Sport auf dem Prüfstand: Die Schattenseiten des Fußballs als Massenspektakel

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Der Sport hat viele Gesichter. Er hat auch ein hässliches Antlitz. Fernsehzuschauer konnten das bei den Europameisterschaften im Fußball erleben. 0000009699_3

Wer am 12. Juni die Abendnachrichten schaute, konnte Hooligans sehen, die einen wehrlos am Boden Liegenden mit Fußtritten und mit einem Stuhl traktiert haben. Das war in Marseille. Von anderen Städten wurden ähnliche Brutalitäten berichtet.

FOTO: Prof. Gindert leitet den Dachverband „Forum Deutscher Katholiken“

Wenn die Veranstalter solcher Sportevents friedliche Zuschauer, die in die Privatkriege von gewaltbereiten Club-Fans hineingezogen werden, nicht mehr schützen können, sollten sie vom Staat, dem die Sicherheit der Bürger aufgetragen ist, verboten werden.

Wir erleben sonst eine Rebarbarisierung. Sie ist auch in einer Gesellschaft möglich, die mit Messer und Gabel isst und sich viel auf ihre fortschrittliche Verfassung einbildet, sie aber nicht mehr ganz praktiziert, wie die Mißachtung des Rechts auf Leben, z.B. durch  Abtreibung  beweist.

Auch die römische Gesellschaft des fünften Jahrhunderts hielt sich für kultiviert. Dort spielten die Zirkusspiele mit den Gladiatorenwettkämpfen, bei denen sich zumeist Kriegsgefangene gegenseitig niedermetzeln mussten, eine wichtige gesellschaftliche Funktion.

Kaiser Konstantin verbot die Gladiatorenkämpfe. Aber der Kaiser war weit weg in Ostrom und die Römer hielten sich nicht an das Verbot. Als im Jahr 404 gefangene Goten zur Verfügung standen und sich zum Spektakel der Römer umbringen mussten, stürzte ein Mann mit Namen Telemach in die Arena, um die Kämpfer zu trennen. Er wurde von den Zirkusfans gesteinigt. Dieser Anlass führte dazu, dass durch Kaiser Honorius das endgültige Aus für diese Gemetzel kam.

Wird der Staat den Massensport Fußball im Griff behalten? Das hieße bestimmte Freiheiten beschränken. Die Veranstalter haben viel Geld in die Spiele investiert. Für sie lautet die Devise „The Show must go on“ – Das Spiel muss weitergehen.

„Sport ist die schönste Nebensache der Welt!“ –  das hört sich heute wie ein Witz an. Der Spruch stammt von anno dazumal, aus einer Zeit, als es noch Amateure gab und Spitzensportler nicht Spitzenverdiener waren, der Sport noch kein Milliardengeschäft war und Sportwettkämpfe mit Massenbeteiligung noch nicht das gesellschaftliche und politische Leben wie heute bestimmten.

Politiker, Gewerkschafter, Organisatoren von Demos müssen sich heute überlegen, ob sie eine Veranstaltung ansetzen, wenn gleichzeitig ein wichtiges Fußballmatch in der Nähe stattfindet.berlin-440x292

Die Fans fühlen sich bei Veranstaltungen wie die freien Schweizer Bürger, wenn sie durch Applaus, Spruchbänder und Sprechchöre das Geschehen auf dem Rasen scheinbar mitbestimmen können. Ihnen erweisen die Spieler nach dem Abpfiff ihre Referenz. Bei internationalen Veranstaltungen zeigen die Fans auch patriotische Gefühle, die ihnen  nicht viel abverlangen, z.B. mit Fahnen, Nationalfarben im Gesicht und auf dem Körper.

Natürlich kann der Sport auch echte Werte vermitteln. Bei hehren Anlässen kommen sie auch zur Sprache: Fairness, Selbstüberwindung, Ausdauer etc.. Gelegentlich sieht man neben den Fouls auch etwas davon auf dem Rasen.

Von sportlichen Werten erfuhr man früher regelmäßig auch in der Fastenzeit, wenn in der Kirche aus dem Paulusbrief (1 Kor 9,21 – 27) an die Korinther zitiert wurde: „Jeder, der am Wettkampf teilnimmt, legt sich alle Entbehrungen auf… jene, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Kranz zu erhalten“.

Der „unvergängliche Kranz“ ist für Paulus das Leben bei Gott. Jene, denen aktiver Sport oder Teilnahme an Sportveranstaltungen zum Ersatz für den Gottesdienst geworden ist, werden Paulus nicht mehr verstehen.

Trotzdem: sportlicher Lorbeer welkt dahin. Urkunden, Pokale, Medaillen und Erinnerungen an tolle Sportereignisse verschaffen kein Eintritts-Billett ins ewige Leben. Das eigentliche Problem heißt aber: Wollen diese Menschen noch das ewige Leben? Wollen sie erlöst sein?

