Von Pius XII. bis Benedikt XVI.: Faire jüdische Stimmen für Papst und Kirche

Von Felizitas Küble

Die kontroverse Debatte um eine mögliche Seligsprechung  von Papst Pius XII. reißt nicht ab. Einwände gegen diesen Pontifex gibt es von verschiedenen Seiten, häufig von ‪„Reformkatholiken‪“, bisweilen melden sich auch kritische jüdische Stimmen zu Wort. pabst-pius-xii-

Für etliche progressive Theologen scheint es schon zu genügen, daß Pius XII. ein ‪„‪vorkonziliarer Papst“ war, um starke Skepsis auszulösen. Auch von bürgerlicher Seite hört man manchmal den Einwand, Pius XII. sei zu sehr ‪„entrückt‪“, vom Typ her sehr aristokratisch, insgesamt zu wenig volkstümlich gewesen.

Von einer Reihe jüdischer Vertreter wird seit langem Kritik am Pacelli-Papst geübt, weil er  – so wird behauptet  –  zur Judenvernichtung der Nationalsozialisten geschwiegen und insofern versagt habe.

Dieser Aspekt wird allerdings nicht von allen jüdischen Persönlichkeiten und Vereinigungen so rigide beurteilt. Der bekannte Physiker Albert Einstein schrieb am 23. Dezember 1940  im „Time Magazin‪“ über die katholische Kirche: „Nur die Kirche blieb aufrecht stehen, um den Kampagnen Hitlers zur Unterdrückung der Wahrheit den Weg zu versperren.‪“

Foto: KOMM-MiT-VerlagEinstein bekennt in seiner Stellungnahme, daß er nie ein besonderes Interesse für die katholische Kirche hegte, jetzt aber „große Zuneigung und Bewunderung‪“ empfinde, da „allein die Kirche den Mut und die Hartnäckigkeit gehabt hat,  auf der geistigen Wahrheit und moralischen Freiheit zu bestehen.‪“    – Der jüdische Nobelpreisträger fügte hinzu: „Ich muß sagen, daß ich das, was ich einst verachtete, jetzt bedingungslos lobe.‪“

Nach dem Tod von Pius XII. veröffentlichte Golda Meir, die israelische Außenministerin und spätere Ministerpräsidentin, einen positiven Nachruf, in welchem sie den verstorbenen Papst als einen „großen Diener des Friedens‪‪“ bezeichnete; er habe ‪„während der zehn Jahre des Nazi-Terrors, als unser Volk furchtbare Qualen erlitt, seine Stimme für die Opfer erhoben und die Henker verurteilt.‪‪“ –  Auch die Rabbiner von Rom, Jerusalem, London und Frankreich sowie der Großteil der jüdischen Vereinigungen schloß sich der Würdigung Meirs an.

„Pave the Way‪“ bemüht sich um Differenzierung

Um ein faires Geschichtsbild hinsichtlich Pius XII. kümmert sich seit Jahren die jüdische Stiftung „Pave the Way‪“. Anläßlich seines 50. Todestages veranstaltete diese amerikanische Vereinigung vom 15. bis 17. September 2009 eine Studientagung im Vatikan, wobei vor allem die positive Rolle untersucht wurde, die Pius XII. bei der Rettung tausender von Juden gespielt hat. Papst Benedikt XVI

„Pave the Way‪“ ging bereits Anfang Februar 2009 einen eigenständigen Weg jenseits des üblichen Medien-Mainstreams, als sich diese jüdische Vereinigung schützend vor Papst Benedikt XVI. stellte und die Schlammschlacht gegen ihn verurteilte, die wegen der Aufhebung der Exkommunikation hinsichtlich der Priesterbruderschaft St. Pius X. und absurder Äußerungen von Weihbischof Williamson erfolgte.

Am 18. September 2009 hielt Papst Benedikt eine Ansprache an die Teilnehmer einer Pave-the-Way-Tagung in Castel Gandolfo. Dabei erklärte er über den Ablauf dieses Symposiums:

„Ich weiß, daß viele herausragende Gelehrte sich an den Überlegungen beteiligt haben, deren Gegenstand das vielfältige Wirken meines geschätzten Vorgängers  – des Dieners Gottes Pius XII. –  in der schwierigen Zeit um den Zweiten Weltkrieg war…Sie haben unvoreingenommen die geschichtlichen Fakten analysiert und sich allein mit der Suche nach der Wahrheit befaßt.

