Berlin: Sehenswerte Stalin-Ausstellung in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen

Von Michael Leh

Die Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen zeigt bis zum 30. Juni 2018 die sehenswerte Sonderausstellung „Der Rote Gott – Stalin und die Deutschen“.

Wie der Direktor der Gedenkstätte, Hubertus Knabe, bei der Eröffnung sagte, ist der Personenkult um Stalin in der frühen DDR heute fast völlig in Vergessenheit geraten. Die Ausstellung führt mit vielen seltenen Exponaten die von der SED betriebene Verherrlichung Stalins vor Augen. 

Dr. Knabe erklärte dazu: „Die Vergötterung galt einem der schlimmsten Diktatoren der neueren Geschichte, einem Mann, der über 44 000 Todesurteile eigenhändig unterschrieben und den Tod von Millionen weiterer Menschen zu verantworten hat“.

Nicht nur Funktionäre wie Walter Ulbricht oder Erich Honecker hätten Stalin als „besten Freund des deutschen Volkes“ und „größten Genius der Epoche“ bejubelt, sondern es hätten sich auch „Arbeiter und Intellektuelle, Lehrer und Journalisten, Städteplaner und Dichter an der Verehrung eines Massenmörders“ beteiligt.

Bei der Ausstellungseröffnung sprach auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke), der qua Amt Vorsitzender des Stiftungsrats der Gedenkstätte ist. Dr. Knabe erklärte ihm gegenüber: „Ich weiß, dass viele Opfer der SED-Diktatur Sie und Ihre Partei sehr kritisch sehen, was nicht nur mit ihrer Geschichte als Diktatur-Partei zusammenhängt.“ 

„Die Linke“ habe bis heute die DDR nicht als „menschenverachtende Diktatur“ verurteilt. Knabe zitierte auch euphemistische Äußerungen Sahra Wagenknechts über das Stalin-Regime. Er dankte Lederer aber dafür, dass dieser den Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus auf dem Sozialisten-Friedhof in Friedrichsfelde gegen linke Kritiker verteidigt habe.

Lederer sprach sich für eine „vertiefte historische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus“ aus. 2006 hatte er als „Linke“-Vorsitzender in Berlin eine Traueranzeige für den Mielke-Stellvertreter Markus Wolf unterzeichnet, in der es hieß: „Wir trauern um unseren Freund und Genossen, einen streitbaren Kämpfer, der aufrecht durch sein Leben ging.“

BILD: Stalinkopf aus Gera in der Ausstellung

Die Historikerin Irina Scherbakowa von der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die sich besonders auch mit den Verbrechen der Stalin-Zeit befasst, erklärte bei der Eröffnung der Ausstellung: „Ich bin überrascht, wie facettenreich sie ist.“

In Russland sei inzwischen eine so große öffentliche Ausstellung über Stalin, „wo man wirklich zwei Systeme miteinander vergleichen“ könne, nicht mehr denkbar.

Eine besondere Attraktion ist ein fast fünf Meter hohes und rund zweieinhalb Tonnen schweres Duplikat der Stalin-Bronzestatue, die bis 1961  –  also noch lange nach dem Tod Stalins 1953 und Chruschtschows „Tauwetter-Rede“ von 1956  –  in der Stalin-Allee (heute Karl-Marx-Allee) stand.

Wie der Kurator der Ausstellung, Andreas Engwert, erklärte, hatte Ulbricht den Kauf der Statue in Russland veranlasst. 1951 wurde das Standbild – das noch auf einem hohen Sockel stand – von Ulbricht eingeweiht.

Die Statue war der Abguss einer Stalin-Figur des Bildhauers Nikolai Tomski, hergestellt in einer Gießerei in Leningrad. Auch in anderen Ländern des sowjetischen Machtbereichs seien Abgüsse der Tomski-Statue aufgestellt worden, sagte Kurator Engwert. Dort seien sie zum Teil erst 1990 von den Sockeln geholt worden.

Die jetzt in Berlin gezeigte Statue fand man in Ulan-Bator, sie gehört einem mongolischen Geschäftsmann, der sie als Leihgabe zur Verfügung stellt. Die Statue wurde 8000 km auf einem LKW aus der Mongolei hertransportiert.

