Münster: Christlich-jüdische Gedenkstunde an den Synagogenbrand vom 9. November 1938

Von Felizitas Küble

Am Donnerstag, dem 9. November, veranstaltete die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ein Gedenken an die Zerstörung der Synagoge und anderer jüdischer Einrichtungen in Münster und in Deutschland durch die NS-Diktatur am 9. November 1938. 

Dieses schauerliche Unrecht, bei dem 7000 jüdische Synagogen und Geschäfte brannten bzw. zerstört wurden, nannte man früher (wegen der zerbrochenen Fensterscheiben) „Kristallnacht“, heute wird meist von Pogromnacht gesprochen.

Dabei wurden rd. 20.000 deutsche Juden aus ihren Wohnungen herausgeprügelt, meist verhaftet oder ins KZ transportiert, ca. hundert jüdische Bürger wurden ermordet.

Der Vorstand der christlich-jüdische Initiative besteht – wie auch in anderen Städten üblich – aus einem katholischen, einem evangelischen und einem jüdischen Vertreter. 

Der jüdische Gemeindeleiter Sharon Fehr (siehe Foto) erinnerte die Besucher in der vollbesetzten Synagoge an antisemitische Entgleisungen damals und heute; er forderte alle Bürger zur Wachsamkeit auf.

Zugleich begrüßte er den Oberbürgermeister von Münster, Markus Lewe (CDU)  – der eine kurze Ansprache hielt –  sowie eine Reihe Theologen und Verbandsleiter. Der Gemeindevorsteher erinnerte als moralisches Leitbild für uns alle an die Zehn Gebote, die im jüdischen Gebetshaus einen zentralen Platz einnehmen (Foto: hebräische 10-Gebote-Symbolik).

Die vor allem theologisch geprägte Hauptrede mit dem Titel „Wurzeln der Entmenschlichung“ hielt Alfred Buß (siehe Foto), der frühere Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Der evang. Ex-Präses Buß betonte in seiner Grundsatzrede die verhängnisvollen Auswirkungen des kirchlichen Antijudaismus. Dabei setzte er sich vor allem kritisch mit Martin Luther auseinander:

Der Reformator habe anfangs durchaus eher positiv über Juden geschrieben, sich aber im Laufe der Jahrzehnte immer stärker in eine judenfeindliche Verhärtung hineingesteigert. Die Ursache hierfür sah der Kirchenmann u.a. darin, daß Luther mit einer Bekehrung zahlreicher Juden durch seine Bewegung gerechnet habe; als dies nicht eintrat, wandte er sich gegen die Juden.

Anläßlich des Gedenkens an die Progromnacht von 1938 erklärte er, Luthers Schrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ lese sich wie eine Anleitung dazu, zumal in diesem Druckwerk ausdrücklich das Anzünden von Synagogen vorgeschlagen wird.

Dabei erwähnte Buß, daß Luther mit seinem rabiaten Antijudaismus und den von ihm geforderten Zwangsmaßnahmen gegen Juden seiner eigenen Zwei-Reiche-Lehre widersprochen habe, wonach die weltliche Obrigkeit niemanden zum Glauben zwingen dürfe. Der kirchliche Antijudaismus sei zwar, so der Redner, vom späteren Antisemitismus zu unterscheiden, doch habe er dem rassistischen Judenhaß gleichsam den Weg bereitet.

Dabei hätte doch der Rückblick auf die Schöpfungsgeschichte Gottes eine andere Grundhaltung lehren müssen, denn im Buche Genesis wird der Mensch als Gottes Ebenbild gewürdigt. Der Ewige schuf den Menschen als Mann und Frau „nach seinem Bilde“.

BILD: Die Menora (siebenarmiger Leuchter) in der Synagoge von Münster

Daher besitze der Mensch als Gottes Geschöpf eine unverlierbare Würde, die ihm nicht etwa erst durch Staat oder Gesellschaft zukomme, sondern die in seiner geschöpflichen Natur begründet sei.

Die Heilige Schrift halte an dem einen Stammelternpaar fest, zumal dann niemand sagen könne: „Mein Urvater ist größer als der deinige“.  – Alle Menschen führen sich auf dieselben Stammeltern zurück. 

Als Lebensraum des Menschen sei die Welt nicht „des Teufels“, sondern Gottes Schöpfung. Allerdings rufe Gott den Menschen zur Verantwortung  –  so wie einst im Garten Eden nach dem Sündenfall: „Adam, wo bist du?“

Teils kritisch befaßte sich der ehem. Präses mit dem Zeitalter der Aufklärung, weil damals die Vernunft überbetont worden sei. Der Mensch erhalte seine Würde aber nicht erst aufgrund seiner verstandesmäßiger Fähigkeiten. Gewisse Postulate der Aufklärung seien sodann von Antisemiten vereinnahmt worden.

Der Redner rundete seine Ansprache ab mit Versen aus dem Psalm 43. Er spielt in der klassischen katholischen Liturgie eine herausragende Rolle (Stufengebet).

In diesem biblischen Psalm heißt es u.a.:

Verschaffe mir Recht, Gott, und führe meinen Rechtsstreit gegen ein treuloses Volk! Rette mich vor den bösen und tückischen Menschen! Denn du bist der Gott meiner Zuflucht…Sende dein Licht und deine Wahrheit; sie sollen mich leiten; sie sollen mich bringen zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen. So will ich hintreten zum Altare Gottes, zum Gott meiner Freude und meines Jubels. 
 
