Papst-Franziskus-Buch: Dr. Heinz Althaus schreibt an den Autor Andreas Englisch

Sehr geehrter Herr Englisch!

Neulich wurde mir Ihr Buch „Der Kämpfer im Vatikan. Papst Franziskus und sein mutiger Weg“ geschenkt. Nach der Lektüre von Marco Politis Taschenbuch „Franziskus unter Wölfen“ war ich auf Ihr Buch gespannt. Und so las ich gleich auch Ihr Werk, das sich als wichtige Ergänzung des Taschenbuches von Marco Politi herausstellte.

Doch nun zu Ihrem Buch. Sie können schreiben. Das, was Sie zu erzählen haben, leiten Sie spannend ein. Wortwahl, Stil, Satzbau, Darstellungsart – all das ist kultiviert und angenehm zu lesen. Hinter Ihren nüchternen Berichten schimmert die Leidenschaft des Autors für seinen Gegenstand durch. Sie sind „Vaticanista“ geworden und berichten seit 1987 aus dem Vatikan.

Bekannt sind Ihre Bücher über die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus, dem Sie nun schon das zweite Buch widmen. Wenn man das bedenkt, ist man doch sehr erstaunt, daß der Autor in einer frühen Periode seines Lebens den Glauben verloren hatte. Wie Sie selbst mitteilen, haben Sie erst durch Johannes Paul II. zum Glauben gefunden, der unter den geradezu herausragenden Papstgestalten des 20. Jahrhunderts gemeinhin als der größte gilt.

Wie sehr Sie ihn bewundern und verehren, spiegelt sich auch in Ihrem neuesten Werk wider. Wenn dem aber so ist, versteht man nicht, wie Ihre frühere Phase des Unglaubens immer wieder durchschlägt in Formulierungen wie ‚wenn es Gott gibt‘. Dann sprechen Sie auffallend oft von ‚Jesus von Nazareth‘. Das ist die Sprache der Historiker, nicht die des Glaubens und der Theologie, denn Glaube und Theologie sagen „Jesus Christus“.

Da wir nun gerade bei Ihrer „ungläubigen“ Jugend sind, so finde ich es verwunderlich, daß Sie in einem Buch über Franziskus so ausführlich über Ihr Elternhaus schreiben. Es mag sein, daß Sie damit Ihre Nähe zu Franziskus‘ Pauperismus betonen wollen, aber dafür bräuchte es diese Ausführlichkeit nicht.

Im übrigen haben Millionen junger Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg eine Kindheit und Jugend in Armut erlebt – auch ich selbst (geb. 1938). Das war früher nichts Besonderes. Nur heute wird ein großes Bohé über Kinder- und Jugendarmut gemacht, wobei es den „armen“ Kindern und Jugendlichen um ein Vielfaches besser geht als uns früher, denn der Begriff der Armut ist an den gesellschaftlichen Wohlstand geknüpft: 60 % des Durchschnittseinkommens in Deutschland.

Auf S. 83 machen Sie zu Recht darauf aufmerksam, daß die beiden nicht italienischen Päpste vor Franziskus aus sehr einfachen Verhältnissen kamen, im Gegensatz zu ihren italienischen Vorgängern, daß sie aber die Armut nicht zum Thema ihres Pontifikats machten.

Franziskus zieht nicht in die päpstlichen Gemächer des Apostolischen Palastes ein, sondern bewohnt eine kleinere Wohnung in Santa Marta, er ißt mit den Vatikanangestellten in der Kantine, er trägt nicht die roten Papstschuhe, sondern schäbige Alltagstreter, er läßt sich in einem Kleinwagen chauffieren usw.

Man fragt sich unwillkürlich, was das bedeuten soll. Fast alle Päpste im 20. Jahrhundert waren Heilige oder wenigstens Selige, denen jeglicher Luxus fremd war, die persönlich ziemlich bedürfnislos lebten. Johannes Paul II. ist inzwischen heilig gesprochen, aber auch von Ratzinger weiß man, daß ihm ein aufwendiger Lebensstil völlig fremd war. Und wenn er der Sitte in Italien entsprechend Wein zum Essen kredenzen ließ, so nahm er selbst nur ein halbes Glas.

