Weihnachtspredigt des Bischof von Regensburg zum „Vaterunser“ im vollen Wortlaut

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

In den zurückliegenden Tagen des Advents, in denen wir uns auf das Weihnachtsfest vorbereitet haben, durften wir einen, wie ich finde, sehr bemerkenswerten Vorgang miterleben.

Anlass war die Diskussion um das richtige Verständnis der sechsten der insgesamt sieben Bitten des Vaterunser „Und führe uns nicht in Versuchung“. Daraus entwickelte sich eine lebhafte öffentliche Debatte um dieses unser wichtigstes Gebet, das Jesus selbst uns geschenkt hat.

BILD: Bischof Dr. Rudolf Voderholzer von Regensburg

Wir erlebten ein ernsthaftes Ringen um das im Vaterunser zum Ausdruck kommende Gottes- und auch Menschenbild. Die Passauer Neue Presse etwa räumte der Debatte gleich zwei ganze Seiten für Leserbriefe ein. Die Bildzeitung übernahm gar die Rolle kirchlicher Lehrverkündigung, indem es die vermeintlich richtige Version ins Licht stellte.

Unabhängig von den einzelnen Inhalten und den ausgetauschten Argumenten war allein diese Tatsache im Grunde sensationell.

In einer Zeit, in der viele versuchen, Religion als reine Privatsache aus der Öffentlichkeit zu verbannen oder sie totzuschweigen; in einer Zeit, in der es nicht unwahrscheinlich ist, dass jemand das Glaubenszeugnis eines Prominenten als „peinlichen Vorfall“ empfindet und sich darüber fremdschämt – wie Bert Brecht angesichts der Konversionsmitteilung seines Schriftstellerkollegen Alfred Döblin im Jahr 1943;

angesichts vieler Anzeichen fortschreitender Säkularisierung hatte man mit einer öffentlichen Debatte um das Vaterunser nicht unbedingt rechnen dürfen. Sie ist auch nicht allein erklärbar durch den heimlichen Wunsch interessierter Kreise, einen innerkirchlichen Konflikt zu schüren.

Ich halte allein das Phänomen dieser öffentlichen Debatte für ein gutes Zeichen. Denn es wird deutlich:

Vielen ist das Gebet des Herrn ans Herz gewachsen; sie beten es nicht nur auswendig, sondern inwendig; sie leben mit ihm und aus seiner Kraft; es ist ihnen nicht egal, was sie beten, und was die Worte bedeuten; sie melden sich zu Wort, auch öffentlich. Wunderbar. Das ernsthafte Ringen lohnt sich.

Das Vaterunser, liebe Schwestern und Brüder, steht nun auch und gerade mit dem Weihnachtsfest in engster Verbindung. Ich behaupte sogar, dass das Vaterunser ein zutiefst weihnachtliches Gebet ist.

Das mag Sie vielleicht aufs erste etwas verwundern. Und Sie haben recht, wenn Sie sagen: Das weihnachtliche Gebet ist das „Gloria in excelsis Deo“ der Engel, ein gesungenes Gebet sogar, ein Lied – und wenn es unsere Domspatzen singen, bekommen wir eine Ahnung, wie wohl die Chöre des Himmels klingen; die Hirten beten an, weniger mit Worten als mit Gesten, indem sie wohl in die Knie gehen und niederfallen; und die Weisen aus dem Morgenland huldigen dem Königskind, indem sie Geschenke bringen.

Es ist nicht zu bestreiten, dass es der erwachsene Jesus ist, der auf die Bitten der Jünger, sie doch auch, wie Johannes der Täufer, beten zu lehren, so antwortet: Wenn ihr betet, dann sprecht: „Vater unser im Himmel“ (vgl. Mt 6,9-13 und Lk 11,1-4).

Und doch besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen unserem wichtigsten Gebet und dem Fest der Geburt Christi.

Denn wenn Jesus uns, seine Jünger, beten lehrt: „Vater unser“, dann nimmt er uns mit hinein in sein Beten; dann lässt er uns teilhaben an seiner eigenen Beziehung zu seinem himmlischen Vater. Im Falle der Vateranrede ist uns tatsächlich ein paar Mal auch die aramäische Form überliefert: „Abba“, Vater. So hat Jesus den Vater im Gebet angesprochen, etwa vor der Passion am Ölberg (Mk 14,36).