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12 Kommentare on “Münster: Christlich-jüdische Gedenkstunde an den Synagogenbrand vom 9. November 1938”

  1. zeitschnur sagt:

    Abgesehen davon, dass Luthers Schrift zahlreiche der gängigen katholischen, antijudaistischen Ressentiments aufleben lässt, denen heute viele Tradis nachtrauern (etwa wärmt er die Story vom Simon von Trient auf,die etwa der des Anderls von Rinn entspricht und bis in unsere Tage geglaubt wurde – allerdings von rabiaten Katholiken), finde ich an der evangelischen Auslegung manches etwas problematisch. Vor allem dieser theologischen Aussage kann ich nicht folgen:

    „Als Lebensraum des Menschen sei die Welt nicht „des Teufels“, sondern Gottes Schöpfung. Allerdings rufe Gott den Menschen zur Verantwortung – so wie einst im Garten Eden nach dem Sündenfall: „Adam, wo bist du?““

    Das ist nach der Schrift unhaltbar. Die Welt ist zwar Gottes Schöpfung, aber durch die Sünde in die Herrschaft des Teufels übergegangen. Weiß der Mann nicht, dass der Herr den Satan den „Fürsten der Welt“ nennt und dieser Fürst ihm die Welt als Herrschaftsgebiet anbot, was Jesus ihm aber abschlug?!
    Als Gott Adam ruft, ruft er ihn nicht primär „zu (einer unspezifischen) Verantwortung (als sei da nicht zwischenzeitlich der Fall passiert)“, sondern er ruft den Mann, der aktiv sich und die Frau mit Blättern getarnt mitten unter die Gehölze gestellt hat, als wäre er selbst ein fruchtbarer Baum mit Blättern, womöglich selbst der Baum des Lebens, damit Gott ihn in seiner Nacktheit nicht sieht. Er gibt sich den Anschein des Lebensbaumes, denn es heißt, er habe sich in die Mitte der Bäume gestellt.
    Gott ruft Adam hier also den bereits abgefallenen und in der Tarnung und Verweigerung vor Gott begriffenen Menschen, der – so wie Eva zunächst Adam mit zum Fruchtessen mitriss – nun seinerseits den anderen Menschen mit in die Verhärtung vor Gott hineinzieht (an den Antworten beider Menschen wird das Muster dann deutlicher erkennbar: Adam leugnet und schiebt die Schuld auf Eva, Eva gibt die Täuschung und Schuld zu).
    Adam wird hier also nicht zur Veantwortung für die Schöpfung gerufen, sondern er wird zur Buße gerufen, die er aber verweigert – und das ist unser aller Problem, und dass die Juden, die Christus abgelehnt haben, sich in ihrer Theologie eindeutig gegenüber Jesus verhärtet haben, ist auch eine Tatsache. Ich finde, dass man das nicht so einfach abhandeln kann, etwa so extrem antijüdisch wie zuvor nun so undifferenziert judenfreundlich nach dem deutschen Exzess. Es liegt tatsächlich in der jüdischen Theologie eine schwerwiegende Problematik verborgen. Ob aber fanatische Katholiken sie erfassen, darf man getrist bezweifeln – sie brauchten immer ihre Schauermärchen von Brunnenvergiftern und Kinderfressern, was einfach nur lächerlich scheint. Wahr ist aber, dass die Juden denken, die Gojim hätten keine volle menschliche Seele und nur Juden hätten eine solche. Das heißt, dass die Juden mit der Eebenbildlichkeit nicht so großzügig umgegangen sind, und wir es der Aufklärung verdanken, dass sie (und auch wir) freundlicher und vernünftiger übereinander denken. dass der Prediger dann ausgerechnet die Aufklärung wieder schilt, ist in dem Kontext nicht überzeugend.
    Es weiß aber jeder, dass ich das Desaster auch in der Theologie bei uns verborgen sehe und es dort vergleichbar schlimm finde, denn wir müssten es ebenso wie die Juden besser gewusst haben.

    Vielleicht war Luthers Kritik nicht in allen Punkten falsch, weder die an der Kirche noch die an den Juden, wenn auch viel zu martialisch ausgedrückt und vor allem selbstgerecht, dass man schreien könnte, denn wir haben ja gesehen, dass die Protestanten nicht anders als die so Kritisierten fehlgingen und heute zumeist selber in einem großen Glaubenszerfall begriffen sind..

    Fazit: es stünde eigentlich eine große Stunde der Buße an.
    Manchmal denke ich, die Lage ist so verfahren, dass wir Gott bitten müssten, die Zeit anzuhalten, damit wir ausreichend Buße tun können.
    Aber ich höre nie von anderen, dass sie diesen Gedanken auch hätten.

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    • Guten Tag,
      Sie schreiben: „Wahr ist aber, dass die Juden denken, die Gojim hätten keine volle menschliche Seele und nur Juden hätten eine solche.“ – Wirklich „die“ Juden? Es dürfte sich um randständige Ansichten handeln, erst recht im heutigen Judentum. Ich bin mit einigen Juden im guten Kontakt, aber dergleichen habe ich nie gehört und auch niemals in einem jüdisch-religiösen Buch gelesen (ich kenne eine Menge davon gründlich). Im jüdischen Synagogengottesdienst stehen die fünf Bücher Moses im Mittelpunkt – und dazu gehört die Genesis, welche die Gottesebenbildlichkeit des Menschen an sich lehrt (egal, ob Jude, Heide, Hottentot etc). Der Talmud ist ohnehin kein Lehr-, sondern ein Debattenbuch (er besteht hauptsächlich aus vielfach kontroversen Diskussionen von Rabbis). Im Alten Testament finde ich sowieso keinen Anhaltspunkt für die Vorstellung, Nicht-Juden hätte „keine volle menschliche Seele“.
      Was die Aufklärung betrifft, so ist bekannt, daß führende Vertreter (übrigens ähnlich auch unter den Frühsozialisten) zumindest allergisch gegenüber Juden eingestellt waren. Gleichwohl war die allmähliche bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Europa zweifellos durch die Aufklärung (die natürlich ein vielschichtiges Phänomen) darstellt, mitbewirkt worden.
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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      • zeitschnur sagt:

        Wenn man selbst etwas noch nie gehört hat, folgt daraus nicht, dass es das nicht gibt. Und man darf nicht glauben, dass Juden dieselben theologischen Sichtweisen auf die Torah haben wie dies unter Christen derzeit üblich ist. Das ist einfach ein Irrtum.
        Der Begriff des „Goi“ ist nicht neutral, sondern häufig abwertend gebraucht (worden). Zugrunde liegt die Vorstellung, dass der Goi nur eine abgestumpfte Seele habe und eher dem Tier nahkommt. Die Juden sind erhobene Seelen, weil sie am Sinai durch die Übergabe der Torah von der Beschmutzung Evas gereinigt wurden. Es gibt darüber zahlreiche Zitate aus dem Talmud und es gibt ebenso zahlreiche Zusammenhänge, die doch zeigen, dass dieses nicht nur ein „Gedanke“ ist, sondern zur jüdischen Tradition gehört, die sehr wohl auch einen verbindlichen Charakter hat. Man beschimpft ja durchaus auch einen abgefallen oder verweltlichten Juden als Goi. Noch abwertender ist der Begriff „Schikse“ für die Goia, was ausdrücklich aus dem Hebräischen so etwas wie das moderne „Schlampe“ bedeutet (unreine, schmutzige Frau). Selbst der Wikipedia-Artikel verschleiert das nicht: https://de.wikipedia.org/wiki/Schickse Ich kenne selbst sogar völlig verweltlichte und soghar von ihrem Glauben abgefallene Juden, die die Vorstellung der „Auserwählung“ dennoch nicht aufgeben, sondern in einem Sinn auffassen, der sie zu einer Art seelischen „Herrenmenschen“ macht.

        Ich habe die fragliche Ansicht außerdem vielfach im orthodoxen Umfeld gehört und gelesen. Ich denke, dass Sie v.a. eben mit den genannten aufgeklärten und liberalen Juden bekannt sind.
        Natürlich gab es antijudaistische Aufklärer – darum ging es nicht. Es ging darum, dass die Aufklärung die politische Emanzipation der Juden nach sich zog und ihre jahrhundertelange Abwertung und Knechtung endlich aufhob. An ihr wirkten beide Seiten durch Bereinigung solch unwürdiger Denkweisen übereinander mit. Ich erinnere an Mendelssohn und Lessing. Allerdings können Sie mir glauben, dass Mendelssohn für einen Orthodoxen nicht maßgebend ist und eher sogar ein rotes Tuch. Wenn Sie es nicht glauben wollen, möchte ich Ihnen diesen Artikel zur kurzen Lektüre empfehlen: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/22597
        Sie heben darauf ab, dass nicht jede Talmud-Spur für alle Juden verbindlich ist. Das würde ich auch niemals behaupten, aber Sie verkennen vielleicht, dass die liberalen Juden, die Sie kennen, auch nicht Maß für alle sind. Im Gegenteil.
        Ich bin sogar sehr stolz darauf, dass es eigentlich Deutschland war, in dem sowohl jüdischer als auch christlicher gegenseitiger Hass philosophisch überwunden wurde. Umso schlimmer, dass ausgerechnet auf unserem Boden dieses furchtbare Unrecht geschah. Dass allerdings nach dem 1. WK deutsche jüdische Gemeinden die Ostjuden die immigrierten, nicht akzeptieren wollten, hängt auch damit zusammen: es lagen Welten zwischen diesen beiden Gruppen, aber letztere ist zahlenmäßig viel, viel stärker.
        Zuletzt las ich von dieser abwertenden Sicht auf die Gojim bei Deborah Feldman, die mit genau dieser Vorstellung ebenfalls hier und heute erzogen wurde und beschreibt, dass die Gojim als „Seelenlose“ ihr immer leid taten, als sie ein Kind war.
        Es kommt hinzu, dass solche Ansichten nicht etwa überwunden sind und nur in Randgruppen verbreitet werden, sondern durch das Erstarken moderner chassidischer Gruppen innerhalb des Judentums rasant wieder an Boden gewinnen, wo sie durch die Aufklärung bereinigt worden sind. Diese Gruppen wirken in den USA massiv, ebenso in Israel und neuerdings auch wieder in Deutschland.
        Vieles, was sie verbreitetn, erinnert an den radikalen Islam, der sich ebenfalls rasant überall verbreitet.
        Man müsste, was Luther betrifft, genauer untersuchen, was er tatsächlich erlebt hat.

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      • Guten Tag,
        zunächst mal habe ich nicht bestritten, daß es die von Ihnen kritisierte Ansicht (nur Juden hätten eine volle menschliche Seele) unter Juden geben kann, aber als Randphänomen, nicht als allgemeine Lehrauffassung. Zudem ist auch mir klar, daß man von persönlichen Kontakten her nicht zu allgemeinen Schlußfolgerungen gelangen kann, was ich auch nicht tat, zumal ich auch die religiös-jüdischen Bücher erwähnte, die ich kenne, darunter zweimal gründliche Lektüre „Das Wesen des Judentum“ des bekannten Oberrabbiners Leo Baeck. In den Handbüchern fand ich nirgends jene von Ihnen natürlich mit Recht kritisierte Irrlehre. Immerhin gibt es auch unter einigen Katholiken mehr als komische Auffassungen, die aber gottlob nicht im katholischen Katechismus enthalten sind. Daher kann man derartige Nebenphänomene nicht der Religion oder Konfession insgesamt anlasten. Die Problematik der von Ihnen erwähnten neu-chassidischen Bewegung kenne ich auch. Ebenso weiß ich aber – sowohl aus Lektüre wie aus persönlichen Kontakten – daß diese (zumal die Chabad-Bewegung) auch unter Juden höchst umstritten sind. Übrigens sind meine jüdischen Freunde und Bekannten keineswegs durchweg liberale oder reformierte Juden, sondern auch religiös konservative, wenngleich keine orthodoxen. Innerhalb des religiösen Judentums gibt es ja grob gesagt diese drei Strömungen (liberal/konserv./orthodox).
        Einer meiner jüdischen Bekannten schrieb schon in seinem zweiten Brief kritisch über die neu-chassidischen Gruppen, Lubbawitscher Rebbe usw. Der judenchristliche Autor Klaus Moshe Pülz (hier im CF schon x-mal als Gastautor vertreten) schreibt seit Jahrzehnten ablehnend über diese innerjüdischen Themen in seiner – insgesamt sehr fundierten – Zeitschrift „Bote Neues Israel“, aber auch in der israelischen Presse.
        Übrigens vertrete ich – im Unterschied zu allzu beflissenen Philosemiten innerhalb der Christenheit – ganz klar das Christuszeugnis auch gegenüber Juden (der Begriff „Judenmission“ ist aufgrund historischer Irrwege bekanntlich belastet).
        Was nun die „Schickse“ betrifft, so las ich hierzu auch in jüdischen Schriften kritische Anmerkungen. Dergleichen Vorurteile (erinnern wir uns an das teils pubertäre konfessionelle Hickhack unter Christen von früher) gibt es in allen Gruppen, natürlich in jeweils verschiedener Färbung.
        Übrigens schmiere ich den Juden, mit denen ich im Kontakt stehe, ohnehin keinen Honig um den Bart. Es gibt da oft kritische Diskussionen in der Sache. Das wird aber geschätzt, denn so sehr man dort den Antisemitismus zu Recht ablehnt, so wünscht man dort andererseits nicht diesen weitverbreiteten, naiven bis unehrlichen „Philosemitismus“. Ich habe jedenfalls mit Juden eine gute „Streitkultur“ erlebt: hart, aber fair in der Sache, in der Form höflich, sachlich, verbindlich.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • zeitschnur sagt:

        Noch ein Nachgedanke:
        Das alles sind wirklich abendfüllende Fragen.
        Da ich allerdings sehr viel lese, auch fremdsprachige Literatur, habe ich hier doch soviel im Hinterkopf, was ich anführen könnte, wozu hier aber nicht der Rahmen ist.
        Ich möchte nur noch darauf hinweisen, dass die jüdische Theologie sich nach der Vertreibung aus Israel und der Verstreuung in alle Provinzen des römischen Reiches (und weiter) um eine antichristliche Apologetik bemühen musste – immerhin knallte man an jeder Ecke und an jedem Ende mit den jungen Christengemeinden zusammen. John Henry Newman hat diese Szenerie auch im Vorfeld der Arianismus-Krise ausführlich beschrieben in seiner Arbeit „The Arians of the 4th century“.
        Es fand eine erbitterte Auseinandersetzung statt – von beiden Seiten. Newman beschreibt, dass dabei die Juden v.a. in der Zeit vor der konstantinischen Wende erheblichen Einfluss bei den Behörden gegen die Christen geltend machten, um eben die aus ihrer Sicht falsche „Mehrgottlehre“ der Christen zu bekämpfen und wieder zu schwächen. Den Arianismus haben antike Schriftsteller ja als eine judaistische Doktrin im Rahmen dieser Auseinandersetzung angesehen.

        „The fortunes of the Jewish people had experienced a favourable change since the reign of Hadrian. The violence of Roman persecution had been directed against the Christian Church; while the Jews, gradually recovering their strength, and obtaining permission to settle and make proselytes to their creed, at length became an influential political body in the neighbourhood of their ancient home, especially in the Syrian provinces which were at that time the chief residence of the court. Severus (A.D. 194) is said to have been the first to extend to them the imperial favour, though he afterwards withdrew it. Heliogabalus, and Alexander, natives of Syria, gave them new privileges; and the latter went so far as to place the image of Abraham in his private chapel, among the objects of his ordinary worship. Philip the Arabian continued towards them a countenance, which was converted into an open patronage in the reign of Zenobia. During the Decian persecution, they had been sufficiently secure at Carthage, to venture to take part in the popular ridicule which the Christians excited; and they are even said to have stimulated Valerian to his cruelties towards the Church.“ http://www.newmanreader.org/works/arians/chapter1-1.html#return21

        Die antike Literatur zeigt uns offenkundig ebenfalls, dass das Judentum ja nicht untätig blieb in der Zeit und versuchte, auf alle möglichen Weisen, die Lehre vom dreieinigen Gott bzw der Gottheit Christi wieder zu vernichten und Christen zurückzuziehen in die jüdische Überzeugung. Das schlug mit dem 4. Jh dann grausam zurück auf sie, kann aber die beiderseitigen Weichenstellungen der gegenseitigen Abwertung nicht einfach als vernachlässigbar ansehen. Tief hat sich diese unselige Spur in beide Gruppen eingeraben und wühlt bis heute.

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      • Guten Tag,
        hier stimme ich Ihnen im wesentlichen zu, mir ist diese beiderseitige Problematik ebenfalls bekannt, auch natürlich der Ausschluß von Juden-Christen aus der Synagoge noch im 1. Jahrhundert und nachfolgende Polemiken. Danach verstärkten sich die Verhärtungen auf beiden Seiten, teils theologisch, teils emotional bedingt (wobei beides sich bei solch wesentlichen Auseinandersetzungen ineinander verschränkt). Daß es wegen der strittigen Christusfrage zu einer religiösen Trennung kommen mußte, war natürlich klar. Allerdings sind Christus verpflichtet, sich grundsätzlich an die Zehn Gebote zu halten, auch den Juden gegenüber (sogar hier erst recht wegen der gemeinsamen theologischen Wurzeln und dem, was wir dem AT-Judentum verdanken). Daß bei den Menschen Ideal und Wirklichkeit nicht „aufgehen“ können, liegt auch auf der Hand. Aber insgesamt hätte es in der Christenheit weit mehr Bemühen geben müssen, Juden fair und gerecht zu behandeln – wenigstens als programmatische Forderung hätte dies an allen Ecken und Enden betont werden müssen. Die Einhaltung der Zehn Gebote hätte Gottes Segen erhalten – und zudem auch das Christuszeugnis gegenüber Juden erleichtert. Denn es ist doch klar: Wenn Juden erleben mußten, daß sich Christen nicht einmal an das ABC der Gottesgebote halten (von Nächsten- oder gar Feindesliebe ganz zu schweigen), dann konnte auch auch die gepredigte Botschaft nicht gut „ankommen“.
        Mir ist klar, daß ich hier offene Türen bei Ihnen einrenne, doch wollte ich verdeutlichen, daß mir die frühchristlich-jüdische Konfliktlage durchaus auch vor Augen steht.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • zeitschnur sagt:

        Liebe Frau Küble,

        Leo Baeck IST doch gerade einer dieser typischen liberalen DEUTSCHEN Juden, die eine aufklärerische Formung erfahren haben, die ich so bewundere, die aber unter der Judenheit insgesamt nicht maßgeblich sind. Natürlich werden sie bei ihm besagte Lehren nicht finden! So leid es mir tut: aber ER ist „randständig“. Wir sollten nicht denken, das Jeckes-Erbe sei das Wesen an dem das Judentum genesen ist oder genesen wird.

        Die Debatte darum, was es heißt, dass der Mensch „zelem elohim“ (Imago Dei), ist im Judentum doch sehr kontrovers und vor allem kann man das, was sich im hellenistischen Judentum entwickelt hat, nicht als zwangsläufige Auslegung betrachten. Was im AT steht, ist das eine. Was sich daraus entwickelt hat, ist das andere.

        Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass im jüdsuchen Kontext nicht so sehr von einem Ist-Zustand als Ebenbild ausgegangen wird, sondern von einer Pflicht, Ebenbild zu sein. Bevor man nicht TUT, was gerecht ist, verwirklicht sich diese Ebenbildlichkeit nicht und der Betroffene hat eine stumpfe Seele. Zwar mag es unter den Gojim auch Gerechte geben, aber im Wesentlichen lehnen sie die Torah ab und sind darum weniger fähig, Ebenbild zu sein und in diesem Sinne eine Seele im vollen Sinne zu sein, die sich über die der Tiere heraushebt.

        Ich finde es schade, dass die ganze alte Auseinandersetzung zwischen Juden und Christen naxch 1945 sachlich mehr oder weniger tabuisiert wird, als sei da nie ein ernsthafter Dissens gewesen. Das stimmt aber so nicht, und in der alten Literatur finden sich zahlreiche theologische Differenzpunkte, die der Zeitgenosse heute nicht einmal mehr erahnt. Diese Differenzen kamen in der Tat unds in voller Schärfe von beiden Seiten.
        Dabei spielte eben jene Lehre, die Seelen der Gojim seien weniger wertvoll als die der Israeliten, eine anstößige Rolle und taucht in vielen Texten auch der deutschsprachigen Kontroversliteratur etwa des 19. Jh immer wieder auf.

        Es ist auch nicht richtig, dass der Talmud nicht verbindlich wäre. Die enthalene Mischna ist sowieso als mündliche Überlieferung vom Sinai so verbindlich wie die Torah.
        Man kann nicht die Torah auslegen und den Talmud dabei übergehen. So sagt auch das Vorwort auf einer jüdischen Website korrekt:

        „Der Talmud, wörtlich »die Belehrung«, ist das grundlegende Werk der jüdischen Religion, das biblische Grundsätze in ihrer Auslegung, in den Erörterungen der Schriftgelehrten wiedergibt. Der Talmud hält mündliche Ausführungen, Fragen und Antworten, Streitpunkte wie Rätsel fest und gibt ihnen verbindliche Gestalt. Der Talmud enthält zwei Werke: die Mischna aus Palästina, die kanonische Sammlung jüdischer Gesetze, und die Gemara, die Diskussionen über diese Gesetze, die in Babylonien geführt und aufgezeichnet wurden. Nach diesem Ort heißt das Werk Babylonischer Talmud (gegenüber dem kleineren Palästinischen oder Jerusalemer Talmud). Der Babylonische Talmud ist das verbindliche Werk für das Studium der Heiligen Schrift.“ http://www.judentum.org/talmud/babylonischer-talmud.htm

        Und die bekannte jüdische Website „Hagalil“ bringt einen Artikel von Meir Seidler, der mit den folgenden Worten anfängt:

        „Das Herz der jüdischen Eigenart und das Wesen des jüdischen Volkes liegt in einem Werk verborgen, das als Talmud bekannt ist. Der Talmud ist der Kern des Judentums. Verständnis des Talmud ist Verständnis des Judentums, Diffamierung des Talmud ist Diffamierung des Judentums, Abkehr vom Talmud ist Abkehr vom Judentum.“ http://www.hagalil.com/judentum/talmud/talmud-judentum.htm

        Und natürlich können sich die „anderen“ nur irren über alles, woran sie darin Anstoß nehmen, alles nur Missverständnisse etc. pp. Angepriesen wird dann der „Talmud für jedermann“ vom Rav Adin Steinsaltz, der allerdings – und das muss man wissen – im Umkreis des 2005 neu gegründeten Sanhedrin zu suchen ist, wenn auch in irgendwelche Querellen verstrickt und jetzt glaube ich nicht mehr dabei. Diese Leute stellen den alten Sanhedrin wieder her und wollen das pharisäische Judentum erneut mit Macht einführen. Steinsaltz gehört ebenfalls zur Lubawitscher Bewegung und fördert die Zusammenarbeit zwischen Vatikan und Israel.

