Visionäre Verehrung Mariens als „Kaiserin“?

Von Felizitas Küble

Seit über fünfhundert Jahren betet das gläubige Kirchenvolk den überlieferten Rosenkranz, dessen Grundstruktur aus den Gebeten des Ave Maria und des Vaterunsers besteht, eingeleitet durch das Glaubensbekenntnis. 

Dieses biblisch fundierte Gebet, das für Katholiken nicht verpflichtend ist, das die Kirche ihnen aber empfiehlt, eignet sich gut zur Betrachtung der Heilsgeheimnisse Christi, besonders beim schmerzhaften Rosenkranz, der ganz um die Erlösungstaten unseres HERRN kreist.

Leider gibt es seit einigen Jahrzehnten eine wachsende Flut von Sonder-Rosenkränzen, wobei die meisten auf Erscheinungen oder sonstige „Erleuchtungen“ angeblich  „begnadeter“ Personen zurückgehen, nicht selten handelt es sich dabei um anonyme Visionäre.

Das gilt auch für den Rosenkranz zu Maria, der „himmlischen Kaiserin über die ganze Welt“. Auf der Webseite http://www.maria-europa.eu/ wird für diese neue Andacht geworben. Dazu gibt es ein Faltblatt zur näheren Erläuterung: http://www.maria-europa.eu/PDF/Ave%20Maria_D.pdf

Im Mittelpunkt steht folgende Anrufung:

Ave Maria Kaiserin, Hilfe der Christen,
bitte für das Dir geweihte Bistum,
besonders für den Bischof,
alle Priester und Gottgeweihten
und ganz besonders für ein christliches Europa. Amen.

Mit dem der Madonna geweihten Bistum ist offenbar Aachen gemeint, einst die kaiserliche Residenz von Karl dem Großen. Dort wird seit Jahrhunderten eine Wallfahrtsstatue mit Maria und dem Christkind verehrt. In einer listiger Art werden nun neuartige „Botschaften“ mit dieser altbewährten Pilgerstätte verknüpft.

Zunächst erstaunt, daß in dieser Anrufung zwar für den dortigen Bischof sowie „alle Priester und Gottgeweihten“ gebetet wird, nicht jedoch für den Papst, die Diakone und das gläubige Kirchenvolk – allenfalls indirekt durch die Erwähnung „für ein christliches Europa“.

Natürlich ist der traditionelle Titel Mariens als „Hilfe der Christen“ völlig in Ordnung, ist die Gottesmutter doch unsere Fürsprecherin bei ihrem göttlichen Sohn.

Die katholische Kirche hat freilich seit zweitausend Jahren noch nie eine amtliche Marienbezeichnung „Kaiserin“ verkündet. Vielmehr wird die Madonna als „Königin der Engel und Heiligen“ gewürdigt, weil sie ihnen als Mutter des HERRN an Würde und Gnadenfülle vorausgeht. Auch in der ausführlichen Lauretanischen Litanei (kirchliche Bittgebete der Kirche) kommt die Anrufung „Kaiserin“ nicht vor.  

Anders läuft es freilich in sektiererischen und erscheinungsbewegten Kreisen, etwa durch seinen selbsternannten „Schwertbischof“ aus der Schweiz, dem dieser Titel  – eigenen Aussagen zufolge –  von Gott selbst zugesprochen wurde: http://www.schwert-bischof.com/german/Der-Glaube/Maria-Kaiserin/maria-kaiserin.php

Hier wird die Gottesmutter als strahlende Kaiserin ganz allein auf einem himmlischen Thron dargestellt, von Christus bzw. dem dreieinigen Gott keine Spur.

Zur eingangs erwähnten neuen Kultform samt dem Extra-Gebet zur „Ave Maria Kaiserin“ sei angemerkt:

Auch hier wird wieder am klassischen Rosenkranz herumgebastelt. Statt der zehn Perlen bzw. Ave-Gebete sind es ihrer jetzt zwölf – und dazu kommt neben dem Fatima-Zusatz (der ohnehin kein Bestandteil des überlieferten Rosenkranzes ist) noch jene sonderbare Kaiserin-Anrufung dazu.