Selbst P. Eberhard von Gemmingen, der sicher nicht zu den Bewunderern Benedikts gehört, betonte am Dienstag, dem 11. April, in der großen Sondersendung des bayerischen Fernsehens, daß Benedikt die roten Schuhe nicht aus Eitelkeit getragen habe, sondern weil man ihm gesagt habe, das seien die üblichen Schuhe des Papstes, und als gehorsamer Sohn der heiligen römischen Kirche, der er zeitlebens war, habe er die Tradition eingehalten.

In diesem Zusammenhang stieß mir Ihre Äußerung „Während Joseph Ratzinger schon als Kind das schicke Auto eines Kardinals bewunderte, dem er zufällig begegnete, verabscheut Mario Bergoglio Priester in teuren Autos …“ unangenehm auf. Der gegensätzliche Vergleich ist nicht nur fehl am Platz, sondern auch unlogisch. Wie kann man das spontane Gefühl eines Knaben mit dem moralischen Habitus eines Erwachsenen vergleichen! Oder wollen Sie gar Benedikt als Liebhaber des Luxus denunzieren? Das wäre infam!

Franziskus macht nun – fast – alles anders. Aber von größerer Bedeutung sind freilich seine doktrinären Äußerungen über die Wirtschaft. Wenn man so ein Wort hört wie „Wirtschaft tötet“, ist man zunächst einmal fassungslos und fragt sich, wie Franziskus so offensichtlich seine Ignoranz in ökonomischen Fragen zu Markte tragen kann.

Daß das „reiche Deutschland“ 1945 völlig am Boden lag, daß das deutsche Volk hungerte, nichts zum Anziehen hatte und im Winter fror, so daß der Kölner Kardinal Frings den Leuten erlaubte, die Güterzüge, die deutsche Kohle für die Sieger abtransportierten, zu überfallen  –  all das scheint Franziskus nicht zu wissen. Insbesondere weiß er nicht, daß sich die Deutschen selbst hochgerappelt haben  –  dank der freien Marktwirtschaft, für die kein anderer so eintrat wie Ludwig Erhard.

Der Marshall-Plan, der wiedergutmachte, was die Alliierten mit der Demontage vorher kaputt gemacht hatten, konnte nur in Deutschland so wunderbar funktionieren, weil die Menschen mit ungeheurem Fleiß und eiserner Disziplin Fabriken und Häuser wiederaufbauten.

Als ich während meines Studiums in den Jahren 1958 bis 1964 Werkarbeit leistete, erzählten mir Fabrikarbeiter in Emsdetten und Rheine von Frühinvaliden, die in den fünfziger Jahren 70 und mehr Stunden in der Woche gearbeitet und damit ihre Gesundheit ruiniert hatten.

Und wie ist es in den Entwicklungsländern heute? Als ich 2010 eine Gruppen-Rundreise durch Äthiopien machte, erzählte uns der einheimische Reiseleiter, daß ein Äthiopier keine 8 Stunden am Tag arbeiten könne! Mehr als 4 Stunden schaffe er nicht.

Und wie sieht es in Lateinamerika, wo ja Franziskus herkommt, aus? Nehmen wir einmal Cuba. Die Mittagspause beträgt mindestens 4 Stunden. Vor 17 Uhr bewegt sich gar nichts. In Vietnam ist es ganz anders. Dort wird auch in der Mittagshitze auf dem Bau gearbeitet. Die Ostasiaten gelten nicht nur als besonders intelligent, sondern sie sind auch ungeheuer fleißig und zäh.

Japan galt schon Anfang der 60er Jahre als Industrieland, China konnte erst nach Maos Tod die Aufholjagd beginnen und ist heute an der Weltspitze. Auch Südkorea ist mit seinem großen Wirtschaftswachstum nicht zu übersehen, ferner Singapur. Doch genug davon.

Franziskus ist einfach von seinen Erfahrungen in Argentinien geprägt. Was heißt das? Das Land der Gauchos war  bis 1945 wohlhabender als Deutschland, aber Korruption und Nepotismus in Verbindung mit verkrusteten Strukturen sorgten für den unaufhaltsamen Niedergang. Inzwischen gab es zwei Staatspleiten. Man denke nur einmal an Peron und die Kirchners.