        Manche Tradis haben es also noch nicht begriffen: Man hat in früheren Zeiten immer wieder die große theologische Ähnlichkeit zwischen Talmudismus /Pharisäertum und Jesuitendoktrin festgestellt, freilich oft polemisch, aber sachlich, wenn man ruhigen Sinnes prüft, nicht von der Hand zu weisen. Die Atmosphäre der ultramontanen, extrem-papalistischen Kirche (ein Jesuitenprojekt von Anfang an) ähnelt der des chassidisch-talmudischen Judentums teilweise fast bis aufs Haar. Aber auch die Neigung zu erschinungsmythischem Popanz passt bei beiden ebenso zusammen wie andererseits der Anschein von Intellektualität. Diese Atmosphäre stammt aber in der Kirche tatsächlich von den Jesuiten, deren Gründungspatres teilweise nach der Reconquista, die damals nicht lange zurücklag, christianisierte Juden waren (etwa Diego Lainez). Ausgerechnet diesen Geist halten die Tradis für DEN katholischen Geist, hassen aber gleichzeitig die Talmud-Juden. Ich kriege das mental wirklich kaum auf die Reihe, wie man so daneben liegen kann wie die Piusbrüder und ihre Assoziierten und Ableger, die wiederum auf die Jesuitendoktrin und ihren Sieg im 19. Jh zurückgehen! Auch die heftige antijüdische Polemik der Jesuiten am Ende des 19. Jh/Anfang 20. Jh, besonders in der vatikanisch abgesegneten Zeitschrift „Civiltà cattolica“ ist entweder eine bewusste Strategie gewesen oder ein Ausdruck völliger Umnachtung. Anders kann man sich nicht erklären, wie ein solcher Bruderhass möglich war. Mir ist selbst eines tages aufgegangen, dass die jesuitische Moraltheologie tatsächlich dem jüdischen Gesetzesalbtraum wie ein Zwilling verwandt ist. Aber auch hier vermisst man vernünftige wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema.

        Ich versuche das Ganze zusammenzudenken und mich v.a. nicht wegen der unseligen Nazisvergangenheit lähmen zu lassen, ist doch ein Teil meiner Familie selbst verfolgt worden, und ich will verstehen, was wirklich geschehen ist und mich nicht mit diesen primitiven Kürzeln aliierter Siegerhistorie abspeisen lassen. Die Sache ist viel, viel komplizerter, und jemand, der herkunftsmäßig zwischen allen Stühlen sitzt, spürt das vielleicht eher als andere.

        In jedem Fall ist für mich die Frage noch offen, was Luther tatsächlich erlebt hat, denn diese Wendung von totaler Offenheit hin zu heftiger Enttäuschung könnte nicht nur ein Fehler seinerseits gewesen sein. Weiß irgend jemand, ob es darüber eine ordentliche Forschungsarbeit gibt? Diese einhellige und seltsam undifferenzierte Medienaufbereitung von Luthers Problemen mit den Juden machen mich jedenfalls mal wieder misstrauisch, denn es fehlt allem Anschein nach der sachliche Diskurs darüber und man wird emotional aufgestellt. das Faktum war aber seit Jahrzehnten gut bekannt und wurde nicht dermaßen aufgebauscht.

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      • Guten Tag,
        natürlich ist mir klar, daß Leo Baeck ein Vertreter des liberalen Judentums ist, aber immerhin war er ab 1922 Chef der Rabbinerkonferenz in Deutschland und wurde 1933 Präsident der Reichsvertretung der Deutschen Juden (eines übergeordneten Dachverbands jüdischer Verbände). Er war also innerhalb des deutschen (auch des religiösen und inkl. des orthodoxen) Judentums der führende Repräsentant (es ist ja nicht so, daß es in der Weimarer Republik nicht auch eine starke jüdische Orthodoxie gegeben hätte). Er war also integrierend für alle nennenswerten jüdischen Strömungen damals hierzulande.
        Natürlich spielt der Talmud innerhalb des Judentums – zumal für die Auslegung des Religionsgesetzes – eine gewichtige Rolle – allerdings nicht im Synagogen-Gottesdienst. Hier wird allein aus der Thora vorgelesen, die liturgisch-theologisch eine einzigartige Stellung einnimmt, in ihrer Heiligkeit verehrt wird – und auch im Festkalender des Judentums von größter Bedeutung ist (z.B. Simchat Thora).
        Auch in der üblichen Symbolik einer Synagoge finden sich keine Talmud-Hinweise (oder welche denn?). Hingegen werden die Fünf Bücher Moses auch von der äußeren Gestaltung her deutlichst in den Mittelpunkt gerückt, zudem die sog. „Zehn Worte“ (10 Gebote).
        Der Talmud ist ohnehin kein Lehrbuch, keineswegs vergleichbar etwa mit einer katholischen Dogmatik etc.
        Die jüdische Basis, also die Gemeindemitglieder haben – sofern sie religiös ansprechbar sind – zudem am ehesten noch Kontakt zur Synagoge, das ist das jüdische Gebets- und Gemeindezentrum. (Nicht etwa irgendwelche Gelehrtendiskussionen um den Talmud.)
        Was Luther betrifft: Selbst wenn er negative Erfahrungen mit Juden gemacht hätte, rechtfertigt das in keiner Weise seine Forderung nach staatlichen Zwangsmaßnahmen gegen Juden, darunter Synagogenzerstörung oder Eigentumsberaubung. Das sind klare Verstöße gegen die Zehn Gebote (Du sollst nicht stehlen), erst recht gegen jede Nächstenliebe (von Feindesliebe ganz zu schweigen).
        Es ist theologisch übrigens leicht nachvollziehbar, daß die von evangelischer und weltlicher Seite vorgestellte These, Luther sei enttäuscht gewesen über die Nicht-Bekehrung der Juden, als Erklärungsmodell alleine nicht ausreicht. Sicher hat dies bei ihm eine Rolle gespielt, aber ein solcher Frust müßte nicht gleich in derartigen Haß ausarten.
        Aus meiner Sicht ist hier bei ihm auch seine Rechtfertigungslehre von Belang: Luthers theologischer Dreh- und Angelpunkt war die Alleingenügsamkeit von Gnade/Glaube/Christus (die bekannten reformatorischen „Sola“). Da er schon der katholischen Kirche deren Leistungsfrömmigkeit und Werkgerechtigkeit vorhielt (hinsichtlich der Praxis teils zu recht, lehrmäßig im wesentlichen zu Unrecht), galt dieser sein Vorwurf erst recht dem „gesetzlichen“ Judentum, das ja die katholische Position noch in gesteigerter Form darbot und die Notwendigkeit der Beachtung von Gottes Geboten bzw. dem religiösen „Gesetz“ noch mehr betonte als die katholische Seite.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • Ergänzender Hinweis zu Luthers antijüdischer Polemik:
        Man muß hier wohl bedenken, daß er mit zunehmendem Alter sowieso immer stärker dem Grobianismus verfiel, mag es sich nun um Schmähschriften gegen Katholiken („Papisten“), innerprotestantische Konkurrenten (z.B. Täuferbewegung, Müntzer, Spiritualisten usw) oder eben um Juden handeln. Man spricht zwar vom „Zeitalter des Grobianismus“, insofern waren damals scharfe Töne und schrille Schriften weit verbreitet, doch Luther hat dies noch zugespitzt geboten und teils mit Gossensprache versehen. Insofern betraf seine Verhärtung und Fanatisierung nicht allein die Juden. Davon waren ja etwa auch die aufständigen Bauern betroffen – und das bereits in der reformatorischen Frühzeit 1525.
        Freundlichen Gruß!
        Felizitas Küble

