. 3, 16) und ist unmittelbare Folge der Aussage, der Mann werde die Frau künftig beherrschen. Das schließt all diese Missstände ja mit ein.

    Ich glaube, dass die Heilung des Geschlechterverhältnisses einzigartig und nur im christlichen Glauben zu finden ist, dort aber auch allzuoft aus sündhaftem Ballast erst ausgegraben werden muss.

    Offenbar ist das ein gravierender Punkt – vielleicht gerade weil sich darin u.a. die Beziehung zwischen Gott und Mensch ausdrückt und der Mensch sich genau dem nicht hingeben will…

    Vielleicht könnte man auch noch erwähnen, dass der so und so oft von Tradis als „satanisch“ beschimpfte Talmud von der Struktur her und den Methoden des Philosophierens auch unserer Väterliteratur bis ins Mittelalter sehr ähnlich ist. Diese dialogische Dialektik, wurde im Talmud abgebildet und war lange Zeit auch in der Kirche lebendig. Wenn z.B. Thomas v. Aquin eine Frage stellt und dann in alle Richtungen auslotet, für jede Denkmöglichkeit Verfechter auftreten lässt und am Ende versucht, zu einer Konklusion zu kommen (oder manchmal auch nicht, wenn es nicht möglich ist) – diese Methode ist sehr antik und sehr jüdisch, und ich finde es sehr schade, dass die Theologie und die Kleriker der Bitte Leo XIII. mittels dieser Methode der Moderne zu begegnen, leider nicht nachkommen konnten oder wollte.

    Da wäre Musik drin, und uns eine reale Ansprechmöglichkeit für die Juden gegeben.

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    • Guten Tag,
      natürlich haben Sie recht, daß das Judentum in puncto Ehe-Lehre nicht die Höhe der katholischen Kirche erreicht, allerdings z.B. auch die Orthodoxie nicht (wobei wir deren Sakramente katholischerseits alle anerkennen). Obwohl die orthodox-ostkirchliche Lehrauffassung von der Ehe als Sakrament ausgeht, erlaubt sie eine (sogar mehrfache!) kirchliche Wiederverheiratung von Geschiedenen.
      Wenn Christus die unguten Scheidungspraktiken im Alten Israel rügt, vergißt er nicht zu erwähnen: „Im Anfang war es nicht so…“, also ursprünglich war im Alten Bund die rechte Auffassung von der Ehe vorhanden.
      Es geht mir in diesem Punkt der EHE aber speziell um den Gesichtspunkt, daß sowohl katholische Kirche wie jüdische Religion die Ehe – im Unterschied zum Protestantismus – nicht nur als ein „weltlich Ding“ (Luther) ansehen, sondern als „heilige Sache“, als Abbild des Bundesschlusses Gottes mit Israel bzw. des Bundes Gottes mit der Kirche.
      (Dieser Artikel, auf den Sie reagieren, ist ja keine gelehrte Abhandlung, kann daher nicht jeden Aspekt erschöpfend behandeln, sondern will lediglich ein paar Gedankenanstöße vermitteln!)
      Der Talmud, das stimmt ebenfalls, ist strukturell kein Lehrbuch (keine Art „jüdische Dogmatik“), sondern eher wie ein Debatten-Buch aufgebaut, wo verschiedene Ansichten (der eine Rabbi meint dies, der andere jenes…) zu Worte kommen und dann eine „Lösung“ versucht wird; insofern besteht tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit zur thomistischen Methode.
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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      • zeitschnur sagt:

        Vielen Dank für die Rückantwort. Ich geben Ihnen in fast allem vollkommen recht. Allerdings glaube ich nicht, dass der Satz Jesu „Im Anfang war es nicht so…” den „Anfang“ im Alten Bund meinte. Das kann m.E. nicht sein, weil der Alte Bund, mit Abraham, Isaak und Jakob geschlossen, bei allen drei „Väter“ leibhaftig das verstellte und zerstörte Eheverständnis sogar zementiert – von Vater zu Vater wird es schlimmer mit der Vielweiberei. Und Mose hat ja ausdrücklich die Scheidung und Wiederverheiratung erlaubt.

        Man kann allenfalls in der Verstoßung Hagars erkennen, dass Gott das alles so nicht will – auch wenn Abraham und Sara ganz offenkundig zunächst keinerlei Unrechtsbewusstein hatten. Auch in der Tatsache, dass Gott Abraham abverlangt, die Sarai ab sofort „Herrin“ (Sara) zu nennen, weist darauf hin, dass dieser Ehebruch mit der Magd schwere Sünde war – leider sogar von der irregeleiteten, in der Erniedrigung als Kinderlose wieder so irrig hochmütigen Sarai auch noch initiiert.

        Ich dachte daher immer, dass Jesus das meint, was Gott ursprünglich in der guten Schöpfung gedacht hatte, was aber durch den Fall verrutscht ist.

        Mir fiel schon lange auf, dass Jesus diese Strafe der Sünde schon für dieses Äon aufhebt – anders als die Geburtswehen, den verunkrauteten Acker und das Sterbenmüssen.
        Der Alte Bund als „Lehrmeister auf Christus hin“ konnte das noch nicht leisten. Erst in der Gestalt Mariens wird unmissverständlich und endgültig klar, was Gott mit seiner „Ehe“ mit den Menschen meint. Damit ist dann aber auch zwingend notwendig, die sündhafte Verhärtung zwischen den Geschlechtern aufzugeben. Das war für die Kirche stets eine der größten Herausforderungen – bis heute.