Daß sich Erzbischof Bergoglio so sehr um die Armen in Buenos Aires gekümmert hat, ist ungeheuer anrührend, taugt aber nicht zur Lösung der tiefen Wirtschaftskrise des Landes. Der von Franziskus hochgeschätzte Kardinal Walter Kasper, der Korreferent meiner theologischen Dissertation, sagte einmal: Christliche Nächstenliebe zeigt sich heute nicht mehr einfach im Almosengeben, sondern in groß angelegten Förderprogrammen wie Misereor, Adveniat und Missio.

Warum schaut Franziskus nicht auf Deutschland, wo diese großen Förderprogramme erfunden und umgesetzt worden sind? Er war doch eine gewisse Zeit zum Studium in St. Georgen. Ludwig Erhards Grundgedanke war nicht, wie die Sozialisten sagten, den „Reichen“ etwas wegzunehmen und dann an die Ärmeren zu verteilen, sondern die Wirtschaft wachsen zu lassen und den Zugewinn gerecht auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu verteilen. Und dieses Rezept war ungeheuer erfolgreich. Es hat, wie Ludwig Erhard versprach, Wohlstand für alle gebracht.

Was Ihre historischen Kenntnisse anbelangt, so sieht es ziemlich trübe aus.

  1. Der Sklavenhandel.

Ab S. 55 berichten Sie ziemlich unkritisch von einem Gespräch mit einem lateinamerikanischen Priester, der keine genauen geschichtlichen Kenntnisse hat. Da lassen Sie auf S. 57 den ungenannten Priester sagen, daß die Muslime in sechshundert Jahren nur 1,7 Millionen Christen versklavten, während Christen über 11 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika verschleppten.

Richtig ist folgendes: Die Araber waren von Beginn an Sklavenhändler und fingen Schwarze aus Afrika, um sie nach Arabien und später ins Osmanische Reich zu verschleppen. Daß es keine Schwarzen in der arabischen Welt gibt, liegt einfach daran, daß die Araber die Männer gleich töteten und nur die Frauen und Kinder am Leben ließen. Genaue Zahlen zum arabischen Sklavenhandel liegen nicht vor. Aber es wäre naiv anzunehmen, es habe sich nicht um viele Millionen gehandelt.

Im Mittelalter haben die Mauren viele Christen in Spanien, Frankreich und Italien verschleppt, um sie zu Sklaven zu machen. Nicht umsonst hat Rossini im 19. Jahrhundert die Oper „Die Italienerin in Algier“ geschrieben. Zur Befreiung der Christen aus der Gefangenschaft bei den Sarazenen wurden sogar im Mittelalter zwei Orden gegründet, und zwar die Trinitarier, deren Ordensregel 1198 vom Papst approbiert wurde, und die Mercedarier, deren Ordenssatzung der Papst 1235 approbierte.

Die Trinitarier haben 900.000 Christen aus der arabischen Sklaverei freigekauft. Von 1500 bis 1750 wurden 1,5 Millionen Christen aus ganz Europa von den Sarazenen versklavt, sogar aus England. Überall, wo die Sarazenen oder später die Osmanen auftauchten, verbreiteten sie Angst und Schrecken, und zwar in einem viel schlimmeren Maße, als dies christliche Heere je taten.

Ich war zweimal auf Malta, wo 1565 die große Seeschlacht der weit überlegenen osmanischen Flotte gegen die Johanniter standfand. Aber diese hielten unter ihrem Großmeister la Valette stand, bis eine christliche Flotte aus Richtung Sizilien für den Entsatz sorgte. Von den 40.000 Matrosen der Osmanen waren inzwischen 3/4 gefallen. Was die Osmanen im Falle eines Sieges gemacht hätten, wurde den Maltesern am Schicksal der Nachbarinsel Gozo deutlich. Dort machten die Osmanen alle kurzerhand nieder, Männer und Frauen, Kinder und Greise. Daß Malta das katholischste Land Europas ist, liegt nicht zuletzt daran, daß die Erinnerung an die existenzielle Bedrohung durch die muslimischen Osmanen bis zum heutigen Tage wachgehalten wird.