Bewusst wurde sie nur auf den Boden am Eingang der Ausstellung gelegt und nicht aufgestellt (siehe Foto).

In der Ausstellung ist auch eine abgebrochene Hand der riesigen Stalin-Statue zu sehen, die beim Ungarn-Aufstand 1956 in Budapest niedergerissen wurde.

INFO: Ausstellung „Der Rote Gott. Stalin und die Deutschen“ bis 30. Juni in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Genslerstraße 66 in 13055 Berlin. Geöffnet täglich 9 bis 18 Uhr. Weiteres auf http://www.stiftung-hsh.de

KATALOG zur Ausstellung: herausgegeben von Andreas Engwert und Hubertus Knabe, 176 Seiten, 134 Abb., Festeinband, teils farbige Abb., Lukas Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-86732-298-0

Erstveröffentlichung des Beitrags in der PAZ (Preußischen Allgemeinen Zeitung) vom 2.2.2018

Fotos: Michael Leh

 


6 Kommentare on “Berlin: Sehenswerte Stalin-Ausstellung in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen”

  1. zeitschnur sagt:

    Ein sehr interessanter Artikel!

    Nicht ganz einordnen kann ich folgenden Satz:

    „Die Historikerin Irina Scherbakowa von der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die sich besonders auch mit den Verbrechen der Stalin-Zeit befasst, erklärte bei der Eröffnung der Ausstellung: „Ich bin überrascht, wie facettenreich sie ist.“

    In Russland sei inzwischen eine so große öffentliche Ausstellung über Stalin, „wo man wirklich zwei Systeme miteinander vergleichen“ könne, nicht mehr denkbar.“

    Welche „zwei Systeme“ meint sie genau, und was bedeutet diese Aussage hinsichtlich der derzeitigen Herrschaft Putins?

    Kann mir jemand Antwort auf diese Fragen geben?

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    • Guten Tag,
      ich vermute zwar auf den ersten Blick, die Historikerin meine einen Systemvergleich zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus, denkbar ist aber auch ein Vergleich von damals zum heutigen Regime in Rußland. Ich habe beim Autor nachgefragt. Leh schrieb mir, er könne die Frage leider nicht beantworten, sie habe das nicht näher erläutert.
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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    • zeitschnur sagt:

      Ich möchte einen gewissen Einspruch erheben gegen die Meinung, in Deutschland finde eine „wissenschaftliche Vergangenheitsbewältigung“ statt.

      Eher darf man dem deutschen Volk den guten Willen bescheinigt haben, dass es seine schweren Sünden zumindest in weiten Teilen der Bevölkerung wirklich bereute und irgendwie wieder gutmachen wollte und will. Aber viele steigerten sich dabei auch in einen irrationalen Komplex hinein, der völlig blind ist für eine Auseinandersetzung mit den Fakten und Quellen.

      Eine „wissenschaftliche“ Forschung zur Aufklärung aller Zusammenhänge Faschismus/3. Reich steht aber mE noch aus und war bisher samt und sonders gesteuert und repressiv gestaltet durch die Westalliierten. Es soll sich doch niemand einbilden, dass auch nur ein hoistoriker darüber wirklich total frei hätte forschen können – schon gar kein deutscher! Die meisten Akten sind nicht zugänglich, man darf immer noch nicht jede wissenschaftliche Frage frei stellen, es wimmelt von Ungereimtheiten, ob das um den Fall Hess geht, ob es um die Frage der gezielten finanziellen Förderung und Installation Hitlers durch Großbanken geht, ob es um Pearl Harbor geht, ob es um die verhängnisvolle Strippenzieherrolle des Vatikans geht, ob es um die merkwürdige und sofortige Übernahme eines großen Teils des nationalsozialistischen Personals in die CIA und die erfolgende NASA-Gründung geht – alles liegt in einem Reich der Neben und Schatten, und wir sollten uns nicht brüsten damit, dass wir hier den Russen allzu viel voraus hätten. Geschichte schreibt immer der Sieger, und wir waren … NICHT … der Sieger, sollten also endlich anfangen zu denken und uns vor Augen halten, dass wir mehr von Narrativen und historischen Traditionen leben als von einer echten Forschung darüber.

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