        Eben weil das alte Israel trotz der Sündenverhaftetheit wusste, dass sich in der Ehe spiegelt, wie Gott den Menschen bei sich haben will – einzig, an seinem Herzen, an seiner Seite also. Man kann da gar nicht hindenken, so liebevoll und gnädig ist das, denn wir sind ja aus uns heraus nichts – eben deshalb konnte Jesus sich auf eine bereits ahnende Tradition beziehen und ihr den Alleingeltungsanspruch zusprechen, der sich in Seiner Person erfüllt hat.

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      • Guten Tag,
        Sie haben schon recht, ich hatte mich unpräzise ausgedrückt und hätte statt „Alter Bund“ besser „Altes Testament“ schreiben sollen (bezogen vor allem auf die Schöpfungsordnung vor dem Sündenfall). Ich meinte also nicht speziell den Abraham- oder Moses-Bund etc.
        Immerhin gibt es im AT auch solche Szenen wie im Buch Tobias (mit dem Engel Raphael als „Heiratsvermittler“), sodann zB. die prophetische Kritik am Ehebruch König Davids mit Batseba (im heidnischen Umfeld wäre diese scharfe Rüge gegen einen Herrscher undenkbar), nicht zu vergessen das sechste Gebot in seiner Eindeutigkeit: „Du sollst nicht ehebrechen!“
        Daß Christus sein erstes öffentliches Wunder auf einer jüdischen Hochzeit wirkte, kommt wohl auch nicht von ungefähr.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • zeitschnur sagt:

        Nein, mit Sicherheit nicht – ich hatte da bloß eine andere Idee. In Christus (und initial Maria) geschieht die Verlobung Gottes mit der Menschheit. Mir stand das vor Augen, als ich diese Geschichte bedachte.
        Und dass auch Maria, die große Brautgestalt, es ausspricht: „Sie haben keinen Wein mehr“.
        Es ist etwas zu Ende, und es muss ein Neues gesetzt werden.
        Und diese Antwort Jesu: „Was hab ich mit dir, Frau, zu schaffen?!“
        Die ganze Dramatik scheint mir hier auf: Ja: Was hat der Himmel mit uns eigentlich zu schaffen in unserem Elend?
        Aber die Braut des Heiligen Geistes weiß es schon und sagt gelassen: „Was Er sagt, das tut!“
        Sie weiß, was Er mit ihr, der Frau, und damit mit uns Menschen zu schaffen hat… denn sie hat es ja schon gnadenhaft erhalten und empfangen…
        Und Er schafft aus Wasser Wein.
        Beachtenswert ist dann auch die Reaktion des Speisemeisters, der den Brätigam ruft und sagt: „Man schenkt doch erst den besseren Wein aus und gibt danach den schlechteren, wenn die Leute schon betrunken sind. ABER DU HAST DEN GUTEN WEIN BIS JETZT ZURÜCKGEHALTEN!“
        Das erinnert mich daran, dass das Gesetz am Sinai gewissermaßen der „schlechtere Wein“ war, der Gute aber, der geopferte Sohn Gottes, der „gute Wein“ ist.
        Er hat sich später oft mit einem Weinstock verglichen und uns sein Blut zu trinken gegeben im Wein.
        Aus reinem und „keuschem“ Wasser schuf Er seinen Wein. Wasser und Blut flossen aus Seiner Seite am Kreuz. Und bis heute mischt der Priester Wasser und Wein.

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    • Guten Tag,
      hier noch ein ergänzender Hinweis zum Thema Ehe und ebenso zum Talmud; im jüdischen Talmud heißt es interessanterweise: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: du sollst nicht ehebrechen; ich aber sage euch: wer auch nur die äußerste Ferse eines Weibes ansieht in seinem Gelüste, der ist, als hätte er mit ihr die Ehe gebrochen.“ (Es geht hier natürlich nicht um die Frauenferse, sondern um das sexuelle Begehren bzw. Verlangen als solches). – Dieser neutestamentliche Gedanke (vgl. den ähnlich lautenden Ausspruch Christi), daß der Ehebruch nicht erst mit seinem direkten Vollzug beginnt, ist also auch im Talmud zu finden.
      (Zitiert nach „Das Wesen des Judentums“ von Oberrabinner Leo Baeck, S. 20).
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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      • zeitschnur sagt:

        Sehr interessant! Man weiß nicht, ob der Rabbi das dann schon wiederum von den Christen gehört hatte oder von Juden, die es ursrpünglich von Jesus hatten. Er ist ja erst nach Christus kodifiziert worden.

        Aber zu dem Phänomen gehört ja, dass die meisten Juden trotz Mose inzwischen eindeutig die gezielte Polygamie aufgegeben haben, und, wenn sie jüdisch-gläubig sind, monogam leben.

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    • Zur Eindeutigkeit, mag es auch als Beckmesserei erscheinen: Es war Moses, der die Scheidung erlaubt hat, nicht Jahwe – oder irre ich mich?

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      • zeitschnur sagt:

        Das Gesetz wurde dem Moses auf dem Sinai von Gott gegeben – warum Gesetze, die uns nicht passen, plötzlich nur Moses, die uns gefallen aber Gott zuschreiben? Den Prozess der Ausdifferenzierung der Gesetze kennt ja niemand. Wir kennen das Gesetz nur als Ganzes.
        Zudem wurde in Israel tradiert, dass Gott nicht nur dieses schriftliche Gesetz gab, sondern dem Moses auf dem Sinai mündlich vieles zusätzlich mitgeteilt habe, was dann auch mündlich weitergegeben wurde, in den 4 Jahrhunderten nach Christus dann aber auch verschriftlicht wurde (Mischna).
        Das ist so ähnlich aufzufassen wie das, was uns apostolisch im Schrifttext, aber auch aufgrund mündlicher Tradition weitergegeben wurde.

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