Die Weihnachtsbotschaft lautet: Der ewige Sohn des Vaters wird Mensch, einer von uns. Er geht in die Geschichte ein und teilt unser aller Menschenlos. So nimmt er uns hinein in seine Beziehung zu Gott. Er ist gekommen, um unsere Gotteskindschaft zu erneuern. Ohne Weihnachten kein Vaterunser. Mit Weihnachten aber eine große Würde!

In ihm, dem Mensch gewordenen Gottessohn, sind wir Söhne und Töchter Gottes, und einander sind wir Brüder und Schwestern.

Schon die Worte des Gebetes selber deuten es an. Sie weiten unseren Blick und unser Herz; bete ich doch nicht gleichsam isoliert und egoistisch „Vater mein“ und bitte ich nicht um „mein tägliches Brot“, sondern, selbst wenn ich ganz allein, im stillen Kämmerlein sozusagen, bete, spreche ich gemäß Jesu Belehrung: „Vater unser“, und „unser tägliches Brot gib uns heute“. Weil wir so beten dürfen, gilt auch: Wer glaubt, ist nie allein!

Und von seiner Struktur her ähnelt das Vaterunser sogar dem Gloria der Engel „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede bei den Menschen seines Wohlgefallens“: Zuerst gilt es, Gott die Ehre zu geben. Und dann kommt der Blick auf die irdische Sorge um Frieden. Genauso wie beim Vaterunser.

Die ersten vier Bitten gelten der Ehre Gottes. Die letzten drei den leiblichen und geistlichen Grundbedürfnissen unseres menschlichen Lebens.

Die ersehnte Geschwisterlichkeit der Menschheitsfamilie wird nicht erreicht durch die Abschaffung der Väter, und schon gar nicht durch die Verspottung des himmlischen Vaters. Die Französische Revolution war unter dem Leitstern einer von aller religiösen Bindung befreiten „fraternité“ ausgerufen worden. Sie endete in einem Blutbad.

Wer zum Himmel spuckt, trifft sich selbst. Wahre Geschwisterlichkeit in der einen Menschheitsfamilie wird erst ermöglicht durch den gemeinsamen Bezug auf den himmlischen Vater. In seiner Hand sind wir geborgen und dazu befreit, einander gut zu sein.

Das Vaterunser braucht keine neue Übersetzung. Es braucht Beterinnen und Beter, Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, die sich an der Krippe neu als Kinder Gottes erfahren und täglich neu aus dieser Beziehung leben und lieben.

„In seine Lieb versenken will ich mich ganz und gar“, so haben wir mit den Worten des Jesuitenpaters Friedrich Spee eingangs gesungen. „Mein Herz will ich ihm schenken, und alles was ich hab.“

Das macht uns zu weihnachtlichen Menschen, zu Menschen, die das Vaterunser über-setzen, hinein-tragen in den Alltag mit seinen kleinen und großen Herausforderungen und in jedem Menschen ein von Gott geliebtes Geschöpf zu sehen und zu schätzen bereit sind.

Das und nicht weniger, liebe Schwestern und Brüder, ist die Botschaft dieser Heiligen Nacht. Der himmlische Vater sendet seinen ewigen Sohn in die Finsternis dieser Welt, um sie von innen her warm und hell zu machen. Der erwachsene und predigende Jesus, dessen Speise es ist, den Willen seines Vaters zu vollbringen, lehrt uns den Wortlaut des Vaterunser und stiftet so das Wir, die Gemeinschaft der Kirche.

Die Kirche wiederum steht im Dienst der Gemeinschaft aller Menschen, als Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander (vgl. II. Vat. Konzil, LG 1).

Das Kind in der Krippe lehrt uns die innere Richtung, den Sinn, die allem zugrunde liegende Haltung. Mehr noch: Es legt den Grund für diese verwandtschaftliche Beziehung.

„Wir heißen nicht nur Kinder Gottes“ in einem symbolischen oder bildlichen Sinn, schreibt der heilige Johannes (vgl. 1 Joh 3,1). Durch die Menschwerdung Gottes und die Beziehung zum Sohn „sind wir es wirklich“.