Auch in anderer Beziehung hat der von Ihnen zitierte Priester keine Ahnung. Es ist ein geradezu unverzeihlicher Irrtum zu meinen, erst Leo XIII. habe 1888 – hundert Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung – die Sklaverei verboten. Schon Eugen IV. hat im 15. Jahrhundert gegen die Sklaverei Stellung bezogen, und Paul III. hat 1537 ausdrücklich die Versklavung eroberter Völker verboten, auch wenn sie keine Christen waren. Gregor XVI. zählte in seiner Konstitution von 1839 im einzelnen die Erlasse seiner Vorgänger zur Sklavenfrage auf.

Was die USA anbelangt, so sollte auch Ihr Gewährsmann wissen, daß gerade wegen der Sklavenfrage der schlimme amerikanische Bürgerkrieg stattgefunden hat. Erst der Sieg des Nordens in Gettysburg 1865 hat den Weg für die Durchsetzung des Verbotes der Sklaverei freigemacht. Hinsichtlich der hehren Ideale der amerikanischen Gründungsväter zeigt sich wieder einmal: Papier ist geduldig. Erst der Sieg auf dem Schlachtfeld führte zur Befreiung der Sklaven.

Also trotz der Unabhängigkeitserklärung von 1776 wurden in den Vereinigten Staaten noch ca. 90 Jahre lang mit größter Selbstverständlichkeit Sklaven gehalten, vor allem in den Südstaaten, wo die Schwarzen besonders in den Baumwollplantagen eingesetzt wurden.

Von dem hohen Roß unserer modernen Moral läßt sich leicht ein Verdammungsurteil über die Geschichte fällen. Aber nur dadurch, daß das junge Christentum eben nicht als sozialrevolutionäre Bewegung mit der Forderung nach Abschaffung der allgegenwärtigen Sklaverei auftrat, konnte es in der antiken Sklavenhaltergesellschaft des Römischen Reiches überleben.

Unter den Schriften des Neuen Testaments findet sich auch der kleine Brief des Apostels Paulus an Philemon, dessen Sklave Onesimos entlaufen war. Paulus schickt ihn seinem Herrn zurück und empfiehlt, den Sklaven wie einen Bruder in Christus aufzunehmen. An anderer Stelle schreibt Paulus, in Christus gelte nicht mehr Mann und Frau, Herr und Sklave, sondern alle seien eins in Christus.

Ich glaube, das haben die lateinamerikanischen Befreiungstheologen bis heute nicht begriffen, für die der Glaube ein Instrument zur Durchsetzung sozialer oder gar sozialrevolutionärer Reformen ist.

Im Islam ist die Sklaverei etwas ganz Normales. Der Koran erlaubt sie ausdrücklich, während das Neue Testament die Sklaverei nur als gegeben hinnimmt, wie oben dargestellt. Und Mohammed selbst hat unterworfene Stämme versklavt. Erst die Herrschaft der europäischen Kolonialmächte hat zur Abschaffung der Sklaverei geführt. 1950 wurden in Saudiarabien noch 500.000 Sklaven gezählt. Erst 1963 hat das Land die Sklaverei offiziell abgeschafft.

  1. Kirche und Nationalsozialismus

Daß Sie das deutsche Volk so mir nichts, dir nichts als „Tätervolk“ bezeichnen, ist geradezu empörend. Daß „Tätervolk“ kein offizieller Begriff ist, daß die deutschen Bischöfe stets eine Kollektivschuld des deutschen Volkes strikt abgelehnt haben, ist Ihnen offensichtlich unbekannt. Man schätzt, daß 300.000 Deutsche wie auch Vertreter anderer europäischer Völker (z.B.  Litauer und Letten) am Holocaust beteiligt waren.

Die Programme zur Judenvernichtung wurden unter strengster Geheimhaltung durchgeführt. Wer darüber sprach, wurde kurzerhand hingerichtet. Ich selbst bin 1938 als Nachkömmling geboren. Weder meine Eltern noch meine fünf Geschwister, die sogar schon zur Wehrmacht eingezogen worden waren, wußten von dem Massenmord in Auschwitz u.a. Was man wußte, war, daß Juden abtransportiert wurden, aber nicht, wohin.

Wenn der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 im Bundestag behauptete, „alle“ hätten von dem Massenmord gewußt, so stieß er auf den erbitterten Widerstand der ganzen CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Seine falsche Behauptung wurde natürlich von den Linken mit lebhafter Zustimmung aufgenommen und von den linksorientierten Medien in Presse und Fernsehen verbreitet.