Typischerweise beruft sich diese Aachen-Variante ebenfalls auf Privatoffenbarungen, wobei der/die Visionär/in nicht einmal namentlich genannt ist. Gleichwohl wird aus angeblichen Aussagen Jesu und Mariens zitiert, welche natürlich die Vorzüglichkeit der neuen Andacht loben und großartige himmlische Versprechen damit verbinden  – alles ganz nach alter Seher (Un-)Sitte.

Wichtig sind dabei der Sonder-Rosenkranz, die Verehrung Maria-Kaiserin sowie eine Medaille mit dem Bild der Aachener Madonna und einer Kaiserkrone auf der Rückseite.

So verheißt Gott selbst angeblich einer anonymen Person folgendes: „Durch die Medaille und durch diesen bestimmten Rosenkranz wird in Europa eine Wandlung geschehen, wie in Kana: Der Herr wird durch die Vermittlung Mariens das Wasser in Wein verwandeln.“

Diese Ankündigung ist kennzeichnend für pseudo-mystische Privatoffenbarungen: Entweder wird dabei eine angsteinflössende Form von Endzeit-Panik betrieben oder schwärmerisch das genaue Gegenteil in Aussicht gestellt (glorreiche Zeiten für die Kirche, weltweite Erweckung, universales Friedensreich usw).

Dabei wird ausgeblendet, daß sowohl Christus in seinen Endzeitreden wie auch Paulus (vor allem im 2 Thessalonicherbrief) statt goldener Zeiten zum Ende hin einen allgemeinen Glaubensabfall und das Auftreten des Antichristen prophezeien. Diese unangenehm erscheinende Wahrheit wird durch hoffnungsfroh wirkende Verheißungen in diversen Visionen verdrängt bzw. buchstäblich „überzuckert“.

Manchmal werden auch beide Versionen miteinander verknüpft: Erst kommt noch ein schlimmes Strafgericht, danach aber erstrahlt diese irdische Welt im Glanze großer Verheißungen.

So läuft es auch hier  – in jener anonymen Kaiserin-Maria-Botschaft wird nämlich weiter angekündigt:

„Die Zeit ist nun reif: Das Rosenkranzgebet mit den 12 Ave muss stärker gebetet werden! Es muss mit viel mehr Innigkeit, Vertrauen und Intensität gebetet werden! Die teuflischen Terrorattacken in Europa werden sich vermehren, es wird viel Blut fließen um des Namens meines Sohnes willen!
Ich verspreche euch aber: All diejenigen, die den europäischen Rosenkranz und die Medaille tragen, werden von mir besonders beschützt und verschont, ja, sie und ihre Familien!
Durch mehr Intensität, mehr Vertrauen und mehr Innigkeit in diesem Gebet werden viele Gnaden über Europa kommen. Betet also auch oft das` Gebet `Ave Maria, Kaiserin ́, um mei-
nen Schutz über euch und über den Kontinent zu erlangen…“ 
 
Auch jenes entlarvende Merkmal falschmystischer „Offenbarungen“ fehlt somit nicht, wonach die Verehrer einer bestimmten Andacht vom Himmel in den schrecklichen Zeiten ganz besonders beschützt und vor Unbill bewahrt werden – und ihre Familien noch dazu. Herz, was willst du mehr?!

Es handelt sich dabei um ein anziehendes Psycho-Spiel mit „Zuckerbrot und Peitsche“, das sich in verschiedenen Formen durch die meisten „Privatoffenbarungen“ zieht.

Zur Anrufung Mariens als „Kaiserin“ wird außerdem folgende Botschaft „Jesu“ zitiert:
„Dieses Gebet ist wie ein goldener Schlüssel, der mein und meiner Mutter Herz öffnet und von dort aus die Strahlen meiner Gnade und Ihrer Vermittlung zu euch frei kommen lässt. Je
öfter und je mehr dieses Gebet gebetet wird, um so mehr wird die Finsternis von Europa weichen! Denn Aachen ist und bleibt der geistige Punkt, von wo aus ich die Welt in Mir erneuern werde. Und das durch meine Mutter, der Hilfe der ganzen Christenheit, ja der himmlischen Kaiserin über die ganze Welt!“

Nun wird also nicht „nur“ eine neue Marienanrufung eingeführt, ein erweiterter Sonder-Rosenkranz angeboten, eine Extra-Medaille angepriesen, sondern auch ein neuer Gnadenort ausgerufen, nämlich Aachen.

