„Aus tiefer Sorge“: Vier Kardinäle schrieben an Papst Franziskus, der ihnen nicht antwortete

Wegen der „Verunsicherung vieler Gläubiger“, ausgelöst durch das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia, haben sich vier Kardinäle „aus tiefer pastoraler Sorge“ an Papst Franziskus gewandt.ab-burke_final-interview

Sie bitten den Papst um die Klärung von fünf „Dubia“ – also Zweifel – in der Form von Fragen zu der am 8. April 2016 vorgelegten Exhortation, die den Untertitel „Über die Liebe in der Familie“ trägt.

Das Schreiben an den Papst wurde von Kardinal Walter Brandmüller, Kardinal Joachim Meisner, Kardinal Carlo Caffara und Kardinal Raymond Leo Burke (siehe Foto) verfasst und offenbar Mitte September verschickt; eine Abschrift ging an den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller.

Die Autoren schreiben:

„Der Heilige Vater hat entschieden, nicht zu antworten. Wir haben diese seine souveräne Entscheidung als eine Einladung aufgefasst, das Nachdenken und die Diskussion fortzusetzen, friedlich und voller Respekt. Und daher informieren wir das ganze Volk Gottes von unserer Initiative und stellen sämtliche Dokumente zur Verfügung.“

Die Kardinäle betonen, ihr Brief sei ein „Akt der Liebe: Wir wollen den Papst dabei unterstützen, Spaltungen und Entgegensetzungen vorzubeugen, indem wir ihn bitten, jede Mehrdeutigkeit zu zerstreuen“.

Es sei zudem ein „Akt der Gerechtigkeit: Durch unsere Initiative bekennen wir, dass der Petrusdienst der Dienst der Einheit ist und dass Petrus – dem Papst – der Dienst zukommt, im Glauben zu stärken“.

„Wir wollen hoffen, dass niemand dies nach dem Schema „Fortschrittliche – Konservative“ interpretiert: Damit würde man vollständig fehlgehen. Wir sind tief besorgt um das wahre Wohl der Seelen, das höchste Gesetz der Kirche, und nicht darum, in der Kirche eine gewisse Art von Politik zu fördern. bischof

Wir wollen hoffen, dass niemand uns – zu Unrecht – als Gegner des Heiligen Vaters und als Menschen beurteilt, denen es an Barmherzigkeit fehlt. Das, was wir getan haben und jetzt tun, entspringt aus der tiefen kollegialen Verbundenheit mit dem Papst und aus der leidenschaftlichen Sorge für das Wohl der Gläubigen.“

Mit Blick auf das achte Kapitel der Exhortation schreiben die Kardinäle, dass es „auch innerhalb des Bischofskollegiums einander widersprechende Interpretationen“ gebe.

Sie hätten daher Papst Franziskus mit der Bitte geschrieben, die „Zweifel aufzulösen, welche die Ursache von Verunsicherung und Verwirrung sind“. 

Daher auch die gewählte Form der Dubia, erklären die Autoren. Die fünf Fragen seien so formuliert, dass sie als Antwort „Ja“ oder „Nein“ erforderten, „ohne theologische Argumentation“. Sie werden wie folgt dargelegt:

  1. Es stellt sich die Frage, ob es aufgrund dessen, was in „Amoris laetitia“ Nr. 300 – 305 gesagt ist, nunmehr möglich geworden ist, einer Person im Bußsakrament die Absolution zu erteilen und sie also zur heiligen Eucharistie zuzulassen, die, obwohl sie durch ein gültiges Eheband gebunden ist, „more uxorio“ mit einer anderen Person zusammenlebt – und zwar auch wenn die Bedingungen nicht erfüllt sind, die in „Familiaris consortio“ (Nr. 84) festgelegt sind und dann in „Reconciliatio et paenitentia“ (Nr. 34) und „Sacramentum caritatis“ (Nr. 29) bekräftigt werden. Kann der Ausdruck „in gewissen Fällen“ der Anmerkung 351 (zu Nr. 305) des Apostolischen Schreibens „Amoris laetitia“ auf Geschiedene in einer neuen Verbindung angewandt werden, die weiterhin „more uxorio“ zusammenleben?  120505416_B_Judy und Mike in der Kirche
  2. Ist nach dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ (vgl. Nr. 304) die auf die Heilige Schrift und die Tradition der Kirche gegründete Lehre der Enzyklika „Veritatis Splendor“ (Nr. 79) des heiligen Johannes Paul II. über die Existenz absoluter moralischer Normen, die ohne Ausnahme gelten und in sich schlechte Handlungen verbieten, noch gültig?
  3. Ist es nach „Amoris laetitia“ Nr. 301 noch möglich, zu sagen, dass eine Person, die habituell im Widerspruch zu einem Gebot des Gesetzes Gottes lebt – wie beispielsweise dem, das den Ehebruch verbietet (vgl. Mt 19,3–9) –, sich in einer objektiven Situation der habituellen schweren Sünde befindet (vgl. Päpstlicher Rat für die Gesetzestexte, Erklärung vom 24. Juni 2000)?
  4. Soll man nach den Aussagen von „Amoris laetitia“ (Nr. 302) über die „Umstände, welche die moralische Verantwortlichkeit vermindern“, die auf die Heilige Schrift und die Tradition der Kirche gegründete Lehre der Enzyklika „Veritatis Splendor“ (Nr. 81) des heiligen Johannes Paul II. für weiterhin gültig halten, nach der „die Umstände oder die Absichten niemals einen bereits in sich durch sein Objekt unsittlichen Akt in einen ‚subjektiv‘ sittlichen oder als Wahl vertretbaren Akt verwandeln“ können?
  5. Soll man nach „Amoris laetitia“ (Nr. 303) die auf die Heilige Schrift und die Tradition der Kirche gegründete Lehre der Enzyklika „Veritatis Splendor“ (Nr. 56) des heiligen Johannes Paul II. für weiterhin gültig halten, die eine kreative Interpretation der Rolle des Gewissens ausschließt und bekräftigt, dass das Gewissen niemals dazu autorisiert ist, Ausnahmen von den absoluten moralischen Normen zu legitimieren, welche Handlungen, die durch ihr Objekt in sich schlecht sind, verbieten?

    FORTSETZUNG des Kardinal-Schreibens hier: http://de.catholicnewsagency.com/story/vier-kardinale-appellieren-an-franziskus-zu-ungelosten-knoten-in-amoris-laetitia-1317


14 Kommentare on “„Aus tiefer Sorge“: Vier Kardinäle schrieben an Papst Franziskus, der ihnen nicht antwortete”

  1. Der Papst sucht eine Zulassung der sogenannten „patchwork family“, um sich möglichst viele Gläubige in seiner Kirchenbevölkerung zu unterhalten. Es erinnert an die barocke Konstellation der Päpste mit Konkubinen und Kindern… Nur zu heiliger Vater, die Muslime würden dann auch eventuell zu Deinen Schafen passen…

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  2. Alfred A. Jarke sagt:

    Hier wird m.E. die Autorotät des Papstes untergraben. Die vier sollten sich eher der Mehrheit der Kardinäle anschließen, so dass es nicht zu Unruhe und Widersprüchen kommt. Dieses so offen vorzutragen ist m.E. kein guter Stil.

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    • zeitschnur sagt:

      Autorität des Papstes?
      Und worin besteht die? Dass man selbst dann, wenn er im Verdacht steht, Häretisches angebahnt zu haben, stillhalten muss?
      Ist es dogmatisch überhaupt haltbar, eine einzige Person vollkommen unangreifbar zu machen in der Kirche?
      Anders: handelt es sich beim „Papstdogma“ überhaupt um eine Glaubensfrage?
      Noch anders: Konnte diese Frage im Ernst eine Glaubensfrage sein und als Dogma formuliert werden?
      Das ist für mich theologisch bis heute ein Unding.
      Echte Dogmen – das ist doch was anderes, etwa das Dogma der wesensgleichen Dreifaltigkeit oder der Gottesgebärerin – das merkt doch ein Blinder mit Krückstock, dass das Sätze sind, die den Titel Glaubensdogma verdienen. Aber die beiden Papstdogmen sind keine echten Glaubenssätze, weil sie keinen Glaubenssatz bekennen, sondern eine Verwaltungs – oder Kirchenverfassungsfrage.