Empörend ist auch, wie Sie die Kirche beschuldigen, während des Zweiten Weltkrieges katastrophal versagt zu haben. Die Kirche hat nicht versagt. Die kirchenhistorische Aufarbeitung der Rolle der kath. Kirche zur Zeit des Dritten Reiches ist weitgehend abgeschlossen, wie ein Blick in die neueren „Kirchengeschichten“ zeigt. Was noch fehlt, ist die Veröffentlichung aller Akten aus dem vatikanischen Geheimarchiv.

Allerdings haben die Kirchenhistoriker, die die Rolle Pius XII. für den Seligsprechungsprozeß untersuchen sollten, Einblick in die Quellen erhalten und haben ein abschließendes Urteil gefällt, das diesen Papst in jeder Hinsicht entlastet. Wenn Benedikt XVI. trotzdem den Seligsprechungsprozeß nicht zum Abschluß gebracht hat, so hat das ausschließlich politische Gründe, denn die jüdische Seite hält an ihrem (unbegründeten) Vorurteil fest, daß die namentliche Verurteilung Hitlers und seiner Barberei durch Pius XII. Millionen von Juden vor der Shoah gerettet haben würde. 

Dabei ist das auf jüdischer Seite eine Kehrtwendung um 180 Grad, denn die unmittelbaren Zeugen der Shoah wie Ben Gurion und Golda Meir haben immer Pius XII in Schutz genommen und ihm für die Errettung hunderttausender Juden, die aus Ungarn nach Auschwitz deportiert werden sollten, gedankt. Auch wurde dankbar hervorgehoben, daß der Papst Tausende von Juden in der Stadt Rom in Kirchen und Klöstern vor der SS versteckt hat.

Die Wende leitete Rolf Hochhuth mit seinem Drama „Der Stellvertreter“ ein, in dem er behauptete, eine öffentliche Verurteilung durch Pius XII. hätte Millionen von Juden vor der Vernichtung bewahren können. Das Stück wurde damals viel aufgeführt und brachte die Diskussion in Schwung.

Tatsache aber ist, daß die niederländischen Bischöfe mit ihrer öffentlichen Verurteilung der Judentransporte nach Auschwitz 1942 die NS-Schergen dermaßen in Wut versetzten,  daß sie nun auch die getauften Juden – unter ihnen die Karmelitin Edith Stein – abtransportierten. Daher haben die deutschen Bischöfe den Papst beschworen, von einer namentlichen Verurteilung Hitlers und seiner Judenvernichtung Abstand zu nehmen.

In allgemeiner Form hatte der Papst schon die Judenvernichtung verurteilt. Wie allergisch die Nationalsozialisten auf jegliche Kritik reagierten, zeigt das Beispiel des Berliner Propstes Bernhard Lichtenberg, der in jedem Gottesdienst für die Juden betete. Das kostete ihn das Leben.

9 von 10 christlichen Geistlichen in den Konzentrationslagern waren katholische Priester. Die katholische Kirche war die einzige Großorganisation, die sich im Dritten Reich nicht gleichschalten ließ. Auf Seiten der Protestanten entwickelten sich bald die Deutschen Christen mit ihrem „Reichsbischof“ Müller, gegen die die Bekennende Kirche mit der Barmer Erklärung von 1934 zu Felde zog. Das war eine regelrechte Spaltung der Protestanten. Auf katholischer Seite gab es so etwas nicht.

Daher brauchte die katholische Kirche 1945 auch kein Schuldeingeständnis abzugeben, wie es die Protestanten 1945 taten. Aber sie taten es nicht freiwlllig, sondern gezwungen, denn die amerikanischen Protestanten hatten das Schuldeingeständnis zur Bedingung ihrer Hilfe gemacht.

Da deutsche Kirchenhistoriker die Materie in den vergangenen Jahrzehnten hinreichend erforscht haben, ist es völlig unerfindlich, wie Sie Ratzinger in diesem Zusammenhang noch einen Vorwurf machen können. Sie sind sich wohl bewußt, daß Ratzinger nie Historiker, sondern immer Dogmatiker war, aber Sie vermissen ein Wort von ihm „als Deutscher“. Das ist für einen Menschen, der auch nur halbwegs etwas von Wissenschaft versteht, schlichtweg Unsinn – oder vielleicht Bosheit.

