Das charismatische Umkehrungsprinzip stellt die bewährte Ordnung auf den Kopf

Von Felizitas Küble

Ein typisches  – allerdings eher verborgenes  –   Merkmal irrgeistiger Erscheinungen und Visionen ist das Verdrängungs-Prinzip: Diese „Botschaften“ aus dem Jenseits werben für fromme Anmutungen, Sonder-Andachten, Extra-Rosenkränze, wobei letzten Endes das Bewährte (z.B. der klassische Rosenkranz, wie er überliefert ist) verdrängt wird. 

Zumindest gerät das wirklich Wichtige durch etwas weniger Wichtiges oder gar Fragwürdiges in den Hintergrund, etwa auch dann, wenn durch bestimmte Gebetsanrufungen oder sehr fromm klingende Verehrungsforme(l)n mehr oder weniger der Eindruck entsteht, die Beichte bzw. das Bußsakrament sei in diesem Falle (wo doch angeblich der „Himmel“ selber spricht) nicht mehr nötig.

Während dieser Verdrängungsvorgang ein unterschwelliges, aber weitverbreitetes Kennzeichen der Falschmystik ist, steht in der charismatischen Bewegung das Umkehrungs-Prinzip im Hintergrund  – auch hier ist es oft erst auf den zweiten Blick erkennbar.

Nehmen wir als Beispiel einige Segnungs-Praktiken in schwarmgeistigen Kreisen.

Im neutestamentlichen Brief an die Hebräer heißt es, daß der Höhergestellte jener ist, der den Segen erteilt (vgl. Hebr 7,7)  –  was ja auch logisch ist. Zuvor wird erläutert, wie der geheimnisvoll-erhabene Priester-König Melchisedech einst Abraham segnete.

Es mag Ausnahmen geben, doch dies beinhaltet zunächst die gute Ordnung, gilt als grundsätzliche Regel. Bei allgemeinen Segenwünschen ist es etwas anderes; es geht hier um rituelle Segenshandlungen.

Daher segnen  Eltern ihre Kinder, Priester die Gläubigen, Bischöfe wiederum segnen ihre Priester. Natürlich „überkreuzen“ sich zuweilen die Ebenen, etwa wenn ein Bischof den  – besonders geschätzten – Primiz-Segen eines neugeweihten Priesters erhält  – oder wenn Eltern ihren priesterlichen Sohn segnen. Natürlich ist es letztlich Christus selber, der den Segen erteilt.

Doch in der charismatischen Szene wird das biblische Prinzip, dass der Höhergestellte den Segen erteilt, unmerklich zur Seite gerückt und umgedreht: Der Höhere spendet dann nicht den Segen, sondern er empfängt ihn.

Hierzu drei Beispiele:

  1. Die irische Nonne Briege McKenna reist weltweit durch die Lande und gibt Exerzitien, vor allem für Pfarrer. Auf Großversammlungen nimmt sie über Tausende von Priestern eine Art charismatische „Geistausgießung“ vor; so geschah dies mehrfach bei jährlichen „Priestertagen“ in Ars. (Nähere Infos zu ihrem Wirken hier: https://charismatismus.wordpress.com/2011/06/09/%e2%80%9evisionen%e2%80%9c-der-charismatischen-nonne-briege-mc-kenna/)
  2. Die aus Indien stammende Ordensfrau Sr. Margaritha Valappila erteilte bei ihren Gebetstagen und Exerzitien im „Haus Raphael“ mehrfach ihrem Hausgeistlichen (erst Ekkehard Edel, heute Manfred Huber) öffentlich ihren speziellen Einzelsegen per Handauflegung. (Daß diese Priester dabei sogar in Trance nach hinten umkippen, läßt den Vorgang noch problematischer erscheinen.)
  3. Ein Ruhestands-Pfarrer berichtete mir vor einigen Jahren, wie er von der „Gemeinschaft Emmanuel“ zu einer Pilgerfahrt nach Paray le Monial in Frankreich eingeladen wurde. Als die Gruppe dort eintraf, kamen einige Jugendliche auf ihn zu, die ihm  –  dem Priester  –  durch ihre Segensgesten eine charismatische „Geistausgießung“ vermitteln wollten. Der erstaunte Pfarrer lehnte dies ab und suchte das Weite.

Die fixe Idee mit der „Geistausgießung“ zum Empfang von außergewöhnlichen „Geistesgaben“ ist ohnehin theologisch unsinnig.

Katholiken wissen, daß sie den Hl. Geist bereits mit der Taufe empfangen  – und dann durch das Sakrament der Firmung die (in der Hl. Schrift erwähnten) Sieben Gaben des Hl. Geistes erhalten: den Geist der Weisheit, des Verstandes, des Rates, der Stärke, der Wissenschaft, der Frömmigkeit und der Gottesfurcht.  –  Darauf kommt es an, nicht auf aufsehenerregende Phänomene, die zwar der Wundersucht entgegenkommen, nicht jedoch dem Gottesreich dienen.