      Obwohl das Dogma von 1870 formuliert, dass der Papst die bestehende Lehre nicht ändern darf, hat es keinerlei Sicherung eingebaut für den Fall, DASS er es tut. Mit dem weiteren Dogma des absolutistischen Universalprimats wurden Tor und Tür für einen Häretiker auf dem Papstthron geöffnet, den kein Mensch mehr losbekommen kann.

      Und Ihr Einspruch atmet diesen Ungeist, der dem Papst im Zweifelsfall mehr recht gibt als der Wahrheit, also als Christus.

      Das ist die „Frucht“ des Vaticanum I, und es ist eine faule Frucht.

      Bin ja froh, dass in diesem Kollegium von erbrämlichen Opportunisten (s. Marx, Woelki)) und Feiglingen (s. diese erst recht Marx, Kreuzabnahme etc.) 4 wenigstens den Mund aufmachen.
      Alleine dafür schon mal herzlichen Dank!
      Und dass wenigstens ein deutscher Kardinal den Mumm hat, ist zum Aufatmen.

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      • Guten Tag,
        es sind zwei deutsche Kardinäle dabei (Meisner, Brandmüller), die den kritischen Brief an den Papst mitunterzeichneten.
        Theologische Irrtümer oder theol. irreführende Handlungen hat es in all den Jahrhunderten bei Päpsten öfter gegeben, das ist für kirchengeschichtlich Informierte nichts Neues, obgleich trotzdem ärgerlich, keine Frage (vgl. Honorius-Causa, Liberius-„Fall“ oder Joh. XXII.) Das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes hat immerhin klargestellt, daß ein Pontifex sich als Papst alleine dann unfehlbar äußert, wenn er ein Dogma verkündet, was seitdem erst einmal vorkam (Aufnahme Marias in den Himmel mit Leib und Seele).
        Wer Äußerungen von Päpsten hingegen um jeden Preis verteidigt, überdehnt dieses Dogma und erkennt gerade nicht die darin enthaltene Begrenzung. Diese ist insofern eine durchaus positive Frucht des Vatikanum I., was nicht ausschließt, daß man dennoch vieles kritisch sieht, etwa auch die Frage, ob das Dogma „nötig“ war.
        Aber davor konnten so manche Super-Papalisten den unrichtigen Eindruck erwecken, als sei praktisch jede päpstliche Amtshandlung oder offizielle Lehräußerung unfehlbar. Das konnte natürlich auch nach Vatik. I. weiter versucht werden, doch kann man ihnen seitdem mit dem die Unfehlbarkeit begrenzenden Dogma von 1870 widersprechen. Ich habe jedenfalls mit dem Hinweis darauf schon öfter „Mistverständnisse“ beseitigen können, teils solche von Protestanten, teils jene von kath. Erzpapalisten oder sonstigen Papstschwärmern.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • zeitschnur sagt:

        Ja, zwei Deutsche dem Pass und der Herkunft nach, aber Brandmüller ist doch in Rom, oder?

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      • Guten Tag,
        soviel ich weiß, lebt Brandmüller in Rom, aber z.B. Müller auch – und er wird üblicherweise „deutscher Kardinal“ genannt. Auch Ratzinger wurde in den Medien seinerzeit oft als „deutscher Kardinal“ oder „deutscher Kurienkardinal“ bezeichnet, erst recht danach als „deutscher Papst“, obwohl der Papst nicht nur Angehöriger des Vatikanstaats ist, diesem sogar vorsteht, also „Der Papst aus Deutschland“ zutreffender gewesen wäre.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • zeitschnur sagt:

        Ich wollte noch nachschicken zu der gestrigen Debatte, dass dieses Dogma – wie Sie zurecht ja sagen – relativ enge Grenzen steckt für den Aspekt der „Unfehlbarkeit“ des Papstes, dass dies aber nicht Intention des Aufwandes war, dieses Dogma überhaupt zu formulieren.

        Aber ich sage es mal so,wie ich es meine: Dieses „Dogma“ stammt überhaupt aus einer häretischen Papstauffassung und führt auch wieder dahin, auch wenn es selbst scheinbar rechtgläubig geblieben ist.
        Dogmen sind ja nicht einfach starre Sätze, sondern stammen aus einer Geistesbewegung und tragen eine Dynamik in sich, die weiterführt.