‪In den vergangenen fünf Jahrzehnten ist sehr viel über ihn geschrieben und gesagt worden, und nicht alle wirklichen Aspekte seines Wirkens wurden im rechten Licht untersucht. Die Absicht Ihres Symposiums bestand darin, einige dieser Lücken zu schließen durch eine sorgfältige Untersuchung vieler seiner Stellungnahmen und Interventionen, besonders zugunsten der Juden, die in jenen Jahren in ganz Europa zur Zielscheibe wurden, dem kriminellen Plan derer entsprechend, die sie von der Erdoberfläche tilgen wollten.  Radio Vatikan

‪Nähert man sich diesem edlen Papst ohne ideologische Vorurteile, wird man nicht nur von seinem erhabenen geistlichen und menschlichen Charakter ergriffen, sondern darüber hinaus auch von der Vorbildlichkeit seines Lebens und dem außerordentlichen Reichtum seiner Lehre. So wird man auch die menschliche Weisheit und die tiefe Hirtensorge schätzen, die ihn in den langen Jahren seines Amtes geleitet haben und insbesondere bei der Organisation der Hilfe für das jüdische Volk.‪‪“

Der Papst bedanke sich sodann bei der Stiftung „Pave the Way‪“ für ihre Forschungsarbeit und ihre „beständigen Aktivitäten‪‪“ zugunsten des Friedens und der Verständigung.  Er beendete seine Ansprache mit den Worten: „Mit diesen Gedanken rufe ich auf Sie und die Arbeiten Ihres Symposiums die Fülle des göttlichen Segens herab.‪“

Auch in Yad Vashem änderte sich die frühere Sicht

Aber auch in Israel findet inzwischen ein gewisses Umdenken statt. Avner Shalev, der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, erklärte im Mai 2009, sein Dokumentations-Center habe neue Unterlagen aus den vatikanischen Archiven erhalten, die das in den Medien verbreitete Bild von Pius XII. ‪„‪zutiefst verändern“ könnten.

Demnach erteilte dieser Papst während des Zweiten Weltkrieges persönlich die Anweisung, verfolgte Juden in einem Kloster bei Rom zu verstecken. Aus Dankbarkeit dafür ließ sich der römische Großrabbiner Israel Zolli nach dem 2. Weltkrieg auf den Vornamen Eugenio taufen, als er in die katholische Kirche übertrat. (Der bürgerliche Name von Papst Pius XII. lautete Eugenio Pacelli.) RadioVatikan

Am 25. Januar  2010 veröffentlichte der bedeutende französische Philosoph Bernard-Henri Levy ein deutliches Plädoyer für Pius XII. in ‪„‪The Huffington Post“, worin er zugleich den damals vielfach attackierten Papst Benedikt verteidigt. Dieser jüdische Schriftsteller, in Frankreich unter dem Kürzel ‪„‪BHL“ bekannt, wurde von der linken ‪„‪ taz“ ‪am 13.4.2007 in einem ansonsten kritischen Text als ‪„‪der Popstar unter Frankreichs Intellektuellen“ bezeichnet.

BHLs Artikel vom 25.1.2010 beginnt mit den Worten: ‪„Es ist Zeit, der Unaufrichtigkeit ein Ende zu setzen‪‪“ –  und er kritisiert, daß ein Papst aus der Sicht der meisten Medien heute alles sein dürfe, ‪„‪nur nicht konservativ‪“.

Würdigung der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937

Der Philosoph wendet sich gegen den ‪„‪Chor der Falsch-Informierer‪“ und verweist auf die päpstliche Enzyklika ‪„Mit brennender Sorge‪“, die er als ‪„‪eines der stärksten und aussagekräftigsten Anti-Nazi-Manifeste“ würdigt. Der spätere Papst Pius XII. und damalige päpstliche Nuntius in Deutschland, Kardinal Pacelli, sei ‪„‪Mit-Autor“ dieses eindrucksvollen Dokumentes gewesen, das unter Papst Pius XI. erschien und 1937 von den kath. Kanzeln in Deutschland verlesen wurde.

Einen Tag vor BHLs Pius-Verteidigung war ein ähnlicher Artikel in der bekannten israelischen Tageszeitung ‪„‪Haaretz“ zu lesen. Am 24. Januar 2010  wurde Papst Pius XII. in einem ausführlichen Bericht unter dem Titel ‪„Der vielgeschmähte Papst‪“ deutlich in Schutz genommen. Sayn-Abteikirche-DSC_0195-2

Auch ‪„Haaretz‪“ erwähnt seine Mitarbeit an der Enzyklika ‪„‪Mit brennender Sorge“, die den Nationalsozialismus wortgewaltig verurteilt habe: ‪„‪Die Enzyklika wurde nach Deutschland geschmuggelt und am 21. März 1937 von den katholischen Kanzeln verlesen.“ –  Die anspruchsvolle Zeitung zitiert aus einem Nazi-Dokument, wonach dieses päpstliche Rundschreiben ‪„‪eines der schwersten Angriffe auf die deutsche Regierung“ sei, zumal es ‪„die katholischen Bürger zum Aufstand gegen die Autorität des Staates‪“ auffordere.

