Der „Spiegel“ und seine Mißdeutung der KZ-Äußerung von Akif Pirinçci

Von Dr. Josef Bordat

Akif Pirinçci hat auf einer Pegida-Veranstaltung in Dresden eine Rede gehalten, in der er offenbar  –  ich habe sie nicht gehört und werde das auch nicht tun  –  eine Äußerung getan, in der von KZs die Rede ist. Das lässt aufhorchen. Auch mich. 038_35

Im Spiegel erfahre ich, er habe KZs für Politiker gefordert: “Es gäbe natürlich auch andere Alternativen, mit Politikern umzugehen, die bereit sind Flüchtlinge aufzunehmen, deutete er an. ‘Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb’”.

Ich denke, das ist eine Fehldeutung der Äußerung, die ich mir dann doch mal  –  neugierig wie ich bin  –  durchgelesen habe. Akif Pirinçci berichtet über einen Fall, in dem ein Politiker einem Flüchtlingsgegner die Ausreise aus Deutschland empfohlen habe.

Was Pirinçci tatsächlich geäußert hat

Er sagt dann: “Offenkundig scheint man bei der Macht die Angst und den Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben, dass man ihm schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn er gefälligst nicht pariert. Es gäbe natürlich auch andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.” (Die Transkription fand ich im Focus.)

Akif Pirinçci meint, wenn ich ihn richtig verstehe, die Bundesrepublik befände sich heute in einer ähnlichen Situation wie Nazi-Deutschland in den 1930ern, als die “Macht” Juden zur Ausreise anhielt, ehe dann die Vernichtungslager im besetzten Osten Europas errichtet wurden. Er meint offenbar, die “Macht” richte sich heute gegen Flüchtlingsgegner und er unterstellt der “Macht”, zu einer ähnlichen Eskalation willens, aber eben “derzeit” noch nicht bereit zu sein. Akif Pirinçci hält seinen historischen Vergleich konsequent durch.

Er fordert nicht KZs, sondern unterstellt dies der „Macht“

Das ist konsequent unangemessen, konsequent falsch, konsequent irre, aber Akif Pirinçci fordert für Niemanden KZ-Haft, sondern unterstellt der “Macht”, eben diese KZ-Haft Flüchtlingsgegner künftig antun zu wollen, sobald dies eben wieder möglich sein werde. Das “leider” schiebt er dabei dem Denken der “Macht” unter, ohne sich das Bedauern zu eigen zu machen.

Im Gegenteil: Es handelt sich um die Unterstellung einer zynischen Haltung der “Macht”, die Akif Pirinçci – als Flüchtlingsgegner und insoweit potentielles Opfer – ausdrücklich ablehnt (die – bei Lichte betrachtet – aber auch völlig aus der Luft gegriffen ist).

Also: Akif Pirinçci fordert keine KZ-Haft für Politiker, sondern unterstellt ihnen, die momentane Unmöglichkeit einer solchen für Flüchtlingsgegner zu bedauern und zukünftig diesbezüglich Abhilfe schaffen zu wollen. Was jetzt moralisch verwerflicher und strafrechtlich einschlägiger ist, kann ich nicht sagen. Ich halte beides für eine unsinnige Entgleisung.

Aber auch Menschen, die eine Menge Unsinn erzählen, haben das Recht, fair behandelt zu werden. Insbesondere gehört zur fairen Behandlung die genaue Bestimmung von Art und Umfang des Unsinns. Auch, wenn es ins schier Unermessliche geht.

Quelle: https://jobo72.wordpress.com/2015/10/20/akif-pirinccis-kz-aeusserung/

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3 Kommentare on “Der „Spiegel“ und seine Mißdeutung der KZ-Äußerung von Akif Pirinçci”

  1. Lisje Türelüre aus der Klappergasse. sagt:

    Das ist überhaupt nicht aus der Luft gegriffen!
    Es gibt die Äußerung des Regierungspräsidenten Lübcke aus Kassel, der in einer öffentlichen Veranstaltung ausgesagt hat, wem das nicht passe, der könne ja ausreisen, wir seien ein freies Land. Des weiteren laufen Räumungsklagen gegen Mieter städtischer Wohnungen.
    Es gibt Androhungen, Gewerberaum zu beschlagnahmen.
    Im übrigen bin ich fassungslos, daß unsere Journalisten Texte nicht mehr verstehen…

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  2. Bernhard sagt:

    Nach nochmaligem Durchlesen muss ich auch zu dem Schluss kommen, dass Herr Pirinçci seine Äußerung wohl so gemeint hat, wie Herr Bordat sie versteht. Vorher hatte ich es so verstanden, dass er am liebsten die Politiker ins KZ stecken wollte (dass er nicht von den Flüchtlingen sprach, war klar).

    Diese Äußerung ist nicht nur rhetorisch eine Missgeburt; es ist grundsätzlich schlechter Stil, irgendwelche Nazi-Vergleiche anzustellen. Jeder Vergleich mit dem Dritten Reich führt hierzulande quasi automatisch zu einer Vergiftung der Atmosphäre und zu einer Verunmöglichung jedes weiteren Dialogs („Godwin’s Law“). Und ich kann diese und andere Äußerungen von Seiten Pegidas leider nicht anders verstehen, als dass die Pegida-Anhänger mittlerweile an einem Dialog und fairem Austausch nicht mehr interessiert sind. Was bleibt dann noch?

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    • Guten Tag,
      nach meinem Kenntnisstand erhielt Akif Pirinçci deutliche Pfiffe für seine Rede von Pegida-Teilnehmern – und die irrsinnige Ansprache wurde von der Organisation abgebrochen.
      Allerdings häte man ihn gleich gar nicht einladen sollen, das ist klar.
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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