        Der historische und theologische Kontext ist eindeutig:

        Auf dem Vaticanum I sollte nach dem ursprünglich Schema nur unter ferner liefen über die Unfehlbarkeit des Papstes geredet und definiert werden. Es sollte eigentlich über die Frage der Unfehlbarkeit der Kirche im ganzen gesprochen werden. Man hat, also Pius IX. und seine theologische „Armee“, das Schema ohne Erklärung über den Haufen geworfen und plötzlich nur noch über die Unfehlbarkeit des Papstes und seinen „Universalprimat“ als einen absolutistisch verstandenen (was auch nicht zwingend wäre oder je war) verhandelt.

        Dieses Dogma, von dem Sie zurecht sagen, es sei vielleicht „unnötig“, sollte um jeden Preis wesentlich weitergesteckt definiert werden durch bestimmte neo-scholastische und infallibilistische Kräfte, die den Vatikan damals fast vollkommen in der Hand hatten und auch einen Papst, der von derselben Geisteshaltung war.

        Genau dieser Klüngel ist im Prinzip übrigens auch Förderer jeglicher Falschmystik gewesen.
        Alle gemäßigten und vernünftigen Bischöfe wären auf die Idee erst gar nicht gekommen.
        Bei der Befragung der Bischöfe vor dem Konzil nach zu klärenden Themen war die Unfehlbarkeit des Papstes jedenfalls nicht dabei – auch das spricht Bände! Offenbar hielt die Kirche im Ganzen das nicht für notwendig oder gar sinnvoll.

        Die Infallibilisten unterschiedlicher Grade konnten natürlich ihre Theorie theologisch nur schwer durchsetzen, da sie absurd war, an den historischen Tatsachen vorbeiging, sich in der Hl. Schrift ÜBERHAUPT nicht nachweisen ließ und auch aus politischen Überlegungen heraus befremdend war: nun, nachdem der Absolutismus überall in sich zusammengebrochen war, wollte die Kirche ausgerechnet den Fehler der Fürsten wiederholen, um womöglich innerhalb der nächsten 100 Jahre selber zusammenzubrechen? das mahnte besonders Bischof Ketteler an. Ein anderes, wichtiges Gegenargument kam von newman, der realistisch erkannte, dass der Papst ebenso wie die Bischöfe doch kein Orakel des Himmels und darum auch nicht die Spitze aller theologischen Wissenschaft und Erkenntnis sein kann, auf eine starke Theologie also angewiesen ist, die er selbst niemals leisten können wird – von Ausnahme-Päpsten abgesehen. Das war bereits auf dem Konstanzer Kopnzil großes Thema gewesen – aber auch damals schon, am Vorabend der Reformation hat man nicht genügend nachgedacht und am Ende dafür gesorgt, dass die Kirche im Hierarchiewahn zerbrach. Ignatius, anstatt zu erkennen, dass es schon der damalige hierarchische Absolutismus war, der die Reformation herausgefordert hatte, verkrustete diesen falschen Weg auch noch, indem er eine absolute Unterwerfung (im islamischen Sinne) unter die Hiearchie einforderte (Exerzitien): man solle das Weiße für Schwar halten, wenn die Hierarchie es so sagt.
        Na schön.
        Da konnte nichts dabei herauskommen.

        Wie sehr alle Skeptiker des Vaticanum I recht hatten, auch die, die man aus der Kirche drängte wie etwa Döllinger, sehen wir heute. Vielleicht überscharf gerade an diesem Pontifikat.

        Aber die inziwschen papalistisch vernebelten Gläubigen können gerade das nicht sehehn, weil sich der Christusglaube in einen Papstglauben transformiert hat.

        Dass fast ein Viertel der Konzilsväter die Aula bei dieser unseligen Abstimmung verließen, weil sie ihr Gewissen mit dieser Entscheidung nicht belasten wollten, ist ein starkes Zeichen. Ebeneso sehr, wie Newman in England zuhause die Kirchenväter um Fürsprache anrief angesichts der größten Gefahr, unter der die Kirche je stand.