Sodann verweist ‪„‪Haaretz“ auf diverse Dokumente, die für Pius XII. sprechen, auch darauf, daß die Nazis äußerst unzufrieden waren, als Kardinal Pacelli zum Papst gewählt wurde. Am 4.3.1939 schrieb Joseph Goebbels in sein Tagebuch: ‪„Mittags mit dem Führer. Es ist zu prüfen, ob wir das Konkordat mit Rom im Lichte der Wahl Pacelli als Papst kündigen sollten.‪“

Abschließend schreibt die bekannte israelische Tageszeitung, es sei wohl nur in einer ‪„rückständigen Welt‪“ wie der heutigen möglich, einen so ‪„‪einzigartigen Mann“, der so vielen Juden und Nazi-Opfern beigestanden habe, derart unfair zu schmähen.

Diese Aussagen verdeutlichen, daß es auch unter Juden durchaus unterschiedliche Ansichten über die Rolle der katholischen Kirche in der NS-Diktatur und über Pius XII. gibt. Das Plädoyer für eine faire und differenzierte Würdigung dieses Papstes schließt natürlich eine begründete Sachkritik nicht aus, lehnt aber Diffamierungen ab, wie sie in oberflächlichen Medien nicht selten zu lesen sind.

Erstveröffentlichung dieses Beitrags in der internationalen katholischen Nachrichtenagentur ZENIT: https://de.zenit.org/articles/faire-juedische-stellungnahmen-fuer-die-katholische-kirche-und-papst-pius-xii/

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4 Kommentare on “Von Pius XII. bis Benedikt XVI.: Faire jüdische Stimmen für Papst und Kirche”

  1. Johann Huber sagt:

    Mit einiger Verspätung gestatte ich mir die Rolle der Päpste während des sog. Dritten Reiches näher zu beleuchten:

    Als Nuntius in Bayern von 1917 bis 1925 lernte Eugenio Pacelli die Gefahr des Kommunismus kennen. So verstand er die Hitlerregierung zunächst als Bollwerk gegen diese Gefahr. Aus dieser Sicht ist auch das Konkordat vom 20.Juli 1933 mit der Hitlerregierung zu verstehen. Gleichzeitig wurden die herkömmlichen Rechte der Kirche abgesichert. Das größte Manko war das Fortbestehen des sog. Kanzelparagraphen, der für die Priester einem Maulkorb gleichkam und für viele von ihnen zum Verhängnis wurde.

    Rolf Hochhuth setzte mit seinem Historiendrama „Der Stellvertreter“ das Märchen in die Welt, der Papst habe zu Hitlers Verbrechen geschwiegen und sein öffentliches Wort hätte Hitler aufhalten können. Das Gegenteil ist der Fall. Ausserdem hat der Papst gesprochen, nur wurde seine Stimme in Deutschland nicht gehört und im Ausland missbraucht:

    Ab Mitte der 1930erJahre gab es im Deutschen Reich die ersten Volksempfänger, die allerdings keinen KW-Empfang besaßen. Radio Vatikan sendete aber zweimal wöchentlich auf 10 kH KW. Und der Osservatore Romano wurde in Deutschland nicht gelesen. Bis 1939 gab es außerdem das Verbot, als Privatmann reichsfeindliche Sender zu hören. Welcher Sender reichsfeindlich war, wusste der einzelne nicht.

    Ab Kriegsbeginn stand jedes Abhören eines ausländischen Senders unter Strafe. Selbst Minister und Reichsleiter brauchten eine Sondergenehmigung, die sie meistens nicht bekamen, nur die Leute der Abwehr wie Oster und Canaris. Viele Meldungen waren sowieso oft nur Kriegspropaganda und so war der Wahrheitsgehalt ungewiss.So wurde zum Beispiel nach dem Überfall auf die Sowjetunion den Deutschen von Stalin fälschlich vorgeworfen, zwanzig Tausend polnische Offiziere getötet zu haben. Auch der BBC griff regelmäßig Meldungen von Radio Vatikan auf und schlachtete sie kriegspropagandistisch aus. Deshalb schrieb der päpstliche Nuntius am 2.2.1941 an den Papst, dessen Äußerungen würden im Reich als einseitige und deutschfeindliche Kriegspropaganda betrachtet werden. Auch die deutschen Bischöfe baten den Papst aus Furcht vor Repressalien um Zurückhaltung.