Bei dieser Frage lohnt sich auch ein Blick auf die Praxis in den deutschen Diözesen. Vor mir liegt die Dokumentation „Kirchlicher Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich. Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ von Pater Ludger Born SJ, bearbeitet und ergänzt durch Pater Lothar Groppe SJ, Neuauflage 2016.

Es ist bewundernswert, welche Hilfe die kath. Hilfsstelle für Juden unter äußerst schweren Umständen geleistet hat. Und es ist erschütternd zu lesen, daß fast alle Hilfskräfte verhaftet und ermordet worden sind. Was hier für Wien bezeugt ist, gilt sicher auch für andere deutsche Bistümer.

  1. Indianermission

Daß in der Indianermission auch Gewalt eine Rolle spielte, ist unbestritten, aber die Indianermission als ganze als Akt der Gewalt darzustellen, geht überhaupt nicht. Das hat auch Papst Johannes Paul II. mit seinem Schuldbekenntnis im Jahre 2000 nicht gesagt. Im wesentlichen ist die Mission vielmehr das Werk von – unbewaffneten, friedlichen  – Missionaren, die unter unglaublichen persönlichen Entbehrungen und Anstrengungen den Heiden das Licht des Glaubens gebracht haben.

Auf meinen großen Reisen durch Lateinamerika habe ich viel über die Geschichte dieser Länder und ihre endogene Kultur erfahren. Wenn heute von bestimmter Seite aus geleugnet wird, das Christentum habe einen Fortschritt in der Zivilisation gebracht, so kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Die Religionen der Inka und Azteken waren grausam, von Milde und Humanität keine Spur.

Eine große Rolle in der Bekehrung der Azteken etwa spielte die Erscheinung der allerseligsten Jungfrau in Guadalupe vor einem Indio. Dieses Ereignis beeindruckte die Eingeborenen so sehr, daß sich viele, viele taufen ließen. Seitdem ist Guadalupe der größte Wallfahrtsort in Mexiko, ja in ganz Lateinamerika. Dort sieht man auch die große Statue von Johannes Paul II in Bronze. Denn dieser große Marienverehrer hat das Marienheiligtum wenigstens einmal besucht, woran die Mexikaner in Dankbarkeit erinnern.

  1. Diversa

Seit 1987 sind Sie in Rom und nehmen an allem, was Papst und Kurie betrifft, innigen Anteil. Aus einem katholischen Elternhaus stammend, haben Sie in Ihrer Jugend den Glauben verloren und erst im Erwachsenenalter wiedergefunden. Eine große Rolle spielen in dieser Hinsicht die Päpste. Von Johannes Paul II. und Franziskus nehmen Sie an, daß man durch ihre Nähe Gott spüren könne. Im Falle von Benedikt aber müßten Sie passen. 

Wenn das Ihre ganz persönliche Erfahrung ist, so muß man das eben so akzeptieren. Allerdings wundert es einen schon, daß Sie so überhaupt keinen Zugang zu dem deutschen Papst fanden. Indes konnte man aus verschiedenen Bemerkungen zu Benedikt merken, daß Ihnen dieser Papst „nicht liegt.“

Dabei ist der Eindruck, den Benedikt auch auf ungläubige Menschen gemacht hat, ganz erstaunlich. So erinnere ich mich noch genau, wie der bekennende Atheist Paul Biedermann, der ehemalige Weltrekordler im Schwimmen, von der Begegnung mit Papst Benedikt tief beeindruckt war. Biedermann spürte hier zum ersten Male in seinem Leben so etwas wie Transzendenz, den Einbruch des Göttlichen in diese materielle Welt.

Für mich ist Joseph Ratzinger eine große Lichtgestalt. 1963 kam er als junger Professor für Dogmatik nach Münster, wo er bis 1966 blieb, um dann nach Tübingen zu gehen. Wir Studenten strömten mit Begeisterung in seine Vorlesung. Er sollte der Korreferent meiner theologischen Dissertation über den griechischen Kirchenvater Gregor von Nazianz werden.

Unvergeßlich ist mir das Vorgespräch mit ihm, in dem sich seine große Kenntnis der Kirchenväter zeigte. Er begegnete mir nicht mit der hochmütigen Herablassung des anerkannten Professors, sondern mit Zuvorkommen und Eleganz. Er war ein echter Gentleman.