        Unter solchen Umständen mangelnder „unanimitas“ unter den Bischöfen darf man ohnehin Zweifel an der Rechtmäßigkeit einer solchen Entscheidung haben.
        Ein Segen ruhte jedenfalls nicht auf diesem Dogma, und wir werden sehen, was es uns noch an Katastrophen bringen wird.

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      • Guten Tag,
        sicherlich ist klar, daß der Piux IX. damals ein Unfehlbarkeitsdogma für den Papst wünschte, dem weitaus weniger enge Grenzen gesteckt waren, als dies beim Ergebnis dann der Fall war. Es ging aber auf den Konzilsdebatten zB. auch um die Honorius-Causa und andere päpstliche „Fälle“, schließlich waren die versammelten Kardinäle zum Teil versierte Kirchengeschichtler, zB. der damalige Bischof aus Rottenburg. Wie Sie richtig schreiben, gehört auch Ketteler zu den kritischen Stimmen. Die Altkatholiken-Abspaltung ist zweifellos tragisch zu nennen.
        Aber allein die Tatsache für sich genommen, daß auf dem Konzil methodisch oder verbal nicht alles gerade optimal ablief, spricht nicht gegen das Dogma als solches (inhaltlich). Ich erinnere an das Konzil von Nizäa, im Vergleich dazu weitaus wichtiger mit seinem christologischen Zentraldogma von der Gottheit Jesu. Dazu hatte Kaiser Konstantin (damals nicht einmal getauft) einberufen und die Versammlung teils auch geleitet, wobei es ihm weniger um religiöse Fragen ging als um die politisch-kirchliche Reichseinheit. Auch war die Umgangsweise dort nicht immer die freundlichste, man könnte auch hier methodisch manches beanstanden etc. Trotzdem ist das Dogma an sich natürlich in Ordnung und war sogar überfällig.
        Ich habe mit dem Unfehlbarkeitsdogma an sich kein Problem, sondern kann es akzeptieren, wenngleich ich Ihre angesprochene Problematik hinsichtlich der Hintergründe und Auswirkungen auch sehe. Betr. der Folgen läßt sich drüber streiten, ob das Glas halbvoll oder halbleer ist. Für mich eher halb-voll, denn wie gesagt:
        Mit Hinweis auf jenes Dogma konnte ich schon viele Protestanten beruhigen (die sich die päpstliche Unfehlbarkeit „breiter“ vorgestellt haben), neokonservative Papstschwärmer ernüchtern sowieso traditionalistischen/sedisvakantistischen Ultra-Papalisten widersprechen.
        Ein sedisv. Autor und Verleger besuchte mich vor zehn Jahren, weil ich eines seiner Bücher lektorieren sollte. Dabei vertrat er typisch superpapalistische Ansichten (Überdehnung der päpstlichen Unfehlbarkeit). Mit Hinweis auf den Wortlaut (!) jenes Dogmas, seine hieraus hervorgehenden Begrenzungen, sodann mit Verweis auf die Honorius-Causa und dem daraus folgenden „Anti-Honorius-Eid“ späterer Päpste sowie weiterer theologischer Pontifex-„Unfälle“ konnte ich ihn nach langen Diskussionen doch weitgehend überzeugen, so daß er viele Stellen in seinem Buch entsprechend korrigierte. Das Dogma hatte sich in diesem Falle – wie auch in vielen anderen Debatten – als gute Argumentationshilfe erwiesen. So kann man aus dieser Causa von 1870 (bei aller kritischen Durchleuchtung jener Vorgänge) durchaus noch das Beste „herausholen“.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • zeitschnur sagt:

        Ich sagte ja: Für sich genommen, als bloßer Satz, ist das Dogma gerade noch so rechtgläubig, wenn auch keine Glaubenssatz im strengen Sinn, sondern ein Kirchenverfassungssatz.

        Aber Dogmen kommen eben aus einer Dynamik und setzen eine Dynamik fort.
        Man kann das hier nicht leisten, ich müsste darüber erst genauer nachdenken, aber ich denke nicht, dass man das Konzil von Nizäa mechanisch vergleichen kann. Im damaligen christologischen und trinitätstheologische Dogma selbst liegt ja keine politische Absicht, allenfalls in der Dogmatisierung selbst, weil die Frage unklar war und zur Spaltung führte.

