Wollen wir unsere christlich-abendländische Kultur neu entdecken und wertschätzen?

Von Prof. Dr. Hubert Gindert

Zunächst eine alte Geschichte: Im Jahre 476 n. Chr. hat der germanische Söldnerführer Odoaker den letzten römischen Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt. Damit endete die letzte Epoche des Weströmischen Kaiserreichs.

Odoaker verlangte vom römischen Senat, dass die kaiserlichen Insignien nach Byzanz, d.h. nach Ost-Rom, geschickt wurden. Das war das Zeichen des auch formalen Endes einer 800-jährigen ruhmreichen Vergangenheit, in welcher Rom die Hauptstadt (caput mundi) des Römischen Weltreichs war.

BILD: Prof. Gindert leitet den Dachverband „Forum Deutscher Katholiken“

Der Senat, der sich noch immer versammelte, um die Entscheidungen des jeweiligen Machthabers formal abzusegnen, betrachtete den Vorgang als einen gewöhnlichen Verwaltungsakt. Ein solches Verhalten der Senatoren gegenüber einem welthistorischen Vorgang ist bezeichnend. War doch der Römische Senat jene Einrichtung, welche die Autorität des Römischen Weltreiches verkörperte. Aber im Jahre 476 raffte sich keiner der Senatoren zu einem Nachruf auf die einstige Größe Roms auf.

Diese Imperium Romanum war trotz seiner Schwächen und Fehler ein großartiges Reich, in dem die Pax Romana den Frieden sicherte und den Bewohnern, woher sie auch kamen, Aufstiegsmöglichkeiten in die höchsten Ämter gab, wenn sie bereit waren, sich die Errungenschaften einer großen Kultur anzueignen.

Nur einer empfand die Tragik der Katastrophe, die im Untergang Roms lag und drückte seine Empfindungen in Worten aus. Es war kein gebürtiger Römer, sondern ein geborener Gallier, wahrscheinlich aus Narbonne. Er hieß Rutilius Numancius, kam aus der Verwaltung, war Präfekt in der Toskana und in Umbrien. 

Bevor er in seine Heimat zurückkehrte, wollte er seine Dankbarkeit gegenüber Rom, das aus ihm einen zivilisierten, gebildeten Menschen gemacht hatte, zum Ausdruck bringen. Vielleicht ist sein Buch „Über die Rückkehr“ ein letztes großes Werk in klassischem Latein. Dort heißt es u.a.:

„Höre, schönste Königin einer Welt, die du zu deiner gemacht hast. Rom, Mutter der Menschen und Götter, höre im gestirnten Himmel: Wir sind nicht fern vom Himmel, wenn wir uns in deinen Tempeln befinden. Du spendest deine Gaben an die Strahlen der Sonne, überall wo der Ozean uns umspült.

Du hast aus unterschiedlichen Völkern eine Heimat gemacht, wer kein Gesetz hatte, ist zu deinem Schuldner geworden, weil du Menschen zu Bürgern und das was nur ein Globus war, zu einem Gemeinwesen gemacht hast“.

Und wir heute? Die Frage heute lautet: Ist uns bewusst, in welch großartiger Kultur wir leben, die sich in den vergangenen 13 Jahrhunderten in Europa in Musik, Literatur, Malerei und Baukunst entfaltet hat? Haben wir noch Bezug und eine innere Bindung zu ihr? Oder ist unser Verhältnis zu ihr wie zu weit entfernten Verwandten, deren fehlende Nähe wir nicht vermissen?

Ein Nicht-Europäer, der jüdische Professor Joseph Weiler aus den USA, hält den Europäern fehlende Wertschätzung, ja Abneigung und sogar Hass auf die eigene Kultur vor.

Wenn wir zu den Wurzeln zu unserer christlich geprägten Kultur nicht zurückkehren, so hat das auch Konsequenzen. Wir können von Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen, nicht erwarten, dass sie sich in unsere Kultur integrieren, wenn wir sie selber nicht mehr wertschätzen.

Unsere Kultur beruht auf einem christlichen Fundament, deswegen ist die Rückkehr zum Christentum auch für die Erhaltung der Kultur entscheidend.

Erzbischof Johannes Dyba (siehe Foto) erklärte vor rund 20 Jahren:

„Wir sind im freien Fall und überlegen: Wie schaffen wir es, dass das Ganze trotzdem funktioniert? Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wenn die Entwicklung so weitergeht:

Entweder unsere Gesellschaft verfällt in eine politische Barbarei oder aber sie erkennt, dass sie zu unserem gemeinsamen Fundament, zum Christentum zurückehren muss. Die dritte Möglichkeit ist, dass der Islam uns überrennt“.  (Quelle: „Der Spiegel“, 22.12.1997.)