 


2 Kommentare on “Das charismatische Umkehrungsprinzip stellt die bewährte Ordnung auf den Kopf”

  1. antiprotestantismus sagt:

    Es ist eine Anmaßung ohnegleichen, als Laie einem Priester den Segen erteilen zu wollen. Der Geist der Überheblichkeit ist in der charismatischen Szene äußerst stark und grundsätzlich gegeben. In der Regel denkt man dort als Praktizierender, dass man etwas Besseres und Größeres sei als die anderen, vor allem, wenn die anderen charismatisch nicht praktizieren. Die charismatische Szene weist überhaupt äußerst viele sündhafte Mängel auf, etwa Überheblichkeit gegenüber kranken, schwachen und gebrechlichen Menschen, die in der Szene nicht selten diskriminiert und diskreditiert werden. Daher verwundert es mich nicht, dass eine mir persönlich bekannte, charismatisch orientierte Katholikin kranke, schwache und gebrechliche Menschen, ob alt oder jung, nicht leiden kann, weil sie krank, schwach und gebrechlich sind. Perverser geht es wirklich nicht mehr!

    Liken

  2. zeitschnur sagt:

    Ich stimme Ihnen zwar zu, dass das alles Hokuspokus ist, der wohl wenig nütze ist und eher schadet, und v.a. ablenkt von dem, was wichtig und unsichtbar ist. Das „Reich Gottes“ ist nicht spektakulär, es ist tatsächlich nach den Worten Jesu in seinen Wirkungen letztendlich unsichtbar bzw. ohne Hype. Es ist „mitten unter“ den Jüngern ohne steinerne Gebäude und ohne sichtbare Logik irdischer Hierarchien.

    Mit dem Hebräerbrief würde ich in dem Zusammenhang nicht kommen. Auch verkennen Sie wohl, dass diese Charismatiker ebenfalls nach der irdischen Hierarchie-Denkart bzw ganz extrem sogar nach einer solchen pseudospirituellen Hackordnung argumentieren: der, der besondere Charismen hat, IST der „Höhere“ und erteilt dem, der sie NICHT hat, den Segen, wobei der sich dem unterwirft! Bei den Charismatikern ebenso wie bei den „Bewährten“ geht es nach einer irdischen Logik (wenn sie so denken). Diese Hierarchiedenke kennt man aus dem Schamanismus und anderen heidnischen Vorstellungen. Die würde ich nicht ungefiltert auf uns übertragen… auch nicht unbedingt im „Bewährten“. Ich frage mich, was denn genau bewährt ist.

    Der Priester „segnet“ ja nicht, weil er der „Höhere“ ist, sondern weil er nach dem Amtsverständnis den Segen des Höheren in einer geordneten Form weitergibt. Nicht er segnet, sondern eben der Hohepriester nach der Ordnung Mechisedeks, Jesus. Der Priester erlischt ja förmlich, wenn er in persona Christi handelt. Er ist selbst nichts in dem Moment.

    Paulus will an der Stelle begründen, was es mit Melchisedek auf sich hat. An sich hätte nämlich der irdisch gesinnte Verstand gesagt: wieso darf der den Abraham segnen, wo doch Abraham als Verheißungsträger der „Höhere“ ist. Paulus nimmt diese falsche Denkart ironisch aufs Korn und sagt: Eben, liebe Leute – eben weil Melchisedek A. segnet, steht er für den „Höheren“ oder IST sogar selbst der Höhere, nämlich Christus. Mit der Argumentation um den Zehnten, meint er zugleich, dass dieser Höhere sich aber den Niedrigeren gleich macht, indem er von A. den Zehnten annimmt. In Israel erhält der Levit ja nur von dem, der doch aus „der lende A.s“ stammt wie er selber, also weder „höher“ noch „niederer“ ist.

    Die Frage ist hier also nicht, ob nur der, den wir für den Höheren halten (ob er es ist, steht auf einem andern Blatt), segnen darf, sondern welchen Segen er austeilt und ob das in einer geordneten Form geschieht, die den, der Segen empfängt einigermaßen sicher sein lassen kann, dass er den „richtigen“ und nicht etwa einen „bösen“ Segen empfängt.

    Wenn etwa islamische Väter ihren Babies bestimmte Gebtsrufe in die beiden Ohren flüstert und mit Amuletten behängt und Koransuren, dann sehen wir sofort, dass solche „Segenshandlungen“ Menschen auch dem Bösen weihen könnten. Und wir wissen, dass auch viele Christen neben der Taufe ihre Kinder von Wahrsagern besprechen lassen und dergl.

    Ich möchte zuletzt darauf hinweisen, dass es unter Christen diese Logik des „der Höhere segnet den Niederen“ in der irdischen Gesinnung sowieso nicht gibt.
    Der genaue Wortlaut auch beim priesterlichen Segen ist immer der, dass der Segen des Herrn selbst herbeigerufen wird – nicht der Priester selbst (in eigner Person) segnet.
    Christen segnen also grundsätzlich nicht selbst, sondern erbitten für den anderen den Segen des Herrn. Wesentlich ist dabei eine Verantwortungsordnung, die aber nicht wesenhaft im Menschen liegt. Keiner ist „höher“ oder „niederer“, sondern Gott hat den einen zur Verantwortung in bestimmtem Umfang für den anderen berufen und insofern vorangestellt.

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