        Nun war aber die Papstfrage an sich nicht unklar und es drohte deswegen auch kein Schisma – das war auch eines der anderen Argumente Newmans, der folgerichtig fragte, was das also solle – es stehe doch diesbezgl. gar nichts in Frage!

        Genau das befremdete ja so viele Bischöfe inhaltlich, dass doch gar nichts in Frage stehe und vielmehr der ungute Eindruck entstand, es solle eine neue Kirche geschaffen werden, die nun etwas erließ, was vorher nicht galt. Das sagte etwa Döllinger, der ja das Papsttum an sich gar nicht in Frage stellte. Und beileibe nicht nur eher.

        Das Dogma wurde denn im Petersdom auch in tiefster Finsternis verkündet. Ein schweres Unwetter tobte zur Stunde, es wurde ganz dunkel im Dom. Man musste Pius IX. mit einer Funzel leuchten, damit er es überhaupt verlesen konnte – am Tag. Diese Koinzidenz beschäftigte damals viele Menschen. Sie wurde in den Zeitungen bemerkt und viele shaen darin ein Symbol.
        Das mag man abergläubisch finden. Aber auch die Schrift kennt solche Wetterzeichen bei entscheidenden Ereignissen.
        Der von Ihnen erwähnte Bischof von Rottenburg, der eine umfangreiche Konzilsgeschichte verfasst hatte als Professor, stand Kopf über das, was die infallibilistische Fraktion dachte und durchsetzen wollte. Er hielt auch das Dogma so, wie es formuliert wurde, für nicht korrekt.
        Er nahm das Dogma zwar hin, war aber seither ein gebrochener Mann – all das sind Tatsachen. Und er kannte sich wirklich gut aus!
        Ebenso wie übrigens Döllinger, die Bischöfe Ketteler, Newman, Stroßmayer u.v.a.
        Sie gaben klein bei – es war ein Tautologie: Dem nun neu installierten System nach mussten sie entgegen ihrer Überzeugung klein beigeben.

        Das Verteufelte an der Sache ist, dass das Dogma auch in seiner Begrenztheit dennoch als Grundlage für eine Verabsolutierung des Papsttums genutzt wurde. Der ganze Antimodernismus baute darauf auf.

        Mit einem gewissen internen Recht klagen Piusbrüder nach den Exzessen v.a. Pius X., der ja ihr Idol ist, dessen Interpretationen wieder ein. Ebenso die Sedisvakantisten.
        Da der absolut gesetzte Papst das Dogma dahingehend erweiterte, schleichend versteht sich, und rabiat und unerbittlich einen totalitären Gehorsam einforderte (das ist bei Pius X. insbesondere ein wirkliche Katastrophe – amn muss das nur mal genauer ansehen, was er alles gesagt und geschrieben hat!), entstand der Eindruck, „Unfehlbarkeit“ heiße, dass der Papst immer unfehlbar sei.

        Diese falsche Auffassung ist nicht Problem der Protestanten und Traditionalisten, sondern es ist der katastrophale Kurs Pius IX. und X. (vor allem), der jahrzehntelang weit über das Dogma hinaus genau diese Forderung ja erhoben und gelebt hat, und wenn man genau hinsieht, haben auch die Reformen nach dem Vaticanum II genau diese charismatische Überhebung des Papstes eben nicht korrigiert! Man spricht zwar nicht mehr von Unfehlbarkeit, dafür aber erzeugt das ganze Gedöns um den „Heiligen Vater“, der wie ein überirdisches Maskottchen angesehen wird, den Eindruck eines menschlich-kirchlichen Über-Ichs, das die Züge eines charismatischen Mediums trägt.

        De Kirche hat hier den entscheidenden Schlag zum Zerbruch erhalten. Es ist eben nicht das Vatcanum II, sondern das Vaticanum I, das den Niedergang eingeläutet hat.
        Hochmut kommt immer vor dem Fall.

