PREDIGT von Bischof Algermissen zur Eröffnung des Glaubenskongresses in Fulda

Wir dokumentieren hier den vollen Wortlaut der Predigt von Bischof Heinz Josef Algermissen, dem Oberhirten von Fulda, beim Pontifikalamt am 7. Juli 2017 im Dom zur Eröffnung des Kongresses „Freude am Glauben“. Wir danken dem Bistum Fulda für die freundliche Abdruckserlaubnis:

In seinem Schreiben an die deutschen Bischöfe, am 20. November 2015 im Rahmen des Ad-limina-Besuchs ihnen übergeben, stellt der Hl. Vater „eine Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland“ fest und mahnt zu einer pastoralen Neuausrichtung der Kirche.

Foto: Leupolt, Bistum Fulda

Angesichts der festgestellten Erosion, die sich im leisen Auszug von mittlerweile zwei Generationen aus der Kirche darstellt, wollen manche kirchlichen Gruppierungen und Verbände aus der Not eine Tugend machen. Sie behaupten, die Entkirchlichung sei ein Preis der Freiheit.

Die Menschen hätten sich autoritärer Lenkung im Religiösen entzogen, hätten sich aus dem Zwangssystem einer gesellschaftlich verordneten Christlichkeit befreit. Moderner Glaube verdanke sich eben freier Wahl, er sei ein Glaube der Entscheidung: souverän und notwendig plural.

Ich halte diese Interpretation für eine Beschwichtigung, gar einen gefährlichen Irrtum.

Ganz anders und im Gegenteil: Es ist zu befürchten, dass die nächste Generation von Christen eine der Synkretisten sein wird ─ nach dem Motto lebend: „Ich mache mir meine Religion selbst, stelle mir zusammen, was ich glauben möchte und was nicht.“

Liebe zum Kongress versammelte Schwestern und Brüder im Glauben!

Ich sehe ihn nicht, diesen Typ des freien, entschiedenen und profilierten katholischen Christen, der selbstbewusst und in Kenntnis zum katholischen Glauben steht. Als Bischof sehne ich mich nach ihm, entdecke ihn bei Visitationen und in Diskussionsveranstaltungen nur sehr selten in unseren Gemeinden und im Alltag fast gar nicht.

Stattdessen nehme ich häufiger Christinnen und Christen wahr, die alles daransetzen zu relativieren, was sie von anderen unterscheiden könnte. Unbestimmtheit und Indifferenz greifen um sich und die erbärmliche Entschuldigung, dass man katholisch ist. Die verschämten Bekenntnisse, die auf Nachbohren kommen, sind geprägt von Teilidentifikation und Unwissen: Der Papst ist schon in Ordnung, auch zu Jesus mag man noch irgendwie stehen. Aber muss man deshalb an einen persönlichen Gott glauben? Engel? Schon eher, weil daran auch Prominente glauben. Ewiges Leben? Keine Ahnung!

Das Resultat nach Umfragen zum Glaubenswissen in unseren Gemeinden ist deprimierend. Sie offenbaren eine Realität, die wir gerne verdrängen: Die Kirche stirbt schleichend in den Seelen ihrer Mitglieder, wenn nicht entschlossen gegengesteuert wird.

BILD: Bischof Algermissen als aufmerksamer Zuhörer im Gespräch mit Teilnehmern des Kongresses

Mir ist durchaus bewusst, dass dieser Befund präzisiert werden muss. Gott sei Dank gibt es die „kleine Herde“ bekenntnisstarker und beispielhafter Christinnen und Christen.

Es gibt lebendige Gemeinden mit Glaubensfreude im Bistum Fulda und in anderen Bistümern. Es gibt auch Glaubenszellen, kleine geistliche Gemeinschaften, Bibelkreise und soziale Projektgruppen im Sinne der Nachfolge Jesu. Es gibt die spirituellen Zentren der Orden, in denen die Glut des Glaubens gehütet wird.

Und ich nehme auch junge, entschiedene Christen wahr, die sich bei eucharistischer Anbetung und im Bußsakrament Kraft holen, und auf die das Wort des hl. Augustinus zutrifft: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“

In der breiten Fläche indes sieht es ganz anders aus. Monokausale Erklärungen dafür bringen uns nicht weiter. Zugegeben, der Zerfall vieler Familien und gewachsener Strukturen, die Mobilität der Menschen, die sogenannten sozialen Netzwerke mit ihren Enthemmungen spielen eine große Rolle.