Als er zum Papst gewählt worden war, schilderte seine frühere Wirtin hier am Aasee, wie er mit ihr und ihrer Familie Karten gespielt und mit seinen Assistenten und studentischen Hilfskräften im Garten Fußball gespielt hatte. Zur Vorlesung fuhr er immer mit dem Fahrrad. Und als er sich später in Tübingen mit Hans Küng zur Redaktionssitzung der von ihm und Küng gegründeten Zeitschrift Concilium traf, erschien Küng im eleganten Sportwagen, während Ratzinger mit dem Fahrrad kam.

Als er Papst wurde, sagte der Altmeister der kath. Theologie, Prof. Dr. Eugen Biser (+), Benedikt sei seit Leo dem Großen, also seit fast 1600 Jahren, der größte Theologe auf dem Stuhle Petri. Als Papst glänzte er nicht nur durch seine überragende Theologie, sondern auch durch seine Eloquenz und die Beherrschung von ca. acht Fremdsprachen. Und wenn zu seinen Ehren Konzerte in der Aula Pauls VI. stattfanden, dann staunten die Zuhörer über die musikalische Kompetenz des Papstes, der sogar die wissenschaftliche Einleitung zu den aufgeführten Werken selbst vortrug.

Das große Thema seines Pontifikates war Glaube und Vernunft, in denen er keine Gegensätze, sondern polare Ergänzungen sah. Die Welt von Wissenschaft und Kultur nahm staunend wahr, daß hier ein Mann an der Spitze der früher von den Protestanten belächelten und als rückständig eingestuften katholischen Kirche stand, der auch einem philosophischen Disput mit dem führenden Philosophen unserer Zeit, Jürgen Habermas, gewachsen war. Es ist ganz offensichtlich, daß man nicht nur in der Kurie, sondern in Wissenschaft und Kultur ganz allgemein einer solchen Geistesgröße nachtrauert.

All das, was hier ohne Übertreibung von Benedikt gesagt werden kann, fehlt bei Franziskus. Ja, Kardinal Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, sagte einmal über Franziskus: „Er ist kein Theologe, deshalb muß man ihm helfen.“

Von seinen Gegnern werden Benedikt drei Skandale zugeschrieben: die Aufhebung der Exkommunikation des schismatischen Bischofs Richard Williamson, die Regensburger Rede 2006 und der 2010 aufgedeckte Mißbrauchsskandal. Was das Erstere anbelangt, so ist Benedikt einfach nicht informiert worden über Williamsons Leugnung des Holocausts. Er sagte später selbst, wenn er davon gewußt hätte, hätte er die Exkommunikation nicht aufgehoben. Es gab damals noch keinen PC in der Kurie. Erst Benedikt hat im Zuge der Affäre Richardson die Anschaffung von Computern angeordnet. Wie Kardinal Kasper sagte, ist in keinem anderen Land die Sache so hochgespielt worden wie in Deutschland.

Bei der Regensburger Rede wurde ein Zitat des byzantinischen Kaisers aus dem Zusammenhang gerissen und damit verschärft. Während der Rede selbst, nahm keiner der Anwesenden an dem Zitat Anstoß, wie erst noch neulich im Fernsehen gezeigt wurde. Das aus dem Zusammenhang gerissene Zitat führte in der islamischen Welt zu wilden Protesten. Sie besitzen die Unverschämtheit, dem Papst den Tod zweier Ordensschwestern, die der muslimische Mob ermordete, anzulasten. Lasten Sie auch dem Karikaturisten von Jyllands-Posten, Kurt Westergaard,  all die Morde und Brandstiftungen an, die seine Mohammed-Karikaturen in islamischen Ländern auslösten?

Benedikt für die zum Teil Jahrzehnte zurückliegenden Mißbrauchsfälle verantwortlich zu machen, ist in jeder Hinsicht horrend. Schon als Präfekt der Glaubenskongregation hatte sich gerade Joseph Ratzinger für eine härtere Bestrafung der Täter eingesetzt. 2010 aber kam es gewissermaßen zu einer Explosion, die den Pontifikat dieses absolut integren Papstes verdunkelte. 

