Die Engelserscheinungen von 1916 und das Schweigen der Seherkinder von Fatima

Von Felizitas Küble

Derzeit wird in katholischen Zeitungen und Zeitschriften, in Sonderblättern und Themenheften vielfach auf das hundertjährige Jubiläum der Engelserscheinungen von Fatima hingewiesen, die dort in Portugal im Jahre 1916 stattgefunden haben sollen  –  also ein Jahr vor den weltbekannten Marienerscheinungen. fatima-ruft-2-2016

In der schwäbischen Gebetsstätte Marienfried findet anläßlich dieser Vorgänge von 1916 sogar ein dreitägiges Symposium mit hochrangiger Besetzung statt, das am Montag, den 18. Juli 2016 beginnt. (Plakat siehe hier: http://www.marienfried.de/new/index_htm_files/Grosser%20Gebetstag%202016%20Plakat__.pdf)

FOTO: Titelbild eines Themenheftes der Zeitschrift „Fatima ruft“ über die Engelserscheinungen von 1916

Was jedoch in fast allen Vorträgen und Veröffentlichungen unerwähnt bleibt (sei es bewußt oder wohl eher doch aus mangelnder Kenntnis der Sachlage), ist die merkwürdige Tatsache, daß die drei Seherkinder von Fatima damals über diese immerhin monatelang andauernden Engelsvisionen komplett geschwiegen haben.

Daß die Phänomene überhaupt stattgefunden haben sollen, erfuhren Welt und Kirche erst mehr als zwei Jahrzehnte später von Sr. Lucia, der einzig noch lebenden Seherin von Fatima.

Die beiden anderen Visionärinnen, nämlich Jacinta und Francesco, waren krankheitsbedingt schon im Kindesalter verstorben. Aber auch sie haben ebenso wie Lucia bei den Befragungen durch Ortspfarrer Manuel Ferreira (der zwar anfangs, aber später nicht mehr an die Fatima-Erscheinungen glaubte und sich daher in eine andere Pfarrei versetzen ließ) oder sonstige Kirchenvertreter kein Wort von jenen Begegnungen mit dem Engel berichtet, der sich den drei kleinen Hirtenkindern als „Schutzengel Portugals“ und als „Engel des Friedens“ vorgestellt hatte.

Unter den drei Hirtenkindern von Fatima spielt Lucia   –  die älteste von ihnen  –  die Hauptrolle; sie allein sprach mit der Marienerscheinung, Jacinta konnte sie nur anschauen und anhören. Francisco hingegen konnte sie nicht einmal hören, sondern nur sehen (und natürlich hören, was Lucia sagte). Somit ist Lucia eindeutig die Hauptseherin. Lucia als Nonne

Als einige Jahre nach den Marienerscheinungen eine bischöfliche Untersuchungs-Kommission eingerichtet wurde, in der Lucia (die anderen beiden Kinder waren schon verstorben) eingehend befragt wurde, hat sie sich mit keiner Silbe über jene Engelserscheinungen geäußert.

Dabei besteht freilich eine strenge Pflicht, die ihr auch bekannt war, gegenüber den kirchlichen Vertretern alle Einzelheiten über die erlebten Kundgaben und Botschaften des Himmels zu berichten. Diese Forderung ist völlig berechtigt und logisch: Wie soll eine Kommission sonst imstande sein, ein vernünftiges, sachgerechtes Urteil über eine „Privatoffenbarung“ zu fällen, wenn ihr wesentliche Merkmale und Vorgänge nicht bekannt sind?

Tatsache ist aber, daß die Visionärin Lucia dos Santos (siehe Foto) erst Jahrzehnte später, als sie längst als Ordensfrau in einem Kloster lebte, erstmals über jene Engelserscheinungen von 1916 Auskunft gab. Daher findet man in der älteren Fatima-Literatur bis Ende der 30er Jahre keinerlei Hinweise darauf, natürlich auch nicht in den Akten der kirchlichen Untersuchungskommission.

Sr. Lucia begann erst in den Jahren 1936 bis 1941, bislang von ihr komplett verschwiegene Vorgänge im Zusammenhang mit den Fatima-Erscheinungen aufzuschreiben und ihrem Diözesanbischof zu übermitteln. Über jene Engelsvisionen berichtet sie in ihrer sog. „Zweiten Erinnerung“, die sie am 21. November 1937 zu Ende schrieb.sievernich

Das bedeutet, daß sie über zwanzig Jahre nach jenen Engelsvisionen erstmalig darüber informiert hat. Die Frage stellt sich, ob sie denn nach so langer Zeit wirklich noch alle Einzelheiten (einschließlich z.T. recht langer Gebete des Engels) wissen konnte? Und mit welcher Berechtigung hat sie diese Vorgänge so lange verschwiegen?

„Nach 20 Jahren schlug diese Enthüllung wie eine Bombe ein“, schreibt Pater J. de Marchi auf S. 8 in seinem Buch „Fatima von Anfang an“.

Warum hat Sr. Lucia gewartet, bis am 13. Mai 1930 die bischöfliche Approbation (Billigung, Erlaubnis) der Fatima-Erscheinungen erfolgte – und erst viele Jahre später Auskunft über jene drei Engelserscheinungen gegeben? (Der zuständige Bischof von Leiria hat den Glauben an Fatima natürlich  – wie kirchlich in solchen Fällen üblich  –  nicht etwa vorgeschrieben, sondern lediglich erlaubt; wörtlich heißt es in seinem Dekret, daß „die öffentliche Verehrung Unserer Lieben Frau von Fátima gestattet“ sei.)

Dazu kommt, daß Lucia die einzige „Zeugin“ dieser Ereignisse ist, nachdem die beiden anderen Seherkinder schon lange verstorben waren. Es hängt somit das gesamte Geschehen von 1916 allein an ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit.

Hier stellt sich aber die Frage, warum sie nicht nur die drei bekannten und vieldiskutierten „Geheimnisse“ von Fatima jahrzehntelang für sich behielt, sondern auch diese Engelsvisionen, obwohl sie doch in keinerlei Zusammenhang mit den sog. Geheimnissen stehen.

Am 13.2.2005 stirbt Lucia dos Santos im Alter von 97 Jahren in ihrem Kloster in Coimra. Der portugiesische Ministerpräsident Pedro S. Lopes ordnete damals eine landesweite Staatstrauer an, war die Verstorbene doch die weltbereit berühmteste Seherin des Landes.

Angeblich soll sie ihren Todestag schon im voraus gewußt und angekündigt haben, wie in einigen Fatima-Zeitschriften zu lesen ist. Freilich fragt man sich nach dem theologischen Sinn eines solchen Mirakels. Zudem hätte man gerne gewußt, warum dies angebliche Vorauswissen des eigenen Sterbe-Tages erst  n a c h  ihrem Tod bekannt wurde. Solche „Nachher-Prognosen“ gibt es öfter in der Causa Fatima!

Weitere Infos zu den Engelserscheinungen: https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/09/fatima-fragen-zum-gebet-des-engels/

Hier Nachfragen und Einwände zum Fatima-Zusatz (Rosenkranz): https://charismatismus.wordpress.com/2014/03/06/warum-der-fatima-zusatz-nicht-zum-eigentlichen-rosenkranzgebet-gehort/