Nach nunmehr fast 21 Jahren als Bischof ist mir besonders in letzter Zeit durch persönliche Erfahrungen in meinem Amt immer deutlicher klargeworden, dass der Zerfall christlicher Identität und der Glaubensabbruch in der Kirche Folgen einer Selbstsäkularisierung und Indifferenz sind, die zum Profilverlust führten.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Der Glaube der Kirche hat verbindliche Inhalte. Er ist nicht denkbar als bloße Haltung, als ergebnisoffene unbestimmte Gläubigkeit. Wir haben zwei wesentliche Quellen, nämlich die Schrift und die Tradition, aus denen durch die Führung des Hl. Geistes der Kirche als Leib Christi im Laufe der Glaubensgeschichte Wahrheiten zugewachsen sind.

Die großen mittelalterlichen Kirchenlehrer Albert der Große, Thomas von Aquin, Duns Scotus und Bonaventura haben allesamt gelehrt, dass zu einer verantwortbaren Glaubensentscheidung Vernunftgründe gehören. Das ist eine fundamentale Einsicht angesichts der fatalen Meinung, um zu glauben, müsse man vorher den Verstand ausschalten, Glaube sei eine Art vorwissenschaftliche Einstellung.

Die erste Enzyklika von Papst Franziskus „Lumen Fidei“ („Über den Glauben“) vom 29. Juni 2013 nimmt die Lehre der großen Theologen auf und führt sie durch die Aussage weiter: „Da der Glaube ein Licht ist, lädt er uns ein, in ihn einzudringen, den Horizont, den er erleuchtet, immer mehr zu erforschen“ (Nr. 36).

Und später heißt es: „Da der Glaube eine Einheit ist, muss er in seiner ganzen Reinheit und Unversehrtheit bekannt werden. Gerade weil alle Glaubensartikel in Einheit verbunden sind, kommt die Leugnung eines von ihnen… der Beschädigung aller gleich“ (Nr. 48).

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben! Wenn wir feststellen, dass der Grundwasserspiegel des Glaubenswissens erschreckend gesunken ist, und so viele auf Fragen hinsichtlich von Glauben und Kirche keine Antwort mehr zu geben imstande sind, dann gehört dieses an die Substanz gehende Defizit endlich auf die Tagesordnung der deutschen Bistümer und der Bischofskonferenz.

Wenn die Herde kleiner wird (vgl. Lk 12,32), so ist das nach Jesu Zusage kein Grund zur Furcht, denn ihre Stärke liegt nicht in weltlicher Repräsentation, sondern in der Erwählung zur „Herde Gottes“ (Ps 80,2; Jes 40,11). Das „Kleinerwerden“ darf allerdings nicht in verschämtes Schweigen und Indifferenz ausmünden, muss sich vielmehr verbinden mit einer erkennbaren Profilierung durch einen Glauben, der durchdacht ist und auskunftsfähig und im Gebet vertieft wurde.

Diese Gesellschaft braucht wirklich Menschen, die Auskunft darüber geben können, was sie glauben und warum. Und die jedem Rede und Antwort stehen, der nach der Hoffnung fragt, die sie erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15). Kurzum: Menschen, die von der Wahrheit des Glaubens überzeugt und von ihrer Mission beseelt sind.

Liebe Schwestern und Brüder im Forum deutscher Katholiken! Auf dem Hintergrund dieser dringenden Notwendigkeit und angesichts der Defizite in den Gemeinden unserer Bistümer bin ich dankbar für die Sammlungsbewegung des „Forums deutscher Katholiken“, in der sich glaubenstreue Frauen und Männer aus verschiedenen Generationen zusammengeschlossen haben, denen der Glaube an Jesus Christus und die Verbindung zu seiner Kirche Quelle der Hoffnung und Freude ist.

Bitte gehen Sie Ihren Weg als Zeuginnen und Zeugen der Botschaft Jesu Christi weiter – wissend, dass es der beste ist und der einzige, dem Zukunft verheißen wurde. Leben Sie weiter den Mut zur Identität und zum Profil, damit der christliche Glaube in dieser Gesellschaft nicht noch konturenloser wird. Dem Kongress wünsche ich Gottes Segen. Amen.