Für die Gegner und Feinde war es die Gelegenheit, die katholische Kirche, den Fels in der Brandung der modernen Zeit, anzugreifen und ihre moralische Autorität in den Dreck zu ziehen. Daß es auf der evangelischen Seite genau so schlimm war, wurde einfach ignoriert, denn die evangelische Kirche war ja zeitgeistkonform, vor allem im Hinblick auf die Sexualmoral.

Nicht unerwähnt bleiben soll, was alles in staatlichen Heimen passierte. Und schließlich mußten auch die Grünen zugeben, was alles unter dem Deckmantel einer repressionsfreien Erziehung an Unsittlichem und Verbrecherischem geschehen war. Daniel Cohn-Bendit mußte in Frankreich seine Kandidatur für das Europa-Parlament zurückziehen, als bekannt wurde, daß er in einem Kinderladen in Frankfurt Kinder mit seinem Penis spielen ließ.

Zum Schluß noch zwei kleinere Korrekturen. Fabius Maximus cunctator hat Hannibal nicht besiegt. Das blieb Scipio Africanus in der Schlacht bei Zama 202 v.C. vorbehalten. Fabius hat als dictator nach der verheerenden Niederlage bei Cannae 216 die militärische Lage für Rom stabilisiert, indem er konsequent Hannibal ausgewichen ist (S. 266). Ein Priester gelobt keine Armut, das bleibt dem Ordensmann vorbehalten (S. 351).

Zwei Päpste haben mir eine große Wohltat erwiesen: Johannes Paul II. hat  mich zum Ritter des päpstlichen Silvesterordens ernannt, und Franziskus hat mir und meiner Ehefrau zur Goldenen Hochzeit den Apostolischen Segen erteilt. Die Urkunde hängt, golden eingerahmt, in unserem Wohnzimmer.

Umso mehr bedaure ich, daß Franziskus mit unbedachten Äußerungen Anstoß erregt. Vor wenigen Jahren sprach er davon, Eltern könnten ihre Kinder körperlich züchtigen, und die Beleidigung der Mutter könne sogar mit einem Fausthieb geahndet werden. Ich habe das damals noch in einem ausführlichen Schreiben an die Vorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands, Frau Marie-Theres Kastner, als Ausdruck der argentinischen Kultur verteidigt.

Aber Flüchtlingslager in der EU als Konzentrationslager zu schmähen, das ist nicht mehr zu verteidigen. Offensichtlich weiß er nicht, welche Erinnerungen der Begriff Konzentrationslager in Europa hervorruft. Zum Glück ist das mediale Echo auf diese Entgleisung relativ gering, weil sich Franziskus großer Sympathien in der Öffentlichkeit erfreut. Es tut der Kirche gut, daß sich die Sympathien für den Papst nicht auf die katholische Welt beschränken, sondern sich auch auf die Protestanten, ja auf die ganze Welt erstrecken.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Heinz Althaus

 


Unser neues MARIEN-Plakat für den MAI

POSTER aus dem Ecclesia-PLAKATDIENST des KOMM-MIT-Verlags:

 

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Marokko: Frauenfeindliche Texte werden aus Schulbüchern entfernt

Marokko hat im Frühjahr 2016 eine wegweisende Reform eingeleitet, damit die junge Generation nicht weiter mit den bisherigen frauenfeindlichen Klischees erzogen wird – zumindest nicht in der Schule.

Marokkos König Mohammed VI. veranlasste die Reform, durch die nach und nach diskriminierende Inhalte über Frauen aus den Schulbüchern des Landes entfernt werden sollen. Eine Kommission aus 70 Experten überarbeitet dabei knapp 400 Schulbücher und andere Lehrmaterialien aus allen Klassenstufen und Fachrichtungen. Diese werden dann in den folgenden vier bis fünf Jahren schrittweise die alten Lehrbücher ersetzen.

Inhalte, die dem neuen marokkanischen Familienrecht aus dem Jahr 2004 und der neuen Verfassung von 2011 entgegenstehen, entwürdigend oder sexistisch sind, wurden und werden verändert. Dazu gehört, keine minderjährigen Mädchen mehr zu zeigen, die mit 14 Jahren verheiratet werden oder Texte zu drucken, die Gewalt rechtfertigen. Teilweise werden auch Mädchen abgebildet, die kein Kopftuch tragen.

Quelle und Fortsetzung der Meldung hier: https://www.igfm.de/themen/frauenrechte/schulbuch-reform-in-marokko/