Was Papst Benedikt zur „umstrittenen“ Versuchungs-Bitte im Vaterunser sagte

Was sagte Kardinal Joseph Ratzinger bzw. Papst Benedikt XVI. zur derzeit viel diskutierten sechsten Vaterunser-Bitte „Führe uns nicht in Versuchung“? 

In einem im August 2000 geführten Interview mit Ratzinger, dem damaligen Glaubenspräfekten und späteren Papst Benedikt XVI.,  ging Peter Seewald auch auf das Vaterunser ein.
Auf „Kathnews“ wurden jetzt die diesbezüglichen Passagen aus dem Ratzinger-Buch „Gott und die Welt. Ein Gespräch mit Peter Seewald“ (S. 232) dokumentiert:

Peter Seewald: „Im Vaterunser heißt es an einer Stelle ‚und führe uns nicht in Versuchung‘. Warum soll ein liebender Gott uns in Versuchung führen wollen? Ist das ein Übersetzungsfehler. Frère Roger, der Gründer der Bewegung von Taizé, einer ökumenischen Ordensgemeinschaft in Frankreich, hat vorgeschlagen man möge beten: ‚Und lasse uns nicht in Versuchung.‘“

Kardinal Ratzinger:

„Daran wird ja viel herumgekaut. Ich weiß, das Adenauer den Kardinal Frings bedrängt hat, das könne ja so, wie es da steht, nicht stimmen. Wir kriegen auch immer wieder Briefe in dieser Richtung. Das ‚Führe uns nicht in Versuchung‘ ist in der Tat die wörtliche Übersetzung des Textes. Natürlich entsteht die Frage, was das eigentlich bedeutet?

Der Betende weiß, dass Gott ihn nicht ins Schlechte hineindrängen will. Er bittet Gott sozusagen um sein Geleit in der Versuchung.

Der Jakobus-Brief sagt ausdrücklich, Gott, in dem kein Schatten von Finsternis ist, versucht niemanden. Aber Gott kann uns auf die Probe stellen – denken  wir an Abraham -, um uns reifer zu machen, um uns mit unserer eigenen Tiefe zu konfrontieren, und um uns dann erst wieder vollends zu sich selber zu bringen.

Insofern hat auch das Wort ‚Versuchung‘ verschiedene Schichten. Gott will uns nicht zum Bösen anleiten, das ist klar. Aber sehr wohl kann es sein, dass er die Versuchungen nicht einfach von uns weghält, dass er uns, wie gesagt, durch Prüfung hilft und auch führt.

Wir bitten ihn jedenfalls darum, dass er uns nicht in Versuchungen geraten läßt, die uns ins Böse abgleiten lassen würden; dass er uns nicht Prüfungen auferlegt, die unsere Kräfte überschreiten würden; dass er die Macht nicht aus der Hand gibt, um unsere Schwachheit weißt und uns daher schützt, damit wir ihm nicht verlorengehen.“

Quelle: http://www.kathnews.de/und-fuehre-uns-nicht-in-versuchung


8 Kommentare on “Was Papst Benedikt zur „umstrittenen“ Versuchungs-Bitte im Vaterunser sagte”

  1. Johann Huber sagt:

    Deswegen habe ich ja vorgeschlagen zu beten: „Lass uns der Versuchung nicht unterliegen, sondern errette uns aus Unheil!“

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  2. Claus Stephan Merl sagt:

    Schon der zweite Artikel zur gleichen Frage. Gott führt nicht in die Versuchung mit dem Ziel, dass wir ihr erliegen, denn er möchte nicht, dass einer verloren geht. Aber wir könnten auf eigene Faust uns in eine Versuchung hinein bewegen – vielleicht sogar ohne es zu merken – der wir erliegen. Davon sollen wir bewahrt und vom Bösen erlöst werden.

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    • Johann Huber sagt:

      Was ist das Böse?? Wir sprechen zwar von einer bösen Krankheit, aber nicht vom bösen Tod. In Jes 45,7 sagt Gott: „Ich bewirke Heil und erschaffe Unheil.“ Und da griech. ponerón sowohl das Böse als auch das uns Schädliche beinhaltet, wie lat. malum auch, würde ich als 7.Vaterunserbitte vorschlagen: „sondern errette uns aus Unheil!“ Das würde Sünde, Unglauben, Leid, Not und Tod einschließen.

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      • Claus Stephan Merl sagt:

        Das Böse ist alles, was von dem Bösen kommt. Auch der Tod ist böse und wird als Letztes besiegt werden. Schon jetzt aber ist dem Tod für die Christen der Stachel gezogen.

        Jesaja 45, 7 ist jetzt sicher keine einfache Bibelstelle. Es gilt jedoch die Regel, das eine schwierige oder missverständliche Bibelstelle nicht dazu verwendet werden darf die vielen anderen klaren Bibelstellen zum selben Thema zu verdunkeln.