Nicht etwa Rom oder Jerusalem sind der „geistige Punkt“, von dem aus Christus die Welt erneuert, sondern Aachen – immer mal was Neues für die neugierig-erscheinungsbewegte Szene.

Abgesehen davon, daß das Neue Testament vor der Wiederkunft Christi keine „erneuerte“ Welt ankündigt (sondern mit dem Glaubensabfall das genaue Gegenteil), ist Maria keine „himmlische Kaiserin über die ganze Welt“, zumal wir bedenken wollen, daß Satan in der Hl. Schrift als der „Fürst dieser Welt“ bezeichnet wird. Welchen theologischen Sinn ergibt dann eine Anrufung Mariens als Welt-Kaiserin? 

Überdies feiern wir bekanntlich in der Kirche das Christkönigs-Fest, denn Christus hat vor Pilatus erklärt: „Ja, ich bin ein König“ – wenngleich sein Reich eben gerade „nicht von dieser Welt“ ist.  Auch die Inschrift INRI am Kreuz bedeutet auf deutsch: Jesus von Nazareth, König der Juden.

Wenn nun Christus, unser aller göttlicher Erlöser, ein König ist, dann kann die Madonna keine Kaiserin sein, sonst stände das Geschöpf über dem Schöpfer und die Erlöste über dem Erlöser. Der Titel Kaiser übertrifft nun einmal den Titel König – und da Christus nirgends in der Liturgie oder kirchlichen Texten als Kaiser bezeichnet wird, kann Maria erst recht keine Kaiserin sein.

 


8 Kommentare on “Visionäre Verehrung Mariens als „Kaiserin“?”

  1. Hanna Eichhorn sagt:

    Aus Matthäus Kapitel 11, Vers 25
    Vater, ich danke dir, dass du das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber geoffenbart hast.

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  2. Annette Wollkopf sagt:

    Sehr geehrte Frau Küble,
    Darf ich Sie darauf hinweisen, dass das Gebet:“Ave Maria. Kaiserin“ von zwei Bischöfen appdobiert wurde?
    Was sollte den Himmel daran hindern können, seine Gnadenschätze auch in unseren Zeiten anzubieten und Verheißungen für die Gläubigen auszusprechen?
    Europa kann doch im Moment tatsächlich jede himmlische Unterstützung brauchen!
    Wieso sollten wir das Angebot der Muttergottes ablehnen, nur weil wir zu kopflastig, misstrauisch und aufgeklärt sind, um die Rettungsleine des Himmels zu ergreifen!

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  3. Melani sagt:

    Viele Titel unserer Himmelsmutter aufgezählt auch bei:

    https://www.wiwi.uni-siegen.de/merk/stilling/downloads/nachtod_theo_jst/maria_mutter.pdf
    .
    Man kann sich das kostenlos, anonym und sicher downloaden.

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  4. Man fragt sich halt schon, warum derselbe, der seine Apostel und deren Nachfolger über den gesamten Erdkreis schickte und dazu verdonnerte, öffentlich für alle hörbar (und damit durchaus gefährlich) das Evangelium zu verkünden sowie jedem, aber auch wirklich jedem versprengten Schaf – auch und gerade unter dem Einsatz des eigenen Lebens- nachzugehen, jetzt verborgen (die meisten Menschen werden diese Sonderform wohl nicht kennen) nur wenigen eine „schnelle Abkürzung“ in sein Herz offeriert. Statt des mühsamen, langen Weges, Christus ähnlicher zu werden, sein Ego zurückzustellen etc. scheint nun (egal in welchem inneren Zustand) schon das Rezitieren eines Gebetes zu reichen? Erfreulicherweise mit gleichsam verbriefter Immunität („von mir besonders beschützt und verschont“) und Wirkung („Je öfter und je mehr dieses Gebet gebetet wird, um so mehr wird die Finsternis von Europa weichen!“). „Verschont“ auch von verdienter Strafe, nicht aus göttlicher Barmherzigkeit, sondern wegen emsigen Fleißes beim Rezitieren dieses Gebetes?
    Paßt alles irgendwie nicht zusammen.