 


2 Kommentare on “PREDIGT von Bischof Algermissen zur Eröffnung des Glaubenskongresses in Fulda”

  1. Dorrotee sagt:

    Ich habe diese Predigt selbst gehört und war ermutigt durch seine Worte.
    Bischof Algermissen hat vor der Verflachung des Glaubens gewarnt und sich über die kleine Herde bestärkend geäußert.
    Er machte der kleinen Herde Mut auf ihrem Weg.
    Wir erlebten einen gläubigen, uns zugewandten Bischof Algermissen.

    Ebenfalls fande ich es hervorragend von ihm, dass er viel im Gespräch mit den Teilnehmern auf dem Kongress zu sehen war.
    Er war von Freitag bis Sonntag präsent und man konnte ihn ansprechen.
    Näher am Kirchenvolk kann man nicht sein.

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  2. zeitschnur sagt:

    Hm, irgendwie ein bisschen nicht ganz falsch, aber auch banal, was er da sagt, und vor allem wegen der historischen Kurzsichtigkeit und mEzu platten theologischen Annahmen verzerrt.
    Die Auseinandersetzungen dauern schon Jahrhunderte.
    Der Glaube war vielfach veräußerlicht und starr, magisch und heidnisch geprägt, mehr Aberglaube als Glaube – was dieses Forum hier stets lautstark anprangert (und das zu recht) ist ja nicht erst 1965 überraschenderweise vom Himmel gefallen.
    Man hat die Menschen mit Gewalt zu Furcht und Schrecken erzogen und den Glauben mehr polizeilich als mit Liebe „entzündet“.
    Wer die Kirchengeschichte studiert, stellt fest, dass immerzu Aufbruchsbewegungen weg von der starren und machtgierigen Hierarchie, hin zu einer persönlichen Christusbeziehung geschahen, weg von Religionskriegen und Hassausbrüchen gegen Ketzer und Juden, die durch die Mächtigen geschürt wurden.
    Immer wieder Reformbewegungen, etwa der Klöster oder Orden oder des Volkes, mal der neuen Ordensgründungen, mal der rasant wachsenden Beghinenbewegung. Von Rom kam meist nur Negatives, nie etwas wirklich Aufbauendes.
    Und immer hat die Hierarchie diese Bewegungen über die Maßen erstickt. Ein zweifelhafter Papst wie Johannes XXII. saß zu Gericht über Meister Eckhart und ließ ein Schand-Hetz-Werk gegen die Frauen verfassen. Und manche(r) landete auf dem Scheiterhaufen für Pippifax.
    Wenn ich mir klarmache, dass man Bewegungen wie die um Wycliff nicht nur verurteilte aus manchem berechtigten, aber auch manchem unberechtigten Grund, sondern aus abgrundtiefem Hass und widerlicher Menschenverachtung dessen verblichene Gebeine auf Befehl des Konstanzer Konzils ausgrub und 1428 verbrannte, wenn ich mir den angrundtiefen, selbstgerechten Hass der Sorbonne-Gelehrten gegen Hus auf selbigem Konzil vor Augen halte, gegen Hus, der in Prag viele Menschen zum Glauben anregte (was der starren Orthodoxie niemals in dieser Tiefe gelang!), dann muss ich immer wieder erschauern, denn das war nicht von Jesus, sondern von dem, der hinter allem Hass und jedem Mord steht…
    Auch verbrannte man die bereits alt gewordene Margereta Porete für ihr mystisches, aber hierarchiekritisches Hauptwerk („Spiegel der einfachen Seelen“) vor aller Augen ohne jedes Mitgefühl, ohne Respekt vor einem anderen Menschen mit ihrem Buch.
    Und ebenso erfuhren es viele, viele.
    Das hat das Abendland der hierarchischen Kirche nie vergessen und die Kirche hat für immer einen Keil zwischen sich und die Gläubigen getrieben. Sie hat sich zwar auch einen teil fanatisierter „Gläubiger“ herangezogen, aber sie blieben angesichts des Ausmaßes an Unrecht und Irrtum in der Minderzahl. Vor allem verlor sie die Intelligentesten dadurch und blieb auf Mittelmaß und Kleingeist sitzen.

    Gestern lasen wir in der Evangelienlesung diese Stelle, wo Jesus sagt, wer seinen Bruder als „Gottlosen“ betitele sei ein Mörder. Diese Warnung Jesu hat die Kirche buchstäblich jahrundertelang erfüllt. Sie verbrannte ihre Brüder und Schwestern aus nichtigen oder sogar verkehrten theologischen Gründen, denn viele derer sind längst rehabilitiert.