Sicher gibt es den Wunsch nach Erlösung von Krankheit, den Schwierigkeiten, die das Alter mit sich bringt, von einem unangenehmen Chef etc.. Aber das meint Paulus nicht. Er meint vielmehr mit seinem Vergleich die alles entscheidende Frage, ob wir am Ende auf der Siegertreppe stehen, die ins ewige Leben führt.

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4 Kommentare on “Sport auf dem Prüfstand: Die Schattenseiten des Fußballs als Massenspektakel”

  1. Rumpelstilzchen sagt:

    Im Fußball wurde der Meilenstein für den Menschenhandel gelegt, wenn auch nicht im negativen Sinne der Versklavung. Es wird wie im Fieber um Spieler geschachert und inzwischen hat dies astronomische Summen erreicht, wovon Funktionäre und Spieler profitieren und der Sport als Medien geiles Spektakel schon fast zur Nebensache wird und damit auch dekadente Auswüchse immer häufiger werden, wenn sich Spieler öffentlich respektlos beleidigen. Mit welcher Begründung, nur weil sie Fußball spielen, verdienen diese Herrschaften Millionen und inwieweit ist es denen gegenüber fair, die sich mühsam ihren Lebensunterhalt verdienen müssen? Fußballspieler sind keine Helden in dem Sinne, das ist ein Mythos, denn Helden vollbringen Gutes für die Menschen und da ist der Feuerwehrmann, der Sanitäter, die Leben retten, auch wenn es nahezu sehr gefährlich ist und so weiter. Wenn selbst eine grüne Politikerin zur Flüchtlingskrise spricht: „Nicht alle Menschen, die kommen, sind verwertbar“, dann sagt das schon viel über die nicht-humanistische Geisteshaltung dieser Menschen und natürlich beherrscht das gemeinsame Interesse am Schachern die Beziehungen. Fußballspieler sind keine Götter, sie sind Menschen!

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  2. Niemand sagt:

    Man muss sich schon fragen, warum Ballack die Nerven durchgehen und warum sich ein Mediengeiler Boateng anmaßt, die Keule über sein eigenes Team zu schwingen oder sägt er schon an Ballacks Stuhl? Früher war es entspannter, da denunzierte man sich nicht gegenseitig in aller Öffentlichkeit, sondern klärte die Problemlage sachlich in den Umkleidekabinen und ging respektvoll miteinander um. Wir hätten uns über Leistungen eines Herrn Boateng gefreut, aber nicht über die egomanische Selbstdarstellung wider den Teamgeist…Herr Ballack täte gut daran, sich bei seiner Elf zu entschuldigen und seine Enttäuschung sachlich – nicht unter den Augen der Öffentlichkeit – mit seiner Mannschaft zu klären, das war einst mal die Stärke der deutschen Elf.

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  3. A. Gernandt sagt:

    Sport ist schon längst kein Wettkampf mehr, zumindest im Fußball, wo um Millionen geschachert wird und es nicht mehr um den Sport, sondern um die Tantiemen geht. Die Polizisten, die ihr Leben riskieren (es gibt auch Einzelfälle, von einem solchen wurde ich mal gelinkt, aber das sind Ausnahmen, die sich einen Bonus für die Statistik verdienen), werden weniger wahrgenommen, als Fußballstars, die schon fast zu göttlichen Helden stilisiert werden und sich in der Öffentlichkeit aufführen wie bedauernswerte Mimosen.
    Dabei gibt es so viel steigende Opferzahlen von Gewaltdelikten, die lässt man im Regen stehen und manchmal trampelt man sie nieder, während die Täter Sonderrechte haben. Die ermordeten und zum Krüppel geschlagenen Polizisten haben keine zweite Chance, aber für die Täter kann es nicht genug Chancen geben, sind eben keine gefeierten Helden wie Fußballstars und offen gesagt ist uns hier das Mitgefühl für Mitmenschen abhanden gekommen, wir haben ja die euphorisch bejubelten Fußballstars, die sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen müssen.
    Es ist in Ordnung, sich für etwas zu begeistern, Vorbilder zu haben, aber es ist nicht in Ordnung, dass selbst der Sport zum Finanzdeal verkommen ist und wir die anderen Seiten des Lebens nicht mehr wahrnehmen. Der Normalbürger ist es leid, wenn er die Krankenkassenkosten für die Gewaltexzesse von Hooligans, die verarmt sind, auch noch mittragen soll und mit diesem Signal der GewaltBereitschaft freien Lauf gelassen wird, dafür hätte vielleicht ein anderes Leben gerettet werden können. Wer vorsätzlich einem anderen Schaden an Leib und Leben zufügt, muss dafür Verantwortung übernehmen und selbst wenn er am Existenzminimum lebt, zur Schadenswiedergutmachung zur Kasse gebeten werden, erst dann wird das Umdenken einsetzen.

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    • Anonym sagt:

      Ein Nationalismus breitet sich in den Stadien aus.

      In der Bundesliga gibt es zwar auch gewaltbereite Hooligans, die Situation ist in der Regel aber unter Kontrolle.

      Bei der WM geraten die Hooligans verschiedener Nationalitäten aneinander. Es ist der Nationalismus, der seine häßliche Fratze zeigt.

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