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      • Guten Tag,
        natürlich wollte ich keineswegs das Konzil von Nicäa und das 1. Vatikanum insgesamt „mechanisch vergleichen“; vielmehr diente es lediglich als Beispiel dafür, daß auch methodisch fragwürdige Zustände auf einem Konzil (Zustandekommen, Abläufe, Umgangsformen und dergl.) noch nicht ein dort verkündetes Dogma selber tangieren – und zudem noch mein Hinweis darauf, daß jenes Dogma zudem viel wichtiger war. Ich denke, wir sind uns hier grundsätzlich einig, wobei ich Ihrer Kritik an der Quasi-Überdehnung des Papstamtes weitgehend zustimme und dies seit langem selber skeptisch beurteile. Nicht ganz zustimmen kann ich Ihrer Äußerung, jene falsche Auffassung sei „nicht Problem der Protestanten und Traditionalisten“, sondern päpstlicher Autoritätsüberspitzungen. Ich meine: beides! – Von Evangelischen kann man freilich nicht unbedingt erwarten, daß sie katholische Feinheiten genauer kennen – also erklärt man sie. Aber von „Tradihausen“ inkl. dem Ausläufer Sedihausen dürfte man dies voraussetzen (ungeachtet des dortigen Personenkults für Pius-Päpste). Auch Tradis/Sedis sind nicht berechtigt, das Papstdogma unangemessen auszulegen bzw. zu überspitzen.
        Das Vaticanum II. wollte die sich angesammelten „Schiefheiten“ und Verkrustungen überwinden, es war ein erheblicher „Problemdruck“ vorhanden, doch teils ging man zuweit damit, teils löste man nicht, sondern verschlimmbesserte oder löste die Schwierigkeiten unausgegoren. Die blauäugige Vorstellung von Tradis/Sedis, als habe der Niedergang erst mit Vat. II begonnen, fand ich immer schon unrealistisch. Nach meinem Eindruck haben solche Thesen aber auch etwas mit mangelnder kirchengeschichtlicher Kenntnis zu tun, teils sind sie emotional-mental bedingt. Die oftmals geradezu kindische „Maskottchen“-Papstschwärmerei in neokonservativen Kreisen wirkt auf mich ziemlich regressiv: als wolle man lieber in einer Heilig-Vater-Geborgenheit versinken, als sich dogmatisch besser zu informieren oder sein biblisches Wissen zu vertiefen. Personenkult ist einfacher, bequemer, gefühlsseliger!
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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  3. Dorrotee sagt:

    Keine Antwort – wie peinlich ist das denn.
    Diese Fragen beschäftigten doch so viele Geistliche ebenfalls.
    Oder will der Papst jetzt erst wieder nachdenken und womöglich eine Beraterstab einsetzen, bis das Thema wieder vergessen ist, oder schon in solch schwammiger Weise praktiziert wird.
    Will er es aussitzen?
    Er gibt dem Klerus und den Gläubigen immer wieder Anlaß zum Rätseln.

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    • Octopuss sagt:

      Liebe Dorotee,
      bei diesem Papst habe ich ein ungutes Gefühl, da er anscheinend darauf vertraut, dass viele Menschen den Christus-Glauben gegen einen Papst-Glauben dank geistiger Manipulationspropaganda eingetauscht haben. Mich hat es immer abgestoßen, wie er den Kindern auf dem Kopf rumtätschelt, als so genannte liebevolle Geste. Durch die Papst-Hörigkeit besteht auch die Gefahr, dass ein pädophiler Papst an die Macht kommt und dieser würde unseren Bischöfen, die sich als Wächter des christlichen Glaubens bekennen, erst recht nicht antworten. Papst Franziskus ist geradezu besessen von der Welt-Einheitsreligion und vielleicht kommt er deshalb den Grünen Politikern mit ihrer erotischen Nächstenliebe so entgegen, weil sie nämlich auch die globale Weltregierung auf Gedeih und Verderb durchboxen wollen, ebenso den Linken. Wie soll Papst Franziskus den Bischöfen auch antworten, wenn er die muslimischen Glaubensvorstellungen in die jüdisch christlichen Glaubensvorstellungen integrieren will und dafür in Kauf nimmt, Christus abzuwerten? Er ersetzt die christliche Liebe im Neuen Testament mit einer globalen Liebestheorie.

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