    Es tut mir leid, Herr Bischof: Aber diese schweren, schwersten Sünden fanden kein Ende. Buchstäblich bis zum Konzil 1962 ging es mit dieser Heuchelei in Form des Integralismus und Antimodernismus gerade weiter so. Man lehrhte die Leute an den Papst zu glauben, an dessen Ergüsse, man schwor sie auf blinden Gehorsam ein und den totalitären Übergriff durch das „Lehramt“. Und zeitgleich erschien ständig Maria und man wechselte stillschweigend den Glauben weg von Christus hin zu einem erscheinungssüchtig-(pseudo-)marianischen Aberglauben. man kann das Zeug aus dem Pontifikat Pius IX. ja kaum lesen, ohne dass einem schlecht wird.
    Da war der Glaube doch längst tot!
    Wie Jacob Burckhardt schon im 19. Jh schrieb, bestand der nur noch mithilfe von Drohung und Gewalt, aber wer den herumhurenden Regierungsherren zusah, den allerchristlichen Reaktionären wie Metternich u.a., der wusste: die glauben nur an eines – an ihren Vorteil, an ihren Egoismus, an ihren Unterleib und ihre Macht. Die Kirche folgte diesem Schweinestall nach, als gälte es das Seelenheil damit zu retten. Sie glaubte im Ernst, nur wenn sie politisch die Oberhand behielte,w erde der Glaube gerettet. Ja, sie behielt die Oberhand politisch und hat sie heute noch: bravo, Vaticanum I, bravo Integralismus, es hat doch bestens funktioniert.
    Jede Warnung der gläubigen und vernünftigen Zeitgenossen lief ins Leere, der ungute Weg wurde vorangetrieben.
    Der Pontifikat Pius XII. war verheerend, eine einzige Strippenzieherei. Es war nicht mehr zu vertuschen, was die Kirche getrieben hatte, wie sie versagt hat und den Glauben selbst ausgehöhlt hat und den Faschismus nicht nur passiv, sondern aktiv gefördert hatte, weil sie glaubte, davon selbst maximal zu profitieren..
    Also MUSSTE ein Konzil her – man wollte retten, was zu retten ist, aber es misslang. In kürzester Zeit waren die Integralisten wieder am Ruder und die Strippenzieher. Man sedierte das Kirchenvolk mit Sexthemen und Sexualmoral, während man selbst anfing, Jugendliche zu missbrauchen in großem Stil und ein Kardinal Ratzinger zweimal anordnete, selbige Dinge unter den Teppich zu kehren. Am Ende holte ihn das alles ein wie ein Fluch. Die verknöcherte, jahrzehntelang in einer Treibhaus-Scholastik gefangene Theologie sank an der frischen Luft in sich zusammen wie eine überzüchtete Pflanze. Die „Modernisten“ wie Rahner oder Balthasar waren entsetzt – so etwas hatten sie nicht erwartet…

    Sagen wir es doch kurz: die Kirche hat zwar Scheiterhaufen und Hass entzündet in den Jahrhunderten, aber sie wich immer mehr davon ab, selbst mit mutigem Zeugnis voranzugehen und auf jeden Machtanspruch zu verzichten. Während eine Jeanne d’Arc betend verbrannt wurde, ebenso Hus, der Gotteslob sang, eine Margerete Porete, die ebenfalls betend starb, waren die Herren Hirten zu feige, auch nur irgendetwas zu riskieren für den Glauben der Kirche.

    Und das hat die Menschen davon getrieben, entweder in evangelikale Alternativen, den Charismatismus oder in den Unglauben und die Verzweiflung an dieser Schande für unseren Herrn.

    Einem Bischof stände daher ein Schuldbekenntnis an, selbst der König von Ninive tat solches – einem der arroganten und selbstgerechten Hirten fiele das nicht ein – Adrian ausgenommen vor 500 Jahren – und die Bitte um Vergebung stellvertretend für seine Amtskollegen, die so versagen. Stattdessen zitiert er fröhlich und ohne Vorbehalte F. & Co. die nur helfen, dass es weiter bergab geht.
    Man kann nur einem Herrn dienen.
    Das wird alles leer bleiben.

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