        Jesaja 45, 7 wie auch Amos 3,6 betreffen meines Erachtens das Unheil, das Gott kommen lässt als Konsequenz von Sünde: nicht „global“ alles Böse. Im dritten Kapitel bei Amos lässt Gott es zu, dass der Feind die Stadt überfällt, weil sich das Volk durch sein Handeln aus Gottes Schutzbereich hinaus bewegt hat. Letztes Motiv ist aber immer bei Gott, sein Volk zur Umkehr zu bewegen. Das ganze Kapitel 45 bei Jesaja ist eine Absage an jedweden Dualismus, der gerne unseren Vorstellungen vom Kampf zwischen Gut und Böse zugrunde liegt. So als würden sich Gott und seine Heerscharen auf der gleichen Ebene befinden wie der Feind. Tatsache ist vielmehr, das sogar der Feind letztlich Gottes Absichten dienen muss und dass Gott seine Souveränität durch den Sündenfall nicht verloren hat. Wer sich also gegen Gott stellt, der muss sich nicht wundern, was dabei herauskommt. Wer aber sich Gott unterordnet und ihn in rechter Weise „fürchtet“, für den gilt, dass selbst negative Lebensumstände ihm letztlich dienen müssen.

        Man könnte die Bitte „Führe mich nicht in Versuchung“ daher auch so verstehen, dass der Beter bittet, dass dann, wenn er sich durch sein eigenes Handeln Gott entgegen gestellt hat, er nicht der Versuchung zum vollständigen Abfall von Gott als Konsequenz der Sünde preisgegeben wird, sondern vielmehr er auch von diesem Bösen, das er sich sozusagen selbst eingebrockt hat, befreit wird.

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    • Johann Huber sagt:

      Gerade wird mein Kommentar bestätigt durch die Lesung des heutigen Tages, wo Jesaja sagt: „Gott kleidet mich in Gewänder des Heils.“

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  3. Johann Huber sagt:

    Die Richtigkeit der Deutung der 6.Vaterunser-Bitte durch Papst Benedikt XVI. wird vollends bestätigt, wenn man diese Vaterunser-Bitte ins Hebräische zurückübersetzt, in die Gebetssprache Jesu: Das hebräische Verb „havé“ bedeutet sowohl „bringen“, „führen“ als auch „kommen lassen“.
    Dass Jesus die letztere Bedeutung meinte, geht eindeutig aus der Synagogenliturgie hervor, wo es im jüdischen Abendgebet ganz eindeutig heisst:

    „Lasse mich nicht kommen

    in die Gewalt der Sünde,
    noch in die Gewalt der Schuld,
    noch in die Gewalt der Versuchung!“

    Die Gebetsliturgie der Juden wurde im Laufe der Jahrtausende kaum verändert.
    Insofern ist die neue Formel der Schweizer Bischöfe „ne nous laisse pas entrer en tentation“
    keinerlei Umdeutung des griechischen Urtextes. Und jene, die da Verrat schreien, sollten sich nicht sklavisch an die griechische Übersetzung der Worte Jesu klammern, sondern lieber sich auch mal mit der hebräischen Sprache, der Gebetssprache Jesu, befassen.

    Es ist nämlich eindeutig festzustellen, dass die Evangelisten hin und wieder von mehreren Bedeutungen des hebräischen Wortes die nicht ganz adäquate ausgewählt haben.
    Das geschah zum Beispeiel auch in Lk 16,9-13: hebr. BARECH bedeutet sowohl „segnen“ als auch „verfluchen“, hebr. ARÚM sowohl „klug“ als auch „hinterlistig“.
    Jesus lobte also nicht den klugen bzw. hinterlistigen Verwalter, sondern er erteilte ihm eine Abfuhr.

    Pinchas Lapide, ein großer jüdischer Theologe, schlug deshalb vor, um den Vollsinn ganz zu erfassen: „Lasse mich nicht der Versuchung unterliegen!“
    Das ist genau das, was Jakobus und Paulus meinen.
    Und das ist auch genau das, was in der französischen Version früher gebetet wurde:
    „Ne nous laisse pas succomber à la tentation.“

    Genau das hatte ich bereits in einem früheren Beitrag zu dieser Streitfrage hier vorgeschlagen.

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    • Verbotenes Wissen sagt:

      Ihre Behauptung ist falsch! (Mutter-)Sprache von Jesus war Aramäisch.

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      • Johann Huber sagt:

        Bevor Sie Ihr Besserwissen ausbreiten, sollten Sie näher hinschauen, was geschrieben wurde. Ich hatte von der Gebetssprache Jesu geschrieben, nicht von seiner Muttersprache. Die Gebetsbücher der Juden sind bis zum heutigen Tag auf Hebräisch geschrieben. Vielleicht hilft es Ihnen, wenn ich Ihnen verrate, dass ich ganz zufällig Hebräisch studiert habe. Wenn nicht, forget it.

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