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      • zeitschnur sagt:

        Danke für die Antworten. Zum Judentum während der Weimarer Zeit, hier ein interessanter Aufsatz: http://library.fes.de/fulltext/historiker/00805002.htm Es gab im Grunde keine unangefochten tradierte Orthodoxie mehr im deutschen Judentum. Daran ändern auch Rückbesinnungsversuche nichts. Und Baeck spielte ausschließlich im deutschen und liberalen Judentum eine Rolle – wie ich es sagte.

        Ich hatte ja nicht geschrieben, dass der Talmud im Synogogengottesdienst eine größere Rolle spielt. Das kann er naturgemäß ja nicht, aber das ist dennoch kein Gegenargument. Der gesamte Überbau, den man als Katholik so kennt, wird ja auch nicht während der Hl. Messe infiltriertt, allenfalls in einer Predigt angedeutet. Der Rest wird in Exerzitien, Sakramentenvorbereitung und täglichem Glaubensvollzug erst wirksam. Auch bei uns würde in einer Lesung währen der Messe nicht Thomas von Aquin gelesen, aber wir alle wissen, dass er faktisch wichtiger wurde als die Bibel selbst bzw. man die Schrift nur noch durch seine (u.a. anderer Lehrfavoriten) Brille sah…und sieht…

        Ich wollte Luthers Martialität mit keinem Wort gutheißen – nicht dass wir uns missverstehen. ich stelle mir vielmehr einfach nur sachliche Fragen, auch wenn sie durch ein Tabu nach 1945 vielleicht bei vielen Herzflimmern hervorrufen. Man muss indes vielleicht noch einmal von vorne anfangen in vielem Forschen.

        Wenn man jedoch die Schrift Luthers selbst ansieht, sagt er uns ja selbst, was ihn so erregt: die Juden hoffen auf einen Messias und eine Zeit, wo sie uns Heiden und insbesondere Christen völlig erledigen werden. Luther schreibt, die Juden würden von klein auf einen unsäglichen Hass auf die Christen in ihre Kinder hineinerziehen, der so tief säße, dass er kaum zu überwinden sei. Er wirft ihnen vor, weil sie lehrmäßig mit dem Christentum nicht fertig würden, ad personam zu gehen und die Christen dadurch zu reizen, das sie Jesus und seine Mutter in blasphemischer Weise schmähten. Er sieht, dass sie, um sich irgendwie selbst noch zu rechtfertigen oder aufrechtzuhalten, es folgendermaßen machten:

        „Wie jene Mutter ihr Kind lehrte: kannst du
        nicht gewinnen, so trag Hader ein. Das heißen solche
        Lügen, wo der Lügner nicht in der Hauptsache wähnt noch
        irrt (wie in Glaubenssachen auch geschieht), sondern
        selbst wohl weiß, daß er wider die Person lügt und lügen
        will, auch nicht, weder mit Schein noch mit Wahrheit, zu
        beweisen gedenkt, wie er auch nicht kann.
        So tuns die Juden in diesem Falle auch.“

        Ich erkenne in der Schrift den Frust Luthers darüber, dass das christliche Gesetz Christen über die Maßen hart betsraft für wirtschaftliche Sünden, den Juden dagegen alles durchgehen lässt, weil ihm aufgrund der Ausgrenzung gestattet ist, was dem Christen verboten ist (Zinswucher, ungerechte Geschäftemacherei, Diebstahl). Er erwähnt die martialischen Strafen seiner Zeit, die darauf für Christen stehen und sieht die Sache so an, als grüben sich die Christen ihr eigenes Grab, indem sie die Juden das machen lassen, wofür sie sich selbst zu fein sind, allerdings mit selbstmörderischen Folgen.
        Er glaubt, die Juden seien dadurch die heimlichen Herren des Hl. Röm Reiches und könnten so ihr Ziel, nämlich mit dem Messias, den sie erwarten, das Abendland stürzen bzw. dem Messias auf diese weise den Weg bereiten.
        Das ist nun in der Tat ein merkwürdiger Gedanke für die damalige Zeit. Und ich möchte erneut wissen, was dahinter steht – welche Erfahrung, welche ökonomischen und theologischen Realitäten hat Luther als so bedrohlich erlebt? ich kann nicht einfach behaupten, er habe sich das alles nur aus den Fingern gesogen. das muss schon genau geprüft werden.
        Auch kommt Luther auf die ersten 300 Jahre Christentum zurück, in denen die Juden die Christen verfolgten und ihre Verfolgung durch die Römer förderten und aufhetzten. Luther nimmt Bezug darauf, dass Karl V. sie aus Spanien vertrieben habe und sie auch aus Frankreich ausgewiesen wurden und setzt voraus, dass das nicht ohne einen Grund geschah…

        Mich berührt das alles sehr schrill, denn ich frage mich, wie er zu diesem Bild kommt. Er sieht tatsächlich, dass das eigentliche Regiment im Römisch-deutschen Reich rein ökonomisch sei und von den Juden längst unterwandert sei, deren Sklaven die Christen geworden seien durch ihre Ethik, die den Juden nicht vorgeschrieben ist. Er spricht die Angst vor ihrer Weltherrschaft aus, mithilfe derer sie gegen Christus ziehen und eines Tages ihren Alternativmessias präsentieren werden.