    Die deutschen Bischöfe waren aber vom Papst mehrmals kritisiert worden: So reagierte der Nuntius mit Unverständnis auf das Huldigungsschreiben der deutschen Bischöfe an Hitler am 28.3.1933.
    Der Nuntius verlangte eine Erklärung dafür, dass die Bischöfe ihren Priestern im KZ nicht beistanden. Der Papst tadelte Erzbischof Gröber von Freiburg schärfstens, als dieser die kath. Jugend in die HJ überführen wollte. Als der Papst in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ von 1937 die Rassenideologie der Nazis verurteilte, wurde die kath. Presse zerschlagen, weitere Priester kamen ins KZ und noch mehr Juden wurden verhaftet. Im selben Jahr ließ der Papst ein in Italien erschienenes antisemitisches Buch auf den Index setzen. 1939 versuchte Papst Pius XI. den Juden die Emigration aus Europa zu erleichtern. Doch die Alliierten lehnten ab.

    Ab 1940 berichtet Radio Vatikan über die entsetzliche Lage der Bevölkerung in Polen und die Ermordung des Klerus. Der Papst konnte sich nur auf den mündlichen Bericht eines Bischofs stützen. Da forderte Hitler den Papst auf, Beweise vorzulegen oder zu schweigen.

    Am 28.7.1940 griff Radio Vatikan die Rassenideologie scharf an. Als Radio Vatikan im Juli 1942 schließlich den Text des Protestes der holländischen Bischöfe gegen die Deportation holländischer Juden ausstrahlt, nimmt Hitler an den Juden Rache und lässt auch alle getauften Jude deportieren, darunter auch die Nonne Edith Stein, die sehnlichst auf ein Wort des Papstes gehofft hatte.

    In der Weihnachtsbotschaft 1942 deutete der Papst die systematische Judenvernichtung an.
    Zwei aus dem KZ entflohene Juden hatten ihm berichtet. Der amerikanische Präsident glaubte diesen nicht.

    Als Pius XII. im Morgengrauen des 16.10.1943 von der bevorstehenden Deportation der Juden aus Rom erfährt, will er sofort öffentlich protestieren. Da fällt ihm der ev. Christ und deutsche Botschafter von Weizsäcker in den Arm. Dieser warnt den Papst vor der Verletzung der Neutralitätspflicht und verspricht, die Sache in die Hand zu nehmen, was nicht geschah. Dem deutschen Pater Pfeiffer in Rom gelingt es aber, Halbjuden und Juden aus Mischehen wieder frei zu bekommen. Die deutsche Haushälterin des Papstes und Ordensschwester Pascalina Lehnert aus Ebersberg schnappte sich einen LKW und versteckte zurückgebliebene Juden in Klöstern.

    Dreimal wurde Kappler, der deutsche Statthalter in Rom, beim Papst vorstellig und forderte ihn zur Zurückhaltung auf. Hitler hegte den Plan, den Papst entführen zu lassen. Dies hätte das Ende der versteckten Juden bedeutet. Trotzdem ließ der Papst die größte Fälschungsaktion der Kirche zu: Der spätere Papst Johannes XXIII. ließ zehntausende Taufscheine an Juden in Griechenland und in der Türkei verteilen.
    Im Juni 1944 protestierte Pius XII. beim Reichsverweser Horti in Ungarn vergebens
    gegen die Deportation der Juden. Da kaufte der Vatikan all jene Häuser auf, in denen noch Juden lebten, und konnte so ca. 5 Tausend von 500 Tausend ungarische Juden retten.

    Hochhuth und die übrigen Verleumder der Päpste hätten wohl besser daran getan, die einschlägigen Akten zu studieren. Dann hätten sie sich ein anderes Bild machen können.

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  2. Anonymous sagt:

    – kein Kommentar:

    Nach dem Tod von Pius XII. veröffentlichte Golda Meier

    Golda Meir

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  3. zeitschnur sagt:

    Das Problem bei der Beurteilung Pius XII. ist, dass man sich kein objektives UND vollständiges Bild über ihn machen kann.
    Auch dieser Pro-Pius-Artikel basiert vor allem auf persönlichen Zeugnissen – und ob die „fair“ sind, kann man eben aufgrund der mangelnden Objektivierbarkeit nicht klar beurteilen, sondern eher immer wieder nur „gefühlt“.

