Bischof Algermissen (Fulda): Hilfe beim Sterben statt Beihilfe zum Sterben

Auf einem Symposion der Theologischen Fakultät Fulda am Samstag, dem 17. Oktober 2015, hielt Bischof Heinz Josef Algermissen eine Ansprache, in welcher er die vorangegangenen Vorträge würdigte und zugleich den kirchlichen Standpunkt zur Debatte um die Beihilfe zur Selbsttötung erläuterte.

Wir dokumentieren den vollständigen Wortlaut der Dankesansprache des Bischofs mit freundlicher Genehmigung des Bistums Fulda (die Zwischentitel stammen von uns):

„Die breit angelegte Diskussion um die Beihilfe zum Suizid hat uns die letzten Monate begleitet und wird sich wohl in den kommenden Tagen noch zuspitzen, zumal der Deutsche Bundestag Anfang November über die überparteilichen Gruppenanträge zur „Neuregelung der Beihilfe zur Selbsttötung“ abschließend befinden wird. Foto Leupolt - Bistum Fulda

Dieser Diskussionsprozess berührt höchst bedeutsame existenzielle Fragen des menschlichen Lebens. Es wäre ein Unding, würden wir sie an Politiker und Parteien abgeben. Und darum ist mir dieses nunmehr 13. Symposion unserer Theologischen Fakultät Fulda so wichtig.

Und deshalb bin ich sehr dankbar für die beiden Hauptreferate, die uns den Weg in das Problem ebenso kompetent wie anrührend geöffnet haben.

BILD: Bischof Heinz Josef Algermissen übt Kritik an einem „falschen Autonomieverständnis“ (Foto: Leupolt / Bistum Fulda)

Ich danke in unser aller Namen Herrn Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger, Augsburg, seit 2008 Mitglied des Deutschen Ethikrates und seit kurzem Stiftungsratsvorsitzender der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, und Herrn Professor Dr. Friedemann Voigt, Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Marburg, je für einen profunden Vortrag.

Nicht über den Zeitpunkt des eigenen Todes entscheiden

Im Grundsätzlichen einmütig haben sich Vertreter beider großer Kirchen in dieser Debatte engagiert zu Wort gemeldet. Ihre Position lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Jede Hilfe beim Sterben, keine Hilfe zum Sterben.

Das von allen Seiten eingeforderte Sterben in Würde könne doch nur bedeuten, Art und Weise des Sterbens würdevoll zu gestalten. Entsprechend freut man sich auch auf Seiten der Kirchen über einen in den letzten Monaten deutlich gewordenen politischen Konsens, den palliativ-medizinischen Bereich in Deutschland entschieden ausbauen zu wollen. Kreuzkuppel

Vor allem aber misstraut man kirchlicherseits dem offenbar weit verbreiteten Wunsch nach einem selbstbestimmten Sterben, dem Wunsch, über den Zeitpunkt des eigenen Todes entscheiden zu können. Einfache Appelle wie „mein Tod gehört mir“ oder „Selbstbestimmung bis zuletzt“ sind plakativ und helfen nicht weiter. Dahinter steckt oft nicht nur die Angst vor einem schmerzvollen, womöglich von der Intensivmedizin sinnlos hinausgezögerten Sterbeprozess.

Stimmen aus Theologie und Kirche beklagen, dass hinter diesem Wunsch häufig auch ein falsches Autonomieverständnis steht, demnach man um jeden Preis verhindern möchte, anderen zur Last zu fallen, von anderen in der Endphase seines Lebens abhängig zu werden.

Wahre Selbstbestimmung: Auch das Sterben leben

In der theologischen Begründung dieser kirchlichen Position heißt es dann: Weil das Leben ein Geschenk Gottes ist, hat kein Mensch das Recht, über seinen eigenen Tod zu verfügen. Das von Gott geschenkte Leben lässt sich nicht einfach zurückgeben. Das geschenkte Leben bis zu seinem Ende zu leben und auch das Sterben zu leben, ist vielmehr Ausdruck der wahren Selbstbestimmung des Menschen.images

In Diskussionen wird häufig eingewandt, durch Gesetze, Normen und Weisungen werde der Mensch von außen gelenkt und fremdbestimmt. Das Gegenteil ist der Fall. Denn der Mensch hat seine einzigartige Würde, die unser Grundgesetz „unantastbar“ nennt, weil er Abbild Gottes ist. Nur in lebendiger Beziehung zu seinem Urbild vermag sich das Abbild wirklich zu entfalten, kommt das Gewissen zu seiner vollen Würde und Bedeutung.

Das Gesetz im Inneren des Gewissens, von dem das Zweite Vatikanische Konzil spricht, wird durch die Stimme Gottes nicht verfremdet, sondern entfaltet und gedeutet.

Auch Christen bedürfen der Schärfung des Gewissens

Als Christinnen und Christen sind wir dazu berufen, Zeuginnen und Zeugen Jesu Christi zu sein, der sich als „Weg, Wahrheit und Leben“ (Joh 14,6) mitgeteilt hat. Es ist unsere Berufung, den Menschen zu helfen, sich Gott zu öffnen, seinen Ruf zu vernehmen und seiner Botschaft zu folgen.

Damit wir dieser Berufung gerecht werden können, bedürfen wir zunächst selbst der Stärkung und Schärfung unseres eigenen Gewissens, auf dass wir uns im Diskurs dieser Gesellschaft deutlich und eindeutig verhalten. Ich hoffe und wünsche, dass uns die Anregungen und Fragen dieses heutigen Tages dazu eine gute Hilfe sind.

In der heftig geführten Debatte über „Sterbehilfe“ können wir zeigen, welch Geistes Kinder wir sind. Ich danke den beiden Referenten noch einmal sehr herzlich und Ihnen allen, dass Sie an diesem Symposion teilnehmen.“

Über diese Stellungnahme des Bischofs hat auch die Fuldaer Zeitung berichtet: http://www.fuldaerzeitung.de/artikelansicht/artikel/4321110/regional+fulda/bischof-algermissen-keiner-hat-das-recht-uber-eigenen-tod-zu-verfugen



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