Der englische Dichter T.S. Eliot hatte bereits vor Bischof Dyba folgendes prognostiziert: „Sollte das Christentum verschwinden, so verschwindet die gesamte Kultur… Wir müssen durch Jahrhunderte der Barbarei gehen…“.

Sollten wir Europäer unsere Kultur nicht wieder entdecken, z.B. in Kirchen, in einem Konzert, im Besuch von Museen und wieder wertschätzen und weiterentwickeln?


4 Kommentare on “Wollen wir unsere christlich-abendländische Kultur neu entdecken und wertschätzen?”

  1. Baldur sagt:

    Erzbischof Johannes Dyba hat es damals schon richtig erkannt.

    „Wir sind im freien Fall. Ich denke es gibt nur „eine“ Möglichkeit, die Entwicklung zu stoppen:
    Unsere Gesellschaft muss zu Jesus Christus umkehren! ER allein ist das Fundament unseres Glaubens Eine andere Möglichkeit gibt es m.E. nicht.

    Die Wurzeln unserer Kultur scheinen schon abgefault und tot zu sein. Menschenrecht auf Abtreibung, Recht auf Homoehe mit dem Segen des Herrn, Verderbliche Sexualaufklärung in Kita und Schulen. Pornographie in Film, Bildern und Literatur – für jeden zugänglich. Polyamorie und Sadomacho sind heute IN. Wo waren den die ca. 50 Millionen sich Christen nennenden Leute, die hier tatenlos zugeschaut haben? Siehe Link!

    https://www.evangelisch.de/blogs/kreuz-queer/142356/24-02-2017

    Liken

  2. zeitschnur sagt:

    Sehr oberflächlich!
    Und dann diese Hymne auf das heidnische Rom, diese „Göttin der Zivilisation“!
    Und dann noch die Verwechslung dieser Zivilisation mit dem „Christentum“.
    Hat dieses barbarische blutrünstige Rom nicht jahrhundertelang das Blut der Heiligen vergossen?!
    Und hat die Kirche nicht die „würdige“ Nachfolge dieser Mörderin angetreten?
    „Pax romana“?
    Ist das Ihr Ernst, herr Professor?
    Pax?
    Wo war da bitteschön „pax“?
    Pax war immer nur dann, wenn man das Maul hielt und sich unterwarf.
    Kennen Sie unsere Geschichte nicht?
    Eine Abfolge der schlimmsten weltgeschichtlichen Kriege?
    ROm, ein Sündenpfuhl bis heute, der nichts auslässt – weder ökonomische Sünden, nich sexuelle noch Irrlehren und Verzerrungen?
    Welches Abendland wollen Sie retten?
    Das der katholischen Renaissance mit ausschweifenden Päpsten und rauchenden Scheiterhaufen?
    Das der Aufklärung, die all diesen religiösen Schund abwerfen wollte?
    Das des Faschismus, dessen Konzepte noch längst nicht ausgedient haben?
    Das Europa, das den Kommunimsus erfand?
    Oder das der Reformation?
    Das des Humanismus?
    Bedenken Sie – all diese Kräfte fraßen sich gegenseitig auf und hassten sich!

    Wie lange wollen wir weiterschlafen und unsere Fiktion von der großen römischen „Mutter“ weiterträumen?

    Lesen Sie die Geschichte von Europa in der Mythologie: der Göttervater gab sie schließlich auf und gründete an ihrer Statt eine neue Stadt.

    Und das ist auch bei uns geschehen, und es ist die Stadt des Antichristen sein, das vierte Reich, denn wenn Europa etwas sicher ist, dann der Ort und der Acker, aus dem der Antichrist kam und kommt. Deswegen hat im übrigen die Kirche auch stets das „1000jährige Reich“ in der Offenbarung geleugnet bzw verhindert, dass Gläubige darauf hoffen: sie selbst maßte sich an, dieses Millenium zu sein. Auf Christus wollte sie dabei nicht warten, hielt doch sie selbst sich für dessen „Stellvertreterin“, die bald mehr zu sagen hatte als der Herr, der im übrigen nirgends einen Stellvertreter in Aussicht gestellt hat.

    Ich will mich lieber auf Jesus Christus besinnen, wie ihn das NT mir zeigt.
    Ja, der Glaube an diesen wunderbaren Herrn hat vieles befriedet, aber das fand in den Herzen statt. NUR in den herzen und im nahen Umfeld der so Befriedeten.
    Die Barbarei der Kirche besteht darin, diese Befriedung der Herzen gehasst zu haben und ihre „pax romana“ dagegen aufzuzwingen und Befriedete verfolgt zu haben.
    Wir hatten nun lange Frieden vor der Kirche und ihrem geifernden Machtanspruch, aber diese Zeit läuft aus.
    Einer erneuten solchen Erzwingung gegenüber sollte man misstrauisch sein.

    Liken


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s