Denn: Der ewige Gottessohn wird ein Menschenkind, damit wir alle Gotteskinder werden und auf sein Wort hin es wagen dürfen, Gott „Vater“ zu nennen, Amen.

Quelle: Bistum Regensburg – Fotos: Bistum Regensburg / Jakob Schötz (1,2,3) – Archiv (4)


7 Kommentare on “Weihnachtspredigt des Bischof von Regensburg zum „Vaterunser“ im vollen Wortlaut”

  1. Gerd sagt:

    Ich bete das Vater Unser so, wie ich es gelernt habe. Frohe Weihnachten!

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  2. Johann Huber sagt:

    Kard. Marx sagte, er sehe keinen Handlungsbedarf. Man sieht, die deutschen Bischöfe gehen einer Debatte über das wichtigste Gebet wie so oft aus Bequemlichkeit einfach aus dem Weg.
    In der Weihnachtsansprache von Bischf Voderholzer diente die Debatte nur als vordergründiger, bei den Haaren herbeigezogener Aufhänger.

    Woher weiß bitte Bischof Voderholzer, dass der Wortlaut Jesu, von dem er einfach dahinredet, in der griechischen Übersetzung bei Matthäus und Lukas korrekt überliefert ist? Mich erinnert das sehr an die Basta-Haltung eines ehem. Bundeskanzlers. Das Kirchenvolk interessiert in Wirklichkeit nicht. Immer das gleiche Lied! Die Schweizer Bischöfe haben den Wortlaut wohl aus Jux und Spass an der Abwechslung geändert. Unsere deutschen Bischöfe lernen leider nicht dazu.

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    • zeitschnur sagt:

      Lieber Johann Huber,

      es spricht aufgrund anderer Schriftstellen sehr viel dafür, dass das so richtig überliefert wurde:

      Paulus sagt über den Christus:

      „Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden.“ (Hebr 2, 8+18)

      Mit Basta hat das alles nichts zu tun. Man kann das auch umgekehrt kritisch sehen:

      Sicher – vieles in der Kirche kommt in einem widerwärtigen Basta-Tonfall, mit unerträglicher und widerchristlicher Arroganz und Anmaßung, da haben Sie recht.
      Das aber ist Schriftwort – das ist etwas anderes. Bitte nicht verwechseln.
      Andererseits kommt aber die rüpelhafte „Erledigung“ überlieferten schriftwortes oft mit derselben Arroganz und Aufgeblasenheit seitens inner- und außerkirchlicher Kräfte. Auch diese Leute treten in säuselnde Worte verhüllt als Basta-Diktatoren auf und ertragen nur schwer, dass man ihnen nicht aus der Hand frisst.

      Das Pauluswort ist aber – neben dem Vaterunser – in unserer großen Not ein wunderbarer Trost, denn der Herr wurde selbst versucht und weiß am eigenen Leibe, was das heißt und kann uns daher punktgenau als Mensch zu Menschen helfen.

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  3. zeitschnur sagt:

    Ja, ich sehe das ähnlich, vielleicht noch zugespitzter.
    Ich dachte angesichts der Debatte eines Tages plötzlich, dass Gott uns damit auf eine große Versuchung vorbereiten will. Es kommt bald eine große, vielleicht sogar die größte Versuchung, und Er, der so treu und gerecht ist, bereitet uns darauf vor, indem er darüber eine Debatte zulässt, die keiner überhören kann, auch nicht all die da draußen in der Welt, die sich sonst nicht mit solchen Themen beschäftigen. Jeder hat noch einmal die Chance, dies alles zu bedenken.
    Ob ER uns sagen will: ja, ich führe euch in eine große Versuchung, wie in der Schrift angekündigt, aber ich helfe euch auch, sie zu bestehen, und ich werde euch am Ende vom Bösen befreien, so wie ich selbst es euch gelehrt habe zu beten? Aber merkt auf, schlaft nicht weiter, lullt euch nicht mit billigen Trostsprüchen ein, seid wachsam und nüchtern, lasst euch von niemandem verführen.
    Es geht dabei auch nicht drum, dass ich etwa zu streng damit wäre, dass es auch „menschelt“ in der Kirche. Das ist nicht das Thema. Es geht auch nicht drum, dass wir halt alle Sünder sind etc. Darum geht es erst recht nicht argumentativ. Es geht darum, ob wir der Sünde mit aller Willensanstrengung adieu gesagt haben oder sagen wollen und dass viele insbesondere der Oberen das ganz offenkundig nicht tun und getan haben. Nicht dass wir sündigen ist das Problem, sondern wie wir uns dazu verhalten: darum geht es. Es geht nicht um gute Werke, sondern um den guten Willen, den wirklichen echten guten Willen. So seltsam es klingt, aber scheinbar gute Werke können auch aus bösem Willen getan werden. Kant hatte recht, als er schrieb: „Gut ist allein der gute Wille.“
    Dass dem Papst das alles nicht gefällt, sollte uns nicht wundern. Er will absolut unterwürfige, blind gehorsame Gläubige und Kurienmitarbeiter. Er kann einen Gott nicht gebrauchen, der dem einzelnen Gläubigen etwas abverlangt, worauf Menschen keinen Einfluss haben DÜRFEN. Aber bleiben wir aufmerksam: die Gegner dieses Papstes wollen prinzipiell dasselbe wie er und verhindern, dass Gott die Seinen möglicherweise auch gegen deren Anspruch führt und vor ihnen bewahrt wie vor reißenden Wölfen. Sie hören es alle nicht gern, diese klerikalen Machthaber, dass sie reißende Wölfe sein könnten und der Herr die Seinen vor ihnen schützen muss, die von sich behaupten, sie beschützten die Kleinen…
    Wir erhalten durch diese Debatte ein unschätzbare Chance, noch einmal aufzumerken, möglicherweise vor einer gigantischen Versuchung.
    Alleine der Gedanke macht mich zittern, aber er würde zu dem passen, was Jesus selbst angekündigt hat.

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    • Cornelia Vogt sagt:

      zeitschnur…
      Guten Abend wünsche ich zu so später Stunde noch.
      Die Versuchung besteht aus Gier nach Höherem.
      Nicht nur der sogenannte gute WILLE reicht GOTT.
      ER verlangt EHRLICHE REUE VON MISSETATEN.
      Heißt ebenso ÄNDERUNG, sich zu besinnen, wie man NICHT WEITER LEBEN DARF.
      Das Gleichnis von der Ehebrecherin: TUE N I E WIEDER SO!!

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      • zeitschnur sagt:

        Sie haben meinen Text nicht ganz aufmerksam gelesen. Ich zitiere Ihnen den wesentlichen Abschnitt noch mal:

        „Es geht darum, ob wir der Sünde mit aller Willensanstrengung adieu gesagt haben oder sagen wollen und dass viele insbesondere der Oberen das ganz offenkundig nicht tun und getan haben. Nicht dass wir sündigen ist das Problem, sondern wie wir uns dazu verhalten: darum geht es. Es geht nicht um gute Werke, sondern um den guten Willen, den wirklichen echten guten Willen. So seltsam es klingt, aber scheinbar gute Werke können auch aus bösem Willen getan werden. Kant hatte recht, als er schrieb: „Gut ist allein der gute Wille.““

        Wie soll man einen „guten „Willen“ haben und zugleich sündigen wollen?! Das wäre eben der böse Wille, der im Extremfall auch hinter scheinbar guten Werken stehen kann. Das scheinbar gute Werk offenbart an sich selbst ja nicht, welche Intentionen dahinterstehen. Ein „gutes Werk“ ist im geistlichen Sinn für sich selbst gesehen kaum etwas wert – das meinte ich. es erhält seinen Wert erst durch den dahinter stehenden Willen. Die frommen Pharisäer, die sich selbst für keusch halten und rituell nach dem Gesetz ihre Missetaten bereuen, wollen die Ehebrecherin steinigen. Auf Jesu Frage, wer hier ohne Sünde sei, wissen sie allesamt nichts zu antworten. Die äußerliche Keuschheit korrespondiert also einem dennoch bösen Willen…

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    • Cornelia Vogt sagt:

      Ja, das ist unstrittig .
      Doch böse Willen folgen oft NOCH bösere Taten.
      Wie dem auch sei.
      Ich hatte anstrengende Tage.
      GOTT wird wissen, was er TUT.
      Alles Liebe Ihnen weiterhin.

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