    Auch das „magische Drumherum“ befremdet bei diesen neuen Rosenkränzen, etwa beim „Barmherzigkeitsrosenkranz“ die Beachtung der genauen Uhrzeit (15:00 Uhr, Sterbestunde Christi), dann stünde „das Tor zum Herrn“ sperrangelweit offen. Der „Kaiserin-Rosenkranz“ zielt wohl nicht zufällig auf die geistige Verfassung des zeitgenössischen Menschen: Absolviere eine präzise begrenzte Rezitation als „Leistung“, dann hast du einen „Anspruch“ auf Lieferung in Form von Schutz („um meinen Schutz über euch und über den Kontinent zu erlangen…“).
    Katholisch erscheint mir das nicht…

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  5. Lisje Türelüre aus der Klappergasse sagt:

    Allerdings….es gibt ein „aber“ anzufügen. So ganz ohne Tradition kommt die Sache nicht daher.
    Im „Oremus“, dem Gebet- und Gesangbuch für das Bistum Aachen aus dem Jahr 1955 gibt es folgendes Lied:
    1. Ave Maria Kaiserin, du bist zu Aachen ein Helferin; zu dir wallt froh manch fremder Gast: Gnad dem, den du geführet hast!
    2.Ave Maria Kaiserin, sei unsrer Stadt Beschützerin; des großen Kaisers heilig Pfand bewahr in unsres Bischofs Hand.
    3.Ave Maria Kaiserin, sei du wie je auch fürderhin dem deutschen Volk die Liebe Frau, auf daß es stetig dir vertrau.
    4. Ave Maria, Kaiserin, beschirm mit gütig holdem Sinn die schwer bedrängte Christenheit in ihrem heilgen Gottesstreit.
    Zum Text heißt es: Nach einer Vorlage aus dem 15.Jahrhundert.

    Der Titel „Kaiserin“ bezieht sich wahrscheinlich in Bezug auf Kaiser Karl.

    Gefällt 1 Person

    • Guten Tag,
      es geht nicht um ein Kirchenlied von tausenden, sondern um einen amtlichen Titel, den es als „Kaiserin“ von Maria nicht gibt: kein Konzil erwähnte je diese Bezeichnung, in der Lauretanischen Litanei (die ja wahrlich sehr ausführlich ist) nichts davon, keine Papst-Enzyklika verwendet den Titel und-so-weiter.
      Unter „Tradition“ versteht man eine lehramtliche Überlieferung, nicht nur ein lokales Brauchtum. Zudem schreiben Sie ja selber, daß der Bezug auf Kaiser Karl der Große auffällig ist. Kaiserin ist hier im Sinne von Schutzpatronin der Stadt Aachen und als Fürsprecherin der Christen gemeint.
      Mit der verstiegenen Kaiserin-Mystik, wie sie aus den zitierten anonymen „Botschaften“ hervorgeht, hat das Schutzpatronin-Lied nichts zu tun.
      Freundlichen Gruß!
      Felizitas Küble

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  6. Holger Jahndel sagt:

    Meines Wissens nach gibt es für Maria in der Tat den Titel „Sternenkönigin“ in katholischen Kirchenliedern. Siehe auch viele Marien-Erscheinungen nach dem Vorbild der Sonnenfrau in der Johannes-Offenbarung bzw. Johannes-Apokalypse im Neuen Testament, bis hin zum Detail der Sterne und des blauen Mantels. Zu prüfen wäre, welche Titel in der Bibel der Sophia als personifizierter Weisheit Gottes im Alten Testament der Bibel gegeben werden (siehe auch mystische theologische „Sophiologie“ der russisch-orthodoxen Kirche Russlands), als deren Abbild und Abglanz Maria verstanden werden könnte – bzw. als Abbild und Abglanz auch der Sonnenfrau im Neuen Testament – und somit als Abbild und Abglanz des „Geistes der Weisheit und Offenbarung“ im Neuen Testament bzw. als Abbild und Abglanz des Heiligen Geistes als Geist Gottes. Maria ist „die neue Eva“ laut der Prophezeiung des Alten Testamentes, so wie Jesus Christus „der neue Adam“ und Menschenhsohn und Anthropos und Messias war und ist.
    Von Jesus Christus wurde Maria am Kreuz nach damaligem jüdischen Recht bzw. mit den entsprechenden damals dafür gebräuchlichen Worten der entsprechenden jüdischen Formel zur Adoptiv-Mutter des Apostels Johannes gemacht. Des Lieblingsjüngers Jesu, der diesen am meisten liebte, und den dieser deswegen widerum auch am meisten zurücklieben konnte.

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