    Einsteins Zitat etwa ist ein rein emotionales – es impliziert auch keinerlei Bezug auf eine sachliche und dialektische Erörterung. Er spricht von seinen persönlichen Abneigungen, die nun zu Zuneigungen geworden sind aufgrund von Impressionen. Woher sich diese Impressionen speisen – sowohl die alte negative als auch die neue positive – er sagt es uns nicht.

    Damit ist die gesamte Problematik ausgesprochen, die diesen Papst umwabert.

    Wenn nun auch eine Vereinigung ganz „unideologisch“ die Rolle dieses Papstes aufarbeiten will – wie genau will sie das machen? Noch mehr persönliche bzw. private Einschätzungen sammeln? Auch das wird methodisch niemals über eine ideologische oder voreingenommene Voreinstellung hinausgelangen.

    Ich möchte darauf hinweisen, dass Pius XII. nicht nur wegen der Judenvernichtung im 3. Reich in der Kritik steht. Ungeklärt ist seine Rolle auch hinsichtlich der Verstrickung der Kirche in das Ustascha-Regime in Kroatien von 1941-45 mit seinen furchtbaren Massakern, die durch bekennende Katholiken und sogar Ordensmänner begangen wurden. Auch in dieser Sache hört man nur parteiische Zeugnsse pro und conta. Zum Glück hat Franziskus deswegen letztes Jahr eine Untersuchungskommission eingerichtet.
    Genauso unklar ist, ob er wirklich nichts wusste davon, dass deutsche Nazi- und kroatische Ustascha-Verbecher nach 1945 durch den Vatikan nach Südamerika geschleust wurden. Mir ist das alles ein bisschen zuviel systematische „Hilfe“ und „Rettung“ auf allen Seiten…

    Hinzukommt bei Eugenio Pacelli, dass er das gesamte 20. Jahrhundert bis zu seinem Tod maßgeblich kirchliche Strippen zog als DER Diplomat, als der er unter Pius X. angefangen hatte. Immer schwamm er gewissermaßen oben, immer mischte er mit. Er hatte eine enorme Macht, und das sollte alles erst einmal sauber untersucht werden, denn aufs Konto der Kirche gehen viele Missgriffe, nicht zuletzt hat es die Kirche dem Faschismus in Italien erst ermöglicht, so aufzusteigen und damit halb Europa faschistisch „stabilisiert“. Man kann die Untersuchung David Kertzers darüber schwerlich leugnen.
    Zu untersuchen ist auch, was genau unter Pius XII. hinsichtlich des spanischen Faschismus abgelaufen ist.

    Anders: die Kirche rief Geister, die sie anschließend nicht mehr los wurde und dann auch ein bisschen bekämpfte. Sie stand nicht wie ein Fels in der Brandung, sondern sie selbst hatte das Desaster teilweise ja mit erzeugt, auch wenn sie sich nicht klargemacht hatte, was daraus erwachsen würde – aber alleine schon das spricht vollends gegen die kirchlichen Strippenzieher.
    Die Rolle Pacellis in dieser Verwirrung dürfte auf keinen Fall marginal sein!

    Man darf hier auch nicht von der deutschen Situation ausgehen. In Deutschland gab es tatsächlich einen beträchtlichen Dissenz zwischen Nazis und v.a. Priestern. Nun muss man das aber historisch richtig einordnen: das enstsprang vor allem der angeblich nicht romanisch genug geprägten deutschen Kirche und ihrem Widerstand, den sie römischen Ambitionen schon im 19. Jh entgegegengesetzt hatte. Man kann das unmöglich Pacelli zuordnen, der gerade für diese deutsche Distanz ja nicht stand. Er hatte ja in Deutschland eher dafür zu sorgen, dass man nicht zu deutsch wurde und schön romtreu verblieb…
    In den südeuropäischen Staaten gilt eine beschämende Amalgamierung von Faschismus und Katholizismus. Und die fand das Wohlgefallen des Pius XII. – zumindest wüsste ich nichts anderes.

    Nun weiß aber jeder Forscher, dass der Vatikan gewisse Akten nicht zugänglich macht – nicht nur im Falle Pacellis. Es sind auch ganze Aktenstränge verschwunden – ich habe das schon im Zusammenhang mit dem Vaticanum I gelesen. Ganze Jahrgänge einfach fort udn nie mehr gesehen oder nicht katalogisiert, also auch nicht einsehbar.

    Und solange das so ist, muss eben auch jede Beatifizierung unterbleiben – so einfach ist das.

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