        Seinen „Rat“, ihre Synagogen und Häuser zu verbrennen, nennt er „scharfe Barmherzigkeit“, die nicht mit „Rache“ verwechselt werden soll. Ganz offenbar ist er über ihre gotteslästerliche Einstellung so entsetzt, dass er glaubt, ihnen sei gedient, wenn man sie zurückstutze und ökonomisch nicht weiter gedeihen lasse als etwas die „Zigeuner“:

        „Und solches soll man
        tun unserm Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit
        Gott sehe, daß wir Christen seien und solch öffentlich
        Lügen, Fluchen und Lästern seines Sohnes und seiner
        Christen wissentlich nicht geduldet noch gewilligt haben.
        Denn was wir bisher aus Unwissenheit geduldet haben
        (ich habs selbst nicht gewußt), wird uns Gott verzeihen;
        nun wirs aber wissen und sollten darüber frei vor unserer
        Nase den Juden ein solches Haus schützen und schirmen,
        worin sie Christum und uns verleumden, lästern, fluchen,
        anspeien und schänden, wie droben gehört, das wäre
        ebensoviel, als täten wirs selbst und viel ärger, wie man
        wohl weiß.“

        Es kann auch nicht übersehen werden, dass Luther hier andeutet, etwas nicht gewusst zu haben, was er nun weiß und nicht akzeptieren kann, nämlich Flüche gegen Christus seitens der Juden.
        Ich frage noch einmal: Was um Himmelswillen hat er erlebt?!

        Er plädiert weiterhin dafür, den Talmud zu verbieten und „Betbüchlein“, weil er in ihnen diese Lästerungen aufgeschrieben sieht. Den rabbinen soll das Lehren verboten werden, weil sie ebn die Lästerung Christi lehren.
        Den Fürsten hält er vor Augen, dass sie, wenn sie die Juden ständig geleiten, sich an dieser Lästerung beteiligen.
        Die Enteignung, die er vorschlägt, sieht eine Rückgabe des Gutes vor an diejenigen Juden, die sich bekehren und einem ehrlichen Gewerbe nachgehen.

        Nun weiß ich, dass es im Talmud wirklich diese Stellen gibt, die aussagen, die Gojim seien als Diener und Sklaven der Israeliten vorgesehen von Gott.

        Im übrigen muss man so ehrlich sein zuzugeben, dass auch die Römische Kirche den Talmud immer wieder verbieten ließ, und zwar auf Betreiben v.a. bekehrter Juden schon im 13. Jh. Das hatte bei Luther also eine lange Vorgeschichte. Innozenz IV. verbot den Talmud 1244. 1242 war es zu öffentlichen Talmudverbrennungen gekommen. Das ging so weiter bis zum Ende des 16. Jh. Nicht nur Luther, sondern auch Julius III. ließ nach der Reformation alle Talmude beschlagnahmen. Man mss sich klarmachen, dass es durch die Erfindung des Buchdruckes auch zu einer größeren Verbreitung des Werkes gekommen war.

        Erst im 17. Jh öffnete man sich jüdischer Gelehrsamkeit – aber das war bereits das Aufziehen der Aufklärung.
        Damit war immer noch nicht geklärt, welcher Zündstoff im talmud steckt. heute ist man weitgehend unwillens, die frage kritisch und sachlich zu untersuchen.
        Das halte ich für einen großen Fehler.

        Was nicht schön ist, sollte man auch nicht beschönigen – auf keiner Seite.

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      • Cornelia Vogt sagt:

        Wer sich SELBER ERHÖHT ….
        ein jeder meint, SEIN Gott ist der EINZIGE.
        Es ist so, daß Gott JEDWEDES Wesen seiner Schöpfung liebt.
        Doch zu sich einladen tut ihn niemand.
        Heutzutage.
        Wissenschaftlich erklärbar ist sogar im Februar 2017 die Beschaffenheit des Todestuches (Grabtuch von Turin).
        Auferstehungstuch nennen Wissenschaftler dies.
        Alle Völker der Erde haben ihre EIGENE KULTUR.

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    • zeitschnur sagt:

      Noch ein Literaturhinweis für alle, die sich interessieren und nicht nur oberflächlich auf das Thema zugreifen wollen:

      http://kups.ub.uni-koeln.de/5731/

      Flörken, Norbert (2014) Der Streit um die Bücher der Juden. Ein Lesebuch. Elektronische Schriftenreihe der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, 9. Universitäts- und Stadtbibliothek. ISBN 978-3-931596-89-7

      Das ist eine Quellensammlung zur Auseinandersetzung zwischn Johannes Pfefferkorn, einem zur katholischen Kirche konvertierten Juden und seiner heftigen Auseinandersetzung gegen die ehemaligen Glaubensbrüder ab 1508 unter reichlicher Hilfe der Kölner Dominikaner und der katholischen Universitäten. Widerspruch erhielt er von Reuchlin.

      Pfefferkorn und seine katholische Phalanx stellte ganz ähnliche Forderungen wie Luther auf, die kaum weniger martialisch angelegt waren… Luther hatte also 1545 in jedem Fall reichhaltige katholische Vorbilder und setzt so gesehen in jedem Fall die katholische, antijudaistische Tradition seiner Zeit fort.
      Allerdings bleibt offen, was seine zwischenzeitliche Offenheit für die Juden dermaßen niederschlug, wie es geschehen ist.
      Die Frage stellt sich auch bei Pfefferkorn, der doch selbst Jude war und es von innen kannte.

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